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Ausgabe:

1883 Nr. 16

Spalte:

372-377

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kreibig, H.

Titel/Untertitel:

Versöhnung und Rechtfertigung 1883

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 16.

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nimmt denn die Frage von der Taufe in den Anfchau-
ungen Denk's ein? ,Da diefe Menfchen das Bedürfnifs
fühlten, für den neuen Bund, den fie ftifteten, ein Bundeszeichen
zu befitzen, fo willigte Denk in die zweite [
Taufe' S. 225. Wie harmlos. Je weniger die religions-
gefchichtlichen Partien befriedigen können, um fo mehr
ift der Fleifs des Verf.'s in Ermittelung der Lebens- j
fchickfale und der vielfachen perfönlichen Beziehungen
Denk's anzuerkennen. Aber auch hier hat die Ueber- j
fchätzung feines Helden das Urtheil Keller's nur zu fehr
getrübt und wird es allenthalben der eingehendften Re-
vifion bedürfen. Die Zuftände bei Lutheranern und
fonftigen Gegnern der Täufer können nicht fchlimm
genug gefchildert werden, um dann die Trefflichkeit der
Täufer, der neuen ,Gottesfreunde', in defto glänzenderem
Lichte erftrahlen zu laffen; man vergleiche die Darftellung
der Zuftände in Nürnberg und der ,neuen Staatskirche <
Strafsburgs', die Ausführungen über die Beziehungen ,
Capito's und des Rhegius zu Denk und Ben Wiedertäufern
, wo immer nur unlautere Motive die Gegnerfchaft |
hervorrufen. Gar manches erinnert da, am meiften bei
der Gruppirung von Sätzen, die Luther's Rechtfertigungslehre
illuftriren follen, S. 61. 66 f., an die bekannte
Methode ultramontaner Hiftorik. Der Verf. hat nicht
die Abficht gehabt, ihr in die Hände zu arbeiten, aber
er hat es thatfächlich gethan und er wird den Dank
derer ernten, deren Anerkennung er am wenigften er-
flrebt hat. Hätte er die Arbeit etwas weniger fchnell
veröffentlicht und feine Begeifterung für Denk, deffen
Bedeutung ich durchaus anerkenne, etwas verfliegen
laffen, fo würde fein Urtheil in vielen Punkten anders
gelautet haben. Immerhin wird die Arbeit Keller's ein
werthvoller Ausgangspunkt für weitere Unterfuchungen
fein. Unter den bisher unbekannten Actenflücken, die
dem Verf. vorgelegen haben, ift das wichtigfte ein Bekenntnis
Denk's vom 16. Jan. 1525, das feine Ausweifung
aus Nürnberg zur Folge gehabt hat. Nach S. 46 beab-
fichtigt der Verf. feine Veröffentlichung. Andere kleinere
Actenftücke aus den Archiven von Augsburg und Nürnberg
finden fleh in den Beilagen, wofelbft auch dankens-
werthe bibliographifche Notizen über die Schriften Denk's
nachgefchlagen werden können.

Erlangen. Th. Kolde.

Fittbogen, Oberlehr. a. D. Dr. Chr. Mor., Jacob Andrea,
der Verfasser des Concordienbuches. Sein Leben und
feine theologifche Bedeutung. Hagen, Rifel & Co., 1881.
(VII, 84 S. gr. 8.) M. 1. 60.

Wenn auch diefe Biographie auf eigene Forfchung
keinen Anfpruch macht, fo wäre doch die gute Abficht
einer Orientirung weiterer Kreife anzuerkennen, welche
ihren Anlafs in der Säcularfeier des Concordienbuches
hat. Auch das billige Urtheil, welches über Sache und j
Perfon gefällt wird, verdient Anerkennung. Leider aber
ift die Arbeit voll von kleinen und grofsen Fehlern in
äufseren Dingen ebenfo wie im Wefentlichen, fo dafs
fie auch als Populardarftellung nicht empfohlen werden
kann. Zwei Beifpiele für viele mögen genügen. S. 31
erfcheint ein Graf von Mömpelgard mit dem feltfamen
Namen: Graf Chriftoph Binder, welcher Andreä wegen
Toffanus kommen läfst. Der Graf ift entftanden aus dem
Abt Chriftoph Binder, der die Miffion mit Andreä theilte.
S. 25 heifst es, nachdem von der Lehre der Philippinen
die Rede war, weiter: Doch traten auch in Sachfen
mehrere Theologen von der Partei des Brenz auf, wie
Flacius, Heshus, Weftfal, welche — fich auf die Seite
der Würtemberger als Vertheidiger der ächten Lehre
Luther's fchlugen etc. sie.

Tübingen. C. Weizfäcker.

Kreibig, Superint. Lic, u. Prof. Dr. H. Schmidt, Versöhnung
und Rechtfertigung. Ihr theologifcher Zufam-
menhang, ihre kirchliche Bedeutung. Zwei Vorträge,
auf dem Vereinstage der Freunde der pofitiven
Union zu Berlin am 27. Septbr. 1882 gehalten.
Magdeburg, E. Baenfch jun. in Comm., (1883). (51 S.
gr. 8.) M. 1. —

Abermals zwei Blätter zu dem Ehrenkranze kleiner
Auffätze und Vorträge, mit dem die ,pofitive' Theologie
A. Ritfehl für feine Arbeit im Dienft der evangelifchen
Kirche zu belohnen beftrebt ift. Der Kreibig'fche Vortrag
kann nur als Präludium zu dem Schmidt'fchen
gelten. Auf felbftändige Beachtung hat er keinen Anfpruch
. Um fo mehr der von Schmidt, wenn er auch
nichts Neues bietet, fondern nur die Auffaffung und
Kritik der Lehre Ritfchl's wiederholt, welche der Verf.
fchon vor Jahren in feiner Kritik der Monographie
Ritfchl's in den ,Studien und Kritiken' vorgetragen und
die dann in der ,Allgem. luth. Kirchenzeitung' ein felbft
im Stil getreues Echo gefunden hat.

Leider hat auch Schmidt fich den Kampf gegen
Ritfehl recht bequem gemacht, indem er weder ein die
Gefammtanfchauung desfelben im Zufammenhang ihrer
Einzelglieder reproducirendes Bild feinen Zuhörern zu
entwerfen, noch auch nur die Grundlinien einer pofitiven
Beantwortung der Frage, um die es fich dreht, Ritfehl
entgegenzuftellen für nöthig erachtet hat. Er hat nur
,die Tonnen auslegen' wollen ,für das Fahrwaffer, in
dem fich der Dogmatiker zu bewegen hat'. Da ift der
Angegriffene in wenig günftiger Lage, um fo mehr,
wenn der Angreifer es fo gut wie Schmidt verlieht,
effectvolle Streiflichter auf einzelne eben nur angedeutete
, fchief und falfch dargeftellte Anflehten des
Gegners fallen zu laffen, fo dafs der Gefammteindruck
verftärkt wird, dafs es fich hier um die fchlimmfte Verflachung
des Chriftenthums handelt. Solche Kampfesweife
ift trotz vorausgefchickter Verficherung der Loyalität
nicht loyal.

Was Schmidt nachzuweifen verfucht, läuft nun auf
Folgendes hinaus. Die reformatorifche Rechtfertigungslehre
, welche Ritfehl, wie er zugefteht, in ihrer genuinen
Geftalt fefthält, hat zu ihrem objectiven Correlat die
Verhöhnung Gottes durch den Tod Chrifti in dem
Sinne, dafs diefe Bedeutung desfelben von der fpeeififeh
verfchieden ift, welche der Berufserfüllung Chrifti während
feines Lebens zukommt; die Rechtfertigung fetzt
die Wegräumung eines objectiven, aufserhalb unferes
Bewufstfeins gelegenen Hindernifses voraus. Wenn man
dies leugnet und doch den fynthetifchen Charakter der
Rechtfertigung behauptet, fo wird die Vergebung felbft
aufgehoben; denn in diefem Falle ändert fich nicht Gottes
Verhalten zu uns, fondern lediglich unfer Bewufstfein
von Gottes Willen. Damit geht aber die objective Bedeutung
der Schuld verloren; das Schuldbewufstfein wird
zum blofsen Scheine. Für die Perfon Chrifti bleibt
keine fpeeififche Dignität übrig, er ift nur Lehrer und
Vorbild. Gott endlich fleht dann in ftarrer Unveränder-
lichkeit der Welt gegenüber, alle Bewegung fällt auf
die Seite der letzteren. — Dafs nun R. die Confequenz,
dafs das Schuldbewufstfein Illufion fei, felbft gezogen,
will Schmidt .nicht behaupten', aber er verfchweigt, dafs
nach R. die Erfahrung der Vergebung mit einer Ver-
fchärfung des Schuldbewufstfeins verbunden ift. Und
als die Summe der Anfchauung R.'s lernen die Hörer
diefes Vortrages kennen, dafs Gott die unwandelbare
Liebesfonne fei, die jeden erwärme, der fich ihr öffnen
wolle; allerdings feien die Sünder durch das Gottes
Gefinnung verkennende Schuldbewufstfein gehindert ge-
wefen fich ihr hinzugeben, aber Chriftus habe ihnen
durch theoretifche Belehrung und die Unterftützung
feines Vorbildes die richtige Einficht in Gottes Gnaden-