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Ausgabe:

1883 Nr. 1

Spalte:

350-356

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schéele, K. H.

Titel/Untertitel:

Theologische Symbolik 1883

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 15.

kenntnifs ift, dafs diefer radicale Pietismus die Ueber-
gangsftufe bildet zur rationaliftifchen Aufklärung, wenn
auch der Unterfchied zwifchen dem wefentlich asketi-
fchen Ideal diefes Pietismus 'und dem weltlich morali-
fchen des Rationalismus bemerkenswerth bleibt. — Im
VII. Capitel unterzieht fich B. der bei der Befchaffen-
heit der Dippel'fchen Schriften nicht eben leichten Aufgabe
, einen Abrifs Dippel'fcher Theologie, welcher
wenigftens die Hauptfragen berührt, zu geben (S. 166
bis 221). Dippel's genialer Ueberblick über alle VA/iffensgebiete
tritt hervor, wie fein tiefer Widerwille gegen
allen Scholafticismus und gegen die kirchliche Meta-
phyfik. Üiefer hängt zufammen mit jenem religiöfcn
Realismus, der vor allem Erfahrung betont gegenüber
blofser Theorie. Man wird aber dabei wohl auch die
Einflüffe der ältern Naturphilosophie in Anfchlag zu
bringen haben. B. verweift nicht ganz ohne Grund auf
die Verwandtfchaft mit Schlciermacher, doch zeigt freilich
die asketifch-moralifche Wendung bei Dippel zugleich
den grofsen Abftand. In dem Abfchnitt ,religiöfe
Wahrheit und Wefen der Religion' follte über der grofsen
Bedeutfamkeit der von D. geltend gemachten Grundfätze
(religiöfe Wahrheiten lediglich praktifche Ideen, deren
Werth nur darin liegt, dafs fie im religiöfen Leben der
Selbstverleugnung und Liebe wirkfam werden) doch die
grofse Einfeitigkeit nicht verkannt werden, welche in diefer
fpröden Stellung gegen alles Erkenntnifsmäfsige in
der Religion liegt. Dafs diefe Würdigung religiöfer
Wahrheit lediglich nach der unmittelbaren moralifchen
Verwendbarkeit frappant an Semler erinnert, unterläfst
B. nicht hervorzuheben. Weite Perfpcctiven eröffnet die
Kritik der Infpirationslehre und der exelufiven Bibelautorität
, fowohl unter jenem Gefichtspunkte, dem es
überall nicht um fpeculative Erkenntnifs, fondern um
Erregung praktifcher Erömmigkeit zu thun ift, als auch
unter dem, für welchen die Wirkungen des Geiftes in
allen rVommen wefentlich auf gleicher Linie flehen mit
denen in den heiligen Schriftstellern. Dafs diefe Bibelkritik
, wie B. erinnert, ganz unabhängig von den Fin-
flüffen eines Bayle oder Spinoza erfcheint, ift für das
Verftändnifs der religiöfen und theologifchen Entwicklung
in Deutfchland bedeutfam. Mufs Sich Ref. ein Eingehen
auf einzelne Lehrfaffungen D.'s verfagen, fo fei
nur auf die ,realiftifche Erlöfungslehre' hingewiefen, die-
fen Kernpunkt Dippel'fcher Theologie. B. zeigt hier
felbft, wie der unerbittliche Feind der Satisfactionslehre
mit diefer zugleich die Rechtfertigungslehre verliert,
deren fundamentale Bedeutung ihm im Eifer gegen die
mechanifche Auffaffung der orthodoxen Lehre entschwindet
. Wenn aber B. das wefentlich Pietiftifche in
diefem Lehrftücke Dippel's betont, fo follte darüber das
wefentlich Myftifche in den Schwankenden Aeufserungen
D.'s über die Vermittclung der Erlöfung durch Chrifti
Werk, Offenbarung, Vorbild, nicht vergeffen werden.
Dies führt uns fchliefslich zu einigen Bemerkungen über
den einleitenden Abfchnitt Bender's (,Pietismus und Aufklärung
') auf welchen dcrfelbe, wie fchon die Andeutungen
des Titels zeigen, offenbar ein befonderes Gewicht
legt. Dafs Pietismus und Rationalismus nicht
durchaus im Verhältnifs des Gegenfatzes flehen, dafs
erltcrer letzterem vielmehr felbft die Wege gebahnt hat,
ift doch wohl in weiterem Kreife anerkannt, als der Verf.
vorauszufetzen fcheint. Auch Tholuck hat dies doch nicht
fo ganz verkannt, wie B. annimmt, wenn er auch die
vorhandenen Verbindungslinien allerdings nicht in ausreichendem
Mafse geltend gemacht hat (f. d. Art. Pietismus
in Herzog's Realenc. I. Aufl. S. 654f.). Aber Bender's
eingehende Nachweifungen über dies Verhältnifs find
darum nicht überflüffig, indem Sie über das, was namentlich
von Seiten nichttheologifcher Historiker (wie Biedermann
u. a.) in diefer Beziehung beigebracht worden
ift, hinausgehen zu eigentlich theologifcher Aufweifung der
Momente, in welchen zunächfl vom radicalen Pietismus

zur Aufklärung mit der Nothwendigkeit eines geistigen
Proceffes fortgefchritten wird. Sodann ift wichtig und
wohl richtig die Bemerkung, dafs hier die eigentliche
kirchliche Wurzel der Aufklärungsentwicklung liegt, der
gegenüber die andern Factoren, aus denen die deutfehe
Aufklärung abgeleitet wird (die weltliche Bildung nach
Art eines Thomafius, die Wolffche Popularphilofophie,
das Herüberwirken des englifchen Deismus und der fran-
zöfifchen Freigeifterei), nur als Verstärkungen in Betracht
kommen. Die Erfcheinung Dippel's ift nun allerdings
wohl diejenige, an welcher diefer innere Procefs am auffälligsten
nachgewiefen werden kann und hierin liegt das
befondere Intereffe der gegenwärtigen Darftellung. Eine
andere Frage aber ift doch, ob der Verf. darin Recht
hat, in dem radicalen Pietismus eines Gottfr. Arnold,
deffen Impulfe Dippel weiter verarbeitet hat, eben nur
die confequente Fortbildung des Spener'fchen Pietismus,
der Schüchtern auf dem halben Wege Stehen geblieben,
zu fehen. Man könnte dem ja etwa mit gleichem Recht
entgegenhalten, dafs jener radicale Pietismus als eine
ganz einfeitige und krankhafte Ueberfpannung der an
lieh berechtigten pietiftifchen Forderung einer Ergänzung
und inneren Belebung der kirchlichen Orthodoxie
nach dem Geifte des praktischen Chriftenthums hin anzufeilen
fei. Es foll dabei weder geleugnet werden, dafs
im Spener'fchen Pietismus ein Anknüpfungspunkt für
jene Richtung auf Emancipation des religiöfen Subjects
und auf eine gewiffe Entwerthung des kirchlichen Dogma
gegeben war, noch dafs die tiefgreifende Reformtendenz
des Pietismus durch vorzeitiges Pactiren mit der
kirchlichen Orthodoxie vor ihrer Erfüllung umgebogen
und zum Theil in ihrer Wirkung gefchwächt fei — obwohl
uns Scheinen will, als unterfchätze doch der Verf.
die regenerative Bedeutung diefes kirchlichen Pietismus
für die kirchliche Frömmigkeit. Es fcheint mir aber,
wenn die Arnold, Dippel u. f. w. ohne weiteres als die
legitimen Erben des Spener'fchen Pietismus betrachtet
werden, Eins überfehen zu fein, nämlich der eigenthüm-
liche Factor ihrer Myftik, die, fo lange Spener als klaf-
Sfcher Repräfentant des lutherifchen Pietismus gelten
foll, nicht auf des letzteren Rechnung gefetzt werden darf,
und die es doch gerade ift, auf deren Boden jene fchran-
kenlofe Entfeffelung der Subjectivität und jenes Ueber-
fchlagen der pofitiven Religion in allgemeine natürliche
Religion vor fich gehen konnte.

Kiel. w. Möller

Scheele, Prof. Dr. K. H. Gez. von, Theologische Symbolik.

Aus dem Schwedifchen. 3 Thle. Leipzig, Lehmann,
1881. (VIII, 218; V, 217 u. III, 228 S. gr. 8.) M. 12. —

Das Buch ift hervorgegangen aus akademischen Vor-
lefungen. Ks erfchien in feiner Heimath im Jahre 1877.
Der Verfaffer hat eine Ueberfetzung in's Deutfehe ver-
anlafst, indem er von Deutfchland aus dazu animirt
worden. Zöckler hat ein empfehlendes Vorwort hinzugefügt
, in welchem er befonders auf die Vertrautheit des
Verf.'s mit der deutfehen theologifchen Literatur hinweift
und den Standpunkt desfelbcn als überaus .wohlthuend'
bezeichnet. ,Pietätsvolles Halten am Ueberlieferten im
Geifte evangelifcher Freiheit; gewiffenhafte Wahrung des
Erbes der Väter bei gleichzeitiger Erkenntnifs der Nothwendigkeit
, dafs die Eine chriftliche Wahrheit fich zu
einer Mannigfaltigkeit von Formen des Lebens und Bekennens
auspräge; kurz eine fymbolgetreue und doch
wiffenfehaftlich erleuchtete Geltaltung des kirchlichen
Bewufstfeins: das ift es, was der Verf. nicht nur felbft
befitzt, fondern auch muftergültig darzuftellen und empfänglichen
Lefern feines Werkes mitzutheilen weifs'.
Die Ueberfetzung, die Herr PaftorMichelfen in Lübeck,
der Vermittler fo mancher Erfcheinung auf dem Gebiete
der fkandinavifchen Literatur für uns, gefertigt hat, ift