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Ausgabe:

1883 Nr. 2

Spalte:

40-41

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Klasen, Franz

Titel/Untertitel:

Die innere Entwicklung des Pelagianismus 1883

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 2.

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analyfirt. Bei diefer Analyfe hat er felbft nur am Schlufs
Gelegenheit gefunden, das Chriftenthum des Dionyfius
in Anfchlag zu bringen. Allein ich bezweifle fehr, ob er
damit Recht gethan. Der Gottesbegriff" des Dionyfius
foll der chriftliche fein; allein der Gedanke, dafs Gott
Vater und Regierer der Welt fei, ift wenigftens für das
3. Jahrhundert beftimmt nicht als ein fpecififch chrift-
licher zu bezeichnen. Ferner aber meint Roch, Dionyfius
fei fleh bewufst, dafs des Menfchen Erkenntnifs von den
Dingen der Welt unvollkommen fei, er verweife daher
auf die Quelle, aus welcher der Menfch fein Wiffen über
die Natur vervollftändigen könne — die Offenbarung.
In diefem Zufammenhang wäre aber erftlich die Offenbarung
als höhere Naturkunde vorgeftellt, was fo wenig
altchriillich ift, dafs es vielmehr einfach als heidnifch,
fpeciell neuplatonifch bezeichnet werden mufs. Dazu
kommt zweitens, dafs Dionyfius die Vernünftigkeit
der von ihm vertretenen Anlicht überall der Unvernunft
der Atomiftikerentgegenftellt, alfo einer Offenbarung diefen
gegenüber gar nicht bedarf (f. S. 35 c. 7: ,Wenn ein
Atomiftiker über fleh felbft nachdenken würde, wo und
woher er ift, fo würde er, gleichfam zum Selbftbewufst-
fein gekommen, Vernunft annehmen und fprechen zu
feinem Vater und Schöpfer: »Deine Hände haben mich
gebildet und gefchaffen«'). Roch verweift freilich zur Behauptung
feiner Thefe auf eine Stelle, die er aber mifs-
verftanden hat. S. 30 fagt Dionyfius: .(David) bekennt,
nachdem es ihm geoffenbart war von Gott:
»Was du noch nicht bereitet hatteft, das haben meine
Augen gefehen«'. Diefe Stelle foll beweifen, dafs Dionyfius
letztlich zur Vervollftändigung feiner Naturbetrachtung
die Offenbarung herbeiziehe. Aber fie beweift, wie übrigens
aus dem Zufammenhange noch deutlicher erhellt,
nur dies, dafs nach Dionyfius' Meinung Niemand ohne
Offenbarung Dinge fehen kann, die noch gar nicht
exiftiren. Diefe Meinung ift natürlich weder im 3. noch
im 19. Jahrhundert von Jemand bezweifelt worden.

Nach dem hier in Kürze Ausgeführten kann das
Urtheil über die Schlufsbemerkungen des Verf.'s leider
kein zuftimmendes fein. Dafs die Schrift ein Beweis fei
,von dem grofsen geiftigen Ringkampf, der damals be-
fonders in Alexandrien zwifchen der chriftlichen und heid-
nifchen Weltanfchauung ftattfand', ift ein Irrthum. Diefe
Schrift ift nur ein Beweis, dafs Chriften als Philofophen
in der Polemik gegen den Epikuräismus den Piatonikern
und Stoikern beigetreten find, indem fie fleh die alten
Waffen derfelben borgten. ,Der grofse geiftige Ringkampf
zwifchen heidnifcher und chriftlicher Weltanfchauung
' ift in dem dritten Jahrhundert überhaupt nicht fo
einfach zu entdecken. Vielleicht giebt es kein difficileres
Problem in der Gefchichte der Theologie als die Unter-
fchiede der alexandrinifch chriftlichen und der neuplato-
mfchen Weltanfchauung zu beftimmen. Jedenfalls kann
man erft verfuchen, fie als Gegner zu würdigen, wenn
man fie als Verbündete verftanden hat.

Ref. mufs bedauern, dafs der Verf. überall da feine
Aufgabe verfehlt hat, wo er allgemeineren hiftorifchen
Erwägungen fich hingegeben. Für eine methodifche Arbeit
auf dem Gebiete der altchriftlichen Literaturgefchichte
giebt es eben noch keine Tradition. Das beweift das
Dutzend patriftifcher Differtationen, welches alljährlich
erfcheint. In denfelben wird — wenige rühmliche Ausnahmen
abgerechnet — mit einem gänzlich undefinirten
und undefinirbaren Begriff von Chriftenthum frifchweg
operirt. Damit ift dann von vornherein Alles verdunkelt.
Wieviel recht fch äffen er Fleifs geht dabei verloren!

Giefsen. Adolf Harnack.

Klasen, Dr. Frz., Die innere Entwicklung des Pelagianismus.

Beitrag zur Dogmengefchichte. Freiburg i Br. 1882,
Herder. (IV, 303 S. 8.) M. 4. 50.

Diefe treffliche Unterfuchung verdient die Beachtung
I der Dogmenhiftoriker in hohem Mafse. Ref. fleht nicht
j an, fie für die befte Arbeit zu erklären, welche wir über
i den Pelagianismus befitzen. Sie ift ausgezeichnet durch
I fcharfe Kritik und durch richtiges hiftorifches Urtheil.

Namentlich aber verdient es befondere Anerkennung,
j dafs der Verfaffer zwifchen den Lehren des Pelagius,
j Cäleftius und Julian fcharf fcheidet und der Eigenart
| eines Jeden gerecht zu werden verfucht. Die Ergebnifse
I diefer Unterfcheidung rechtfertigen das Unternehmen
durchweg. Ueberall ift der Verf. ferner bemüht, die
antiken Grundlagen des pelagianifchen Moralismus aufzuweiten
und zu zeigen, wie Zeno und Ariftoteles in
Wahrheit die Väter diefer Denkweife gewefen find. In-
deffen hat der Verf. meines Erachtens ein Mittelglied
j überfprungen, welches nicht überfehen werden durfte.
Die lateinifchen, chriftlichen Popularphilofophen (von
Minucius Felix ab), welche fich von den griechifch.cn fo
I deutlich unterfcheiden, bilden ohne Zweifel die Tradi-
! tionslinie für den Pelagianismus (f. meine Anzeige der
j Ludwig'fchen Ausgabe Commodian's, diefe Zeitung
! 1879 col. 53 f.). Nur der Chiliasmus ift im Pelagianismus
abgeftreift und damit freilich dasjenige Element, welches
dort die Chriftlichkeit der Denkweife legitimirte. Indeffen
fehlt es — wenigftens als Rudiment — auch den Pelagianern
j nicht. Denn die Unterfcheidung von ,vita aeterno' und
,regnum caclomm' ift doch ein Reft desfelben. Alles
.Myftifche' ift bis auf den letzten Reft ausgetilgt; alles
I ,Dramatifche' ift verbannt: ,was natürlich ift, mufs immer
fein' — jenes ,regnitm caelorum' ift in der That das einzige
Element, welches an die pofitive Religion erinnert.
Dem Verf. ift das entgangen, wie überhaupt die Frage
des gefchichtlichen Urfprungs des Pelagianismus im Zu-
i fammenhang mit der kirchlichen Entwicklung von ihm
I nur geftreift wird. Aber man hat fich an das Gebotene
zu halten, und das ift gut. Sehr richtig wird die Be-
| hauptung von Schätz ler's, der Grundirrthum des Pela-
! gianismus fei, dafs er die Gnade für eine Vollendung
und Unterftützung der Natur angefehen, die Uebernatur
alfo verkannt habe, abgewiefen. Bis handelte fich viel-
! mehr darum, ob die gratia überhaupt etwas anderes fei
i als die natura. Da die Pelagianer diefe Frage im Grunde
i verneinten, ift ihre Lehre von der Gnade, wie Klafen
S richtig gefehen, am Schluffe zu behandeln. Für Pelagius
fleht die Freiheit des Willens im Vordergrund; Cäleftius'
I Ausführungen find durch die Polemik gegen die Lehre
| von der Erbfündc beherrfcht; erft Julian von Eclanum
giebt eine ausgeführte Theorie. Der literarifche Kampf
, zwifchen diefem und Auguftin hat in der Gefchichte der
j alten Kirche nicht feines Gleichen. Denn niemals, weder
| vorher noch nachher, find zwei fo hervorragende Denker
i einander begegnet. Julian ift der entfchloffenfte, kühnfte
j und fcharffinni'gfte Rationalift; aber er ift als folcher ein
fchlechter Pfychologe und bleibt im Intellectualismus
| der antiken Philofophie feflgebannt. Auguftin hat entdeckt
! oder doch geahnt, was ihn kein Grieche lehren konnte — den
I Willen und die Gefinnung als eigenthümliche Gröfsen.
| Er ift feinem Gegner, welcher unbarmherzig und mit
wenig Anftand die mythologifchen Gedanken niederwirft,
j in der Dialektik nicht gewachfen; aber Niemand kann
i leugnen, dafs Auguftin feinen Gegner als Pfychologe und
Ethiker weit überragt. Und ift fie nicht auch Mythologie
, jene Thefe von der unverlierbaren Freiheit, die
auf der einmal eingepflanzten Vernunft beruht? Mag es
auch richtig fein, dafs alle Freiheit eine B'olge der Erkenntnifs
ift: das Problem, wie Erkenntnifs zu Stande
kommt, haben die Pelagianer durch ein Dogma erfetzt
und fich die Frage, wie die Erkenntnifs auf den Willen
wirken könne, überhaupt nicht geftellt. Auguftin aber