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Ausgabe:

1884

Spalte:

185-189

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seydel, Rud.

Titel/Untertitel:

Die Buddha-Legende und das Leben Jesu nach den Evangelien 1884

Rezensent:

Oldenberg, Hermann

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
nie 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 8.

19. April 1884.

9. Jahrgang.

Seydel, Die Buddha-Legende und das Leben
Jefu nach den Evangelien (Oldenberg).

Lipfius, Die apokryphen Apoftelgefchichten
und Apoftellegenden. 2. Band. 2. Hälfte
(A. Harnack).

Caspari, Kirchenhiflorifche Anecdota (A. Harnack
).

Schriften Notker's und feiner Schule, hrsg. von

Piper. 3 Bde. (Loofs).
Pijper, Jan Utenhove (Paul).

Heer, Der Religionsbegriff Albrecht Ritfchl's
(Herrmann).

Wirth, Alte Wahrheit für die neue Zeit. Reli-
giöfe Reden und Betrachtungen (Meier).

Seydel, Prof. Rud., Die Buddha-Legende und das Leben Jesu
nach den Evangelien. Erneute Prüfung ihres gegenfeitigen
Verhältnifses. Leipzig, Otto Schulze 1884. (83 S.
gr. 8.) M. 2. —

R. Seydel's imj. 1882 erfchienenes Buch ,Das Evangelium
von Jefu in feinen Verhältnifsen zu Buddhafage
und Buddhalehre' verfuchte es, einen weitgehenden Ein-
flufs der buddhiftifchen Legende auf die neuteftament-
lichen Berichte vom Leben Jefu zu erweifen. Hier läfst
der Verf. einen Nachtrag folgen, welcher einerfeits erhobene
Einwände zu befeitigen beftimmt ift, fodann auf
Grund der in letzter Zeit zugänglich gewordenen Materialien
die alte Beweisführung neu verftärken will. Die
charakteriftifchen Eigenthümlichkeiten, auf welche Ref.
früher in feinen Bemerkungen über jenes erfte Werk
hinwies (f. diefes Blatt, 9. Sept. 1882), begegnen uns auch
hier in gleichem Mafse: das lebhafte Bemühen des Verf.'s,
fich der Literatur des Buddhismus durch eifrige und
umfängliche Benutzung der dem Nicht-Orientaliflen zugänglichen
Quellen zu bemächtigen, aber zugleich die
Abwefenheit des Verftändniffes dafür, welche Fragen auf
Grund derartiger Leetüre fich löfen laffen und welche
nicht, fowie der Mangel jener exegetifchen Einficht und
kritifchen Umficht, ohne welche ein Philolog und doch
eigentlich auch ein Nicht-Philolog es lieber unterlaffen
follte, an Exegefe und Kritik fich zu verfuchen.

Wir befchäftigen uns zunächft mit den von Seydel
neu unternommenen Erörterungen und werfen dann
einen Blick auf feine Vertheidigung gegen die Kritiken
des erften Buches.

! >ie Materialien, mit welchen S. arbeitet, find durch
zwei vor Kurzem erfchienene Publicationen vermehrt
worden (S. 39 ff.;, durch den grofsen und vortrefflichen
Katalog der buddhiftifchen Texte in ihrer chinefifchen
Geflalt von B.Nanjio (Oxford 1883), und durch S. Beal's
Ueberfetzung der Buddhabiographie des Agvaghofha
nach ihrer chinefifchen Verfion, mit einer Einleitung, in
welcher der verdiente Ueberfetzer Mittheilungen über
eine Anzahl der in China erhaltenen Buddhabiographien
macht. Diefe neuen Hülfsmittel fucht S. für die Frage
zu verwerthen, in welchem Stadium ihrer Entwicklung
die Buddhalegende zu der Zeit fich befand, zu welcher
fie ihren behaupteten Einflufs auf die chriftliche Tradition
ausgeübt haben müfste. Hier greift er nun in Probleme

Arbeiten Seydel's hat auch diefer Theil nicht benutzt
werden können, da keine Ueberfetzung vorliegt —, und
fo fcheint es mehr als bedenklich, fchon jetzt das Löfen
von Fragen auf einem Gebiet verfuchen zu wollen, auf
dem es an den hinreichenden Grundlagen fogar für die
richtige Frageftellung noch fehlt. Seydel freilich geht
hier durchaus unbefangen vorwärts und füllt die Lücken
der Erkenntnifs durch Schlüffe oder auch kurzweg durch
Behauptungen, welchen oft felbft der Schein der Triftigkeit
mangelt. Man verfolge z. B. feine Auseinander-
fetzungen über die gemeinfame Quelle, auf welcher nach
feiner Anficht die drei nordbuddhiftifchen Buddhabiographien
Abhinishkramama Sütra, Buddliacarita und Latita
Vistara beruhen. Dafs diefe Texte ,Bearbeitungen eines
älteren Legendenwerkes' find, bezeichnet S. (S. 52) als
ein erlangtes Ergebnifs; fucht man nach der Beweisführung
, durch welche diefes Ergebnifs erlangt fein foll,
wird man überrafcht fein, diefelbe nirgends zu finden,
und nimmt man feinerfeits eine vergleichende Analyfe
der betreffenden Texte vor, wird man fich fchwerlich
der Anficht zuneigen, dafs das Verhältnifs derfelben
überhaupt auch nur feinen Grundzügen nach jenen einfachen
Ausdruck zuläfst. Man wird fich danach kaum
verwundern, wenn Seydel über jene angebliche gemeinfame
Quelle der drei Texte noch mancherlei Näheres
zu fagen weifs, was gleichfalls Punkt für Punkt der ernft-
lichen Begründung entbehrt; fo die Identification jener
Quelle mit einem verlorenen Text, der im J. 67 n. Chr.
ins Chinefifche überfetzt ift (S. 44); fo die Auffaffung,
dafs das betreffende Werk ,im erften vorchriftlichen
Jahrhundert fchon vorhanden gewefen fein wird' (S. 52;.
Das Abfonderlichfte an Verwirrung aber leiftet S., wenn
er diefen feiner Meinung nach gewonnenen Satz, dafs
jene (nach ihm offenbar erfte nordbuddhiftifche) zufam-
menhängende Bearbeitung der Buddhalegende fchon im
erften Jahrh. v. Chr. vorhanden war, wenige Seiten
fpäter (S. 57) in der Form wiederbringt, dafs die zufam-
menhängende Bearbeitung der Legende in Sanskrit in
jenem Jahrhundert erft begann, wenn er alfo den ter-
minus post quem non einfach mit dem terminus ante
quem non verwechfelt. Wann übrigens in der That die
zufammenhängende Bearbeitung der Buddhalegende unter
den nördlichen Buddhiften begonnen hat, und ob diefelbe
zuerft in Sanskrit vorgenommen wurde, hat die
Forfchung bis jetzt kein Mittel gefunden feftzuftellen.

hinein, welche bei dem jetzigen Stande der Forfchungen '' Ich erlaffe es mir, in ähnlicher Weife den übrigen

aufzuwerfen Ref. für weitaus verfrüht hält: in die Fragen
nach der quellenmäfsigen Affiliation der nordbuddhiftifchen
Buddhabiographien unter einander und mit den
füdlichen Texten. Eine Anzahl der Werke, mit welchen
die Unterfuchung hier zu operiren haben würde, kennen

Willkürlichkeiten nachzugehen, von welchen diefe Erörterungen
Seydel's voll find. Was ihm bei denfelben
allen als Ziel vorgefchwebt hat, war dies, zu zeigen, dafs
die Buddhalegende fich früh genug entwickelt hat, um
auf die Tradition der altchriftlichcn Gemeinden einwirken

wir vorläufig nur aus kurzen Inhaltsangaben oder aus 1 zu können. Ref. ift der Letzte, der von diefer chro-
noch fpärlicheren Notizen; der Text des fo hervorragend nologifchen Seite her Bedenken gegen die Möglichwichtigen
Mähävastu ift nur zum Theil edirt — für die j keit derartiger Einflüffe erheben würde; er bezweifelt
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