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Ausgabe:

1883 Nr. 21

Spalte:

497-498

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wegener, Wilh.

Titel/Untertitel:

Was können wir thun, um diejenigen, welche bei religiös-sittlichen Ernst doch den kirchlichen Aufgaben der gegenwart fern bleiben 1883

Rezensent:

Rade, Martin

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Seite 1

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497

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 21.

498

Als Anhang werden fechs recht dankenswerthe Beilagen
gegeben; weshalb jedoch Beilage 2 und 6 in
urfprünglicher, die anderen vier Beilagen in moderner
Schreibart abgedruckt feien, ift nicht erfichtlich. Die
Correctur hätte forgfältiger fein können: aufser zahlreichen
Druckfehlern würden dann auch eine Reihe von
Inconfequenzen in der Schreibung der Namen, z. B.
Rhegius und Regius, Ringwaldt und Ringwald, Joh. Arnd
undJoh. Arndt, vermieden worden fein. — Es ift des Referenten
Wunfeh, dafs die zur Sprache gebrachten Aus-
ftellungen dazu dienen mögen, die mühfame Arbeit in
den folgenden Bänden noch werthvoller zu machen.
Marburg. Achelis.

Wegener, Superint. Wilh., Was können wir thun, um diejenigen
, welche bei religiös-fittlichem Ernft doch den
kirchlichen Aufgaben der Gegenwart fern bleiben,
für diefelben zu gewinnen? Vortrag, gehalten in Berlin

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am 22. Mai 1883. Halle, Strien, 1883. 25 b. gr. 0.) 1 ' . n °, c ,__. ™ . r . . . & ..

J ' J ? 0 ,wuftenden Seuche der Skepfis fiegreich begegnen wollt

wenden, und um die handelt es fich hier nicht. Auch
wenn auf die Lutherfeier als die unvergleichliche Gelegenheit
hingewiefen wird, den religiös-fittlichen Ernft,
welcher der Kirche fich fernhält, zur kirchlichen Mit-
arbeiterfchaft zu beleben, fo reducirt fich diefer wie alle
anderen Vorfchläge des Verf.'s auf einen kräftigen Appell
an die evangelifchen Geiftlichen, ihre Pflicht zu thun.
Aber wenn man uns denn keine neuen Waffen reicht,
einen frifchen Trunk können wir auch wohl brauchen.

Schönbach. Rade.

Bolliger, Privatdoc. Dr. Adf., Anti-Kant oder Elemente
der Logik, der Phyfik und der Ethik. 1. Bd. Bafel,
Schneider, 1882. (VI, 407 S. gr. 8.) M. 8. —

,Wir müffen Kant vergeffen lernen'. S. 1. Z. 1. ,Wenn
,euch an der Wiffenfchaft gelegen ift, — wenn ihr wünfeht
,das Mifstrauen und die Verachtung, welche in fo weiten
,Kreifen der Philofophie entgegengebracht werden, zu
.befeitigen — wenn ihr der anfteckenden und geiftver-

M. 1. 5°- | ,wenn ihr Wohl und Weh bedenkt, die denn doch aus

Für Drucklegung diefes Vortrags würde Ref. von ,wiffenfchaftlichen Beftrebungen in breiten Strömen in
Herzen mitgeftimmt haben. Der Verf. fagt einmal von ,alles Volk abfliefsen, fo müfst ihr Kant überwinden,

feiner Partei, der Mittelpartei, dafs fie leicht zu viel ,der , ,vergeffen und ein Neues pflügen'. S. 2. .Warum ihn
inneren Vernünftigkeit ihrer Beftrebungen' vertraue — 1 ,(K.) zu einem modernen Ariftoteles oder Piaton machen,
in der That folch eine innere Vernünftigkeit darf man ,wenn das Zeug doch höchftens zu einem Protagoras
den Grundfätzen, Urtheilen und Beftrebungen nachrüh- 1 ,oder Karncades ausreicht?' S. 6. ,Er ftand ohne zu viel
men, die er zum Ausdruck gebracht hat. Er hat das 1 .Reverenz aller früheren Philofophie gegenüber — und
Evangelium, kennt und liebt fein Volk und trifft in den .wufste wohl warum. Mir imponirt fein Werk nicht
Fragen der kirchlichen Gegenwart, oft mit fchlagendem .allzufehr — und ich weifs auch warum'. Das ift deut-
Witze, den Nagel auf den Kopf. Der Vortrag ift wie liehe Rede und zugleich eine Probe des kecken, derben,
ein Programm, nur nicht fo langweilig. ,Verkirchlichung ; draftifchen, provocatorifchen Stils, in dem der Verf.
der Mafien!' was von diefer Parole zu halten, .Inftitution nicht blofs gegen Kant zum Angriff bläft, fondern auch
oder Perfon?' was von beiden am Amte die Hauptfache, den Problemen felbft zu Leibe geht. Man mufs fich
.aufserhalb der Kirche oder in der Kirche?', wo der Sieg aber dadurch nicht irritiren laffen, es find das nur die
zu gewinnen fei, und ähnliche wichtige Dinge erfahren , Accidenzien eines leidenfehaftlichen philofophifchen Erkurze
, fcharfe Beleuchtung. Eingehender wird der dop- kenntnifsftrebens. In einem theologifchen Blatt mit diefem
pelte Vorwurf geprüft, welchen die im Titel Gekenn- Buche uns zu befaffen, hat der Verf. uns dadurch Verzeichneten
gegen die Paftoren erheben, dafs fie 1. viel- anlaffung gegeben, dafs er es für eine der wichtigften
fach auf die Wiffenfchaft nicht genug, 2. auf die Politik t Aufgaben der Philofophie erklärt, der Theologie Dienfte
zu viel hielten. Hierüber fagt der Verf., betätigend ' zu leiten (S. 23). Und zwar möchte er der .neukantifchen'
und einfehränkend, wahrhaft goldene Worte. So, indem j Theologie den Garaus machen zum Heil von Religion
er die Haltung der Geitlichen gegenüber dem Darwinis- j und Theologie. .Heute blüht zur Abwechfelung — auch
mus erwägt i ,Die Kirche follte doch auf jeden Fall aus ' Neffeln und üiteln blühen ja — die neukantifche Theo-
dem, was fie mit Copernikus erlebt hat, fowohl die volle logie, welche fich dadurch qualificirt, dafs fie die Kant-
Getrotheit, wie die gröfste Befonnenheit gelernt haben'. ; ifche Lehre zu einer feten Burg des übfeurantismus zu
,Wie viel böfer Streit und wie viel heimliche Entfremdung 1 machen betrebt it. Dafs Kant . . . dem Glauben Platz
würde vermieden, wenn die volksthümlichen Lehrer, und j gemacht habe, dafs man, weil nach dem Zeugnifs Kant's
das find die der Kirche, mit aller religiös-fittlichen j d. h. der perfonificirten Philofophie, die höchten Dinge
Inbrunt die wiffenfehaftliche Ruhe verbinden'. Noch nicht erka nnt werden können, nun glauben könne
nöthiger it die Erörterung ad 2. ,Diefe Verquickung nach Herzenslut, erfcheint als ein unglaublich fchönes
preufsifchen Chritenthums mit der Politik it ein wahrer Evangelium'. Ich fürchte, die, welchen die neukantifchen
Kirchenalp'. Hat doch die Verbindung von Chritenthum Theologen hier an die Rockfchöfse gehängt werden,
und politifchem Confervatismus gerade in Preufsen, wie wollen nichts von ihnen wiffen. Und der Verf. brauchte
fie dem .ausländifchen', auch dem rheinländifchen Gate , fich wirklich nicht über fie zu echauffiren. Er meint
felbt bei dem Wittenberger Lutherfete fich fühlbar ' nämlich: ,Was wirkt, was offenbar it, dafs mufs ich
machte, eine verhängnifsvolle Verkümmerung chritlicher hören, fühlen, fehen oder auf analoge Weife irgendwie
Erkenntnifs im Gefolge, wie fehr fie auch augenblicklich factifch inne werden. Davon giebt es, wie von allem
als Mittel zur Machtgewinnung kirchlichen P"ührern fich , Empirifchen, eine Erkenntnifs. Was aber nicht wirkt,
empfehlen mag. So lange ein Nationalliberaler ein Buch j das kann ich freilich nicht erkennen, das it, wenn es
fchreiben kann wie das über ,den chritlichen Glauben Jemand durch eine mir abhanden gekommene Seelen-
und die menfehliche Freiheit' (Gotha 1880), füllten die kraft dennoch fetzt und verehrt, ein felbtgemachter Gott,
confervativen Chriten und chritlichen Confervativen vor j ein Idol. Merkt man nun nicht, dafs man Gott, indem
dem Chritenthum auch auf der andern Seite die Augen j man feine Erkennbarkeit leugnet, zu einem nicht
nicht verfchliefsen. wirkenden, zu einem Nicht-Gott macht?' Auf folche

Alles it dem Ref. aus der Seele gefprochen. Tiraden würde man gar nicht antworten, wenn der Verf.
Aber eine fruchtbare Antwort auf die etwas umtänd- nicht einen wirklich achtbaren Standpunkt verträte. Den
liehe, dafür aber auch fachlich unmifsvertändliche | weitaus gröfsten Theil diefes Bandes füllt nämlich keines-
Frage des Themas habe ich nicht gefunden. Das j wegs die Kritik Kant's, fondern die pofitive Darlegung
Defiderium it fein und fcharf ausgefprochen, aber neue der metaphyfifchen Weltanficht Lotze's, die der Verf.
Mittel zur Abhülfe werden nirgends geboten. Die freie ', durch einige Modifikationen zum Empirismus tempeln
Predigt (S. 15) wird doch mehr an die Maffen fich zu können glaubt und in anfprechender Weife ent-