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Ausgabe:

1883 Nr. 17

Spalte:

393

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jundt, Aug.

Titel/Untertitel:

Les Centuries de Magdebourg 1883

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 17. 394

Vorreformatoren, über Romreife und Ablafshandel, über Hammerstein, Prieft. L. v., S. J., Erinnerungen eines alten
den angeblichen evangelifchen Märtyrer Hergot u. dgl.), Lutheraners. Freiburg iBr., Herder, 1882. (VIII, 176 S.
nur auf einige Fehlgriffe anderer Art wollen wir hin- m- 8) M 2 —
deuten. So auf das fchiefe Bild, wonach Melanchthon

als der ,Androklusarzt des Leuen Luther' befungen ,An der Schwelle des Alters, in der Verbannung

wird; oder auf die Vorftellungen, die er fich vom latei- ' lebend, durch langjähriges Leiden an ernftlicher Arbeit
nifchen Unterricht damaliger Zeiten macht, dafs er ! gehindert', hat der Verfaffer zur Feder gegriffen und,
Luther über feinen Lehrer Trebonius dankerfüllt aus- ' dem Beifpiel fo viel anderer Convertiten nacheifernd, die
rufen läfst: ,Du zeigteft uns der Schönheit Spur — Wege, die ihn nach Rom und in den Jefuitenorden geführt
in Roma's Trift, Gebirg und Flufs'. Sprachwidrig fingt haben, den Glaubensgenoffen zur Erbauung, den irrgläu-
er S. 108 von den Gefchenken, welche L. von feinem bigen Proteftanten zur Erwägung zu zeichnen verbucht.
Fürften erhielt: .Schauftücke, Becher, Kettlein ruhen — 1 Auch für denjenigen, der fich bewufst ift, dafs ihm
vonZcit zuZeit in Luther's Truhen'. Als Gefchmack- i gerade über jahrelangem, eifrigem Erforfchen des Katho-
lofigkeit aber ift es zu bezeichnen, wenn L- Kranach ; licismus alle .katholifirenden Tendenzen' recht gründlich
über feine Verehrung für L. fich fagen laffen mufs: ausgetrieben worden find, hat es noch ein pfychologifches
.Luther's weidliche Geftalt — und fein vielberedter Intereffe derartige Convertitcnbcrichte zu lefen; handelt

Mund_ feffelten dich mit Gewalt'. Die meiften Lieder i es fich doch um das Suchen eines Menfchenherzens

geben jedoch zu derartigen Ausftellungen keinen Anlafs. I nach Frieden und Heilsgewifsheit, und es ift fo lehrreich,
Wir zweifeln nicht, dafs auch diefe Feftgabe ihren Lefer- ! die Wandlungen der Anfchauungen, die mancherlei Ein-
kreis finden und ihn erfreuen wird. j Hüffe, die das fuchende Gemüth beftimmt haben, den

Widerftreit der Gedanken, endlich die Löfung, wie fie in
derartigen Gefchichten vorliegen, genauer zu beobachten.
Und wenn folche Gefchichten ohne den Fanatismus des
Neubekehrten, in abgeklärter Form, nicht als Schmäh-
fchriften gegen die Kirche, der man den Rücken gewendet,
fondern wirklich als .Erinnerungen' und Bekenntnifse
auftreten, da dürfen fie wohl ein gemeinmenfchliches
Intereffe mit Recht beanfpruchen. Soweit der Verf. fich
in diefen Grenzen gehalten hat, laffen wir uns feine
.Erinnerungen' gern gefallen. Er entflammt einem alten

Magdeburg. G. Kawerau.

Jundt, Dr. Aug., Les Centuries de Magdebourg ou la re-

naissance de l'historiographic ecclesiastique au seizieme
siecle. Legon d'ouverture. Paris, Fischbacher, 1883.
(41 S. gr. 8.)

Bei der Uebernahme des Lehrftuhls für deutfche
Sprache und deutfche theologifche Literatur an der pro-
teftantifchen Facultät in Paris hat der Verf. diefe Antrittsrede
über die Magdeburger Centurien gehalten Die Wahl ^ftTälUbhein"A^elMefchlechte ^welches" bereits'U» T<5.
des Themas rechtfertigt fich felbft Dasfelbe ift mit Jahrhundert .die neue Religion' angenommen hatte. Die
grofser Gelehrfamkeit und Umficht behandelt, und die : Eltern fchildert er als >mehr zum Rationalismus als zum
Rede hat daher einen bleibenden Werth. In der Be- i Pietismus hinneigend' — andere Formen evangelifchen
urtheilung folgt Jundt wefentheh Baur; das Material ; Chriftenthums fcheint der ,alte Lutheraner' gar nicht zu
konnte nach den Unterfuchungen Preger s, wie es kennen Zur häuslichen Andacht diente Zfchokke, auf
fcheint, nicht erheblich vermehrt werden Der energifche Kirchlichkeit wurde dabei gehalten. Der Knabe lernt
Hinweis im Emgange dafs die hiftorifchen Arbeiten des die katholifche Kirche zuerft aus Eugen Sue's .Ewigem
•haus vom Boden der ntmms(lre.tlgke,ten verftanden Juden< kennen und erfahrt fo dafs die Jcfuiten Erb-
fcin wollen ift zutreffend. In der That: die .Adiaphora' fchleicherei, Giftmord und andere böfe Dinge betreiben,
haben die Proteftanten dazu aufgerufen d ajoutcr lacon- AU G mnaflaft jfl cr Fenf.onär eines evangelifchen Geift-
tttttssance de l lustoirc a celle de la Jhule' (p. 0). Einen i:„u„ j„, „u„ c j- ■ v- , • , , & r ■ -na

1 u a n c c r u u u u t u r ■ u liehen, der aber tur die innere Entwicklung feines Pflege-

erheblichen Anftpfs freilich haben bereits 20 Jahre früher befohlenen weder dn A , noch f ndwie Efn.

^t^n^i^^^g^ben. Oko ampads flufs auf fie innt Au>s Ur el Acofta? erhalt der
Tractat über das Abendmahl ,flt die erfte größere pro- ; Knabg Kenntnifs von s inoza und VQn d Doctrinen
teftantifche Schrift welche auf hiftorifchen Studien fufs deg Pantheisrnus. er h fnnt> fich über das Dafein Gottes
und daher auch folche veranlafst hat Gewifs hat mit Gedanken zu m;che aber ^ er Erbauun|

dem ,Catalogus üstmm verdate und den Centunen die Jn GelleTt-s geiftlichen Liedern und fuhlt fich durch f-
proteftant.fche H.ftonographie erft begonnen, und das ; zu re elmäfsigem Gebete verpflichtet. Im Confirmanden-
Intenm hat fie veranlafst; aber das Intereffe und das unterricht wird ihm zwar mit Eifer vordernonftrirt, dafs
Studium der alten und mit clalterhchcn Kirchenge- > andere Kirchen ^ falf faen GJ b h b
fchichte war bereits erweckt, als Luther ,n feinen Refo- 1 Glaubens fciner Kirche wird er weder gewifs noch froh

lutionen zu den 95 Thefen ,ganz unbefangen' von einer
Zeit redete, wo die römifche Kirche noch nicht über
den anderen, wenigftens noch nicht über denen Griechenlands
geftanden habe, was bis zum Anfang des 7. Jahrh.'s
der Fall gewefen fei, und als er in feinen Thefen gegen
Eck den .froftigen' Decretalen der letzten Jahrhunderte

Walter Scott's Romane erwecken in ihm Intereffe für
Gefchichte in romantifcher Beleuchtung. Er kommt bei
die fides formata mit .lebendigem' Glauben und fchiebt
der evangelifchen Lehre den Unfinn unter, dafs fie alfo
todten Glauben für rechtfertigend erkläre. Die Ent-
wicklungsgcfchichte, die uns der Verf. von fich erzählt

das Decret des nicanifchen Conc,ls entgegenftellte. Sehe erinnerte den Referenten lebhaft an die bekannte Ma'r.'

lCa r ' a„ h gefchlchtllch,e tJ^'SSJ!* toofcüTcheFormulIrungdesGegenratzesvonProteftjSS-
teftantismus an den Prägen nach der Papftgewalt, , mus und Katholicismus, nach welcher der eine das
nach der Bedeutung der Conc.hen und nach dem Sinn . chriftenthum felbft, der andere möglichft ftarke und zahl-
derAbendniahlsfemr erwachfen. In der Rech ertigungs- reiche Chriftenthums-Garantien fucht. Diefe Garantien

lehre war man des Befitzes der biblifchen Wahrheit zu
(icher, als dafs man kirchcngcfchichtliche Studien und
Be weife nöthig gehabt hätte, und die ftrengen Lutheraner
verzichteten auch für ihr Abendmahlsdogma auf
gefchichtliche Unterfuchungen. Die Aufgabe, zu zeigen,
wie fich Luther und die Reformatoren mit der Gefchichte
auseinandergefetzt haben, ift bis heute noch nicht in

hat der Verf. gefucht und hat fie in folcher Fülle in Rom
gefunden, dafs er uns im 2. Theile feiner Schrift diefen
ganzen Rcichthum an Bürgfchaften für die Echtheit
römifchen Chriftenthums vorrechnet und ausbreitet. Denn
es mufs bemerkt werden, dafs der Verf. fich an den
Titel feiner Schrift, nach welchem er uns Erinnerungen'

auseinandergeietzt naoen, m ms acute noen n.cm in bieten wollte, keineswegs ängftlich gebunden hat Schön
Angriff genommen worden. | den Bericht über feine Converfion unterbricht er ver-

fchiedentlich durch ftreitbare Excurfe. So finden wir auf
S. 9—13 einen längeren Zornausbruch gegen die Kant'fche