Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1883 Nr. 2

Spalte:

44-45

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ernst, Carl

Titel/Untertitel:

Die christliche Heilslehre. 3. Aufl 1883

Rezensent:

Fischer, Gottlieb

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

43

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 2.

44

gegen Hausrath's Schrift mit Recht durchaus ablehnend
. Aber um fo beffer kennt er doch Henke's
,Vortrag vor einem gemifchten Publicum' mit feiner
,Beilage von 70 vielfach fehr werthvollen Anmerkungen,
welche 33 Seiten umfaffen'. Und dafs diefe Arbeit beinahe
alles zu Tage gefördert hat, was Kaltner felbft uns
bietet, wird er felbft zugeftehen. Das ift ja zunächft gar
kein Vorwurf gegen ihn. Aber es ift keine redliche Art
der Benützung, wenn man fich, wie hier gefchieht, faft
durchweg auf eine Arbeit ftützt und die letztere trotzdem
nur in der Zufammenftellung der Literatur mit den oben
hervorgehobenen Worten charakterifirt, im weiteren Verlauf
aber — foviel ich fah, mit nur zwei Ausnahmen —
blofs da citirt, wo man kleinere Verftöfse berichtigt oder
zu berichtigen meint. Diefe Polemik ift allerdings feiten.
Bezeichnender Weife: denn man vergleiche z. B. $ 16 u. 17
mit den Anmerkungen Henke's Nr. 3—5, oder den Anhang
des Buchs mit Henke's Note 1, oder die 18. 19. 20
mit den entfprechenden Partien der Erläuterungen
Henke's, fo wird man finden, dafs fowohl das bibliogra-
phifche Material als auch die Entfcheidung der betreffenden
Fragen faft durchaus, — ich fcheue den Ausdruck
nicht — faft bis zum Plagiat, auf Henke zurückgeht,
fo fehr, dafs felbft einzelne VVendungen in der" Sprache
ftark an den letzteren anklingen. Nun hat ja jeder nachfolgende
Forfcher das Recht und die Pflicht, die Arbeiten
feiner Vorgänger bis auf's äufserfte auszunützen, wo er I
fie brauchen kann; aber man pflegt dann diefe ausge- I
dehnte Benützung felbft hervorzuheben, und wo die J
Uebereinftimmung zu ausgedehnt wird, entweder ftatt
alles eigenen gelehrten Apparats kurz auf die Vorgänger J
zu verweifen und nur etwaige Nachträge zu liefern, oder
überhaupt eine eigene neue Arbeit für unnöthig zu halten.
Kaltner hat nichts von alledem gethan. Er hat auch in
Betreff der von ihm benutzten und S. VIII befchriebenen
handfchriftlichen Arbeiten überKonrad, von Waldfchmiedt
und Schminke, mit keinem Wort bemerkt, dafs er fowohl
die Kunde von ihrer Exiftenz als auch die Notizen über
ihre Verfaffer aus Henke S. 36 f. entnommen hat.

In den Abfchnitten, welche das Verhältnifs Konrad's
zu der h. Elifabeth behandeln, fcheint Kaltner mit der
grundlegenden Arbeit Wegele's unbekannt geblieben zu
fein: fie wird wenigftens nirgends citirt, und in die Schilderung
jenes Verhältnifses werden wiederum Züge ein-
gefchoben, welche Wegele glücklich eliminirt hatte.

Ich darf unter diefen Umftänden von einem Eingehen
auf Einzelfragen abfehen. Die fpäteren Abfchnitte find
ziemlich weitläufiger behandelt, als bei Henke, aber wir
erfahren doch recht wenig Neues, was zur Sache gehörte.
Bemerken mufs ich nur noch, dafs Kaltner auch in
Heranziehung der Quellen nicht vorfichtig genug ift:
Tritheim's Hirfauer Chronik, Specklin's Collectaneen z. B. j
werden viel zu leicht benutzt. Beide wären beffer gänzlich |
aus dem Spiel gelaffen worden.

Die Charakteriflik Konrad's endlich ift nicht gerade
zu fehr in's lichte gemalt: er erkennt in dem Verfahren
des Sonderbaren Mannes' wenigftens eine ,Warnungstafel
der Gefchichte' und giebt zu, dafs er ,einen guten Kampf 1
gekämpft, aber nicht in der rechten Weife', dafs er ,von
einem verfehlten Procefsverfahren gegen die Ketzer nie
wird freigefprochen werden können' und dafs ,diefes
ftets der dunkelfte Punkt feiner Thätigkeit bleiben' wird.
Allein für das ganz ausnahmsweife Fürchterliche feiner
Ketzergerichte, wie es das menfchliche Bewufstfein feiner
deutfchen Zeitgenoffen auf's äufserfte empörte, hat er
doch kein entfprechendes Wort. Die Schrift ift trotz aller |
Anfätze zu einem fachgemäfseren Urtheil doch im Grunde
nicht viel anderes als eine ,Ehrenrettung' und fie bietet
dabei nicht entfernt das klare, anfchauliche und weit gerechtere
Bild des Mannes, wie es Henke bei aller Kürze
uns vorgeführt hat.

[Schlaft folgt.]

Berlin. Karl Müller.

Ernst, Dr. Carl, (früher Profeffor und Seminardirector
in Herborn, jetzt Generalfuperintendent in Wiesbaden).
Die christliche Heilslehre in Worten der heiligen Schrift
dargeftellt. 3. Aufl. Wiesbaden 1882, Niedner. (60 S.
8.) M. —. 40.

Das Erfcheinen der 3. Auflage diefes trefflichen Büchleins
(in erfter Auflage hiefs es: ,Katechismus für evang.
Gemeinden in Worten der h. Schrift') wird gewifs allen
Amtsbrüdern, die es kennen, fehr willkommen fein. Diefer
Bibelkatechismus dünkt mir die glücklichfte Löfung der
Katechismusfrage zu fein, die uns gerade in Naffau fo
viel zu fchaffen macht. Der alte naffauifche Landeskatechismus
, ein Kind des Rationalismus, ift jetzt unbrauchbar
, fogar vom Confiftorium als Memorirbuch verboten.
Die Confefflonskatechismen: der Luther'fche und der
Heidelberger Katechismus, können in den ausgeprägt
unirten Gemeinden auch nicht mehr eingeführt werden.
Die Verfuche aber einer Zufammenfchweifsung beider
zu Unionskatechismen, wie fie befonders im Rheinlande
gemacht find, haben ihre grofsen Bedenken und Schwierigkeiten
.

Der ErnfVfche Katechismus kam darum in Naffau
einem dringenden Bedürfnifsc entgegen, und wird deshalb
auch bereits feit Jahren, namentlich von den jüngeren
Pfarrern, gebraucht. Katechismusunterricht und
biblifche Gefchichte, die fonft nebeneinander herlaufen,
können auf diefe Weife einheitlich behandelt werden.
Das wird doch felbft der begeiftertfte Anhänger unferer
Bekenntnifskatechismen zugeben müffen, dafs bei diefem
Unterrichte die Schrift immer erft in zweiter Linie kommt.
Die Schrift kommt, auch bei der treueften Katechismusbehandlung
, nur foweit in Betracht, als fie die Beleg-
und Beweisftellen für die Katechismusfätze beizubringen
hat. Es bleibt ja auch, will man einen Katechismus
gründlich durchnehmen, für die Schriftbetrachtung kaum
noch Zeit übrig. Am mifslichften ift dies aber beim Con-
firmandenunterricht. Sollen wir da, wo es gilt, den
Kindern etwas für's Leben mitzugeben, nur an den abgeleiteten
Bächen flehen bleiben — und gegen die
Schrift find doch auch die bellen Katechismen nichts
Anderes?

Es ift gewifs nicht genug, dafs man nur in den Be-
legftellen Einzelnes aus der Schrift zur Mittheilung bringt.
Was unfere Confirmanden brauchen, das ift ein Einblick
in die Entwicklungsgefchichte des Reiches
Gottes.

Die Ernft'fche Heilslehre ift nun dem entfprechend
durchaus biblifch, heilsgefchichtlich. Wir haben hier eine
biblifche Theologie im Kleinen. Nach einer Einleitung
in 3 Fragen: ,über das höchfte Ziel und das Wort
Gottes als Wegweifer dazu', gruppirt fleh der Inhalt ganz
naturgemäfs unter 4 Hauptpunkten: I. VomUrfprunge
aller Dinge, des Menfchen und der Sünde; II. Die
Vorbereitung der Erlöfung (der Heilsgedanke, die
Zubereitung für das Heil: unter den Heiden, in Ifrael —■
Erwählung, Beftimmung, Ausrüftung); III. Die Erlöfung
durch Chriftum (des Erlöfers Per fon, des Erlöfers
Werk nach Inhalt (1 Cor. 1, 30) und Ausführung
(Prophet, Priefter, König); IV. Das neue Leben aus
Chrifto, A. Glaube als Bedingung der Heilsgewinnung,
des Glaubens Natur (Hebr. 11, 1), der Weg zum Glauben
(der heil. Geift als der Wirkende, die Gnadenmittel);
B. das neue Leben als Frucht des Glaubens, 1) der
Grund in Chrifto, 2) die Rechtfertigung, 3) die Heiligung
(a. Wiedergeburt und Bekehrung, b. Wachsthum
und Erweis des neuen Lebens, c. die Vollendung des
Lebens).

Die Antworten auf die fehr präcis und klar gefafsten
Fragen — wie überhaupt durchflehtige Klarheit ein I laupt-
charakterzug aller Schriften des Verf.'s ift — find immer
in Schriftworten gegeben. Oft find diefe ganz unmittelbare
Antworten der Fragen, z. B. Frage 112: Wozu ift