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Ausgabe:

1883 Nr. 23

Spalte:

546-547

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ledderhose, Karl Friedrich

Titel/Untertitel:

Dr. martin Luther, nach seinem äußeren und inneren Leben dargestellt 1883

Rezensent:

Enders, Ernst Ludwig

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 23.

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64—151): ,Die deutfcheKirchenliederdichtung vor Luther
und von Luther, fowie der letzteren weitere Segensfrucht
'. Hoffmann's v. Fallersleben bekannte Schrift
einerfeits, andererfeits Köftlin's grofse Lutherbiographie,
Koch-Lauxmann, Gefch. des evang. Kirchenliedes (bef.
Bd. VIII) und Fifcher's Kirchenlieder-Lexikon haben eine
Fülle von intereffanten Nachweifungen, und hier finden
wir das Wefentliche entfprechend dem Zweck des Buches
zufammengeftellt. Es fällt übrigens auf, dafs unter den
erften Drucken von Luther's Liedern das Erfurter Enchiri-
dion in feinen zwei Redactionen 1524 gar nicht genannt ift,
ebenfo wenig die ,Geiftlichcn Lieder' von 1531 und 1535;
dafs das Gefangbuch von 1529 ohne jede Notiz als vorhanden
angenommen (S. 79); dafs durch das ganze Buch
der Name von Valentin Babft fälfehlich Bapft gefchrieben
wird. Eine gröfsere Reihe kleinerer Verfehlen erklärt
fich wohl daraus, dafs Fifcher's Kirchenlieder-Lexikon
mit allzuwenig Kritik — die überhaupt des Herrn Verf.'s
fitarke Seite nicht ift — benutzt ward, bis auf die .Chorknaben
' bei dem Liedc: .Erhalt uns, Herr, bei deinem
Wort' und auf den Geh.-Rath im Cultus-Minifterium
Schneider; der verehrte Herr Herausgeber von Luther's
Liedern 1856 ift nie im Cultus-Minifterium gewefen, er
ift Regierungs-Schulrath in Schleswig. — Die lateinifchen
Verfe Luther's find im Original und in einer Ueber-
fetzung mitgetheilt, die den Herrn Verf. auch als tüchtigen
Lateiner kennzeichnet. Ein kleiner Lapsus ift dem Herrn
Verf. übrigens S. 221 begegnet; zu dem Hexameter
Luther's: Luchts, anguilla et leo, serpens, femina, catus
wird die Anmerkung gefetzt: ,catus der Kater, ein cätus
giebt's im Lateinifchen nicht!' Dürfte wohl ein Irrthum
fein: cätus ift kein Subftantiv, fondern ein Adjectiv und
heifst gewitzigt, gefcheit, dagegen cätus oder cattus
heifst der Kater, und Luther hat Recht! — Mit dem
Kater wollen wir jedoch nicht fchliefsen, da das Wort
weder unferer Empfindung bei Beendigung der Lefung
des Buches, noch unferem Wunfche für den Herrn Verf.
beim Rückblick auf fein vollendetes Werk entfpricht.
Wir fchliefsen vielmehr mit der warmen Anerkennung
des vielen Vortrefflichen, was uns in dem Buche von
Schi, gegeben wird und dem herzlichen Wunfeh, dafs
die gebildeten Kreife, denen es geboten ift, einen reichen
und gefegneten Gebrauch davon machen mögen.

Marburg. Achelis.

Martin Luther als deutscher Classiker in einer Auswahl
feiner kleineren Schriften. 3. Bd. Mit einer Zeittafel
des Lebens und der Schriften Luthers, nebft Sach-
regifter zu Bd. 1—3. Homburg v'd. H., Heyder &
Zimmer, 1883. (XXVIII, 440 S. gr. 8.) M. 4. —; geb.
M. 5. —

Wir müffen es als einen glücklichen Gedanken bezeichnen
, Luther auch einmal mit befonderer Berück-
fichtigung feiner literaturgefchichtlichen Bedeutung vorzuführen
. Die Verdienfte, welche er durch feine Bibel-
überfetzung fowie durch feine fonftigen Schriften fich
um die Entwicklung und Ausbildung der deutfehen
Sprache erworben hat, find ja wohl allbekannt, felbft
von Katholiken — mit Ausnahme der modernen Heifs-
fporne — anerkannt, und wenn diefe Letzteren in einer
fogenannten Gefchichtfchreibung auch felbft diefen Vorzug
an ihm zu bemäkeln und abzuftreifen verfuchen, um
fo&zu fagen kein gutes Haar an ihm zu laffen, fo dürfte
gerade hier am allererften ihre ganze Arbeit als verlorenes
Liebesmühen fich herausftellen: das Bewufstfein
davon, was Luther für unfere Sprache gethan, fitzt eben
doch einmal zu feft. Und dafs es nicht etwa ein Vor-
urtheil ift, das fich feftgefetzt hat, fondern dafs die allgemeine
Anfchauung auf Wahrheit beruht, davon kann
fich Jeder überzeugen, der diefe 3 Bändchen einer auf-
merkfamen Lectiire unterziehen und etwa Gleichzeitiges,

fei es von Freund oder Gegner, damit vergleichen will.
Freilich, wir wiffen, dafs wir an Luther noch mehr haben.
Nicht blofs an dem frifchen, hinreifsenden, gewaltigen
Schwung, womit er die Sprache zu gebrauchen verfleht,
haben wir unfere Freude, fondern auch an dem gefunden
und wahrhaftigen Inhalt wird unfer Herz erhoben.

Die Anthologie, welche uns hier in gut getroffener
Auswahl dargeboten wird, gliedert fich in den 3 Bänden
nach den Rubriken: Luther als Dichter und Claffiker
im engeren Sinne des Wortes, Luther als Reformator,
und Luther als Lehrer des deutfehen Volkes. Der uns
zur Bcfprechung vorliegende Band 3 enthält neben

1 kleineren, fragmentarifchen Mittheilungen und verfchie-

I denen Schriften, mehrere gröfsere in faft vollftändiger
Wiedergabe, die mit zu dem Ausgezeichnctften gehören,
was Luther gefchrieben hat, fo z. B. feinen köftlichen
,Sermon von guten Werken' 1520. — Diefem letzten Band
ift neben einem genauen Sachregifter zu den 3 Bänden
auch eine wohl Manchem willkommene Zeittafel von
Luther's Leben und eine andere von feinen in die
Sammlung aufgenommenen Schriften beigegeben. Ein-

j geleitet wird er durch eine Anzahl zeitgenöffifcher Aus-
fprüche über Luther's Bedeutung, ähnlich wie Bd. I eine
folche über Luther's literarifche Bedeutung in Urtheilen
Späterer vorausgeht. Unter dem Vielen, was das Jubiläumsjahr
uns über und von Luther bringt, glauben
wir diefe Anthologie einer befonderen Beachtung

I empfehlen zu können.

Oberrad. L. Enders.

Ledderhose, Karl Friedr., Dr. Martin Luther, nach feinem
äufsern und innern Leben dargeftellt. Zum 4oojähr.
Geburtstage Luthers. 3. Aufl. mit dem Bilde Luthers
in Lichtdruck. Karlsruhe, Reiff, 1883. (X, 431 S. 8.)
M. 2. —

Sein bereits 1835 bearbeitetes Leben Luther's liefs
I der Verfaffer zum Jubiläumsjahr in 2. Aufl. erfcheinen,
welche durch zahlreiche Beitellungen fchon vergriffen
war, noch ehe fie ausgegeben werden konnte, fo dafs man
j genöthigt war, alsbald eine 3. Aufl. zu veranltalten, welcher
mittlerweile die 4. gefolgt ift. Diefer Erfolg des Werkes
läfst fchon vorausfetzen, dafs der Verf. für einen grofsen
Theil des Publicums mit feiner Arbeit das Richtige getroffen
haben wird. Und es ift in der That fo! Nicht ein
gelehrtes, fondern ein zur Erbauung für das Volk be-
ftimmtes Werk foll es fein; dem Lefer foll klarwerden,
dafs man mit Recht von Luther gefagt hat, dafs er eigentlich
der Apoftel Deutfchlands fei. Das find die Gefichts-
punkte, welche der Verf. felbft in der Vorrede für die
Beurtheilung feiner Arbeit an die Hand giebt, und diefen
Normen entfpricht fie auch im vollften Mafse. Man könnte
j ihn nach mehr als einer Seite hin den Mathefius des
19. Jahrhunderts nennen. — Im Vorwort bezeichnet der
Verf. felbft die neue Auflage als eine ,verbefferte und
vermehrte'; wie weit dies der Fall, können wir nicht
beurtheilen, da die erfte Auflage uns nicht zu Gebote
fteht. Doch wird der Verf. für eine etwaige weitere
I Auflage fowohl in Bezug auf Präcifion des Stils wie auf
| Richtigkeit der Thatfachen hie und da noch beffernde
Hand anlegen müffen. Von Beidem nur Ein Beifpiel!
S. 128 heifst es von Heinrich VIII.: ,Er hatte fieben
Frauen nach einander geheirathet und mehrere derfelben
hinrichten laffen'. Da der Verf. mit feiner Erzählung
beim Jahre 1521 fteht, fokann man diefen Satz grammatifch
[ nicht anders auslegen, als dafs die fiebenmalige Ver-
heirathung fchon vor 1521, noch ehe Heinrich ein Gegner
der Reformation geworden, ftattgefunden habe. — S. 176 begegnen
wir dem, wie es fcheint, bei den populären Lutherbiographen
unausrottbaren Fehler, dafs Barth. Bcrnhardi
aus Remberg der erfte verheirathete Priefter gewefen fei.
— Bei aller Vortrefflichkeit ift alfo, wie bemerkt, bei