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Ausgabe:

1883

Spalte:

361-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gunning, J. H.

Titel/Untertitel:

De Goddelijke Vergelding 1883

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Hamack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen. •

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 16. 11. Auguft 1883. 8. Jahrgang.

Keller, Ein Apoflel der Wiedertäufer (Koldel.
Fittbogen, Jacob Andrea (Weizfäcker).
K reibig und Schmidt, Verföhnung und Rechtfertigung
(Gottfchick).
Braig, Die Zukunftsreligion des Unbewufsten
(Härtung).

Schütze, Praktifche Katechetik. 2. Auflage
(Achelis).

Gunning, De goddelijke Vergelding (Graf Bau- Robertson, St. Athanasius on the incarnation

difftn).' O- Hamack).

Hoffmann, Bibelforfchungen. 1. Band (Rade). R°°s- De Theodoreto Clementis et Eusebu com-

. pilatore (A. Hamack).

Hermann, Die Zahl 666 in der Offenbarung Latendorfi Hundert Sprüche Luthers zum alten

des Johannes (A. Harnack). Teftament (Enders).

Brüll, Der erfte Brief des Clemens von Rom ! Evers, Dr. Martin Luther in Wort und Bild

(A. Harnack). (Seifert).

Gunning, J. H., JHz., De Goddelijke Vergelding hoofd-
zakelijk volgens Exodus XX, 5. 6 en Ezechiel XVIII,
20. Utrecht, Stoom Boek- en Steendrukkerij ,de Industrie
' J. van Druten, 1881. (XV, 171 S. gr. 8.)

Diefe Proefschrift ter verkrijging van den graad van
Doctor in de Godgeleerdlieid aan de Rijks-Universiteit te
Utrecht ift ein neuer Beweis der erfreulichen Blüthe alt-
teftamentlicher Studien wie an den holländifchen Uni-
verfitäten überhaupt, fo namentlich auch zu Utrecht.
Vorliegende Differtation ift vorzugsweife unter den Aufpi-
cien Valeton's entftanden. Der Verfaffer ift wohlunterrichtet
, mit der einfchlagenden Literatur, der einheimifchen
wie der ausländifchen, vertraut, befonnen und mafsvoll
im Urtheil. Auszufetzen habe ich nur grofse Breitfpurig-
keit der Darfteilung. Es fcheint, dafs man folche nun
einmal bei holländifchen Theologen mehr noch als bei
deutfehon in den Kauf nehmen mufs. Doch würde man
den Holländern Unrecht thun, wollte man, dafs fie fchöne
Worte machten, ihnen nachfagen. Vielmehr ihnen, in
Allem gemächlich folide, reihen fich die Gedanken in
bequemer Folge, und um überaus deutlich zu fein für
den geneigten, von gleichem Naturell vorgeftellten Lefer,
halten fie fich gebunden, ihren Gedankenprocefs mit
photographifcher Treue zu fixiren.

Der Verf. nimmt feinen Ausgangspunkt bei dem
Ex. 20, 5 und an drei anderen Bentateuchftellen fich
findenden Satze: ,Ich, Jahwe dein Gott, bin ein eifer-
füchtiger Gott, heimfuchend die Sünde der Väter an
den Söhnen bis in das dritte und vierte Glied derer, die
mich haffen' (S. 8 ff.). Mit der Vulgata bezieht er ,die
mich haffen' allein auf die ,Väter' (S. 14). Aus einer
langen Reihe anderer altteftamentlicher Stellen ergiebt
fich, ,wie fehr fowohl bei Propheten als im praktischen
Leben die Ueberzeugung allgemein vertreten war, dafs
die Kinder büfsen müffen für die Sünden der Väter'
(S. 28). Das nicht ganz vorfichtig gefetzte .allgemein

diefes Gegenfatzes bei Jeremia und dem Deuteronomiker
(S. 91 ff.). Jeremia verkündet nach dem Verf., dafs der in
Ex. 20, 5 f. geltend gemachte Mafsdab demnächfl einem
anderen Platz machen werde: ,In jenen Tagen', fpricht
der Prophet, ,wird man nicht mehr fagen: Die Väter
haben fauere Trauben gegeffen, und die Zähne der
Kinder find dumpf geworden' (S. 91 f.). Der Verf. id gewifs
gegenüber Graf im Unrechte, wenn er (fo auch Hitzig)
dem Propheten die Anfchauung zufchreibt, dafs in Zukunft
Gott nach einem anderen Mafsdabe richten werde
als bis dahin (S. 92 f.). Mit vollem Rechte hat dem
gegenüber Graf hingewiefen auf den Jeremianifchen Ausspruch
: ,deffen Augen geöffnet find über alle Wege der
Menfchenkinder, zu geben einem Jeden nach feinen
Wegen und nach der Frucht feiner Handlungen' (32, 19).
Darnach find Jeremia's Worte 31, 29 f.: ,In jenen Tagen
wird man nicht mehr fagen: Die Väter haben fauere
Trauben gegeffen u. f. w., fondern: Jeder dirbt durch
feine Schuld, jeder Menfch, der die faueren Trauben ifst,
deffen Zähne werden dumpf unzweifelhaft dahin zu ver-
ftehen, dafs bei dem ,fondern' aus dem Vorhergehenden
zu ergänzen id: ,dann wird man fagen' (vgl. 23, 7 f.).
Es handelt fich nicht um eine Veränderung des göttlichen
Verhaltens, fondern um eine Veränderung der Anfchauung
Ifraels von dem göttlichen Verhalten. Ich linde
alfo, dafs derfelbe Gedanke, welchen Ezechiel weitläufiger
und deutlicher zum Ausdrucke bringt, fchon bei
Jeremia vorhanden id, wie denn Ezechiel überhaupt
wenig theologifche Gedanken vorträgt, die er nicht von
dem gröfseren und originaleren Vorgänger überkommen
hätte. Auch der Deuteronomiker urtheilt, wie der Verf.
fieht, nicht anders als Ezechiel. Auf jeden Fall alfo id
die Vergeltungslehre des letzteren nicht original. Deut.
24, 16 lefen wir: .Nicht follen die Väter um der Söhne
willen derben und die Söhne follen nicht um der Väter
willen derben; ein Jeder foll um feiner Sünde willen
derben' (S. 98). Freilich redet diefe Stelle zunächd von

erfährt im Folgenden feine Befchränkung. Ezechiel (18, 2) j menfehlicher Strafgerechtigkeit. Es id auffallend, dafs
erwähnt zwar das auch bei Jeremia vorkommende Sprüch- | der Verf. Jeremia's Stellung verkannt hat, da er im Allwort
: ,Die Väter haben fauere Trauben gegeffen, und
die Zähne der Kinder find dumpf geworden' (S. 30 ff.).
Er thut es aber nur, um gegen diefe Auffaffung zu pole-
mifiren (S. 64 ff.). Richtig wird jene Anfchauung von der
göttlichen Vergeltung dargedellt nicht als ein Ausflufs
der Vordellung von der mm np"!£, welche dem Bundesvolke
gegenüber nur in Heilsthaten fich äufsert (S. 27 f.). Gottes
Strafvollziehung id vielmehr abzuleiten aus dem .gegen
alles, was ihm im Wege deht, entbrennenden göttlichen
Zorne' (S. 49). Nachdem bei Ezechiel ein Gegenfatz

gemeinen ganz richtig über den grofsen Propheten urtheilt
: Jeremia id der erde, bei welchem das Individuum
in ein perfönliches Verhältnifs zu Gott gefetzt wird' (S.
ICH). Jene .Ezechielifche' Vergeltungslehre id die noth-
wendige Confequenz diefer Anfchauung. Es id freilich
richtig, dafs Jeremia ,die perfönliche Uebergabe des einzelnen
Menfchen an Gott' erd ,erwartet' (S. 103). Das
gegenwärtige Fehlen der factifchen .Uebergabe' aberhängt
ab von dem gegenwärtigen fündigen Verhalten des Gottesvolkes
und der Menfchheit, nicht von Gottes Verhältnifs zu

jene Vergeltungslehre condatirt worden, wird j den Menfchen (gegen S. 92: ,ein neuer Zudand, worin
von ihm aus rückwärts geblickt auf eine .Anbahnung' ! Jahwe nach einem neuen Mafsdab urtheilen wird').
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