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Ausgabe:

1883 Nr. 15

Spalte:

342-344

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Calinich, Herm. Jul. Rob.

Titel/Untertitel:

D. Martin Luthers kleiner Katechismus 1883

Rezensent:

Bertheau, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 15.

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bolifch, aber zugleich durchaus real1 findet und
fucht nun von diefem Gefichtspunkt aus alles Einzelne
in der Erzählung zu allegorifiren. Schon der dritte Tag
ift ihm der dritte Tag der Woche, der Tag der Geiftes-
hochzeit am Sinai und Cana ift ihm das ,Neft in Galiläa
' als Gegenfatz gegen die riefigen Wüftenalpen, wo
jene ftattfand. Während er die fchon von Ewald mit
guten Gründen geftützte Vermuthung, dafs Maria damals
in Cana wohnte, einfach zurückweift, meint er S. 80 zu
wiffen, dafs fie die Brautführerin gewefen, und legt ihr
die Anficht unter, dafs der Quell des Segens verfiegt
fein würde, wenn der Wein ausging. Die Antwort
Jefu weifs er dahin zu deuten: ,ich mufs Dir gehorchen,
aber lafs es fein, mache nicht kund, was du von mir
erwarten' (S. 90). Das Füllen der fechs Gefäfse ift das
Bild der Erfüllung, zu welcher der Meffias gekommen
ift. Aber diefe Erfüllung ift ein Verwandeln des Buch-
ftaben in Geift. Es entfpricht dem mofaifchan Verwandeln
des Waffers in Blut, aber der Wein ftellt fein Blut
dar, ift alfo nicht Symbol des Gerichts, fondern der Liebe.
Dann wieder ftellt die Hochzeit das Leben Israels dar,
dem der Wein des Segens fehlt, in welchem Juda fein
Kleid wäfcht, und das ,Sie haben nicht Wein' ift der
fymbolifche Schrei des Schmerzes der Maria-Rahel des
alten Bundes, dafs das zeitige Israel zwar den Buchftaben
habe, aber nicht den Geift der Gnade, der lebendig
macht. Die fechs Gefäfse find das Abbild der fechs
Sedarim der Mifchna, und diefe Krüge erfüllt Jefus mit
neuem Wein. Dem Architriclinos flehen die Diener des
Diakons zur Seite, gleichfam die Leviten. Als der Wein
fehlte, vermochten ihn nicht Priefter und Leviten zu
fchaffen, bis die Stimme der klagenden Kirche von dem
Meffias erhört ward.

Ift das der Sinn der Erzählung, fo weifs ich nicht,
wie man dem Schluffe entgehen will, dafs diefelbe reine
Dichtung ift. Diefe Art übergeiftlicher Deutung zieht
uns, ohne es zu wollen, den gefchichtlichen Grund unter
den Füfsen fort. In dem dritten Theile der Schrift bringt
uns der Verfaffer eine Fülle intereffanter Mittheilungen
über die Feier der Hochzeit zu Cana, ihre Verwendung
und Weiterbildung in der Kunft, in Hymnen, abergläubischen
Gebräuchen und in der Legende. Der einleitende
Abfchnitt bringt aufser allgemeinen Betrachtungen
über das Wunder und vieles Andere einiges viel Be-
fprochene über die Echtheit des Evangeliums, das als
das erfte von Allen noch vor der Regierung des Agrippa
von Jacobus oder den beiden Söhnen Zebedäi verfafst
fein foll. Auch in dem Haupttheil, der von der Hochzeit
zu Cana felbft handelt, fehlt es nicht an fehr weit
ausgreifenden Excurfen, die von der talmudifchen und
patriftifchen Gelehrfamkeit des Verfaffers zeugen. Dafs
das gefchichtliche Verftändnifs der Perikope oder des
Evangeliums Johannis dadurch gefördert fei, kann ich
leider nicht behaupten.

Berlin. Dr. Weifs.

Luther's, Dr. Mart., Sämmtliche Werke. 24. Bd. [2. Abth.
Reformations-hiftorifche und polemifche deutfche
Schriften. Nach den älteften Ausgaben kritifch auf's
Neue bearb. von Pfr. E. L. Enders. 1. Bd. 2. Aufl.|
Frankfurt a. M., Schriftenniederlage des Evangel.
Vereins, 1883. (XIV, 407 S. 8.) M. 3. —

Die Erlangen-Frankfurter Ausgabe der Werke Luther's
wird noch auf lange hinaus einen weiten Leferkreis finden
und behaupten. Wird doch die neue Weimarer Ausgabe
vielleicht erft nach anderthalb Jahrzehnten fertig
vorliegen und, wenn fchon für den Specialforfcher ohne
Zweifel unentbehrlich, doch wegen der Höhe ihres Preifes
fchwerlich diejenige Verbreitung finden, die man ihr
von Anfang an wünfchen möchte. Um fo erfreulicher
ift es, dafs der neue Verlag der E. A., die Schriftenniederlage
des Evangelifchen Vereins zu Frankfurt a. M.,
fich nicht darauf befchränkt, gegenwärtig durch eine
ganz aufsergewöhnlichePreisermäfsigung die Anfchaffung
der augenblicklich vollftändigften und bellen Lutherausgabe
zu erleichtern, fondern auch eifrig bemüht ift, fie zu
verbeffern und zu ergänzen. So follen uns zunächft in
3 Bänden (Bd. 24—26 der Gelammtausgabe) die ,refor-
mationshiftorifchen deutfchen Schriften' Luther's neu geboten
werden, und der erfte Band liegt bereits vor —
eine tüchtige Leiftung. Enders, der verdiente Herausgeber
der 20 erften Bände (der Predigten) in der 2. Auflage
, hat fich redliche Mühe gegeben, den Text durchweg
neu zu gehalten, indem er, fo viel wie ihm irgend
möglich, durchgehends die Wittenberger Originaldrucke
zu Grunde legt, während Irmifcher in der 1. Auflage
häufig von Nachdrucken abhängig gewefen war. Man
braucht nur den (für manche Schriften immer noch recht
dürftigen, aber für den vorliegenden Zweck ausreichenden)
bibliographifchen Apparat diefer 2. Auflage mit
demjenigen der 1. zu vergleichen, um zu erkennen, wie
grofs der Fortfehritt ift, wenngleich dasjenige Ziel, wel-

j ches Knaake fich gefetzt hat, hier nicht erreicht werden

| konnte und follte. Die wichtigften neueren bibliographifchen
Hülfsmittel hat Enders mit Erfolg herange-

! zogen; nur das treffliche Verzeichnifs von Originaldrucken,
welches Ph. Dietz feinem Lutherwörterbuch vorange-

| fchickt hat, ift auffallender Weife nicht benutzt.

: Auch die knappen Phnleitungen zu einer jeden
Schrift hat Enders einer Revifion unterzogen; diefe hätte
aber eine durchgreifendere fein müffen: fo ift S. 269
(,Ermahnung zum Frieden auf die 12 Artikel der Bauer-
fchaft in Schwaben') die ungenaue Angabe flehen geblieben
: ,In den erften Monaten des Jahres 1525 traten
12 Artikel an's Licht' u. f. w. Und auch was E. in der von

', ihm neugearbeiteten Einleitung S. 334 (,Auf das Schreien
etlicher Papillen über die ^Artikel') beibringt, ift theils
ungenau, theils — wie feine Mittheilung über die ,Tor-
gauer' Artikel — geradezu falfch. Sonderbarer Weife ift
es dem Herausgeber entgangen, dafs die 17 Artikel auch
im Corp. Ref. XXVI zum Abdruck gelangt waren, und
mit Hülfe der mühfamen Bindfeil'fchen Forfchung hätte
E. hier feinen literarifchen Apparat vervollftändigen können.
Uebrigens hätten die Varianten der Ulmer Copie der
Schwabacher Artikel nicht nach Frick, fondern nach dem
bekannten diplomatifchen Abdruck Weber's gegeben
werden müffen. Allgemeine Billigung wird es finden, dafs
diefer neuen Auflage auch die römifch-katholifche Gegen-
fchrift gegen die ^Artikel einverleibt ift (S. 345—355).

Unfere kleinen Ausftellungen find nicht geeignet, den
Werth diefer neuen Auflage zu beeinträchtigen; vielmehr
darf man diefelbe auf das dringendfle allen denen zur
Anfchaffung empfehlen, die es nicht vorziehen, unter den
gegenwärtigen günftigen Bedingungen die gefammte
Erlanger Ausgabe zu erwerben. Es follte am Schlufs
diefes Jubeljahres kein evangelifches Pfarrhaus geben,
in welchem nicht wenigftens die Hauptfchriften des Reformators
in diefer oder jener Ausgabe, womöglich in
der vorliegenden, zu finden wären: gewifs würden fie
dann von hier aus ihren Weg auch in viele Häufer der
Gemeinde nehmen.

Marburg._ Th. Brieger.

Calinich, Hauptpaft. Dr. Herrn. Jul. Rob., D. Martin
Luthers kleiner Katechismus. Beitrag zur Textrevifion
desfelben. In Veranlaffung der deutfchen evangelifchen
Kirchen-Konferenz zu Eifenach hrsg. Leipzig,
Hinrichs, 1882. (VII, 147 S. gr. 8.) M. 2. —

Den erften Anlafs zu diefer Schrift bildet der Be-
fchlufs der Deutfchen evangelifchen Kirchenconferenz,
den diefelbe im Juni 1880 nach vorangegangener Berath-
ung über die Sache und auf Grund von Referaten der
Herren Oberhofprediger Teichmüller und Geh. Kirchen-