Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1883 Nr. 17

Spalte:

400-401

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wolff, Herm.

Titel/Untertitel:

Gemüth und Charakter 1883

Rezensent:

Hartung, Bruno

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

399 Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 17. 400

liehen Gehalt' Chrifti felbft gleichfetzt. Einerfeits ift nun
die Schrift Zeugnifs von dem objectiven Inhalt des
Chriftenthums, der Verföhnungsgnade, andererfeits fetzt
fie fich in fubjectives Perfonleben um in dem Glauben,
der in der Verföhnungsgnade wurzelt: unter diefem Ge-
fichtspunkt unterfcheidet Beck Dogmatik und Ethik. Der
Dogmatik fällt die Darftellung der göttlichen Gnade
unter dem Gefichtspunkt der objectiv gefchichtlichen
Offenbarung mit ihren Mitteln, Zwecken und Refultaten
zu, der Ethik die Darftellung der göttlichen Gnadenliebe
unter dem Gefichtspunkt der Eingeftaltung und Ausge-
ftaltung des göttlichen Liebeslebens in Chrifto in den
menfehlichen Subjecten zu individuellem Perfonleben.
Der Unterfchied beider Disciplinen wäre hiernach der
von objectiv gefchichtlicher Wahrheit und fubjectiv per-
fönlicher Gottfeligkeit. Es ift kaum abzufehen, wie hiernach
die Dogmatik noch als eigentlich fyftematifche
Disciplin angefehen werden könnte: wäre fie doch im
Wefentlichen Offenbarungsgefchichte oder neuteftament-
liche Theologie, wie fie denn Beck auch gelegentlich als
neuteftamentliche Dogmatik bezeichnet. Die Gebietsabgrenzung
innerhalb der fyftematifchen Theologie wird
dadurch völlig verfchoben zu Gunften der Ethik. Wenn
auch in ganz anderer Weife wie bei dem von Beck hart
und ungerecht beurtheilten Rothe, fällt auch hier das
Schwergewicht und die Hauptmaffe der fyftematifchen
Theologie in die Ethik. Wir verftehen, wie Beck's Ethik
unter allen von ihm gehaltenen Vorlefungen die Haupt-
ftelle einnehmen mufste: alles, was fich auf die fubjective
Aneignung des Heils bezieht, wird nach den angegebenen
Gefichtspunkten verlegt in diefe Disciplin als ,die wiffen-
fchaftliche Darftellung von der Verwirklichung der Gnade
Jefu Chrifti, d. h. feines göttlichen Lebensinhalts in Form
des menfehlichen Perfonlebens' (S. 84). Der Ethik fällt
demnach nicht blofs ,die ethifche Erfcheinung des chrift-
lichen Lebens, das chriftliche Tugendleben' zu, diefes
wie es fich darftellt a) in der fittlichen Selbftbildung
des Chriften, b) in der fittlichen Perfönlichkeit des Chriften
und c) in der chriftlichen Gefellfchaftsordnung, bildet bei
Beck erft ihren dritten Theil; auch nicht blofs die
pädagogifche Entwicklung oder die Ausbildung des
chriftlichen Lebens — ihr 2. Theil —; fondern auch fchon
,die genetifche Anlage der neuen Lebensbildung'. Diefe,
dem wefentlichen Stoff nach eigentlich in die Dogmatik
gehörend und nur aus methodifcher Ungebundenheit von
Ethikern wie Martenfen zur Ethik gezogen, bildet hier
aus fachlichen Gründen, .betrachtet a) nach ihren Prin-
eipien, b) nach ihrer Grundordnung, c) nach ihren Grund-
acten', den Unterbau und füllt den erften Band. In
demfelben hören die Verweifungen auf Beck's dogma-
tifche Schriften natürlich nicht auf, weil der Stoff
wefentlich dogmatifch ift und auch ganz unter dogma-

Glaubenswiffenfchaft nur als biblilche Syftematik kennt,
dafs er die heilige Schrift und die dogmatifche Theorie
miteinander vermifcht, die Schrift dogmatifch auslegt
und das gefchichtliche Verftändnifs der Schrift völlig
verliert, alfo eine hiftorifch treue Auffaffung derbiblifchen
Anfchauungen gerade nicht gewinnt. Von einer Auseinanderhaltung
der verfchiedenen biblifchen Lehrbegriffe
ift bei Beck keine Rede: wo alfo thatfächlich Divergenzen
der neuteftamentlichen Lehrbegriffe vorliegen, und wo
Beck feine Theorie für die vorausgefetzte Identität zurechtmacht
, wie z. B. für den Begriff der y.lijoig, verlieren
deshalb feine Ausführungen auch die Ueberzeugungskraft.
Die Meinung, dafs Joh. 6 eine Abendmahlstheorie gegeben
werde, ift völlig unvereinbar mit der Gefchichtlichkeit
des Berichts: fpricht der Herr hier vom Abendmahl, fo
kann ihm nur ein Späterer diefe Theorie in den Mund
gelegt haben, und damit geräth die Gefchichtlichkeit des
vierten Evangeliums überhaupt in's Wanken. Für Beck,
der nur eine dogmatifche Werthfehätzung, aber keine
gefchichtliche Betrachtung der neuteftamentlichen Schriften
kennt, exiftiren diefe Erwägungen nicht, er entwickelt
alfo aus Joh. 6 feine Abendmahlslehre. Dadurch wird
diefe natürlich für jeden hinfällig, der auch das Bedürfnifs
gefchichtlicher Schriftforfchung hat. Aehnliches liefse
fich von vielen feiner Ausführungen fagen. Und im Grunde
genommen trifft das fein ganzes Syftem.

Breslau. L. Lemme.

WoIff, Doc. Dr. Herrn., Gemüth und Charakter. Sechs
Vorträge. Leipzig, Gerhard, 1882. (VII, 144 S. gr. 8.)
M. 2. 50; geb. M. 3. 50.

Vorliegende fechs Vorträge, welche zunächft vor
einem Kreife gebildeter Frauen gehalten worden find,
tragen den Stempel ihrer Entftehung an fich, auch ab-
gefehen davon, dafs wir durch die oft wiederkehrende
Anrede .verehrte Lefer und Lcferinnen' daran erinnert
werden. Sie haben die Abficht, das Gemüths- und Charakterleben
in ihrer Bedeutung befonders auf dem
Gebiete der Erziehung hervorzuheben. In edler herzgewinnender
Weife wird man in das reiche Gebiet des
erfteren zunächft eingeführt, nur dafs man den bei
populär-philofopmfehen Arbeiten faft unvermeidlichen
Eindruck nicht verliert, dafs das Philofophifche nicht
populär genug und das Populäre wegen der mangelnden
methodifchen Begründung nicht philofophifch genug aus-
fieht. — Das Gemüthsleben wird durch die Gegenfätze
der Luft und Unluft beftimmt und je nach den Gegen-
ftänden, von welchen Luft und Unluft erregt werden, von
den ftnnlichften bis zu den höchften religiöfen, ift dasfelbe
ein niederes oder höheres. Es werden demnach 22 ein-
facheGemüthsbewegungen beftimmt — trotz derVorbilder,

tifchem Gefichtspunkt behandelt wird. Denn unter den auf welche Verf. fich berufen kann, macht die wieder-
.Principien der neuen Lebensanlage' fpricht Beck von 1 holte Betonung, dafs es ,etwa' 22 einfache Gemüths-'
Chrifti Geift und Wort', ,die Grundordnung der neuen bewegungen gebe, einen mechanifchen Eindruck. Auch

Lebensbildung' ift ihm die göttliche TCQO&eoig, als ,Grund-
acte der neuen Lebensbildung' fieht Beck göttlicherfeits
Berufung, Rechtfertigung und Verklärung, menfchlicher-
feits Bufse und Glauben an. Unter dem Gefichtspunkt

bei der daran anknüpfenden Aufzählung der Affecte
mufs mancherlei, das nicht recht hineinwill, fich in das
vorgefundene Gefüge fchicken. Oder ift z. B. ,Zorn'
wirklich nichts weiter, als ein gefteigerter .Aerger'? —

der facramentalen Gemeinfchaft mit Chriftus reiht fich ,Gemüth und Charakter verhalten fich zu einander, wie
daran Taufe und Abendmahl. I Grund und Folge'. Denn find die Kennzeichen eines

Da Beck's dogmatifche Anfchauungen bekannt find, | durchgebildeten Individualcharakters diefe drei: Ausflufs
kann ich mir verfagen, in das Detail einzugehen. Ich j der fämmtlichen Handlungen aus einer Summe feft-

möchte nur darauf verweifen, dafs Einzelnes in den
Ausführungen über die Bufse, die Stufen des Glaubens,
die religiöfe Faffung der Rechtfertigung, das fchriftge-
mäfse Verftändnifs der Wiedergeburt vorzüglich ift. Im
Ganzen und Grofsen aber mufs der Eindruck doch für
jeden, der nicht Beck's Theorie von der Bedeutung des

normirter Grundfätze, eine ausgefprochene Willensfeftig-
keit, abfolute Confequenz im Handeln, fo wird wenigftens
die Befchaffenheit der Grundfätze durch die des Ge-
müthes bedingt. Dahin hätte der allgemeiner gefafste
Satz ausdrücklich befchränkt werden follen. Eigenthüm-
lich ift die Beftimmung der menfehlichen Freiheit. Da

Schriftprincips huldigt, ein fehr getheilter bleiben. Wie ' nämlich Nothwendigkeit nichts in den Dingen felbft

kommt's denn, dafs das, was reine Schriftlehre fein will,
eine eigenartige Beck'fche Theorie wird? Es ift doch
einmal das Gefchick des radicalen Biblicismus, der die

liegendes, fondern lediglich eine .Empfindung der Seele,
ein Seelen Vorgang ift, der auf logifchen Momenten beruht
', fo könne von objectiver Nothwendigkeit nicht ge-