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Ausgabe:

1883

Spalte:

451-452

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Briefe aus der Hölle von *.* 1883

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Seite 1

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anderer Weife bearbeitet fein'. Dagegen lobt er die
Schulreden von Schulrath Dr. Hempel in Leipzig, von
denen er fagt: ,üe behandeln verfchiedene pädagogifche
Fragen in einfacher, anfprechender Weife meift auf bi-
blifchem Grunde mit ethifchem Zwecke'. Ganz objectiv
berichtet der Herausgeber über das Verlangen des General-
fynodalausfchuffes, dafs das 4. und 5. Hauptftück wieder
in das Penfum des Religionsunterrichts in der Volks-
fchule aufgenommen werden; es müfsten diefelben wenig-
ftens memorirt und kurz dem Wort nach erklärt werden.
Ebenfo fei eine Vermehrung der Religionsftunden von
4 auf 5, refp. 6 nothwendig.

Doch das Mitgetheilte genüge, den Standpunkt zu
zeigen, von welchem der Herausgeber feine Betrachtungen
angeftellt hat, und zugleich worauf fich die Mittheilungen
und Betrachtungen in kirchlicher Rückficht
beziehen.

In der Anordnung ift keine Veränderung gegen
früher vorgegangen. Ausführlich wird befonders über
die einzelnen Lehrerverfammlungen berichtet, mit Angabe
der Themata, die befprochen, und der Befchlüffe,
die gefafst worden find. Eine erfreuliche Thatfache ift
die immer gröfsere Theilnahme, welche die Feriencolo-
nien finden, und die Fürforge, welche man der Gefund-
heitspflege der Schüler überhaupt widmet. Die obliga-
torifchen Fortbildungsfchulen Rheinen immer allgemeiner
zu werden, ebenfo rinden die Fröbel'fchen Kindergärten
immer gröfsere Theilnahme. Der Literaturbericht von
verfchiedenen Mitarbeitern, über die einzelnen Schriften
kurz referirend, ift im ganzen ausführlich und relativ
vollftändig, fodafs es nicht fchwer ift, fich zu orientiren,
was in jedem Fache literarifch producirt worden ift.
Ebenfo ift kaum ein Land der Erde übergangen worden,
wenn auch über das Schulwefen mancher Staaten wenig
zu berichten war. Wo dagegen viel mitgetheilt werden
konnte, ift folches gefchehen, fo dafs man eine über-
fichtliche Darftellung über den Zuftand des Schulwefens
auf diefer Erde erhält.

Lang-Göns. K. Strack.

Briefe aus der Hölle von ' , *. Leipzig, Lehmann, 1883.
(VIII, 353 S. S. 8.) M. 3. -

Ein höchft merkwürdiges Buch! Der fchwefelgelbe
Umfchlag, der fchauerliche Titel mit feinen grofsen
fchwarzen und rothen Lettern, die drei, wenn auch nicht
Kreuze, fo doch Sterne, die an Stelle des Verfaffer-
namens ftehen, Rheinen es als eine pikante Eifenbahn-
lectüre zu charakterifiren. Und wenn man im Durchblättern
die Befchreibung des Zuftandes der Recenfenten
in der Hölle lieft S. IOO ff.: ,Es wimmelt hier ameifen-
artig von diefer Menfchenforte. Man flieht aber vor ihr
wie vor tollen Hunden, denn fle ift lebensgefährlich biffig
und zählt zu den fchlimmften Plagen der Hölle. Gar
oft zeigen diefe Subjecte unverkennbare Spuren nicht
von Tollwuth, fondern von Tintenwuth. Hier und da hat
man es für gut befunden, ihnen Maulkörbe anzulegen',
— fo Rheint es nicht ungefährlich, fich referirend mit
dem Buche zu befaffen.

Und doch! Man würde vollftändig fehlgreifen,
wenn man nach diefen und ähnlichen Erfcheinungen im
Aeufsern und Innern des Buches feinen Werth bemeffen
wollte. Der tieffte Gewiffensernft durchzieht die Briefe;
von dem Sterbebett des Schreibers, eines lebensluftigen
und leichtfinnigen Weltkindes, begleiten wir ihn an feinen
Ort, den vorläufigen Ort der Qual, wie Lc. 16 vom
Reichen Manne gefchrieben fteht. Ergreifend ift die
Macht der pfychologifchen Wahrheit, der inneren Noth-
wendigkeit feines Gefchickes. Die Hölle ift der Ort der
Confequenzen, heifst es einmal; und in der Hölle werden
die einfachen Confequenzen des religiöfen und fittlichen
Verhaltens im Erdenleben gezogen bei dem, der das
Heil in Chrifto und das Suchen der Sündenvergebung

verfchmäht hat. Längfl Vergeffenes taucht wieder auf
in der grellen Beleuchtung ewigen Lichtes, und jetzt find
alle Täufchereien des Irrthums und der Selbftbelügung
verfchwunden; die Confequenzen, die Ernte der Ausfaat
hienieden, werden in erfchütternder Folgerichtigkeit gezo-

| gen und erfahren,bei dem Schreiber felbft, wie bei Anderen,
die ihm, bisher fremd, begegnen oder die durch ihn oder
neben ihm den Weg des Fleifches und der Sünde gewandelt
find. Aber auch die guten Erinnerungen, die
fegnenden Mächte des Erdenlebens, werden dem Schreiber
lebendig; die mehr zurücktretende ftille und ernfte
Geftalt des frommen Vaters, das Rhone Bild der Tante
Betty, die einft den Knaben zum Heiland gewiefen und

j unverlöfchliche Eindrücke bei ihm hinterlaffen hat, die
überaus liebliche Geftalt der allerdings etwas fchwärme-

1 rifch frommen, reinen, jungfräulichen Lili, ihm zur Braut

! benimmt, aber als iyjähriges Mädchen bei einer Reife
in Paläftina, wohin fie ihre Sehnfucht trieb, in Bethlehem
entfchlafen; immer und immer wieder gedenkt der Verdammte
ihrer, und in dem Angedenken werden die heil-

1 famen und doch fo unfruchtbaren Wirkungen lebendig,
die von diefer Jungfrau auf den unreinen Menfchen ausgegangen
find. Die drei Geftalten Rhaut er von der
Hölle aus im Paradiefe (nach Luc. 16, 23) in charakteri-
flifcher Seligkeit im Licht lufiwandelnd; der Schmerz
des Verlorenfeins wird dadurch brennender, aber auch die

| Hoffnung fpäterer Erlöfung regt fich mit leifem Flügel-
fchlage, — und dennoch, gehört es vielleicht nicht mit

I zu den Qualen der Hölle, dafs man Hoffnung hat, die
fchliefslich als vergeblich fich offenbart?

In manchen Partien des Buches wird man an Dante

j erinnert, befonders in der bunten Gefellfchaft, die der

I Schreiber in der Hölle trifft, Alle in einem ihrer reli-

j giöfen und fittlichen Qualität durchaus entfprechenden
Zuftande. Aber keine eigentliche Freude an der pocti-
Rhen Geftaltungskraft kann aufkommen; der Verfaffer
ift ja felbft ein Höllenbewohner, und alles, was er fchreibt,
ift aus eigenftem Erleben, aus dem Theilhaftigfein derfcl-
ben Qual gefchrieben; man fühlt fich hingezogen zu dem
Buche, nicht im poetifchen Intereffe, es ift eine tief
fittliche Erregung, die es hervorruft und wodurch es
feffelt; die Wirkung ift demgemäfs, felbft wenn Vieles
verzeichnet fein follte,eine ernfte und heilfame. Verzeichnet
ift Manches; jene höchft unnöthige Erklärung z. B., wie
er überhaupt aus der Hölle Briefe Rhicken könne, wie
fie befördert werden; auch fonft ift das fehr bedenkliche
Gebiet des Spukes, der Erfcheinungen, des Verkehrs der
Abgefchiedenen mit den auf Erden Lebenden nicht vermieden
. Wir bedauern das; bei vielen Lefern wird es
dazu dienen, dafs fie dem Ernfte des Ganzen fich entziehen
und alles auf das Conto des modernen Spiritismus

I fetzen. Dem Referenten ift es eine unliebfamc Beigabe
gewefen, hat jedoch den Totaleindruck nicht zu beeinträchtigen
vermocht.

Der Herr Verleger erklärt in der Vorrede, das Buch
fei eine von mehreren namhaften theologifchen Schrift-

| ftellern gelieferte Bearbeitung der Ueberfetzung eines
dänifchen Werkes, das ein hochangefehener Theologe

! unter dem Pfeudonym M. Rowel habe erfcheinen laffen.

I Daher fei kein Verfaffer genannt.

Marburg. Achelis.

Bibliographie

von Dr. Caspar Rene Gregory.
jCcutfcbc Citcrntur.

Lagarde, 1'. de, Librorum veteris testanunti canonicorum pars /, graece
edita. Göttingen, (Dieterich's Sort.), 1883. (XVI, 541 S. Lex.-8.)

20. —

Budde, K., Die biblifche Urgefchichte [Gen. 1—12,5], unterfucht. Anhang
: Die ältefte Geftalt der bibl. Urgefchichte, verfuchsweife wieder-
hergeftellt, hebr. Text u. Ueberfetzg. Giefsen, Richer, 1883. (IX,
I 539 S. gr. 8.) 14. —