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Ausgabe:

1883 Nr. 4

Spalte:

85-86

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Ernst

Titel/Untertitel:

Religiöse Volksschriften. 3. Bdchen 1883

Rezensent:

Hartung, Bruno

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»5

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 4.

86

er zunächft von feinem falfchen Wefen erkennend | timentalität, der fchon dem früheren nicht erfpart werden
fcheiden; das wird ermöglicht durch die Offenbarung konnte, hier in erhöhtem Mafse zu erheben. Gewifs liegt
Gottes in Chrifto; dadurch findet der Menfch fich felbft, i die Hauptfchwierigkeit des Unternehmens in der Wahrung
d.h. Gott in ihm, aber als einen von ihm gefchiedenen der Pietät vor den in der Gemeinde traditionellen Anfchau-
(S. 10). Zur Selbftverleugnung, welches die Vollendung ungen von der Perfon Chrifti, die man doch nicht theilt.
der Selbfterfafsung, des Selbfbbewufstwcrdens (S. 12), [ Hier gäbe es u. E. nur einen doppelten Weg. Entweder
oder das Sterben mit Chrifto und der einzige Charakter- man fchwiege von den Wundern und begnügte fich, die
zug der Sittlichkeit (S. 18) ift, gelangt man nur durch fittlich religiöfe Perfönlichkeit Chrifti darzuftellen. Oder,
die Gemeinfchaft mit dem gekreuzigten Chriftus, und j weil das wohl kaum angeht, man wagte es, den ,den-
durch diefe Gemeinfchaft zum Höchften, d. i. zum Sehen : kenden Chriften' offen und klar zu fagen, dafs man fich
der Wahrheit (S. 43), zum Leben in der Anfchauung, aus der wunderbaren Schale den Kern herausnehmen
aus welcher man aber nicht in den Begriff hinabfallen müffe. Wie hat es der Verf. gemacht? Ihm ift das ganze
darf (S. 31). Dies wird in Vollkommenheit erreicht, wenn : Leben Jefu überftrahlt von Poefie, .welche den Ausdruck
Gottes Zweck vollkommen erreicht fein wird, nämlich j für die höchften Gefühle der Religion bildet'. ,Zart
im heiligen Jerufalem, auf der neuen Erde, wo gar keine fpielt des Geiftes Hauch auf den Wellen des galiläifchen

Meeres, mächtig wogt er durch des Tempels Hallen, mit
Paradiefesgedanken umfehwebt er das Haupt des Sterbenden
am Kreuze' (S. 19). Da mufste denn, natürlich

Religion mehr ftattfinden wird (S. 34)'. Schliefslich wird
der Utilismus, der Peffimismus und die nioralc indepen-
dante zurückgewiefen. Dafs durch folche Theofophismen

der evan^elifche Glaube nicht dargeftellt wird, bedarf und pfychologifch gefetzmäfsig, das Bild Jefu

keines Beweifes; und es ift wohl der trefflichen und lie
bonswürdigen Perfönlichkeit des Verf.'s und dem Dunkel
feiner Rede, vielleicht auch der Erwartung nachfolgender
Berichtigung zuzufchreiben, dafs die Rede mit Geduld in
Barmen angehört wurde. Die Stärke des Vortrags find
die oft geiftreichen Schlagworte, die blendenden Schlag-

nach feinem Tode feinen Jüngern als das eines Wunder-
thäters erfcheinen, indem fie theils geiftig vermittelte
Krankenheilungen wunderbar auffafsten, theils feine
Gleichnifsreden verkürperlichten (S. 48. 50). Die Herzens-
thatfache, dafs er in ihnen auferftanden war, mufste
fich ,als Ueberzeugung äufsern, dafs er wirklich aufer-

ichter, welche den ganzen Vortrag durchziehen. Allein ftanden fei' (S. 73). — Will man Sagenbildung im Jünger

kein Gedanke wird durchgeführt, kein Begriff fcharf den
nirt trotz unermüdlicher Definirfucht. Nach S. 6 ift Sittlichkeit
= Freiheit, und gleich darauf ift wahre Sittlichkeit
das, was zur Freiheit führt. Die Freiheit wird als mate-
riale befchrieben, und S. 32 wird als des Erlöfers Gabe die

kreife annehmen und entfchuldigen, nun gut. Aber was
ift das für eine Anfchauung von der Wahrheit und Klarheit
diefer Männer, ja des Lehrens und Wirkens Jefu
felbft, wenn die Entftehung diefer Wunderwelt pfychologifch
. nicht etwa erklärlich, fondern nothwendig fein

Freiheit in rein formalem Sinne definirt. Der Hinter- 1 foll! Wir geben dem Verf. in einem gewiffen Sinne Recht,

grund (!) des menfehlichen Wefens ift die Gemeinfchaft
mit Gott; vom Gedanken undurchdrungen (!) bezeichnet
es das Wefen des unerlöfeten Menfchen (S. 7), vom Gedanken
durchdrungen, ift es die Erlöfung des Menfchen.
Diefe Gemeinfchaft mit Gott heifst von Gottes Seite erwählende
, freie Gnade, von unferer menfehlichen Seite
heifst fie der Glaube (S. 7). — Oder: auf die Frage, was
ift Wahrheit? antwortet S. 11: Wahrheit ift Dasjenige,
was ein Menfch lieht, der fich felbft verleugnet. Die
Wahrheit erfüllt die geiftige Atmofphäre überall; fie
ift, wie das Licht, überall gegenwärtig. Nach S. 12 ift
die Wahrheit die Einheit des Religiöfen und des Sittlichen
, aber nach S. 8 ift diefe Einheit nicht die Wahrheit
, fondern der Glaube. Dazu folgende Definitionen:
Was ift Wiffenfchaft? Der Muth, die Wirklichkeit zu
fehen. Was ift Kunft? Der Muth, die Wirklichkeit zu
fühlen. Was ift Wahrfein? Der Muth, fich von Gottes
heiligem Willen brechen zu laffen. Definitionen find es,
mit denen weder der Wiffenfchaft, noch der Kunft, noch
der Wahrheit gedient ift. — Der Vortrag wäre beffer
ungedruckt, vielleicht noch beffer ungehalten geblieben.

Marburg (Heften). D. AcheltS.

Müller, Pfr. Ernft, Religiöse Volksschriften. 3. Bdchn. -. Die
Perfon Jefu als Grundlage des Chriftenthu ms. Denkenden
Chriften dargeftellt. Bern, Wyfs, 1882. (84
S. 12.) M. -. 80.

dafs das Bild des Lebens Jefu bald überfchattet wurde
von dem Todesbild am Kreuz, S. 67 (.natürlich!1 fügt
diefer wieder hinzu), aber Arbeiten, wie die jüngfte von
Weifs, beweifen es, wie auch eine felbftändige Darftellung
feines Lebens von anderen Prämiffen ausgehen, bez. zu
anderen Poftulaten zurückkehren kann. Wir theilen mit
dem Verf. die Ueberzeugung, dafs es noth thut, die
Perfon Jefu der Zeit näher zu bringen, find aber deffen
gewifs, dafs fie in folchem Helldunkel einem Wahrheit
fuchenden Gemüth ferner gerückt werden mufs, als felbft
durch den blendenden Glanz eines religiös und pfychologifch
unvermittelten Wunderglaubens.

LeiPzig- Härtung.

Vorliegendes Schriftchen ift das dritte in einer Reihe,
deren erfte beide — das Gebet des Herrn, das Gleichnifs
vom verlorenen Sohn — bereits in diefen Blättern be-
fprochen wurden. Der Verf. will, woran es noch vielfach
fehle, erbauliche Schriften für's Volk von feinem
freieren Standpunkt aus fchreiben. Auch hier kann, wie
wie früher, der fittliche und religiöfe Ernft des Verf.'s nur
gerühmt werden. Manche Charakterfchilderungen der
Perfon Chrifti, wie feines Gebetslebens, feines Glaubenslebens
, find fehr fchön, wenn fich auch z. B. mit der

Meinung, dafs den Reden Jefu ein gewiffer ,Humor' nicht 1 dafs die moderne Naturforfchung fich mit der Hoffnung

1. Zöckler, Prof. Dr. Ü., Der Himmel des Naturforschers

und der Himmel des Christen. [Sammlung von Vorträgen,
hrsg. von W. Frommel u. F. Pfaff, 7. Bd. 5. Hft]
Heidelberg, C. Winter, 1882. (27 S. 8.) M. —. 60.

2. Braun, Pfr. Guft., Aus der Geschichte unseres Kalenders.

[Sammlung von Vorträgen, hrsg. von W. Frommel
u. F. Pfaff, 8. Bd. 6. Hft.] Heidelberg, C. Winter, 1882
(47 S. 8.) M. —. 80.

3- Cornill, Privatdoc. Repet. Lic. Dr. C. H., Der Prophet

Ezechiel, gefchildert. [Sammlung von Vorträgen, hrsg.
von W. Frommel u. F. Pfaff, 8. Bd. 7. u. 8. Hft.]
Heidelberg, C. Winter, 1882. (53 S. 8.) M. 1. —

Nr. 1 giebt mit fehr viel Einzeldaten nicht viel, was
nicht jeder Gebildete fchon vorher gewufst hätte. Die
beiden Himmel werden als zwei disparate Gröfsen neben
einander geftellt. Keiner fei auf den andern zu reduciren.
Aber die grofse Frage, ob durch das kopernikanifche
Syftem der Himmel der Chriften in Gefahr gerathe, ob
die Dantc'fche Kosmologie nur mittelalterlich oder überhaupt
chriftlich fei, wird nicht mit einem Finger berührt.
Was den modernen Menfchen intereffirt, ift der Nachweis,

fehle, rechten liefse. Dagegen ift der Vorwurf der Sen- | des Chriften zu einer einheitlichen Weltanfchauung ver-