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Ausgabe:

1883 Nr. 8

Spalte:

177-180

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lass, Ernst

Titel/Untertitel:

Kants Stellung in der Geschichte des Conflicts zwischen Glauben und Wissen 1883

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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'77

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 8.

178

Laas, Ernst, Kants Stellung in der Geschichte des Con- das richtige Verftändnifs der kantifchen Freiheitslehre,
flicts zwischen Glauben und Wissen. Eine Studie. Her Verf. aber ift in das Verftändnifs derfelben fo wenig
Berlin, Weidmann, 1882. (V, 72 S. gr. 8.) M. 2. 40. eingedrungen dafs er die bekannte Stelle (R. IV, 375.

v ' ö I wonach der Gegenftand der Vernunftidee der Freiheit

Das Thema umfafst drei Aufgaben: Die Charakte- i eine Thatfache fei und unter die scibilia gerechnet werden
riftik der gefchichtlichen Bewegung, in welche Kant's muffe, fo auffafst, als meine Kant, dafs ,die Erfahrung
betreffende Lehre . einfetzt; die Darfteilung diefer Lehre 1 durch wirklich fittliche Handlungen Zeugnifs für die Realität
felbft; den Nachweis der Bedeutung, welche Kant's Ge- j der zu Grunde liegenden Freiheit ablege'. Es ift ja fehr
danken für die weitere Gcfchichte des Conflicts zwifcheh ! bequem, fich bei einer folchen Interpretation gegenüber
Glauben und Wiffen gehabt haben. Auf die Erledigung den Lefern Kant's durch die Bemerkung den Rücken zu
der erften Aufgabe hat der Verf. offenbar den geringften decken, man wolle davon abfehen, ob Kant diefe Anficht
Werth gelegt. Anftatt uns feine hiftorifchen Einfichten immer feftgehalten habe (13). Ich brauche nicht zu
mitzuthcilen, hat er es vorgezogen, uns mit einigen feiner fagen, welche Erinnerungen einem Lefer Kant's fofort
Neigungen und Abneigungen bekannt zu machen. Wer bei jenem Mifsverftändnifs auftauchen. Aber fchon aus
follte es dem Verf. übel nehmen, wenn ihm die Lehre j den wenigen Worten, welche der Verf. aus jener Stelle

von der zwiefachen Wahrheit eine widerwärtige Lehre
ift? Aber der Verlauf des Conflicts zwifchen Glauben
und Wiffen wird doch nicht etwa durch die Lehren be

der Kritik der Urtheilskraft mittheilt, ift zu erfehen, dafs
Kant auch hier, die Realität der Freiheit nur für den
Menfchen behauptet, der feine Handlungen der Norm

ftimmt, in welchen die theologifchen oder philofophifchen des Sittengefetzes unterftellen will. Alfo nicht wird geSchulen
das Verhältnifs jener beiden gefchichtlichen fagt, dafs aus der vollzogenen Handlung zurückgefchloffen
Mächte zu formuliren fuchen. Sondern diefe Formeln werden könne auf die Freiheit als auf die Urfache.
lind felbft wiederum abhängig von der Art des in der Sondern dies wird gefagt, dafs der das Sittengefetz anKirche
lebendigen Glaubens und von der Entwicklungs- erkennende Menfch, indem er vor der Aufgabe der Hand-
ftufe der Wiffenfchaft. Es wäre alfo zweckmäfsiger ; lung fleht, die Realität der Freiheit denken mufs und

gewefen, hier darauf hinzuweifen, dafs die Lehre von
der zwiefachen Wahrheit die einzige Form ift, in welcher
der römifch-katholifche Glaube die Anerkennung einer
Wiffenfchaft, die fich ihrer Selbftändigkeit bewufst wird,

deshalb fich mit Kant fagen kann, dafs fich diefe Realität
in wirklichen Handlungen darthun läfst. Der Mifsgriff
des Verf.'s dürfte daraus entfprungen fein, dafs er nicht
hinlänglich bei der Frage verweilt hat, was denn das

vollziehen kann. DieProtefte der Kirche gegen jene Lehre ,Factum' des: Du follft! bei Kant bedeute. Nach der

erklären fich daraus, dafs die römifchen Autoritäten auch Darfteilung des Verf.'s fcheint es, als halte Kant diefes

bei diefem Conflict die Compromiffe von Fall zu Fall j ,Factum' für etwas erfahrungsmäfsig zum Menfchen Ge-

der principiellen Entfcheidung vorziehen. Von der Dar- ; höriges. In Wahrheit meint aber Kant, dasfelbe in dem

ftellung diefer Zufammenhänge hätte der Verf. zu dem
evangelifchen Glauben übergehen müffen, der doch
fchliefslich für die von Kant beeinflufste Culturbewegung

fittlichen Bewufstfein entdeckt zu haben, in welchem wir
nach feiner Meinung ohne Zweifel die höchften wirklich
in Kraft flehenden Normen für den fittlichen Verkehr

allein in Betracht kommt. Denn der Katholicismus ift ! der modernen Gefellfchaft uns vergegenwärtigen. So-
an Kant nur infofern herangetreten, als ihm die in Rationa- bald man nur daran denkt, dafs nach Kant die für eine
Usmua und Pietismus verkommene Theologie feiner Zeit 1 hiftorifche Gröfse geltende oberfte Norm die ratio cognos-
Analogien katholifchen Wefens darbot. Aber von dem i cendi der Freiheit bildet, kann man doch nicht in den
evangelifchen Glauben weifs der Verf. nur zu fagen, dafs Irrthum verfallen, Kant halte die Freiheit für ein Ding,
er einer höheren geiftigen Cultur offenbar günftiger fei ; das man empirifch erkennen könne. Dem Verf. fcheint

als der katholifche. Die Urfachen diefer Erfchcinung
liegen in Luther's bahnbrechenden Gedanken, welche
für das religiöfe und fittliche Leben der modernen Cultur-
völker von derfelben Bedeutung find, wie die koperni-
kanifche Entdeckung für die Naturwiffenfchaft. Denn
durch Luther's tieferes Erfaffen der Offenbarung ift über

es trotzdem möglich zu fein, dafs Kant fo urtheile. Der
einfache Gefichtspunkt, dafs Kant in der Erkenntnifs-
theorie von dem entwickelten Bewufstfein der Wiffenfchaft
und in der Ethik von dem entwickelten fittlichen
Bewufstfein der menfehlichen Gefellfchaft redet, ift für
den Verf. nicht vorhanden. Nach Kant ift das Problem

dem religiöfen Glauben ein Himmel gewölbt worden, ; der Philofophie, das dem Menfchen auf der Höhe feiner
unter welchem die Menfchen in ewigen Dingen leben Gefchichte eignende Bewufstfein zu conrtatiren. Die
und zugleich die endlofen Wege der Wiffenfchaft gehen Thatfachen, an welchen diefes Bewufstfein conftatirt
können. P ur den Verf. ift Luther der Mann von völlig wird, find die die Menfchheit charakterifirenden hiltori-

mittelaltcrlicher bäuerlich derber Glaubenskraft, der
Vernunft und Philofophie gehalst und gefcholten hat.
Andern .milderen melanchthonifchenGeifte' hat der Verf.
gröfscres Gefallen. Und uns läfst er das merkwürdige
Schaufpiel, dafs ein Mann in feiner literarifchen Stellung
fich vermitteln: folcher Plattheiten mit der Reformation
abfindet. Der Verf. redet unbefangen aus den
Vorurtheilen heraus, welche fich zufällig über diefe Dinge
bei ihm gebildet haben. Um aber den Werth der religions-
philofophifchcn Gedanken Kant's zu beftimmen, kommt
es nicht auf die Vorurtheilc von Laas, fondern auf den

fchen Phänomene, die Wiffenfchaft und die fittliche Gefellfchaft
. Das in der Erzeugung diefer Producte begriffene
Bewufstfein wird danach gefragt, welche Begriffe es dabei
anwende und wie es diefelben vor fich felbft rechtfertige
. Es fcheint mir ein fchwerer Schaden der deutfehen
Philofophie zu fein, dafs von den verfchiedenften Standpunkten
aus darauf los philofophirt wird, ohne dafs
man fich mit jener kantifchen Problemftellung auseinanderfetzt
. Durch das blofse Ignoriren derfelben kommen
wir über das Chaos geiftreicher Einfälle, zu welchen die
Naturwiffenfchaft, die Religion und poetifche Ahnungen

Glauben der Kirche an, mit welcher Kant zu thun hatte, über das Welträthfel die Ingredienzien liefern, nicht hin-

Mit mehr Sorgfalt hat der Verf. natürlich die beiden
anderen Aufgaben behandelt. Auch aus feiner Darfteilung
kann erkannt werden, was namentlich aus den
§§ 85—90 der Kritik der Urtheilskraft erhellt, dafs der
religiöfe Glaube für Kant die geiftige Verfaffung bedeutet,
in welcher das menfehliche Individuum das Sittengefetz
ohne Widerfpruch auf fich anzuwenden vermag. Aber
gänzlich mifsverftanden hat der Verf. die Anficht Kant's
über die Art, wie fich unfere Gedanken zum Ueberfinn-
lichen erheben. Bekanntlich handelt es fich dabei um

aus. Der Verf. macht fich aber diefes Ignorirens
hohem Mafsc fchuldig. Er folgt unbefangen dem Vor-
urtheil, die Aufgabe der Philofophie fei die, die Genefis
des Bewufstfeins aus Thatfachen der Erfahrung zu erklären
. Und in Kant fieht er alsdann feinen Gegner,
weil er meint, die kantifche Behauptung a priori geltender
Begriffe fchliefse die Vorftellung aus, dafs fich das
Bewufstfein als empirifches Phänomen entwickelt habe.
Es zeigt fich dies befonders in feinen Auslaffungen über
den Caufalitätsbegriff, wo er Kant gegenüber nachdrück-