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Ausgabe:

1883

Spalte:

566-567

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dammann, A.

Titel/Untertitel:

Kulturkämpfe in Alt-England. Geschichtliche Darstellung. 2. Tl 1883

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Tbcologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 24.

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Entlaftungsmonuent angeführt werden und die Kategorien
•der Mifsverftäradnifse und der Unfähigkeit, die richtigen
Ausdrücke für eine Wahrheit zu finden, erfcheinen als
die ftarken Rettungsfeile, an welchen der geprüfte Kirchenvater
zur Höhe der Orthodoxie glücklich befördert wird.

Die Arbeit von Bertram ift leider durchweg ein
Probeftück diefer Art von Dogmenhiftorik, welches fich
lediglich durch den grofsen Fleifs, der aufgewendet ift,
von den Dutzenden ähnlicher Arbeiten untcrfcheidet.
Trotz der vorausgefchickten Vita Theodoreti (S. 1 —19),
der Berückfichtigung der Lehre des Theodor von Mops-
uefte (S. 19—29) und der Beobachtung der Phafen des
antiochenifch-alexandrinifchen Streites fehlt die concret-
gefchichtliche Betrachtung völlig. Theodor ift der Vater
einer neuen Härefie auf dem Boden der von der Kirche
ftets bezeugten Lehre von der Enhypoltafie und der Com-
municatio idiomatum. Theodoret ift niemals fo fchlimm
gewefen wie er; aber in der reprehensio anathemaüsmorum
ift er Neftorianer. Immer wieder freilich wiederholt es
der Verf., dafs es Theodoret auf die Bekämpfung des vermeintlichen
oder wirklichen Monophyfitismus angekommen
fei und dafs er lediglich die Integrität der zwei
Naturen habe behaupten wollen; allein mit diefer Er-
kenntnifs entfchuldigt er eben nur den Theodoret, der
die Union mit Cyrill abgefchloffen hat. Man mufs den
Abfchnitt S. 61—96 lefen (über die reprehensio anathe-
matismorum), um einzufehen, wie ftreng der Verf. den
Mafsftab der Orthodoxie zu handhaben weifs, und man
mufs dann die S. 110—131 vergleichen (,Theodoretus orthodoxe
docef), um zu urtheilen, dafs Niemand beffer als
der Verf. die Regel zu befolgen verfteht, den Nächften
zu entfchuldigen, Gutes von ihm zu reden und Alles zum
tieften zu kehren. Der Wahrheit ift er leider dort näher
gekommen, wo er tadelt, als wo er entfchuldigt; denn
um Theodoret orthodox zu machen, fah fich der Verf.
vornehmlich auf die exegetifchen Werke angewiefen.
Hier allein finden fich hinreichend viele Stellen, die orthodox
gedeutet werden können, die aber nichts beweifen,
da aus exegetifchen Bemerkungen fich auch die Orthodoxie
des Theodor leicht erweifen liefse. Uebrigens mufs
der Verf. felbft bekennen (S. 149), dafs Theodoret niemals
von einer Hypoftafe in Chriftus gefprochen hat.
, Theodoretus in Christo nunquani miaut Jtypostasim confessus
est. Sed hic, ut ita dicam, defectus non magni momenti est1.

Die dogmatifche Methode der Dogmenhiftorik, wie
fie leider nicht nur von katholifchen Theologen angewendet
wird, hat aber nicht nur die völlige Verdunkelung
der Gefchichte zur Folge, fondern verfchliefst auch
regelmäfsig die Einficht in die r el ig i ö fe n Motive, welche
die alten Väter geleitet haben. Werden die fchulmäfsigen
Formeln und rationaliftifchen Begriffe, in welchen die
fpätere Zeit die Dogmen gefafst hat, als Mafsftäbe angelegt
, fo erfcheinen fchliefslich die häretifchen Meinungen
als Irrthümer des Denkens. Bertram's Betrachtung der
Lehrmeinungen der Väter des 5. Jahrhunderts liefert
dafür ein fchlagenden Beweis. In dem ganzen Werke
ift mir nur eine einzige Stelle (von vier Zeilen) aufgefallen
, wo der Verf. das religiöfe Motiv, welches Cyrill
beftimmte, geftreift hat (S. 87: ,Clare Cyrillus cognoscebat,
per talttn doctrinam pemtus tollt incarnationis dginitatem
et fructus redemptioms et valorem infinitum, quod Christi
sacrificio ob vnfinitam dignitatem personae offerentis et hostiae
oblatae inestt), obfchon es nicht richtig präcifirt ift; fonft
wird überall in der naivften Weife als der letzte und
principielle Irrthum der Antiochener ihr Unvermögen
Dezeichnet, zwifchen ,Natur' und ,Perfon' zu unterfcheiden
(f. z. B. S. 21. 84 etc.). Ich kann es mir nicht verfagen,
eine Stelle hierherzufetzen, die am deutlichften fpricht.
Bertram fagt von Theodor von Mopsuefte: Manifesto
declarat, simile vel idem esse perfectam naturam et perfecta
111 persona 11/. Confitndit ergo duos hos ordines, quos in
ontologia bene distingui oportet. Nam perfecta aliqua natura
est, si omnes illas realitates in se continet, quae ad

taleiu naturam constituendam requiruntur. Perfecta vero
hypostasis vel persona est sola illa perfecta natura, quae
ita in se et per se substilit, ut in ordine ontologico {et logico)
ultimum subjectum sit. Ergo naturae vax designat, quid
sit aliqua res, vel cssentiam vel quidditatem; hypostasis
vero ntodum metaphysicum existendi monstrat. Ex quo
patet, ad notionem perfectae naturae ntodum ülton perfecta m
existendi non requiri. Hac in re erravit Mopsucs-
tenus, et haeresis perniciosa ex hoc errore nata
est'. Welch' ein quid pro quo! Die Unkenntnifs der
Terminologie, die doch ad hoc erft gefchaffen ift, um der
Scylla und Charybdis zu entfliehen, gilt als der Realgrund
für die Entftehung der Härefie. Nun aber hat fich
jene Terminologie immer erft eingeftellt, nachdem die
Kraft der religiöfen Ueberzeugung nachgelaffen hatte und
manftumpfund müde genug geworden war, um ein begriffliches
Myfterium an der Stelle eines höchft concreten
Myfteriums (Monophyfitismus) oder einer relativ klaren
religiöfen Einficht (Neftorianismus; zu vertragen. Im
Grunde alfo wird bei jener katholifchen Dogmenkritik
den älteren Vätern ihr lebendigeres religiöfes Intereffe
; zum Vorwurf gemacht. Die Dogmengefchichte hört
auf Dog m e n gefchichte zu fein und wird zur Ent-
hüllungsgefchichte der fcholaftifchen Terminologie, und
das ift fie in der That fchon im Banne der katholifchen
! Theologie geworden. Vestigia terrent!

Ein gefichertes Urtheil über die Chriftologie Theo-
doret's und über die äufserlichen Wandelungen derfelben
abzugeben, ift bei der Fülle der Urkunden, die zu Gebote
flehen, keine fchwierige Aufgabe. Theodoret hat den
Lehrtropus, den er am fchärfften gegen Cyrill zum Ausdruck
gebracht hat, niemals wirklich preisgegeben oder
modificirt, und feine Lehrweife ift ftets der des Theodor
verwandter geblieben als der des Cyrill. Er hat fich
aber um des Friedens willen zur Vorficht in der Ausdrucksweife
bequemt — es war dies um fo leichter, als
es bis z.J. 451 eine chriftologifche Orthodoxie im ftrengften
I Sinne überhaupt nicht gegeben hat — und hat fchliefs-
1 lieh in der Verurtheilung des Neftorius in aller Form
j das Opfer feiner Ueberzeugung gebracht. Wir empfinden
J bei ihm diefes Opfer peinlicher, weil feine Perfönlichkeit,
foweit wir zu fehen vermögen, fich zu ihrem Vortheil aus
dem Haufen der Bifchöfe des 5. Jahrhunderts abhebt.

Für eine kritifche Gefchichte des chriftologifchen
Dogmas im Bereiche des antiochenifchen Patriarchats
ift jetzt im 2. Bande der ausgezeichneten Publication von
I Swete (, Theodore of Mopsuestia') ein Theil des Materials
j trefflich bereitet. Die Chriftologie des Theodor ift die
Chriftologie des Paulus von Samofata, ausgeprägt im
Gegenfatz zu Apollinarios und mit fchuldiger Rückficht
auf die Lehrordnung des Nic.änums. Dafs aber die
Chriftologie des Samofateners keine Neuerung in den
orientalifchen Kirchen gewefen ift, zeigen am beften die
Acta Archelai, deren Verfaffer nicht anders gelehrt hat als
der antiochenifche Metropolit.

Giefsen. Adolf Harnack.

; Dammann, Dr. A., Kulturkämpfe in Alt-England. Gefchicht-
liche Darftellung. 2. Tl. Leipzig, Baenfch, 1883.
(IX, 110 S. 12.) M. 1. 60.

Das Büchlein erfcheint als .zweiter Theil', weil ihm
vor zwei Jahren eine Reihe .kurzer Hand gedruckter'

[ Vorträge des Verfaffers über denfelben Gegenftand voraufgegangen
ift, der nun dies Büchlein, ,die Gefchichte

1 der chriftlichen Kirche in England von ihrer Gründung

j an bis zur Reformation in fortlaufender Zeitfolge' vor-

| führend, ergänzend fich zur Seite ftellt.

Die Vorträge des erften Theiles waren ,vor einem

i gemifchten Zuhörerkreife' gehalten; ein entfprechendes
Publicum fucht offenbar diefe fortlaufende Darfteilung,

[ ein Publicum, das theils Neues erfährt, wenn von Con-
ftantin erzählt wird, dafs er das Chriftenthum zur Staats-