Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1884 Nr. 8

Spalte:

194-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Piper, Paul (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Schriften Notker’s und seiner Schule. 3 Bde 1884

Rezensent:

Loofs, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

193

Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 8.

194

ausgegeben (die beiden Fauftus von Reji ange- I
hörigen Homilien über das Symbol und Nicator's
von Aquileja Auslegung des Symbols).
Von diefen Stücken werden die beiden erften das
Intereffe befonders auf fich ziehen. Caspari hat i. J.
1876 auf der Bibliothek zu Schlettftadt eine lateinifche
Ueberfetzung Rufin's der 5 Dialoge des Pfeudoorigenes
gegen die Gnoftiker entdeckt, von der man bisher überhaupt
nichts gewufst hat. 2) Eingeleitet ift diefelbe durch
ein Vor wort Rufin's, welches zeigt, dafs er, wie die Ver-
faffer d er Philocalia und Anaftafius Sina'ita (anders Theo-
doret) die Schrift für origeniftifeh gehalten und feine I
Ueberfetzung z. Z. des brennenden Kampfes mit Hieronymus
angefertigt hat. Er wollte darthun, wie kräftig und
gut katholifch der gefchmähte Origenes die Kirchenlehre
gegen die Gnoftiker vertheidigt hat. Seine Ueberfetzung
ilt wefentlich treu; denn dafs er den Marcioniten Mege-
thius auch einen Manichäer nennt, erklärt fich daraus,
dafs zu der Zeit, als er fchrieb, im Abendlande die
Marcioniten kaum mehr bekannt waren (f. die Zeugnifse
des Optatus, Ambrofius. Ambrofiafter), während die
Manichäer einen grofsen Theil der marcionitifchen Lehren
und Schriftauslegungen übernommen hatten. Dogmatifche
Correcturen an der Schrift anzubringen hatte aber Rufin
diesmal keine Veranlaflung, da fich der unbekannte Verfaffer,
der eine treffliche dialektifchc und theologifche Schulung
verräth, kirchlich correct ausgedrückt hatte. Dagegen er-
giebt fich nun, dafs jder griechifche Text, wie er uns in einigen
Handfchriften erhalten, an einigen Stellen in Unordnung
gerathen ift — fo ilt vor allem eine grofse Partie des
2. Dialogs in den 5. gerathen —, ferner aber, dafs der-
felbe an wenigen, aber an fehr entfeheidenden Stellen
eine Bearbeitung erfahren hat. I, 21 nämlich zeigt uns
Rufin's Ueberfetzung, dafs die Dialoge noch aus der
Zeit der Verfolgungen, refp. fpäteftens aus der früheften
Zeit ConMantiffs Mammen, während in dem jetzt vorlieg-
genden griechifchen Text diefer Paffus fo geMaltet ift,
dafs das ChriMenthum der Kaifer vorausgefetzt iM.
Ferner finden fich in der Schlufsrede des Eutropius V,
28 bei Rufin die Worte noch nicht: ev dyitf xal hfionv-
tfiio coucÖL und nunni'aing yttp y.ai. ctyiooiocng 1) tiay.ctpi'a
roiccg. Mufste man alfo nach dem bisher bekannten
Text annehmen, dafs diefe Dialoge, wie fie vorlagen, nicht
vor dem letzten Viertel des 4. Jahrh.'s entManden find,
was freilich mit ihrer Benutzung in der Philocalia nicht
Mimmte, fo find diefelben nun um mindeMens zwei bis
drei Menfchenalter hinaufzufetzen. Die Bekämpfung des j
Bardefanes zeigt, dafs fie nach Klcinafien oder Syrien
gehören; feit der Mitte des 4. Jahrh.'s bekämpfte man
dort die Trias, Bardefanes, Marcion, Mani; den letzteren j
kennen aber die Dialoge noch nicht. Von Lucian oder |
aus feiner Schule können fie nicht Mammen. Für die j
Gefchichte der marcionitifchen Kirchen find die Dialoge |
eineQuelleerltenRangeswir erfahren nur hiervonmarei- j
onitifchen Bifchofsreihen, erhalten eine Sammlung marcioni- I
tifcher Antithefen und Stücke aus dem Kanon Marcion's,
werden über die Differenzen im Schofsc dermarcionitifchen
Gemeinden belehrt, u. f. w. ') Der Werth der Quelle Meigt
aber bedeutend, wenn wir fie auf + 300 datiren dürfen.

2) IndelTen linde ich doch eine Spur der Bekanntfchaft mit den-
felben. Joh. Rud. Wetftein nämlich, der i. J. 1673 die editio prineeps
des griechifchen Textes veranftaltet hat, fchreiht in der Praefatio p. 14
(f. auch /. 28): ,Abbas Trithtmius in Script. Eccl. p. 196 in/er Optra |
Oi igenis reecnset aitque st Latine versos vidisst Origenis libros quinque i
adversum haerelicos, quorum initium: Adamantius dixit: Qui etc.'
Eine gedruckte Ueberfetzung gab es damals noch nicht. Es ift fomit fehr
wahrfcheinlich, dafs Trithemius die Rufin'fche, vielleicht eben in der
Schlettftadter Handfchrift, eingefehen hat.

3) Auch bringt die Schrift nach Origenes die älteften ficheren Ci-
tate aus dem 2. Petrusbrief.

4) Ueber üroferius, der eine gefchichtliche Perfönlichkeit gewefen
ift, f. Macar. Magn. IV, 15 /. 184, 15 und Zahn, Ztfchr. f. Kg. II S.
457. Er bezeichnet den Adamantius als xbv vldv tiov, nahm alfo als
Oreis an der Unterredung Theil. — Der Verf. der Dialoge ift übrigens
vielleicht im Kreife des Methodius zu fuchen. 1

Ich habe den erMen Dialog in der Ueberfetzung Rufin's
genau mit dem griechifchen Texte verglichen. Für die
Gefchichte, fpecicll die Dogmengefchichte, find die zahlreichen
kleinen Differenzen und Lücken in G mit Ausnahme
einer Stelle nicht belangreich. Wiederum aber
iM die betroffene Stelle eine befonders werthvolle. ErM
in Ii erhält man einen lesbaren Text der koMbaren
Auseinanderfetzung des Adamantius über die Erlöfungs-
lehre und den wahren Sinn des Gedankens, dafs ChriMus
die Gläubigen losgekauft habe (I, 27). G bietet hier
einen verkürzten, fehlerhaften Text. Hoffentlich wird
Caspari felbM, der fich bisher wefentlich auf textkritifche
Anmerkungen befchränkt hat, bald eine Abhandlung zur
Erläuterung feines Fundes nachfolgen laffen.

Die Allercatio Hcracliani CUM Germinio hat C. in
zwei füddeutfehen Handfchriften 1874 und 1878 entdeckt.
Sic iM nach C. kein fingirter Tendenzdialog noch eine
dialogifirte Märtyrerlegende, fondern eine einfache Relation
einer hiMorifchen Begebenheit, bcMimmt für
nieänifche Glaubensgenoffen und von einem Laien ver-
fafst, aus dem Anfang der Regierung des Valens. Der
Laie iM orthodox, der Bifchof arianifch. Ich möchte
mein Urtheil über diefe Altcrcatio zurückhalten, bemerke
aber, dafs fie allerdings nach Form und Inhalt einzigartig
iM.—Alle Stückein diefer Sammlung find mit der höchMen
Sorgfalt und bekannter Gclchrfamkeit herausgegeben.
Das braucht nicht erM befonders hervorgehoben zu
werden; aber in den Anmerkungen zum 7. Stück z. B.
wird Caspari felbM die überrafchen, welche der Meinung
waren, fie hätten einen Begriff von dem immenfen Wiffen
diefes Gelehrten. Er iM der Einzige unter uns, der
Proben — und welche — dafür abgelegt hat, dafs er
die kirchliche abendländifche Literatur des 5.—9. Jahrhunderts
wirklich beherrfcht.

Giefsen. Adolf Harnack.

Schriften Notker's und seiner Schule. Hersg. von P. Piper.
3 Bde. [Germanifcher Bücherfchatz, hrsg. von A. Holder,
8—10. Bd.] Freiburg i. Br., Mohr, 1882—84. (CXCI1I,
868; L, 644 u. L, 415 S. 8.) M. 39. —

Vier mehr oder minder bedeutende Träger des
Namens Notker treten bekanntlich in St. Gallens Gefchichte
hervor: Notker Balbulus, ,qui scqttentias coinposait'
(j-912), Notker PhystCUS oder Mediais, auch Piperis gratium
genannt, den die Nachwelt kennt, weil feine Zeitgenoffen
ihn bewunderten (f 975), Notker Leodiensis episcopits, der
als Bifchof von Lüttich fich einen Namen erworben hat,
vordem aber PropM von St. Gallen gewefen iM (f 1008),
und Notker Lctbeo, der deutfehe Notker, der bedeutendMe
aller Lehrer der St. Galler KloMerfchule (f 1022).

Des letzteren Werke — echte und bezweifelte —
find es, die in neuer Ausgabe hier vorliegen. Den um-
faffenderen Titel hat der Herausgeber gewählt, weil er
den PTagen nach der Echtheit einzelner Schriften nicht
näher getreten iM, vielmehr alles mittheilen wollte, was
irgendwie auf Notkers Schule fich zurückführen läfst.
Es find demnach hier nicht nur die fchon von Hattemer
(Denkmahle des Mittelalters II und III 1844—, 1849) ver-
öffentlichtenSchriften dargeboten, fondern im dritten Bande
iM auch die von Hattemer (II, S. 21 f.) befprochene Wiener
Handfchrift abgedruckt, die eine jüngere Bearbeitung
der Notkerfchen Pfalmenüberfetzung enthält. Aufserdem
find in den Anhängen des erMen und dritten Bandes
und namentlich in den Prolegomenen noch manche
kleinere und gröfsere deutfehe und lateinifche Stücke
zum Abdruck gekommen, die mit mehr oder weniger
Rechtin einen Zufammenhangmit Notker gebracht werden
können. Oft giebt den Rechtstitel nur die gemeinfame
Ueberlieferung in einer Handfchrift, ja III, Einl. p. IV
— XXVI werden nur ,zur Vergleichung' mit der Beicht-
und Glaubensformel des genannten Wiener Codex ver-

**