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1883 Nr. 2

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34-37

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Nonni Panopolitani paraphrasis s. evangelii Johannei 1883

Rezensent:

Bertheau, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 2.

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ber Umbildung derfelben vorgetragen habe, derzufolge
auch die Engel aus Vermittlern des Gefetzes nach Gal.
3, 19 (.vgl. S. 71 f. 419 f.) anftatt, wie bei den Irrlehrern,
zu activen Verföhnungsmittlern (S. 271 f.), umgekehrt zu
paffiven Verföhnungsempfängern werden (S. 269 f.), die
Gläubigen aber durch ihre Rechtfertigung im Urtheile
Gottes mit den Engeln, den angeblichen ,Heiligen im
Lichte', auf die gleiche Linie zu flehen kommen (S. 191 f.).
Bezüglich der vermehrten Unterfcheidung eines im Tode
Chrifti begründeten fühnenden und eines in feiner Auf-
erftehung wurzelnden ausföhnenden Actes Gottes (S.
278 f.) fei wieder nur auf Hilgenfeid's Entgegnung ver-
wiefen. Dafs aber der Zufammenhang von 2, 14—16
durch den mittleren Vers mit feinem angelologifchen Inhalt
, den ich daher der Interpolation zuwies, unterbrochen
wird, findet auch bei Klöpper volle Anerkennung (S.
425 f.); doch fcheint es mir fehr fraglich, ob diefem
Uebelftande durch die völlig neue Deutung von 2, 15 abgeholfen
wird, wonach hier von ,vorchriftlichen Engeln'
|S. 221), von ,Schutzengeln des Judenthums' (S. 450) die
Rede wäre, welche zuvor das Gefetz gegeben, dasfelbe
aber in der Folge mit Willkür und Härte gehandhabt
hätten, daher jetzt in Folge der Aufhebung des Gefetzes
im Tode Chriiti ihres Auffeheramtes entfetzt, der mifs-
brauchten Macht entkleidet, alfo gleichfam entwaffnet
und in ihrer Actionsfreiheit befchränkt erfcheinen würden
S. 72. 427 f. 430. 442 f.). Andererfeits wird die Vorftcl-
lungswelt des Kolofferbriefes derjenigen der Hauptbriefe
einigerrnafsen gewaltfam conformirt, wenn die Abfolutheit
da des 1, 27 den Heiligen geoffenbarten Geheimnifses
iS. 329 f. 332 f.), dort des 1, 16 gefleckten Weltzieles in
Chriftus (S. 225 f.) in Abrede geftellt, oder wenn die
Feindfchaft 1, 21 nach Rom. 5, 10. II, 28 (S. 284 f.
298 f. Vgl. das Richtige bei PIT ei derer: Paulinismus,
S. 381), die eixtüf 1, 15 nach 2 Kor. 4, 4 erklärt (S. 204),
überhaupt die metaphyfifche Bedeutung der chriftolo-
gifchen Ausfagen 1, 19. 2, 9 in Abrede geftellt wird (S.
249. 390). Die Annäherung von 2, 14 an die vofiov
uetuifwig, des Hebräerbriefes wird ausdrücklich bemerkt
(S. 418), aber die meines Erachtens unvermeidliche Folgerung
aus 2, 17 (gefetzliche Gebräuche als ama tvjv

örriov, unpaulinifche Verwendung des Wortes fftofitt
im Sinne des Real-Subftantiellen) mit einigen höhnifchen
Bemerkungen (S. 441, im felben Tone wie S. 113. 118)
abgelehnt (S. 436. 439 f.).

Ich kenne überhaupt kein paulinifches Schriftftück,
welches fo angelegt wäre, dafs es in einem erften Theile
feinen ganzen Inhalt in nute, zugleich aber nur fo ,keimartig
' und ,gedrungen' giebt, dafs weitere Abfchnitte
nöthig werden, um den erften überhaupt auslegbar erfcheinen
zu laffen (S. 123). Denn Letzteres müfste man
von 1, 9—23, nach des Verf.'s Urtheile dem ,Kern' des
Briefes (S. 305), durchaus behaupten. Ich wenigftens
vermag hier eine .lichtvolle dogmatifche Auseinanderlegung
' (S. 115) am wenigften zu finden, wohl aber im
Uebermafse jene .äufserft fchwierige und gedrungene Gedankenentwickelung
', welche der Verf. mit Recht dem
ganzen Sendfehreiben vindicirt (S. 119). Dafs z. B. das
fo Hörende r<(c rtiatstog 2, 12 eher eine Reminiscenz aus
Eph. 1, 19. 20 darfteilen, als dazu da fein wird, das Mit-
auferwecktfein der Lefer gegen die Möglichkeit einer
leibhaftigen, allzu realiftifchen Auffaffung ficher zu ftellen
(S. 30. 407}, deutet der Verfaffer felbft an, wenn er die
griffige Bedeutung von fftvtfamrtolTjoev im folgenden
Verfe ,felbftverftändlich' findet (& 410). So wird es alfo
erlaubt fein, jenen Zufatz zur Interpolation zu fchlagen,
wie es auch überhaupt immer Gefchmacksfache bleiben
wird, ob man in der Vorliebe für Decompofita u. f. f. und
in Häufungen von finnverwandten Ausdrücken wie z. B.
in den fchon oben befprochenen Verfen 1, 11. 12 etwa
die .ganze Energie diplomatifch genau markirender Ausdrücke
' (S. 348) bewundern oder vielmehr richtiger jene
,antithetifch-plerophorifche Sprachweife' wiedererkennen

will, ,die in unferem Briefe vorherrfchend ift' (S. 399),
im Epheferbrief aber fogar die Alleinherrfchaft führt.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Nonni Panopolitani paraphrasiss.evangelii Joannei. Edidit
Augustinus Scheindler. Accedit s. evangelii textus
et index verborum. Lipsiae 188r, Teubner. (XL, 331
S. 8.) M. 4.50.

Diefe Ausgabe der Nonnifchen Paraphrafe des Evangeliums
Johannis darf der Beachtung der Theologen nicht
entgehen. Während bekanntlich vom J. 1501 an bis ins
fiebzehnte Jahrhundert hinein eine grofse Anzahl immer
neuer Abdrücke der Paraphrafe erfchienen, blieb fie faft
zwei Jahrhunderte hindurch, foviel uns bekannt ift, ungedruckt
. Im J. 1834 gab dann Nicolaus Bach aus dem
Nachlafs von Franz Paffow (gelt, am II. März 1833)
eine neue Ausgabe (Leipzig bei Vogel) heraus, von
! welcher Gottfried Hermann in einer fehr werthvollen
Anzeige derfelben (in Ludwig Chriftian Zimmermann's
Zeitfchrift für die Alterthumswiffenfchaft, I. Jahrgang,
Giefsen, 1834, Sp. 987 bis 1002) urtheilte, dafs fie ,mehr
ein zur Kritik brauchbarer Apparat, als eine Recenfion
zu nennen' fei (Sp. 990 u. 1002). Doch blieb man auf
diefe Ausgabe angewiefen, da die beiden feitdem er-
fchienenen wenigftens in Deutfchland nicht leicht zugänglich
waren. Diefe beiden Ausgaben find die in Trieft
1856 erfchienene von Maniarius, welche nach Scheindler
p. XXXV nur ein Abdruck der von Bordatus (Paris 1561)
beforgten ift, und die vom Grafen Marcellus (geb. 1795,
geft. 1865) herausgegebene. Diefe letztere erfchien nach
Scheindler a. a. O. Paris 1860, aufserdem aber auch mit
daneben flehender franzöfifcher Ueberfetzung in Profa
Paris bei Firmin Didot Freres 1861 (XV u. 355 S., 12.
j wie klein 8.). Marcellus fcheint bei feiner Ausgabe nur
I den in der Paffow'fchen veröffentlichten kritifchen Appa-
j rat benutzt zu haben, hat aber an zahlreichen Stellen
I eigene Conjccturen in den Text aufgenommen, über welche
er in Anmerkungen (S. 307 ff. der Ausg. mit Ueberf.)
Rechenfchaft giebt; nur ein kleiner Theil diefer Conjec-
1 turen erhält (wie auch mehrere der von Gottfr. Her-
[ mann a. a. O. und von anderen fchon vorgcfchlagenen)
durch Lesarten der jetzt für Scheindler's Ausgabe verglichenen
Handfchriften eine willkommene Betätigung,
j die meiften werden als zu gewagt oder als unnöthig anzufeilen
fein.

Während nun Paffow feiner Ausgabe nur den Text
der Aldine vom J. 1501 (nicht 1511, wie bei ihm pag. IX
fteht) und eine Vergleichung des codex Palatinos, (aus
i welchem auch die Aldine flammt, vgl. Scheindler
! p. XXXIV), welche Friedrich Sylburg für feine Ausgabe
vom J. 1596 vorgenommen hatte, zu Grunde legen konnte
! und im Uebrigen auf die Verbefferungen der verfchie-
; denen Herausgeber und folcher Gelehrten, die fich fonlt
j gelegentlich mit der Paraphrafe befchäftigt hatten, wie
Friedr. Aug. Wernicke, angewiefen war, (landen Scheind-
j 1er aufser einer neuen Vergleichung des Palatinus die
I Lesarten von fünf weiteren Codices zu Gebote. Von
diefen find der Laurentianus, Vaticanus, Moscovienfis und
Marcianus für ihn von anderen verglichen worden, wäh-
! rend er den Parifinus, den werthlofeften, felbft verglichen
! hat. Der belle diefer Codices, zugleich der ältefte, der
! Laurentianus, aus dem II. Jahrb., enthält die Paraphrafe
nur bis VIII, 113, alfo noch gut 300 Verfe weniger als
die Hälfte; der Moscovienfis reicht bis IV, 54; die übrigen
fcheinen vollftändig zu fein. Ueber diefe Codices
j giebt Scheindler in der Einleitung einen ausführlichen
1 Bericht, dem wir auch diefe Angaben entnommen haben,
j und weift dann namentlich nach, wie fie alle aus einer
I verloren gegangenen Handfchrift Hammen und in welchem
| Verwandtfchaftsverhältnifse fie zu einander flehen. Aufser
j diefem reichen handfehriftlichen Apparat konnte Sch.