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Ausgabe:

1883 Nr. 7

Spalte:

157-158

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hagen, Edm. von

Titel/Untertitel:

Kritische Betrachtung der wichtigsten Grundlehren des Christenthums 1883

Rezensent:

Bilfinger, A.

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'57

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 7.

158

unmöglich, einen Gedanken klar zu denken und einen
Gedankenfaden beftimmt feftzuhalten. Nachdem der erfte
Abfchnitt (S. !•—19) etwas wie einen, freilich ganz frag-
mentarifchen Abrifs der Gefchichte der Aufklärung gegeben
, überfchüttet er im 2. Abfchnitt (S. 20 — 116) unter
den Rubriken I. Fortfehritt von der Naturwiffenfchaft
zu einem rein geiftigen Glauben, II. Erweiterung des
geiftigen Glaubens zu einem reinen Tugendglauben, III.
Vollendung des Tugendglaubens zu einem allgemein
menfehlichen Glauben, den Lefer mit einer Fluth von
Lefefrüchten, allerhand Merkwürdigkeiten aus dem Gebiet
der Religions- und Sittengefchichte der Menfchheit.
In verwirrenden Sätzen geht es vor- und rückwärts
über Stock und Stein, in wahrem Zickzack der Gedanken
, von Archimedes zu Alex. v. Humboldt, von
Giordano Bruno und Galilei zur Odyffee und Ilias, von
Vallombrofa nach Indien, vom Himalaya über Cochin-
china zu den Huronen, von der griechifchen Mythologie
zu Tylor und Lichtenberg, von der Auguftana und
Melanchthon's Locis zu Helvetius' de l'esprit und La
Rochefoucauld's maxitnes etreflexions, von den Sulukaffern
zu Sokrates, der ,mit dem Sulu verglichen als ein aufgeklärter
Wilder zu bezeichnen ift' (S. 93). Als unbefangenen
Zeugen für die Richtigkeit unferes chaotifchen
Eindruckes können wir den Verf. felbft anführen, der
es für nöthig erachtet, in einem Anhang (S. 130—134)
den Gedankengang diefes zweiten Theiles' noch extra
zu verdeutlichen. Aber auch diefem Gedankengang'
fehlt Nerv und Klarheit. — Den meiften Einblick in den
dunkeln Drang, aus welchem das Buch geboren ift, gewährt
noch der dritte Abfchnitt (S. 117-129), deffen
Quinteffenz in folgenden Sätzen enthalten ift: ,Nach der
Schwäche der menfehlichen Natur ift nichts Anderes zu
erwarten : es mufs eine natürliche Feindfchaft zwifchen
den Dienern der kirchlichen Ueberlieferung, den Geift-
lichen, und denjenigen Mächten beliehen, denen die
natürliche Religion ihr Dafein und ihr Gedeihen verdankt
, der felbftändigen Wiffenfchaft von den natürlichen
Dingen als der Pflegerin der Naturwahrheit und der
felbftändigen Sittlichkeit. Anders könnte es nur fein,
wenn die Pfleger der kirchlichen Ueberlieferung nur fein
wollten was die Auffcher und Aelteften der alten Chri-
ftengemeinden waren: ehrenvolle Diener eines freien
Volkes, welche der menfehlichen Schwäche in Liebe zu
Hülfe kommen, nicht um diefe Schwäche zu verewigen,
fondern um aus der Schwäche eine Stärke zu machen.
Wir würden diefes von Männern erwarten können, deren
Religionsbegriff auf der Natur beruht und nicht
auf einem Buche' (S. 119 f.j. Indem der Verf. hier
die chriftliche Ueberlieferung zu Gunften einer, übrigens
auch von ihm nicht nachgewiefenen, natürlichen Vernunftreligion
über Bord wirft, beftätigt er, was fchon
feine notizenartige Gefchichtsverwerthung zeigen konnte,
dafs ihm das Verftandnifs der Gefchichte, als eines con-
ftitutiven Momentes für alles Geiftesleben, insbefondere
für das religiöfe Leben, vollftändig abgeht.

Ulm a. D. A. Bilfinger.

Hagen, Edm. v., Kritische Betrachtung der wichtigsten
Grundlehren des Christenthums. Hannover, Schüfsler in
Comm., 1881. (LVI, 120 S. gr. 8.i M. 4. —
Der Verfaffer giebt dem Ausfpruch eines gewiffen
Fr. Nietzfche Recht, wonach man mit dem Chriften-
thum nach dem gegenwärtigen Stande der Erkenntnifs
fleh nicht mehr einlaffen kann, ,ohne fein intellectuelles [
Gewiffen heillos zu befchmutzen und vor fleh und
anderen preiszugeben'. Seine eigene Schrift bedeutet
defswegen ,keine Einlaffung auf das Chriftcnthum, fondern
ift eine kritifche Betrachtung desfelben' (S. X).
Obgleich nach diefer Introduction der Verf. nicht erwarten
kann, dafs eine theologifche Zeitfchrift fleh ernft-
haft mit feinem Buche befaffe, fo fei doch der Merkwürdigkeit
halber der Standpunkt diefes Machwerkes in
etlichen Zügen gezeichnet. Derfelbe erhellt im Allgemeinen
fchon aus dem LVI Seiten zählenden Vorwort,
! in welchem der Verf. nach Aufzählung der fünf Hauptmängel
des Chriftenthumes, — nämlich 1. der Verfleifch-
lichung Gottes, 2. der Unterfchätzung des Geiftigen, 3.
der Ueberfchätzung der Tugend der Demuth (welche
| es in der echten Philofophie gar nicht giebt), 4. der
Glorification der Leiden und des Schmerzes, 5. der un-
i genügenden Moral bezüglich der Thiere — und nach
Angabe der .hellftrahlenden Lichtfeiten' desfelben —
! neben Liebe, Glaube, Hoffnung namentlich Herabfetzung
: des Natürlichen, Gebet und Afcefe — feinen Lefern
! offenbart, dafs ,die fchönfte Verklärung der chriftlichen
i Religion Wagner's Parflfal' (S. XLVIII u. L) fei. Nichts
I defto weniger ift hierin die zukünftige Weltreligion noch
| nicht gefunden, welche vielmehr ,aus der philofophifchen
t Synthefe der werthvollften Momente aller Hauptreligio-
j nen, namentlich der brahmaniftifch-buddhiftifchen und
jüdifch-chriftlichen Religion' hervorgehen wird (S. LIV).—
Ehe der Verf. nun wirklich zu der angekündigten Kritik
des Chriftenthums fortfehreitet, die fleh, abgefehen von
dem Geilte des Chriftenthums im Allgemeinen, auf den
chriftlichen Begriff der Schuld, die Lehre vom Gewiffen,
der Erlöfung, der Seligkeit und auf die Irrthümer der
chriftlichen Metaphyfik erftreckt, überrafcht er durch
folgende Anrede: ,Was ich im Folgenden fage, wird
wohl Keinem recht fein. Aber das fchadet ganz und
gar nichts. In eurem Gefichtskreife und bei euren Gehirnkräften
mufs fleh das, was ich fage, bis zur Unkenntlichkeit
verzerren — —. Ich bin anders als ihr, darum
werdet ihr mich niemals verftehen; ihr gleicht dem
Geifte, den ihr begreift, nicht mir' (S. 10). Wer fleh
dadurch nicht veranlafst fleht, das Buch bei Seite zu
legen, erwartet nun ganz befonders Tieffinniges und
Geiftvolles. Das ift aber eine täufchende Hoffnung.
Unter Anlehnung an chriftliche Titel, umrankt von einer
verworrenen Belefenheit, durchbrochen von feltfamen
dogmatifchen, mitunter auch exegetifchen Ivxcurfen erklingt
immer dasfelbe Thema": Die Rede von dem gc-
fchlechtlichen Leben, in welchem (auch fprachlich) das
Schlechte fchlechtweg, die Urfünde, die Weltwunde,
der Grund aller Unfeligkeit gefunden wird; widerliche
Schmähung des weiblichen Gefchlechtes, auf welchem
die Schuld der Menfchheit ruht, welchem jede Graufam-
keit und Abfcheulichkeit zugetraut, insbefondere der
Geift und fogar die Seele abgefprochen wird, wie es
auch zu den Menfchen gar nicht zu rechnen ift (S. 5.
8. 16. 22. 23. 24. 35. 38.' 39. 40. 41. 42. 47 u. viele a.
St.), ebenfo der ganzen ehelichen Menfchheit; Lobpreis
afeetifchen Lebens. Wie fleh Herr v. Hagen die Afcefe
denkt, zeige folgender Satz: ,Echter Afcet ift derjenige,
welcher erftens alles Gefchlechtliche vermeidet, alle
Kräfte bei fleh behält, niemals eine Kraft hingiebt, niemals
eine fleh rauben läfst; welcher zweitens nur im
Denken Freude findet und nur im Geifte, in der ungetrübten
Seligkeit der Theorie lebt; welcher drittens jede
Selbftquälerei fowie auch die Quälerei anderer vermeidet,
und fleh im Effen und Trinken nichts abgehen
läfst' (S. 115). — Wir fchliefsen:Wir habe n nur fchwache
Proben des Geiftes gegeben, von dem der Verf. be-
feffen ift; aber wir können keinem Lefer diefer Zeitfchrift
zumuthen, fleh in pfychiatrifche Studien zu vertiefen
. Aber zu bedauern bleibt es, dafs fo fchmutzige
Waare irgendwie unter der Adreffe des Chriftenthums
verfandt wird.

Ulm a. D. A. Bilfinger.