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Ausgabe:

1883 Nr. 21

Spalte:

489-491

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baumstark, Reinhold

Titel/Untertitel:

Plus ultra!! Schicksale eines deutschen Katholiken 1869 - 1882 1883

Rezensent:

Ritschl, Albrecht

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 21.

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Irrthums vorgelegt, wie es ,der Evangeliencommcntar
des Theophilus von Antiochien' ift. Aber wir wollen
auch andererfeits nicht vergeffen, dafs Niemand unter
uns vor fchweren Irrthümern ficher ift, und dafs, je um-
faffender das Wiffen eines Gelehrten ift, um fo gröfser
auch die Gefahr ift, das Gewufste unrichtig zu ordnen
und zu deuten. Die Scheinbeweife, die Zahn für feine
Thcfe beigebracht hat, fetzen eine profunde Gelehrfam-
keit voraus; wer weniger wufste als der Verf., dem hätte
es fchwerlich je in den Sinn kommen können, die Hy-
pothefe, welche jener zu beweifen verfucht hat, auch
nur ernfthaft in's Auge zu faffen. Aber auch Zahn
felbft hätte es trotz feiner Gelehrfamkeit fchwerlich ge-
than, wenn er ftrenge darauf gehalten hätte, alle Tendenzen
aus feinen Unterfuchungen zu verbannen.

Die gröfsere Hälfte des 4. Heftes der ,Texte und
Unterfuchungen' enthält die Ausgabe des Textes der
Evangelien des Matthäus und Marcus aus dem Codex
Purpureus Roffanenfis durch O. v. Gebhardt. Ueber
diefe Ausgabe wird demnächft von einem unferer Herren
Mitarbeiter in diefer Zeitung berichtet werden.

Giefsen. Adolf Harnack.

Baumstark. Reinhold, Plus ultra! Schickfale eines deut-
fchen Katholiken 1869—1882. Strafsburg, Trübner,
1883. (VIII, 392 S. 8.) M. 6. -

Der Verfaffer diefer Schrift, gegenwärtig Amtsrichter
zu Achern (Baden), ift 1869 zur römifch-katholifchen
Kirche übergetreten. Wie fein Bericht über diefen Schritt
(Unfere Wege zur kathol. Kirche von R. B. und feinem
Bruder Hermann ß. 1870. 2. Aufl. 1871) ausweift, kannte
er damals nur die Schattenfeiten des Proteftantismus und
nur die Lichtfeiten des Katholicismus. Wohlthuend war
an jener Schrift die Abwefenheit aller Gehäffigkeit gegen
die von dem Convertiten verlaffeneGemeinfchaft, vielleicht
die Folge feiner Herkunft aus einer gemifchten Ehe
zwifchen Katholik und Proteftantin, und der Pietät, welche
der Sohn den Eltern unverbrüchlich bewahrt hat. Diefe
Billigkeit zeichnet ihn auch jetzt aus, und er bezeugt
felbft, dafs er von dem bekannten Convertiteneifer niemals
etwas in fleh verfpürt hat. An Luther beklagt er
die Trennung von der Kirche, erblickt aber in ihm den
wirklich grofsen und echt deutfehen Mann. Janffen's
Gefchichtfchreibung verurtheilt er als parteiifch, unwahr
, carrikirend. Ihm erfcheint es als trauriges Zeichen
für die katholifche Literatur, dafs man von deffen Buch
folches Aufheben machen kann. Die vorliegende Schrift
ift nun eine Art von Rechenfchaftsbericht über die poli-
tifche Thätigkeit, welche B. feit feiner Converfion den
Intereffen der katholifchen Kirche als Landtagsabgeordneter
in Baden und als Schriftfteller in mannigfacher
Art gewidmet, und die ihn fchliefslich von feinen bisherigen
Genoffen getrennt hat. Er giebt fleh in dem
fehr gut gefchriebenen Buch als einen Mann von Gemüth
und Aufrichtigkeit, zugleich aber als einen Idealiften
kund, der zur Parteipolitik innerlich nicht berufen, noth-
wendig in die Ifolirung getrieben werden mufste, der
aber auch fleh darüber gar nicht wundert, gefchweige
verbittert worden ift. Er ift mit dem gefammten Ultramontanismus
oder dem politifchen Katholicismus zerfallen
, indem er den religiöfen Katholicismus auf feine
Fahne gefchrieben hat. Er ift, nachdem er feine grofs-
deutfehen Ideale überwunden hat, feit 1870 ein aufrichtiger
Anhänger des Reiches, er will, dafs deffen
Politik nicht durch das Centrum gekreuzt werde, deffen
Intereffe für die Stellung der katholifchen Kirche er
nicht als den Kern jener parlamentarifchen Conglome-
ration anfleht. Er hält es nicht blofs für nothwendig
und möglich, dafs die katholifche Kirche fleh in die
Intereffen der neueren Zeit einlaffe und ihre mittelaltrigen
Mafsftäbe für Philofophie, Ethik und Politik aufgebe; er
entfernt fleh vielmehr in feinem deutfehen Selbftgefühl

| fo weit von den Mächten, die feit der Contrareformatiorr
| und dem Tridentinum in der römifchen Kirche walten,
dafs er den Jefuitenorden wegen feines fpanifchen Gepräges
für unbrauchbar achtet, und fleh gegen die Er-
I Weiterung des Amtes des Beichtvaters zu der des Seelen-
führers erklärt, welche gerade durch die Pflege der
i quietiftifchen Myftik herbeigeführt ift, die den Kern der
fpanifchen Repriftination des Katholicismus bildet. Hierdurch
aber werden wir auf das Intereffe hingeleitet, in
welchem die vorliegende Schrift fleh überhaupt dazu
eignet, an diefem Orte befprochen zu werden. — Die
Ueberzeugungen, in welchen der Verf. feinen religiöfen
Standpunkt darftellt, fchliefsen zwar eine gewiffe Ungleichheit
in fleh; allein das Hauptgewicht legt er felbft
auf folche Sätze, denen das Heimathsrecht in der römifchen
Kirche fchwerlich nachgewiefen werden kann. Auf
der einen Seite ftofsen wir auf diefe Behauptungen, die
katholifche Kirche fei Urquell und Mittelpunkt des Chri-
ftenthums (S. 39), fle fei die Erlöferin der Welt (S. 274).
Auf der anderen Seite erklärt fleh B. gegen das Inftitut
der Seelenführer deshalb, weil es die Frage nach der
äufseren Gefetzmäfsigkeit,Tadellofigkeit und Frömmigkeit
in den Vordergrund drängt, das aber, was des Menfchen
höchften, ja einzigen Werth ausmacht, die freie Selbft-
beftimmung, die Innerlichkeit, die eigentliche flttliche
Perfönlichkeit dabei zu Grunde gehen läfst. Er rügt an
der Praxis des Beichtftuhls überhaupt, dafs die äufsere
Haltung der kirchlichen Gebote mehr beachtet wird, als
die beftimmte Berufserfüllung und Pflichttreue, die Wahrhaftigkeit
in allem Thun und Reden, die innerften Beweggründe
der gefammten Lebenshaltung (S. 148). Er ftellt
diefe Grundfätze in Gegenfatz zu der Art, wie Philipp IL
von Spanien nach feiner letzten Beichte den Beichtvater
dafür verantwortlich gemacht hat, dafs feine Beichte etwa
unvollftändig gewefen fei. Diefe fpanifch-franzöflfch-
jefuitifche Tendenz, auf dem Boden des Chriftenthums
Verantwortlichkeiten zu übertragen, erklärt er für eine
Trübung des kirchlichen Dogma, in welchem fo etwas
nicht vorgefehen fei. Der Verf. hält ferner feine Berufsverpflichtung
, innerhalb deren er fein Chriftenthum
zu üben hat, fehr hoch. Obgleich er im Mönchthum
die höchften fittlichen Blüthen und das Ideal der Menfch-
heit erkennt, fo achtet er fleh für berechtigt, durch die
Hochfehätzung feiner weltlichen Berufsftellung die Verfluchung
zu überwinden, felbft in's Klofter zu gehen.
Schon in feiner Converfionsfchrift beklagt er fleh über
die unter den Evangelifchen gangbare Anfleht, dafs in
der katholifchen Kirche das Mönchthum der Stand der
Vollkommenheit fei. Er meint diefe Anficht dadurch
zu widerlegen, dafs die Ehe als Sacrament gelte. Indeffen
ift vielmehr diefes Argument durch Trid. sess. XXIV.
can. 10 ausgefchloffen. Ferner ift das ganze katholifche
Lehrfyftem darauf angelegt, dafs das Mönchthum und
nichts anderes als die chriftliche Vollkommenheit anzuflehen
ift, an welche kein weltlicher Beruf und Stand
hinanreicht. Die entgegengefetzte Anficht, welcher B.
folgt, wenn auch fo, dafs er erft einige Reverenzen gegen
das Mönchthum macht, flammt bekanntlich von Luther
her. Für Luther ift auch der Gedanke zu reclamircn,
dafs das Chriftenthum die perfönliche Selbftändigkeit und
Selbftverantwortlichkeit begründe. Die Art, wie Philipp EL
feine Verantwortlichkeit auf den Beichtvater abwälzt, ift
zwar bis jetzt noch nicht durch dogmatifche Entfcheidung
berechtigt; aber Vorausfetzungen und Analogien dazu
fchliefst das katholifche Syftem in fleh, welche das Ge-
gentheil der perfönlichen Selbftändigkeit ausdrücken, ich
meine z. B. die Schätzung der fides implicita und das
Ablafswefen. Hingegen ift im Lehrbegriff der Reformation
die perfönliche Selbftändigkeit als die praktifche
Spitze der Rechtfertigung im Glauben aufgezeigt. Auch
der religiöfe Katholicismus, den B. vertritt, ift nur zu
begreifen als Polgerung aus Luther's Grundfatz von dem
Gegenfatz zwifchen Politik und Religion. Die ganze

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