Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1883 Nr. 5

Spalte:

104-105

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Urkundenbuch der Deutschordens-Commende Langeln und der Klöster Himmelpforten und Waterler in der Grafschaft Wernigerode 1883

Rezensent:

Kawerau, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

103

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 5.

104

eineMengevonWortenundAusdrücken beibehalten, dieim
Schriftdeutfchen entweder gar nicht mehr oder in einer
ganz veränderten Bedeutung vorkommen, z. B. fchlecht,
faft, Mumien, Leucken (für Meilen), die zahlreichen geo-
graphifchen Eigennamen wie Rottens für Rhone u. f. w.;
der Lefer mufs beftändig zwifchen dem Text und den
Anmerkungen hin und her fuchen und wird dabei von I
den letztern häufig genug im Stiche gelaffen, befonders
wo die beiden Tröfter Boos und Eick ihre Hülfe vertagt
haben: was foll z. B. ein Lefer, dem das Verftändnifs
des Originaltextes nicht zugemuthet werden darf, mit
Ausdrücken machen wie: that fich zum Blumen II. S. 64,
Mitridat und dispenfiert S. 139, Gcfchlechterin S. 179, um
,der Hirten' war es kalt S. 185, unbacken S. 217, auf
Neftelabfchneiden S. 218, Sucht S. 233 U.A.? Der Reiz
des Originals ift durch eine folche willkürliche Beibehaltung
einzelner Archaismen nicht gerettet, dagegen das j
Verftändnifs unnöthig erfchwert und der Charakter eines
einheitlichen und ftylvollen Literaturwerkes dem Buche
hinweggenommen. Auch das Satzgefüge hätte forgfältiger
behandelt werden follen; S. 62. 167. 169. 253 der zweiten
Biographie z. B. enthalten wahrhaft monftröfe Bildungen.
Alsgeradezu fehlerhafte Stellen feien endlich hervorgehoben
I. 52 fah fich mir um, ftatt: forgt mir für . . ., IL 62;
Hebfen ftatt Habfen, II. 19 zu Banketen in Hauboden
ftatt in B. und H., II. 233 coq luch ftatt coqtteluche, II.
338 das zweimal wiederkehrende Gafs ftatt Gaft, fowie
der allerdings auch von Boos theilweife falfch ge-
lefene und mifsverftandene Satz II. 209, der überhaupt
als Beifpiel für die Art und Weife diefer ,Uebertragung
für die Gegenwart' dienen kann: ,der Weg ift durchaus
bis hin befetzt (warum hier nicht das verftändlichere Wort
gepflaftert?), flehen unterwegs hohe fteinerne Kreuze; fo
auch St. Denys den abgehauenen Kopf in der Hand'; —
nach dem handfchriftlichen Text ift ftatt ,fo' ,do' zu
lefen und ,auch' zu ftreichen; die von Boos als verworren
bezeichneten Worte erhalten den guten Sinn: es fliehen
fteinerne Kreuze da, wo St. D., während er mit dem abgehauenen
Kopf in der Hand hinausging, geruht haben
foll. Der Bearbeiter hätte fich eben auch hier feine Aufgabe
etwas höher ftellen und wenigftens an folchen
fchwierigern Stellen auf eine Kenntnifsnahme des handfchriftlichen
Textes bedacht fein follen ; er würde durch
diefelbe fich dann auch davon haben abhalten laffen, die
Biographie von Eelix Platter als ,eine Sammlung von
Notizen, Tagebuchblättern und Briefausfchnitten, an
welche die letzte Hand noch nicht gelegt worden' ,zu
bezeichnen; fie bildet im Gegentheil bis zum Jahre 1562
ein in fich zufammenhängendes Ganzes, und erft nachträglich
find ihr auf fpäter angehängten Blättern eine
Reihe weiterer Aufzeichnungen Platter's über feine Jugendzeit
hinzugefügt worden, welche Boos mit deutlicher
Bezeichnung des Unterfchiedes dem Text der Biographie
einverleibt hat. — Wenn wir alfo dem Buche um des ihm
innewohnenden ethifchen und culturgefchichtlichen Wer-
thes willen trotz feiner Mängel recht viele Lefer wünfchen,
fo gefchieht es unter dem Vorbehalt, dafs der einiger-
mafsen mit der Sprache des 16. Jahrhunderts Vertraute
auch nach diefer ,Uebertragung' am Beften zum urfprüng-
lichen Texte greift, und mit der Hoffnung, dafs diefelbe
in einer etwaigen zweiten Auflage fowohl in fprachlicher
und textkritifcher, wie in hiftorifcher und archäologifcher
Beziehung auf eine folidere Grundlage geftellt werden
möge. Auch der fonderbare Titel: ,Zwei Lebensbilder
. . . von ihnen felbft entworfen' würde dann wohl eine
grammatifch weniger disputable Eaffung erhalten können.

Bafel. R. Staehelin.

der Deutschordens-Commende Langeln und der.
Klöster Himmelpforten und Waterler in der Grafschaft
Wernigerode. Hrsg. von der hiftorifchen Commiffion
der Provinz Sachfen. Bearb. und mit gefchichtlichen
Ueberfichten und Erläuterungen zu den Siegeltafeln
verfehen vom Archivrath u. Bibliothekar Dr. Eduard
Jacobs. Mit vier Urkundcnanlagen in Lichtdruck und
15 (lith.) Siegeltafeln. [15. Bd. der ,Gefchichtsquellen
der Provinz Sachfen'.] Halle, Hendel, 1882. (XX, 731 S.
gr. 8.) M. 22. —
Seinen Urkundenfammlungen über Klofter Drübeck
(1874) und Klofter Ilfenburg (1875 u. 77. Bd V. VI u.
VII der ,Gefchichtsquellen der Provinz Sachfen') hat der
rührige Bearbeiter der Hierographia Wemigerodensis nunmehr
in einem ftattlichen, innerlich und äufserlich mit
vorzüglicher Sorgfalt ausgeftatteten Bande die Urkunden
der Commende Langeln und der Klöfter Himmelpforten
und Waterler folgen laffen. Den Ertrag der Urkunden,
die theils vollftändig, theils als Regelten unter Hinweis
auf früheren Abdruck derfelben mitgetheilt find, hat der
Herausgeber in ausführlicher Darfteilung der Gefchichte
der betreffenden Stiftungen am Schluffe zufammengcfafst.
Die Urkunden von Langeln (feit 1219 in Händen des
Dcutfchordens als ältefter Sitz in der fpäteren Bailei
Sachfen) gewähren für den Kirchenhiftoriker nur geringe
Ausbeute. Doch wird manche Angabe in J. Voigt's Ge-
i fchichte des Ordens, foweit es die fächfifche Bailei betrifft,
hier berichtigt. Schon feit der Mitte des 14. Jahrhunderts
befand fich kein Ordensconvent mehr in Langeln; im
1 Bauernkriege wurde die Commende theilweife zerftört und
ausgeplündert. Bereits im 15. Jahrhundert ift die Gefchichte
diefer Belitzung nur noch die Gefchichte des
' Conflictes der landesfürftlichen Gewalt mit den An-
fprüchen des Ordens, der nur noch vom Ruhm der Vergangenheit
zehrte. Befonders acut wurden diefe Reibungen
1 im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts Die Commende
hat beftanden bis zum J. 1811, wo fie durch napoleonifches
j Decret unter den Hammer kam und in Privatbefitz über-
{ ging. — Viel wichtiger ift die Gefchichte des Auguftincr-
eremitenklofters Himmelpforten (porta codi). Nachdem
diefes urfprünglich als Einfiedlerconvent der Wilhelmiten
(c. 1230) gegründet war, conftituirte es fich 1253 als
i Auguftinerklofter und war fomit eine der älteften An-
ficdelungen diefes Bettelordens diesfeit der Alpen. Von
hier aus wurden die Convente in Hclmftedt und Qued-
j linburg gegründet. Für die Wirkfamkeit der Reformatoren
j diefes Ordens und die Entftehungsgefchichtc der ,deut-
fchen Congregation', über welche Kolde in feiner bekannten
Schrift Licht verbreitet hat, liefert Jacobs hier
i eine Reihe dankenswerther Ergänzungen; er giebt hier
I weit mehr, als man in der Gefchichte des einzelnen
| Klofters erwarten möchte, und beweift, dafs er die Ge-
j fchichte diefes Ordens und fpeciell eines Zolter, Proles
und Staupitz zum Gegenftande umfänglicher Studien gemacht
hat. Himmelpforten, welches im J. 1516 auch von
Luther befucht wurde, war in Folge der Stürme des
Bauernkrieges, aber zugleich auch in Folge der inneren
Auflöfung der Congregation wüft geworden; einige Jahre
fpäter finden wir dort noch einmal eine kleine Anfiedelung
von Auguftinern; dann wird es wieder verlaffen. Rudera
der Kloftergebäude ftanden noch im Anfange des vorigen
Jahrhunderts. —- Waterler (Wafferleben) verdankt feinen
Ruf zunächft einem Heiligeblutwunder, welches dort im
J. 1228 ftattgefunden haben foll. Die Legende, welche
darüber Nachricht giebt, ift erft fpäten Datums und leidet
an ftarken Widerfprüchen, indem fie die Anfprüche, die
fowohl Waterler wie Halberftadt an diefelbe wunderkräftige
Hoftie erheben, nur mit Mühe zu vereinbaren
weifs. 1299 fiedelten Ciftcrcienferinnen in Waterler an.
Der Ruhm der Blutkapelle fchwindet feit dem Beginn
des 15. Jahrhunderts. Es will uns fraglich erfcheinen, ob