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Ausgabe:

1883 Nr. 16

Spalte:

378-379

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braig, Carl

Titel/Untertitel:

Die Zukunftsreligion des Unbewussten und das Princip des Subjektivismus 1883

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 16.

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der Gottheit Chrifti fei nur eine ,Courtoiüe', es handle
fich wirklich nur um einen Titel.

Schmidt hat es fich hier wohl felbft nicht klar gemacht
, dafs er einem Theologen wie R. gegenüber das
Mittel fittlicher Verdächtigung in Anwendung zu bringen
gewagt hat.

Welches find denn die /Nachwirkungen der gefchicht-
lichen Erfcheinung Chrifti'? Doch wohl, empirifch betrachtet
, die gläubige Gemeinde, welche im Wort von
Chriftus Zeugnifs ablegt. Durch diefe .Nachwirkung' aber

Braig, Repet. Dr. Carl, Die Zukunftsreligion des Unbe-
wussten und das Princip des Subjektivismus. Ein apolo-
getifcher Verfuch. Freiburg iBr. 1882, Herder. (XII,
333 S. gr. 8.) M. 6. -

Vorliegende Schrift ift zunächft eine Bekämpfung
Hartmann's, leider vor dem Erfcheinen ,der Religion des
Geistes' abgefafst, u. E. die eingehendfte, die er von
katholifcher Seite erfahren. Der Verfaffer ift in Philo-
fophie und Theologie und auch fonft wohl bewandert,

vermittelt fich die Erfahrung von Sündenvergebung und i vielleicht zeigt er es etwas zu fehr durch gehäufte Citate,
Gotteskindfchaft, Theilnahme an der überirdifchen Welt [ wie einmal der bekannte Monolog aus Hamlet unter

des Reiches Gottes, Gewifsheit todüberwindenden ewigen
Lebens, Gewifsheit, dafs die gegenwärtige Welt in der
Hand Gottes ein Mittel zu unferer perfönlichen Vollendung
ift. Diefe Güter find nun fämmtlich fo geartet, dafs
fie eine fpecififche Bedeutung der Perfon Chrifti fordern.
Gerade der von Ritfehl betonte gemeindliche Charakter
des Chriftenthums hat die bleibende Bedeutung der
Perfon Chrifti zu feinem Correlat. Darum hat Pfleiderer,

dem Text abgedruckt wird. Auch muthet er der Phi-
lofophie, zu deren Begründung er auf Thomas, Auguftin,
Ariftoteles zurückgehen heifst, zu viel zu, wenn er z. B.
in der Skizze ,Hartmann und die Logik' aus dem einfachen
prineipium contradictionis [A — non A) die Ver-
nunftnothwendigkeit des Theismus beweifen will, weil
ja diefer allein durch das Caufalitätsverhältnifs das Dafein
von A und non A, des relativen neben dem abfoluten

dem es auf den idealen Chriftus ankommt, in feiner j Sein, begreiflich mache. Ein gewiffes Caufalitätsverhält-
Kritik Schleiermacher's vor allem die Ueberordnung der j nifs zwifchen beiden behauptet ja auch Hartmann. Auf
Gemeinde über den Einzelnen zu tadeln. Der Stifter j fo leichtem, fcholaftifchem Wege ift die grofse Frage nicht
diefer Gemeinde, der durch fein perfönliches Sichdar- ! zu löfen. Gleichwohl wird man, foweit es fich um den
leben nicht etwa nur der Anlafs wird, dafs fie fich I erften Theil des angekündigten Titels handelt, wefentlich
felbft bildet, fondern der als Offenbarung Gottes die beiftimmen dürfen. Die religionsgefchichtlichen Erörtereinzige
Urfache ihres in's Dafein Tretens ift, ift eben
auch die bleibende Urfache alles deffen, was wir in ihr
erleben. Und da die Gemeinde jene Heilsgüter den
Einzelnen nur durch das Wort von Chrifto vermittelt,
fo ift feine gefchichtliche Perfon mit Einfchlufs von Tod
und Auferftehung auch den Einzelnen noch immer die
Bürgfchaft für den auch ihnen geltenden Gnadenwillen
Gottes und die Realität der Güter, welche diefer ihnen
gewährt. Wenn Schmidt die Bedeutung, die Chriftus
durch die Bewährung der Treue in feinem eigenthüm-
lichen Beruf hat, von der eines Vorbildes und Lehrers
nicht unterfcheiden kann, fo hat er allerdings alle Ur-
Tachc zu fagen, ,ich bekenne meine Schwachheit' S. 39.
Für R. hat die Lehre Chrifti kein anderes Object als
das in feiner Perfon vorhandene Heil, und für wen die
Erfüllung des Berufes, in der perfönlichen Lebensführung

GottesGnadeundTreue zuverbürgen undin der Erzeugung j Dr. Braig ift in Tübingen —, wenn das .ewige Teftament'

ungen Flartmann's haben kaum umfänglichere Behandlung
erfahren.

Freilich tritt auch in diefen Partien hier und da
ftörend ein anderer, wohl nicht minder wichtiger Hauptzweck
hervor (vgl. z. B. den Hinweis auf die lutherifch
(?) gehäffige Apologetik Ebrard's). Nämlich es gilt nach-
zuweifen, dafs auch die Hartmann'fchen Verirrungen
ihre letzten Wurzeln im Princip des Subjectivismus d. h.
des Proteftantismus haben. Darum ift der letztere
jenen gegenüber fo ohnmächtig. Die Kritik desfelben
fchon in der .Selbftauflöfung des Chriftenthums' wird als
richtig anerkannt und an den bedeutendften Vertretern
proteftantifcher Theologie Ritfehl, Schleiermacher, Oofter-
zee, Kübel u. a., felbft dem alten Bengel in wenig
überfichtlicher Weife durchgeführt. Sehr bequem und
wohl nur durch locale Beziehungen zu erklären ift es

der ihr vertrauenden Gemeinde wirkfam zu machen, vorbildlich
fein foll, ift fchwer zu fagen, fintemal man vom
Vorbild nur redet, wo es fich um qualitativ gleichartige
Aufgaben handelt. Setzt man endlich das Wefen Gottes
mit R. nicht in metaphyfifche Abfolutheit oder ziellofe
Allmacht, fondern darein, dafs er die Macht ift, feinen
Heilszweck in der Welt durchzuführen, fo ift die .Gottheit
' deffen, der in feinem Perfonleben und in dem
Erfolg feiner Wirkfamkeit diefe Macht bewährt, nicht
ein Titel, den man aus Courtoifie fich gefallen läfst,
fondern ein Ausdruck für die Erfahrung des Glaubens.

Diefer Manier der Polemik gegenüber mufs man an
die fittliche Verpflichtung erinnern, dafs man auch dem
theologifchen Gegner gegenüber fich nicht herausnehmen
darf, ihn fo zu behandeln, als ob fittlicher Ernft, Wahrhaftigkeit
, Heilsintereffe des Gewiffens, chriftliche Heilserfahrung
für ihn nicht exiftirten. Bei der Art, wie der
Vortrag diefe Verpflichtung ignorirt, kann es wenig be-
fagen, wenn Schmidt in einer Vorbemerkung Ritfehl auffordert
, auch in dem vielfachen Widerfpruch, zu dem
er fich R. gegenüber genöthigt fehe, ein Zeugnifs davon
zu erkennen, wie tief und nachhaltig feine Theologie
fich wirkfam zu erweifen beginne. Hat er doch aufser-
dem an der fchuldigen Gründlichkeit und Objectivität in
der Reproduction der Anfchauungen R.'s es nur zu fehr
fehlen laffen.

Giefsen. J- Gottfchick.

des Hegelianers Planck, welches doch nur wenig bekannt
ift, ausführlich durchgefprochen und als ein Stück proteftantifcher
Theologie bekämpft wird. Der Ueberblick
über diefen ganzen Abfchnitt zumal wird fehr dadurch
erfchwert, dafs der Verf. nicht nur das, was er felbft,
fondern auch, was andere, ja felbft, was ein dritter nach
der Anficht anderer fagt, in directer Rede anzuführen
pflegt. Wenn man einmal ein wenig den Zufammenhang
verloren hat,— bei dem Durcheinander der Citate verzeihlich
— ift man erftaunt, einen Satz zu finden, der dem
vorhergehenden widerfpricht, bis man merkt, dafs
derfelbe ja nicht die Meinung Braig's, fondern die eines
gewiffen A, oder auch eines B nach der Anficht A's
enthalte. Was für eine Verwirrung mufs das bei folchen
hervorrufen, denen, wie doch vielen Lefern des Buches,
diefe Mannigfaltigkeit der proteftantifchen Theologie
fremd ift! Zuletzt werden fie freilich alle darauf hin
geprüft und verworfen, dafs fie es zu .einem feften Punkte'
zu bringen fuchen, aber ihn nicht erreichen. Dem ka-
tholifchen Theologen ift es eben unbegreiflich, wie in
der perfönlichen Glaubensgewifsheit für den Einzelnen
der feite Punkt liegt, neben dem das Zeugnifs der Kirche
und ihrer Gefchichte durchaus nicht unnöthig ift, aber doch
erft in zweite Linie zurücktritt. So erfcheint es ihm
als unverftändigePolemik, wennProteftanten verfchiedener
Richtung im Romanismus einen gemeinfamen Feind fehen.
Sogar Hartmann, fo klar er die Selbftzerfetzung des Proteftantismus
einfieht, foll doch vermöge feiner proteftantifchen
Vorurtheile weit z. B. hinter dem Begründer des
Pofitivismus, dem Katholiken Comte, zurückftehen, der