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Ausgabe:

1884

Spalte:

197-199

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pijper, F.

Titel/Untertitel:

Jan Utenhove 1884

Rezensent:

Paul, ....

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Thcologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 8.

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Collationen zu controliren, fo würde er gemerkt haben,
dafs das fragliche Buch nicht exifürt. Gemeint ift
Riemann, Studien u. f. w., und in diefem Buche findet
fich nicht nur das Stück 857—859 (Beilage 2 t), fondern
auch zwei andere im cod. Ups. befindliche, von Holder
edirte Stücke der Abhandlung de nmsica (Beilage 2 b und
5), und Riemann's Text ruht auf forgfältiger Benutzung
der Leipziger Handfchrift.

Immerhin aber ift es nur ein fehr kleines Theilchen
des von F. veröffentlichten Textes, an dem ich Unge-
nauigkeit conftatiren konnte und deshalb mufste. Man
wird gern annehmen, dafs bei anderen Handfchriften
gleiche Beobachtungen nicht werden gemacht werden
können. Doch darf ich nicht verfchweigen, dafs eine
Controle des Piper'fchen Apparates, wie fie bei dem
erften Cap. der Kategorien zufällig möglich ift, da
Hattcmer hier unter feinem Texte (St. Gall. 818, bei Piper
B) die Lesarten des zweiten von P. benutzten codex (St.
Gall. 825, bei P. A) probeweife (cf. Hattemer III, 613)
mittheilt, den Glauben an die Akribie der P.'fchen
Angaben auch hier mir erfchüttert hat. An mindeftens 5
Stellen lieft in dem nur eine Seite füllenden Cap. cod.

Zuerft ging er deshalb nach Cambridge, dann nach Canter-
bury und zuletzt nach London, wo er eine neue grofse, noch
heute beftehende holländifch-wallonifche FTüchtlingsge-
meinde ftiftete mit 4 Predigern. Eduard VI. gab ihr Privilegien
, grofse Freiheiten, eine Kirche und Pfarrhäufer
und Corporationsrechte 1551. An der Spitze des Ganzen
ftand a Lasco als Superintendent und Utenhove.

An und in diefer Gemeinde arbeitete Utenhove fehr
eifrig durch Wort und Schrift, verfafste liturgifche Bücher
aller Art und erwarb fichhohe Verdienfte. Gleichen Einflufs
übte er auf die Reformationsbewegung im übrigen England
, zu der er durch Calvin, Bullinger etc. den König
noch günftiger ftimmen liefs. Der Tod Eduard's VI. und
die Thronbefteigung der katholifchen Maria gebot der
Reformation Einhalt. Die Niederländer muffen flüchten.
In Dänemark finden fic wegen ihrer Abweichungen von
der lutherifchen Abendmahlslehre keinen Aufenthalt,
fondern werden von Chriftian III. vertrieben und mufs-
ten mitten im Winter über Lübeck, Roflock, Wismar,
Hamburg nach Deutfchland zurück, wo fie von der
Gräfin Anna von Oldenburg aufgenommen wurden und
fich in Emden niederlaffen durften. Während diefer Zeit

A nach Hattemer's Angaben anders, als P. es verzeichnet, i ging Utenhove an eine Bibelüberfetzung auf Grund des
Es handelt fich in 4 dtefer Fälle freilich nur um Accente, : neuteft. Textes von Robert Stephanus und der Vulgata,
einmal aber auch um die Lesart libelds oder lebclös, und fowie Luthers, ,gedruckt zu Emden' 1556. Der Hcrbft
offenbar ift hier P. gegen H. im Unrecht, wenn er j führte ihn mit a Lasco zur Durchführung der Reforma-
(I, p. CX Z. 20) dem cod. A die erftere Lesart zufchreibt. ; tion nach Polen über Wittenberg, Breslau, Krakau. Dort
Nur ungern habe ich, da der Herausgeber nicht fand man den Adel günftig, den König unzugänglich,
unter den Theologen, fondern unter den Germaniften j Ihre Bemühungen ftiefsen bei den verfchiedenen Rich-
feine Fachgenoffen hat, es ausgefprochen, dafs die vor- j tungen auf Widerftand; dazu kamen geheime Aufwieliegende
Ausgabe mir unvollkommen erfchienen fei. Ein gelungen; doch fetzten fie auf Synoden Vieles durch

Fachmann würde denfelben Eindruck vielleicht in ver-
ftärktem Mafse haben, aber ein Fachmann würde für
diefe, praktifchem Bedürfnifs gewifs entgegenkommende
Ausgabe eines der älteften deutfehen Schriftfteller auch
dankbarer fein, als es uns Theologen in diefem Falle

In diefer Zeit verheirathete fich Utenhove und fchrieb
feine Narratio über die Schickfale der Niederländifchen
Flüchtlinge, gewiffermafsen eine Vertheidigung derfelben
gegen WeftphaPs heftige Angriffe auf Grund früherer
Aufzeichnungen. Da die Reformationsbewegung in Polen

möglich ift. Wer weifs, wann und ob die dogmenge- 1 allzu langfam vor fich ging, a Lasco immer kränkelte,
fchichtliche Forfchung einmal dahin kommt, an Schriften, Maria Tudor in England ftarb, die proteftantifche Elifa-
wie Notker's deutfehe Schriften es find, es zu verfolgen, in- , beth folgte, fo ging Utenhove wiederum nach London,

wieweit damals biblifche Gedanken und kirchliche Dog-
matik eingedrungen gewefen find in deutfehes Denken.
Namentlich die Ueberfetzung des symbolum Quicunque
ift in diefer Hinficht nicht unintereffant.

Leipzig. F. L o o fs.

Pijper, F., Jan Utenhove. Zijn leven en zijne werken. Aca-
demisch proefschrift. Leiden, Adriani, 1883. (XVI
256 u. Beilagen XLIV S. gr. 8.)

Vor uns liegt zur Befprechung eine von den hollän-
difchen, bis ins Minutiöfefte forgfältig ausgearbeiteten
theologifchen Promotionsfchriften: Pijpers's Monographie
über das vielbewegte Leben des Genter Edelmannes
Jan Utenhove, eines Zeitgenoffen der Reformation, deren
mächtiger Förderer er war. In feiner Jugend mufste er
der antikatholifchen Beftrebungen feiner Familie wegen

aus Flandern an den Rhein flüchten, wo er fich mit ' ftarb der befcheidene, glaubensmuthige, raftlos fchaffende

machte fich um die Flüchtlingsgemeinde dafelbft wiederholt
verdient und trat gewiffermafsen an deren Spitze.
Sie hatte aber auch eines ftarken Schutzes nöthig; denn
es brachen nun viele Kämpfe und durch die Wiedertäufer
herbeigeführte Glaubensfpaltungen aus, in die fogar der
Prediger Heemftede verftrickt war, der dann abgefetzt werden
mufste. Nebenbei beforgte Utenhove ein neues Gefangbuch
für die Gemeinde durch Pfalmenreimung, das
er fortwährend ergänzte, und half andere Gemeinden
gründen in Sendwich, Colchefter, Norwich, deren Glieder
allenthalben durch ihre Induftriethätigkeit die Städte in
Flor brachten und wohlgelitten waren. Aber auch um
die äufseren Verhältnifse diefer Flüchtlinge machte fich
Utenhove verdient, ja er wurde fogar zu Staatsactionen
feitens Englands herangezogen und zur Vermittelung
eines Handelsvertrags zwifchen England und den Niederlanden
benutzt. Nach reich gefegneter Lebensthätigkeit

andern Flüchtlingen in Aken und Köln aufhielt. Von ) Mann im Herbft 1565 mit Hinterlaffung einer Wittwe
da wanderte er nach Strafsburg, wo er in Verkehr trat 1 (Anna de Grutere) und 2 Kindern. Dies der äufsere Rah-
mit Bucer, Martyr und Fagius, und wiffenfehaftlichen men eines auf Grund der englifchen, niederländifchen,
Studien fich widmete. Die ftrenge Anwendung des In- fchweizerifchen Quellen fleifsig und gut gezeichneten
terim führte ihn nach England, wo er in Canterbury Lebensbildes eines Mannes, der um feines Glaubens
eine Wallonengemeinde fammelte. willen 21 Jahre in der Fremde leben mufste und der

Dahin hatte Cranmer zur Durchführung der Rcfor- Verbreitung diefes Glaubens feine ganze Lebenskraft,
mation ausländifche Gelehrte berufen: a Lasco, Utenhove, | feine Zeit und fein Vermögen widmete. Wir können in

Martyr, Joh. ab Ulmis. Bald führte ihn feine Gefundheit
in die Bäder nach Strafsburg zurück, bei welcher Gele-

ihm nur einen tüchtigen Beitrag zu einer Reformations-
gefchichte Hollands begrüfsen.

genheit er die Schweiz befuchte und Beziehungen zu Der eigentlichen Arbeit folgen mehrere Beilagen,

Bullinger in Zürich, Calvin in Genf und zu Oporinus in | von denen die erfte eine Auswahl von 34 Briefen von

Bafel anknüpfte und Laelius Socinus'kennen lernte. Ueber
Strafsburg kehrte er alsdann durch Frankreich nach England
zurück, begleitet von Bucer und F"agius Frauen,
die er nach Cambridge zu ihren Männern bringen follte.

und an Utenhove aus den Jahren 1545—65 giebt und
uns die reichen Beziehungen Utenhove's zu den geiftio-en
Gröfsen feiner Zeit kennen lehrt und gewiffermafsen fein
Lebensbild wiederfpiegelt.