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Ausgabe:

1884 Nr. 8

Spalte:

192-194

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Caspari, C.P.

Titel/Untertitel:

Kirchenhistorische Anecdota, nebst neuen Ausgaben patristischer und kirchlich mittelalterlicher Schriften 1884

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 8.

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ihrer Entwicklung. Vielleicht vermag der Verf. einen
talentvollen Schüler für eine folche Arbeit zu ermuntern;
fie würde die Brauchbarkeit des Werkes erhöhen. Dem
Verf. felbft kann man die Anfertigung eines folchen Ex-
cerptes nicht zumuthen.

Ein paar Bemerkungen mögen zum Schlufs geftattet
fein. Bei den Traditionen über Philippus — die Philip-
pusacten find die intereffanteften und wohl auch die
alterten der in diefem Bande befprochenen — wäre vielleicht
zu erwähnen gewefen (S. 2), dafs nach Sozom.
VII, 27 die Töchter des Philippus in Hierapolis einen
Todten erweckt haben. Ift das Confufion auf Grund
deffen, was Eufebius nach Papias berichtet hat, oder
liegt hier Benutzung des Werkes des Papias vor?*) Ferner
wäre über Mariamne (S. 17), die als Schwerter des Philippus
vorgeftellt ift, noch Manches zu fagen gewefen. Sehe
ich recht, fo hat es eine kleinafiatifche und. eine ägyp-
tifche — ebenfalls gnortifche — Ueberlieferung über
Mariamne gegeben. Die letztere, in welcher Mariamne
gleich Maria, der Schwerter der Martha, ift, ift uns durch
Celfus (Orig. c. Geis. ¥,62), Hippol. Philos. V, 7 (Naaffener;
der Verf. hat übrigens felbft S. 240 diefe Stelle ver-
werthet) und die ,Piftis Sophia' bezeugt. Auf fie fcheint
auch jene merkwürdige Kirchenordnung zu blicken, welche
Hilgenfeld mit den ,Duae viae* Rufin's identificiren
wollte und die fich jetzt als eine Bearbeitung der Jiday/j
enthüllt hat. Ob zwifchen der kleinafiatifchen und der
ägyptifchen Mariamne-Legende ein Zufammenhang be-
fteht, wäre noch, namentlich auf Grund der .Piftis Sophia
', zu unterfuchen. Man darf wohl vermuthen, dafs
der Verf. abfichtlich diefe Stoffe bei Seite gelaffen hat;
denn fie hätten ihn genöthigt, fich mit den Jüngerinnen-
Legenden (Salome, Maria, Martha, Magdalena u. f. w.)
zu befaffen; diefe aber würden einerfeits zu den Legenden
der Jungfrau Maria, andererfeits zu den Helena-
Legenden übergeleitet haben, und wo wäre da ein Ende
abzufehen gewefen! — Sehr ausführlich hat der Verf.
S. 178—200 die cdeffenifche Abgarfage befprochen und
die Ergebnifse feiner früheren Unterfuchungen gegen die
Bemerkungen von Zahn (Tatian's Diateffaron S. 350 f.)
erhärtet. Die tüchtige Monographie von Matth es (Die
edeffenifche Abgarfage 1882) ift dabei gebührend vom
Verf. berückfichtigt worden. — Das Cäpite! über die
Barnabas-Acten und -Legenden verdient eine befondere
Berückfichtigung (S. 270—320), weil die Sagenbildung
hier von grofsen kirchenpolitifchen Tendenzen beftimmt
gewefen ift. Ich freue mich, dafs die ausführlichen Unterfuchungen
des Verf.'s die Andeutungen beftätigen,
welche ich in diefer Zeitung 1876 Nr. 19 gegeben habe.
Ueberzeugt hat mich die Beweisführung des Verf.'s, dafs
die üsqioöoi Baqväßa erft am Ende des S.Jahrhunderts
gefchrieben fein können (S. 276—297). Sehr dankens-
werth find die Nachweifungen über die Quellen und über
die Zeit der ,Datiana historia1 (S. 310 f.). — Bei den
Marcuslegenden hätte angeführt werden können, dafs

*) Eigenthümliche Legenden über Philippus, zugleich auch über
andere Apoftel, finden fich in der,Piftis Sophia',jenem koftbaren gnoftifchen
Werke, welches uns in coptifcher Sprache überliefert ift. So heifst es
p. 23 (edid. Schwartze et Petermann): ,Factnm igitur est Jesu ctssante
dicere haec verba, Philippus sedens scripsit verba omnia, quae Jesus
dixit.1 p. 47-' ,El quuin Jesus finisset dicere haec verba, exsiliens
Philippus stetit, deposuit Uttum, qui in sua manu, /sie yap est, qui
scribit res omnes , quas Jesus dixit et quas fecit omnes. Progtessus
igitur Philippus dixit: mi domine, nunc ego solus sum, cui dedisti, ut
geram curam xoo/xov, ut scribam res omnes quas dicemus et quas

Jaciemus?____ pactum igitur est, quum Jesus audisset Philippum, dixit

ei: Audi Philippe, ut loquar tecum, quod tibi et Thomae et Matthaeo
datae sunt scribeudae res omnes, quas dicam et quas faciam .... Pres
lestes sunt Philippus et Thomas et Matthaeust Diefe Legende ift m. W.
auch in gnoftifchen Kreifen fonft nicht nachweisbar. Johannes ift als
Evangelift hier ausgefallen, Philippus und Thomas dagegen eingefchoben
und Philippus fogar an die Spitze geflellt. Die Apoftel- und Jünger-
ltgenden des Piftis Sophia verdienen eine befondere Unterfucbung. Das
Buch birgt auch fonft ganz fmguläre Traditionen, fo (p. 1) die, dafs
Jefus nach der Auferftehung noch 11 Jahre mit feinen Jüngern verkehrt habe.

die Bafilidianer nicht den Marcus, fondern einen gewiffen
Glaukas als den Dolmetfcher Petri bezeichnet haben
(Clem. Strom. VII, 17, 106); vielleicht aber liefsen fie
zwei Dolmetfcher gelten. Nicht unwichtig fcheint mir
die Angabe des arabifchen Synaxariums, dafs Marcus
aus der Pentapolis gebürtig gewefen fei (S. 342). Sollte
diefe Tradition nicht vielleicht auf wirklicher Kunde
beruhen? Das Synaxarium bietet unftreitig in der grofsen
[ Spreu feiner Nachrichten einige gute Körner. — Zu den
Lucaslegenden ift hinzuzufügen, dafs nach Clcm. Ilypotyp.
I. VI {Maximus Confessor, Scltol. ad Dionys, theol. myst.
I p. 17 ed. Corder) Lucas als Verfaffer des Dialogs des
Jafon und Papiscus gegolten hat. — Bei den Timotheus-
acten fetzt fich Lipfius mit Ufener, dem das Verdienft
gebührt, diefe Acten zum erften Mal veröffentlicht und
beurtheilt zu haben, auseinander und erkennt faft durchweg
die Einwürfe, welche Zahn (G. G. A. 1878 St. 4)
gegen Ufener's Hypothefe erhoben hat, als ftichhaltig
an. — S. 413—431 folgen zahlreiche Zufätze zum erften
Bande. Lipfius konnte hier briefliche Mittheilungen von
Dillmann, von Gutfchmid, Nöldeke, Overbeck,
Röfch und Wüftenfeld, fowie einige Bemerkungen der
Recenfenten des 1. Bandes theils unter Zuftimmung,
theils in kritifcher Auseinanderfetzung verwerthen. Auf
die Frage, ob der Umfang der gnoftifchen Ueberrefte
in den Johannes- und Andreasacten von ihm nicht über-
fchätzt worden fei, ift Lipfius (S. 427 f.) eingegangen.

Ref. fchliefst mit dem Wunfche, dafs die Schwierigkeiten
, welche der Veröffentlichung der 1. Abtheilung
des 2. Bandes entgegenftehen, in Kürze gehoben werden
mögen, fowie mit dem Ausdruck des Dankes für die
reiche Belehrung, welche die bisher erfchienenen Theiie
des Werkes ihm gewährt haben.

Giefsen. Adolf Harnack.

Caspari, Prof. Dr. C. P., Kirchenhistorische Anecdota, nebst
neuen Ausgaben patristischer und kirchlich-mittelalterlicher
Schriften. Veröffentlicht und mit Anmerkungen
und Abhandlungen begleitet. I. Lateinifche Schriften
. Die Texte und die Anmerkungen. Univerfitäts-
programm zur Säcularfeier der Geburt Luthers.
Chriftiania, (Afchehoug u. Co.), 1883. (XXVII, 360
S. gr. 8.) M. 5- -
Der Inhalt diefer mit einer kurzen Phnleitung und
vielen gelehrten, namentlich textkritifchen, Anmerkungen
ausgeftatteten Sammlung ift folgender: ')

1) Rufin's lateinifche Ueberfetzung der Origenes beigelegten
fünf Dialoge gegen die Gnoftiker *).

2) Altercatio Hcraclianilaici cum Germinio episc. Sirm. *)
(ein Tractat des 4. Jahrhunderts).

3) Dicta abbatis Pirmiani, de sing. libr. canon. scarapsus
(8. Jahrh., bisher nur von Mabillon edirt).

4) 5) Zwei Reden an Getaufte, von denen ein Theil
zur Beobachtung heidnifcher Gebräuche zurückgekehrt
war*) (frühes Mittelalter).

6) Eine höchft wahrfcheinlich von Cäfarius von Are-
lata herrührende Homilie*).

7) Ein fälfehlich dem Ambrofius beigelegter Auffatz
über den Urfprung der Seele*).

8) Meginhard's von Fulda Schrift de fide, varietate
symboli etc. (zum zweiten Mal herausgegeben).

9) De inpraepositione explanatio*) (IO. oder 11. Jahrh.).
IO) — 15) Auslegungen des Tauffymbolsund Glaubens-

bekenntnifse (saec. VI. fin. — XIII', darunter das
fälfehlich dem Gennadius beigelegte Bckenntnifs,
welches auch Jungmann 1881 edirt hat).
16) — 18) Drei altkirchliche Auslegungen des Taufsymbols
, in verbefferter Geftalt von neuem her-

1) Die Sterne bedeuten, dafs Caspari die betreffende Schrift zum
erften Mal herausgegeben hat.