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Ausgabe:

1883

Spalte:

172-173

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Unser heiliges Mal. Eine Studie zur Feststellung seiner bedeutung durch Ermittelung der wirklichen Stiftungsgedanken 1883

Rezensent:

Bilfinger, A.

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I7I

Theologifche Literaturzeitung-. 1883. Nr. 8.

172

wird endlich die Gefchichte des Kampfes zwifchen
beiden Parteien weiter verfolgt bis auf die Zeit Jefu
Chrifti. — Zu erwähnen ift noch, dafs in der Einleitung
1) eine gute Ueberficht über die Quellen gegeben wird,
und 2) die Etymologie der Namen Pharifäer und Saddu-
cäer unterfucht wird. Hier wird namentlich fehr eingehend
bewiefen, dafs der Name ,Sadducäer' nur
von dem Eigennamen Zadok abgeleitet werden könne.
Trotzdem und trotz feiner Anficht,. dafs die Sadducäer
die Partei der priefterlichen Ariftokratie lind, lehnt der
Verf., ähnlich wie Kuenen, die Ableitung des Namens
von dem Hohenpriefter Zadok ab, da für diefe Ableitung
die erforderlichen Mittelglieder fehlen. Die Partei
habe vielmehr ihren Namen von einem uns unbekannten
Zadok, un personnage inconnu, niembre influcnt ou chcf
du parti, a une epoque qu'il est impossible de determiner
(p. 59). Man darf diefe Zurückhaltung gegenüber der
Zadokiten-Hypothefe doch wohl als eine zu weitgehende
kritifche Vorficht bezeichnen. Denn angefichts der
Thatfache, dafs bei Ezechiel die jerufalemifche Priefter-
fchaft einfach als pns 133 bezeichnet wird, ift die
Ableitung des Sadducäer-Namens von diefen mindeftens
eine höchft anfprechende und wahrfcheinliche Hypothefe.

Der Schwerpunkt der ganzen Unterfuchung liegt
offenbar in dem Abfchnitt über die Makkabäerzeit: in
der Beurtheilung der makkabäifchen Partei als einer
directen Fortfetzung der helleniftifchen. Dem Verf.
ift es mit diefer paradoxen Thefe voller Ernft; vgl. bef.
p. 167: Judas suivait les traditions langes et independantes
du sacerdoce helleniste; p. 173: Jonathan est un ardent
patriot; ce n'est pas un fanatique de la Loi, car c'est dans
le but politique de retablir l'independance de sa patrie que
nous le voyons agir en Helleniste ou en Sadd?iceen
sincere et serieux; p. 194: l'administration asmoneennc,
depuis Judas Maccabee Jusqu'ä Jean Hyrcan, n'avait fait
que developpcr l'educatwn helleniste a"Israel (.'). Es
liegt in diefer Paradoxie allerdings ein Wahrheitsmoment.
Die Erhaltung des väterlichen Glaubens war in der That
nur in den erften Jahren der makkabäifchen Erhebung
das eigentliche Motiv des Kampfes. Später handelt es
fich vorwiegend um die politifche Unabhängigkeit von
der fyrifchen Herrfchaft. Infofern ift es richtig, den
Makkabäern vorwiegend politifche Ziele zuzufchreiben.
Aber ein feltfamer Sprachgebrauch ift es, fie deshalb
,Helleniften' zu nennen. Unter Helleniften hat man
bisher doch immer nur diejenigen verftanden, welche
die helleniftifche Cultur im Volke Ifrael zu befördern
fuchten. Speciell in der Makkabäerzeit haben die Helleniften
auch den heidnifchen Gottesdienft befördert.
Die Makkabäer haben fich aber gerade gegen diefe
Beftrebungen erhoben. Diefe Thatfache wird in der
Darftellung des Verf.'s gänzlich verwifcht. Aber auch
in der fpäteren Zeit, als die weltliche Richtung in den
Beftrebungen der Makkabäer mehr und mehr hervortrat
, find fie doch keineswegs Helleniften. Namentlich
Simon hat in fehr energifcher Weife nicht den Hellenismus
, fondern den Judaismus befördert. Auch Johannes
Hyrkan ift nach der Darftellung des Jofephus [Antt. XIII,
IO, 5) urfprünglich ein uaaiytfg der Pharifäer gewefen
und hat fich erft fpäter den Sadducäern zugewandt.
Diefe Darfteilung des Jofephus hält nun freilich Montet
für unhiftorifch (S. 207 ff.), indem er zu zeigen fucht,
dafs der ganze Bericht über die Veranlaffung zum Bruch
zwifchen Hyrkan und den Pharifäern an grofsen Un-
wahrfcheinlichkeiten leide. Aber wenn dies auch richtig
ift, indem in der That der Bericht anekdotenhaftes Gepräge
trägt, fo mufs ihm doch wenigftens die allgemeine
Thatfache zu Grunde liegen, dafs Hyrkan urfprünglich
den Pharifäern befreundet war, fpäter aber fich den
Sadducäern zuwandte. Nur auf Grund diefer gefchicht-
lichen Thatfache konnte die, von Jofephus aufgenommene
, anekdotenhafte Erzählung über die Art, wie es
zum Bruche kam, entftehen. Jene Thatfache entfpricht

ja auch ganz dem, was man von Hyrkan als einem
Sohne des gefetzesftrengen Simon zunächft zu erwarten
hat. — Ich kann alfo in der Identificirung der Makkabäer
mit den Sadducäern oder gar mit den Helleniften
nur eine Paradoxie fehen, zu welcher der Verf. durch
den an fich fehr berechtigten Widerfpruch gegen die
frühere Identificirung derfelben mit den Chafidäern verleitet
worden ift. Zum Schlufs aber will ich es nicht
unterlaffen, noch ausdrücklich zu bemerken, dafs feine
Arbeit von ebenfo gründlichen Kenntnifsen, wie felb-
ftändigem Urtheile Zeugnifs giebt.

Giefsen. E. Schürer.

! Unser heiliges Mahl. Eine Studie zur Feftftellung feiner
Bedeutung durch Ermittelung der wirklichen Stiftungsgedanken
. Für die Wahrheitliebenden in allen Kon-
feffionen. Leipzig, Langewiefche, 1882. (VIII, 80 S.
gr. 8.) M. 1. —

Die Lehre vom heiligen Abendmahle hat ein befon-
deres Recht darauf, dafs immer auf's Neue das chriftliche
Nachdenken fich ihr zuwende. Wenn dies feitens eines
Mannes gefchieht, der wie unfer im Uebrigen unbekannter
Verfaffer nicht Berufstheologe ift und zum Studium
diefer Lehre fich lediglich durch inneren Drang
und Liebe zu Chriftus getrieben fühlt (Vorw. VI), fo
kommt demfelben das günftige Vorurtheil entgegen,
dafs er unverwirrt von der Parteien Gunft und 1 Iafs,
unbeläftigt von den Theorien der Schule um fo unbefangener
fich ganz in die heilige Sache felbft vertiefen
werde. Das trifft nun für die gegenwärtige Abhandlung
in unzweifelhafter Weife zu. Verf. hat fich zwar mit der
Gefchichte des Dogma's im Allgemeinen bekannt ge-
j macht (Abfchn. I), unternimmt aber feinen Verfuch einzig
: auf neuteftamentlicher Grundlage. Es ift ihm ganz nur
um die Erklärung der Einfetzungsworte zu thun, deren
Wortlaut er im Anfchlufs an Stier und Tifchendorf zunächft
; feftftellt. Der Sinn derfelben hängt ihm, wie er
mit der vollen Freude des Entdeckers verkündigt, an
der Erkenntnifs, dafs wir's in ihnen mit einer Metapher
zu thun haben, welche Redefigur er im zweiten Abfchnitt
mit aller Ausführlichkeit erörtert. Der Gedanke Jefu ift
ihm dabei, wie in Abfchnitt III. IV. V näher ausgeführt
und insbefondere unter Benützung von Joh. 6 motivirt
wird, im Wefentlichen der: ,Aehnlich wie die Empfangenden
im h. Mahl das im Namen und Auftrag Chrifti
ihnen gereichte Brod und Wein finnlich geniefsen und
diefes darnach in uns zu Fleifch und Blut fich wandelt,
und mit unferem bisherigen Fleifch und Blut, fo weit es
noch uns bleibt, Eins wird: fo follen fie auch den gei-
ftigen Gehalt Jefu (feine Ermahnungen, Lehren, Gefinn-
ung, Liebe, Gotteskindfchaftj in ihr Herz, in ihre ganze
Geiftigkeit aufnehmen und mit diefer, fofern fie nicht
als damit unverträglich ausgefchieden werden mufs, eins
werden laffen'. — Wir wollen dem Verf. das in aller
Bcfcheidenheit in Anfpruch genommene Verdienft (S. 76.
VIII) nicht fchmälern, dafs er die fprachfigürliche Seite
der Sache in neuer und gewiffenhaftefter Weife darge-
; legt und beleuchtet hat. — Aber der Sache nach ift
feine Deutung ja nicht neu. Sehen wir ab von Rückert,
dem gegenüber er (S. VII) fich allerdings auf wefentliche
Differenzen feiner Auffaffung berufen kann, fo hat z. B.
Weizfäcker (Evang. Unterfuchungen S. 557—61) doch
fchon alle Momente, welche der Verf. geltend macht;
insbefondere ift von diefem auch der Charakter des
h. Mahles als einer freien Schöpfung Jefu dem altteft.
Paffah gegenüber hervorgehoben, welchen unfere Schrift
im VI. Abfchnitt ganz richtig betont. Im Uebrigen urtheilt
der Verf. denn doch wohl zu fanguinifch über den
Werth feiner Exegefe, wenn er aus derfelben ableitet
■,eine Abendmahlslehre, vor welcher alle abweichenden
Abendmahlslehren von rechtswegen und nothwendig
zurückzutreten haben', oder wenn er etwas einfchränkend