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Ausgabe:

1883 Nr. 22

Spalte:

507-511

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

The Mishnah, on which the Palestinian Talmud rests 1883

Rezensent:

Schürer, Emil

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507 Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 22. 508

und der Geftaltung des Textes (S. 86 ff.). Bei aller j die nicht mehr auf der Zeile Platz hatten, über diefelbe

gefchrieben find. Selbftverfiändlich find auch alle Randbemerkungen
und etwaige Correcturen genau angegeben.
Auf alle irgendwie bemerkenswerthen, vom Vulgärtext
abweichenden Lesarten wird durch einen Afteriscus auf-
merkfam gemacht, der auf die überall unter dem Text
flehende Bemerkung ,fo fleht in der Handfchrift' (sonp

Schlauheit, mit der der Fälfcher den Schein etwa des
8. Jahrh. wahrt — fo durch die Art, wie er Anfpielungen
an das Exil, Unterbrechung des Textes durch Erzählungen
, Inconfequenzen, wie das "iff "OJ>3 (4, 47), vermeidet
— paffiren ihm doch auch recht arge Verftöfse.
So reicht z. B. fchon die fcharffinnig von Guthe aufge-

fpürte confufe Verwendung der Interpolation 9, 22 ff. -pfl noSnsa) hinweift. Auch fonfl giebt der Herausgeber

zum Erweife der Eälfchung aus, von Dingen, wie Slfl
für Sin und fnbs BnbS (nmi erfcheint nur in der
Ueber- und Unterfchrift), ganz zu gefchweigen. Kurz —
das Unzulängliche, hier wird's Ereignifs! — Wenn Guthe
fchliefslich bezweifelt, dafs die Handfchrift im Sommer
1883 zum erften Mal die Reife über das Mittelmeer gemacht
habe, fo ift diefer Zweifel ficher berechtigt. Nach der
Ueberzeugung des Referenten ift der Plan zu diefer
Handfchrift gefafst, ehe noch der Topfhandel (1876) ein
jähes Ende nahm. Zu Stein und Thon follte fich nun
auch Leder gefellen; im weiteren Verlauf hätten wir
ficher auch noch moabitifchen Papyrus und fchliefslich
Mafchinenpapier bekommen. Den Wunfeh darf man aber

unter dem Text häufig kritifche Bemerkungen in hebrä-
ifcher Sprache. Der Text felbft ift mit fog. rabbinifcher
Schrift gedruckt; für die Ueber- und Unterfchriften und
die Bezifferung ift etwas gröfsere gewöhnliche Quadrat-
fchrift gewählt, wodurch das Ganze fehr überfichtlich wird.

Die Handfchrift umfafst die ganze Mifchna ohne
Commentar. Die Handfchrift felbft ift lückenlos; der
Text hat, foviel ich gefehen habe, nur an einer Stelle,
am Schlufs des Tractates Kiddufchin (fol. iOOb) eine
Lücke, welche dadurch entftanden ift, dafs der Schreiber
von feiner Vorlage aus Verfehen ein Blatt überfchlagen
hat. Der Text ift über die ganze Breite einer Seite
(ohne Columnenabtheilung) gefchrieben. Hier und da,

nach allen gemachten Erfahrungen doch ausfprechen, jedoch nur feiten, find einzelne Worte vocalifirt. Die
dafs fich Herr Schapira die Beduinen, die ihm folche Benennung und Anordnung der Tractate ftimmt im

Funde bringen, künftig etwas genauer anfieht, ehe fie
für immer verfchwinden!

Tübingen. Kautzfeh.

The Mishnah, on which the Palestinian Talmud rests. Edited
for the syndics of the University Press from the
unique manuscript preserved in the University Library
of Cambridge Add. 470, 1 by W. H. Lowe,
M.-A. Cambridge, University Press, 1883. Auch mit
hebräifchem Titel. (8, 500 S. gr. 8.)

Der hohe Werth diefer Publication bedarf für den- J Perakim, fondern auch deren Unterabtheilungen, die
jenigen keiner Erläuterung, der den verwahrloften Zuftand j Mifchnijoth oder wie fie hier heifsen, die Halachoth,
der meiden rabbinifchen Texte, infonderheit auch des ! durch Zwifchenräume im Text hervorgehoben und begedruckten
Mifchna-Textes einigermafsen kennt. Meines ziffert. Die Zahl der Perakim ift fad durchweg diefelbe
Wiffens ift für keine der Mifchna-Ausgaben, die im | wie in den gedruckten Ausgaben, diejenige der Halachoth
häufig gröfser. Im Tractat Abotli find innerhalb
der Perakim keine Unterabtheilungen gemacht oder die-
felben wenigdens nicht beziffert.

Grofsen und Ganzen mit derjenigen in den gedruckten
Ausgaben (welche in diefer Hinficht auch unter fich
z. Th. differiren) überein. Als bemerkenswerth hebe ich
hervor, dafs der Tractat vom grofsen Verföhnungstag
nicht Jovia fondern Kippurim heifst, der erde unter
den eherechtlichen Tractaten nicht Jebamoth fondern
Naschim, und dafs die drei civilrechtlichen Tractate
Baba kamma, mezia und bathra hier noch als ein
Tractat unter dem Titel Nesikin erfcheinen, der infolge
deffen dreifsig Perakim umfafst; doch werden die drei
Abtheilungen desfelben bereits bemerklich gemacht.
Innerhalb der einzelnen Tractate werden nicht nur die

Laufe der letzten Jahrhunderte gedruckt worden find,
irgend eine Handfchrift verglichen worden. Die Drucker
und Verleger nehmen für ihre Ausgaben in der Regel

irgend einen beliebigen Druck als Vorlage; und man Der Herausgeber bezeichnet den Text unferer Handdarf
froh fein, wenn ihnen der Zufall nicht gerade den I fchrift als denjenigen, welcher dem paläftinenfi

fchlechteften in die Pland gefpielt hat. Es ift hohe
Zeit, dafs endlich einmal auch auf diefem Gebiete
etwas zur Herftellung befferer Texte gefchieht. Für die
Mifchna ift nun mit der vorliegenden Publication wenig-
ftens ein fehr werthvolles Hülfsmittel für eine künftige
kritifche Ausgabe gegeben. Allerdings noch nicht mehr
als diefes. Denn es wird hier nur eine, wenn auch
fehr werthvolle Handfchrift, in correctem Abdrucke
vorgelegt. Die Handfchrift ift im Befitze der Univer-
fitätsbibliothek zu Cambridge, und ift diefelbe, aus
welcher Taylor vor fechs Jahren den Tractat Pirke
Aboth herausgegeben hat {Sayings of the Jewisk Fathers,
comprising Pirqe Aboth and Perek R. Meir, ed. by Charles
Taylor, Cambridge 1877; vgl. die Anzeige in der Theol.
Lit.-Ztg. 1877, 415). Der jetzige Herausgeber der ganzen
Handfchrift, W. H. Lowe, Hebrew Lectarer at Christ's
College, Cambridge, ift feiner Aufgabe offenbar in vollem
Mafse gewachfen. Soweit ohne Vergleichung der Handfchrift
ein Urtheil überhaupt möglich ift, darf man fagen,
dafs die Ausgabe eine überaus forgfältige und correcte
ift. Der Herausgeber hat den Grundfatz verfolgt, die
Handfchrift möglichft getreu wiederzugeben. Der Druck
fchliefst fich Seite für Seite und Zeile für Zeile genau
an die Handfchrift an, fo dafs alfo die 250 Blätter des
gedruckten Textes genau den 250 Blättern der Hand

fchen Talmud zu Grunde liegt. Der Mifchna-Text
des jerufalemifchen und des babylonifchen Talmud
unterfcheiden fich nämlich bei aller wefentlichen Ueber-
einftimmung doch in vielen Einzelheiten, namentlich in
der Orthographie, von einander, fo dafs fie als zwei
verfchiedene Recenfionen desfelben Textes zu betrachten
find. Und unfere Handfchrift giebt eben im Wefentlichen
die Recenfion des paläftinenfifchen Talmud. Wenn
aber der Herausgeber die Cambridger Handfchrift als
die einzige diefen Text enthaltende Handfchrift bezeichnet
(dies follen doch wohl die Worte auf dem Titel
befagen), fo ift dies fchwerlich richtig. Ich glaube nicht
zu irren, wenn ich behaupte, dafs auch der cod. de Rossi
138 denfelben Text in derfelben Güte darbietet. Ich
habe freilich, als ich die Handfchrift vor 1—2 Jahren
in der Hand hatte, mir nur unter gewiffen Gefichts-
punkten Notizen gemacht. Aber foweit diefe Notizen
reichen, ftimmen die charakteriftifchen Eigenthümlich-
keiten der Cambridger Handfchrift mit denjenigen des
cod. de Rossi 138 überein; und ich vermuthe, dafs der
letztere ein mindeftens ebenbürtiger Concurrent der
Cambridger Handfchrift ift.

Der Text einer einzelnen Handfchrift ift immer nur
ein einfeitiger Zeuge und immer nur von relativem Werth.
Die Cambridger Handfchrift kann auch nicht etwa für

fchrift entfprechen. Alle Einzelheiten des Textes find ! den Mifchna-Text diefelbe Bedeutung beanfpruchen, wie
möglichft genau im Druck nachgeahmt; namentlich z. B. der Vaticanus für das Neue Teftament. Im Ver-
auch, wo am Schlufs einer Zeile einzelne Buchftaben, | gleich mit dem gedruckten Vulgärtext bietet aber die