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Ausgabe:

1883 Nr. 17

Spalte:

392-393

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmeil, Rob.

Titel/Untertitel:

Lutherlieder 1883

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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391 Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 17. 392

apostoli' (Gregor von Tours) und ,Passio s. Thomae
apostoli'. Der Herausgeber, der zugleich der Entdecker
der neuen griechifchen Stücke ift, die an Umfang die
bisher bekannten übertreffen, hat mit ausnehmender Be-
fcheidenheit in der Vorrede erklärt, dafs er nur das Material
zu einer Recenfion, nicht dieRecenfion felbft geben wolle;
aber die feltene Sorgfalt und peinliche Akribie, welche der
Herausgeber angewendet, fowie das umfangreiche Material
, welches er herbeigezogen hat, verbürgen den bleibenden
Werth diefer fchönen Publication, die zu übertreffen
fo leicht kein Zweiter verfuchen wird. In der
Praefatio hat Bonnet erfchöpfend über die Handfchriften
Bericht erftattet, und in den Indiccs fehr fchätzbare Beiträge
zur griechifchen und lateinifchen Lexikographie
geliefert. In textkritifcher und philologifcher Hinficht ift
überhaupt, foweit Ref. zu urtheilen vermag, Alles ge-
fchehen, was von einer Ausgabe verlangt werden kann:
diefelbe wird auch den fbrengften Anforderungen genügen.

Auf das Sachliche ift Bonnet nicht eingegangen.
Wir bedauern das, denn von einem fo gründlichen Gelehrten
wären gewifs auch hier neue Auffchlüffe zu erwarten
gewefen. Nur an zwei Stellen in der Praefatio
hat er die hiftorifche Frage geftreift. P. X erklärt er,
dafs die griechifchen Acten, wie fie vorliegen, nicht die
Recenfion des Leucius feien, fondern ,eius qui Leucium
ad normam placitorum ecclesiae refinxisse videtur,' und
p. XII weift er darauf hin, dafs in dem einzigen Codex
{Paris, gr. 1510 saec. XI.), der die Acten voll Händig
enthält, ,non ipsa acta sed eius libri saepe retractati una
aliqua forma1 vorliege, ,in quam vtulta iam vitia a scrip-
tore saeculi Iii)) aut IIIaliena inväderepotuerunt.' Beiden
Urtheilen wird man beipflichten müffen und fich für die
kritifch-hiftorifchen Fragen bei Lipfius (Die apokryphen
Apoftelgefchichten I. Bd. S. 225—347; f. diefe Zeitung
Nr. 3) Rath erholen. Lipfius hat bereits den vollftändigen
griechifchen Text der Acten, wie ihn Bonnet giebt, vor
fich gehabt, als er feine Unterfuchungen anftellte. Dagegen
hat Bonnet von Lipfius' Werke für feine Ausgabe
keinen Gebrauch mehr machen können. ,Pleraque
eorum quae in praefatione disputavi etiam Lipsius protidit.
nec tarnen delendum quicqnam putavi, quoniavi acta nostra
lecturi iis quae praefati sumus carere vix potcrunt; neque
addere aut mutare quicquam ausus sunt, ne praedando tarn
opimum agrum, quem pro se quisque incursabit, longius
abriperer.'

Der Verf. kündigt an, dafs die Acta loannis, der
Prochorus, die Acta Andreae und Anderes folgen follen.
Wie eingehende Studien Bonnet für die Johannes-Acten
bereits gemacht hat, ift bekannt. Mit Spannung wird man
feiner Ausgabe entgegen fehen, und wird es freudig be-
grüfsen, dafs Fabricius, Thilo und Tifchendorf in
Frankreich einen Nachfolger gefunden haben, der ihre
Arbeiten für den ,Codcx apocryphus' in fo ausgezeichneter
Weife fortfetzt. Der Verfaffer weifs fich vor allem
Ufener, dem das Werk gewidmet ift, und Lipfius zu
Dank verpflichtet; die wohlbekannte deutfche Firma von
H. Mendelsfohn hat den Verlag übernommen: fo legt
diefe Publication auch dafür ein fchönes Zeugnifs ab,
dafs der wiffenfchaftliche Austaufch zwifchen Frankreich
und Deutfchland keine Schlagbäume kennt.

P. XXVI fagt der Verf., dafs fein Regifter der Bibel-
citate wahrfcheinlich nicht vollftändig fei. Dies ift richtig.
Eine ganze Reihe von Stellen könnte nachgetragen werden
. Diefe apokryphen Gefchichten — es gehört dies zu
ihrer literarifchen Form — find von Anfang bis zum
Ende durchwoben von NTlichen Reminiscenzen. Das
relativ ältefte Stück diefer Gattung, die Acta Tlieclae,
zeigt fchon diefe Eigenthümlichkeit. Im Regifter S. 161
ift wohl p. 47, 14 zu lefen für 47, 34.

Giefsen. A. Harnack.

Burk, Ob.-Konfift.-Rat Stiftspred. Dr. Carl, Martin Luther.

Stuttgart, Krabbe, 1883. (VIII, 342 S. 8. mit Portr.)
M. 3. —; geb. M. 4. —

Was der Verf. in der Vorrede als das Ziel angiebt,
das er für feine biographifche Darftellung fich gefleckt,
hat er im Buche felbft in befriedigender Weife erreicht.
| Er will die Ergebnifsc wiffenfchaftlicher Forfchung über
1 Luther's Leben einem gröfseren Kreife zugänglich machen,
! und dadurch, gegenüber dem mit vieler Kunft von rö-
mifcher Seite gezeichneten und durch die gewandte Grup-
pirung fowie die fcheinbare übjectivität beftechenden
I Zerrbild des Reformators, der deutfchen evangelifchen
Chriftenheit, befonders den Gebildeten derfelben, vor
Augen führen, was fie an ihrem Reformator hat. Ein
derartiges Buch kommt gerade jetzt zur rechten Zeit,
I auch abgefehen vom heurigen Jubiläum. Es ift deshalb
zu hoffen und zu wünfchen, dafs diefes mit Liebe, jedoch
ohne Einfeitigkeit ausgeführte Lebensbild dazu dienen
werde, vielen fowohl bisher gleichgültigen, als auch
durch jene anderen Darftellungen verwirrten Mitgliedern
unferer Kirche die ehrwürdige Geftalt des Gottesmannes
felbft und ihre von ihm erneute Kirche wiederum lieb
und werth zu machen.

Der Verf., wenn er gleich jegliches gelehrtes Beiwerk
von feiner Schrift ausfchlois, auch dogmatifche
Auseinanderfetzungen möglichft vermied, zeigt fich doch
für den Kundigen mit den einfchlägigen Fragen tüchtig
I vertraut und beweift, dafs feine Arbeit nicht eine flüchtige
Compilation aus verfchiedenen Werken über diefen
Gegenftand ift, fondern auf gründlichen Studien beruht.
1 An einigen Stellen hätten wir gröfsere Klarheit der Dar-
i ftellung gewünfcht, welche meiftens durch Hinzufügung
weniger Worte zu erzielen gewefen wäre. So wird z. P>.
S. 201 der Lefer vermuthen, Melanchthon habe im Frühjahr
1524 den Landgrafen Philipp bcfucht oder umge-
j kehrt, während doch jenes in feinen Folgen fo bedeut-
fame Gefpräch bei einem zufälligen, von beiden Seiten
unbeabfichtigten Zufammentreffen ftattfand. Ebenfo giebt,
was S. 266, 268 und 274 kurz über die Marburger, Tor-
i gauer und Schwabacher Artikel gefagt wird, keinen Ein-
j blick in das Verhältnifs, in welchem fie zu einander ftanden,
fondern fie erfcheinen darnach als völlig unabhängig von
einander. Auch unter den Jahreszahlen find wir mehrfach
Unrichtigkeiten, zum Theil wohl nur überfehenen Druckfehlern
, begegnet. Von folchen kleinen Mängeln und
Verftöfsen abgefehen aber können wir die auch durch
ihre edle Sprache fich auszeichnende Schrift aufs Befte
empfehlen.

Oberrad. Enders.

Schmeil, Paft. Rob., Lutherlieder. Jubiläumsgabe an
Lutherfreunde. Leipzig, Buchh. des Vereinshaufes,
1883. (VI, 138 S. 8.) M. 1. 80; geb. M. 2. 80.

Es ftand zu erwarten, dafs unter den Feftgaben zur
j Lutherfeier auch die gereimten nicht fehlen würden.
| Hier haben wir einen Liederkranz von nicht weniger als
! 130 Gedichten in verfchiedenftem Versmafse vor uns, die
' alle Luther's Leben und Werk befingen. Der Verfaffer
[ bittet im Vorwort um wohlwollende Kritik, er will nur
1 ein wenig beitragen, um feftliche Stimmung in evangelifchen
Herzen zu wecken. Warme Liebe zu der Sache
des Evangeliums und dankbare Erinnerung an Luther's
1 grofses Lebenswerk redet in diefen Liedern in meift
glatten und oft anfprechenden Verfcn. Eine etwas
ftrengere Kritik würde freilich manche fchon etwas ab-
I gegriffene Redewendung, wie fie moderner geiftlichen
; Dichtung geläufig geworden ift, entdecken und auf manche
I Stelle den Finger legen, wo mehr gereimt als gedichtet
wurde. Wir wollen mit dem Verf. nicht rechten über
manche Ausfage feiner Lieder, die vor der ftrengen ge-
fchichtlichen Wahrheit nicht befteht (z. B. über die log.