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Ausgabe:

1883 Nr. 14

Spalte:

331-332

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ahlfeld, Friedrich

Titel/Untertitel:

Morgenandachten 1883

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 14.

332

Anfchlufs an die Reformatoren insbefondere die pauli-
nifchen Gedankenreihen über Rechtfertigung und Verformung
und ihre religiöfe Frucht, cf. Rom. 8, 31 ff.,
verwerthet, während Kaftan die andere Gedankenreihe
des mit Chrifto Sterbens und Auferftehens bevorzugt.
Nun fetzt ja die Bewährung der Verformung in den
Functionen der Gotteskindfchaft, durch welche die religiöfe
Weltbeherrfchung geübt wird, oder die Umkehrung
des natürlichen Urtheils über den Werth der Güter den
pofitiven Lebensgehalt voraus, der in dem mit Chrifto |
Auferftandenfein liegt, oder fie fchliefst die Aneignung
des göttlichen Selbftzwecks als Inhalt des eignen ein,
d. h. von einer fachlichen Differenz ift keine Rede.
Dafs nun Ritfehl die ,myftifche' oder religiöfe ,Seite' der
Erfcheinung des mit Chrifto in Gott verborgenen, feinem j
Gehalt und Wefen nach überweltlichen Lebens nicht
blofs als negatives, fondern zugleich als pofitives Ver- |
halten der Welt gegenüber bezeichnet, dürfte wohl fein j
Recht darin haben, dafs diefe Welt Gottes ift und dem j
Zweck Gottes dient, in dem wir als feine Kinder einge-
fchloffen find, und zugleich dürften Ritfchl's Formeln |
den Vorzug haben, dafs fie es begreiflich machen, wie
die ethifche Weltuberwindung oder Weltverklärung durch
die auf den Zweck des fittlichen Gottesreiches gerichtete
Activität die andere Seite der Erfcheinung des mit Chrifto
in Gott verborgenen Lebens ift. Endlich wird durch die
fchärfere Hervorhebung des göttlichen Zweckes die i
fittliche Qualität des Gottesreiches, auch fofern es nicht I
Aufgabe, fondern von Gott gewährtes Gut ift, in klareres !
Licht geftellt. Die Predigt wird ja bald die negative, j
bald die pofitive Seite der Sache mehr hervorkehren.
Die Theologie aber mufs unbeirrt durch den Umftand, j
dafs die negative Formel dem pietiftifchen Geichmack i
mehr zufagt, die pofitive ein Moment des Rationalismus, ;
den Glauben an die väterliche Vorfehung Gottes, zu I
beftätigen fcheint, die pofitive Formel bevorzugen, weil j
diefelbe richtig verftanden das negative Moment ein- j
fchliefst und zugleich begrenzt, kurz weil fie die er-
fchöpfendere ift. Und da kann ich wenigftens nicht fehen,
wie es eine Verkürzung des Evangeliums bedeuten könnte,
wenn man die pofitive Befchaffenheit des chrifllichen |
Lebens in's Centrum rückt, welche den Gegenfatz des- I
felben zur Welt bedingt und erklärt, und zugleich, unter j
Abweis alles Dualismus, der Welt, welche für fich begehrt
im reinen Gegenfatz zum Chriftenthum fleht, die J
pofitive Stelle eines Mittels zum Zweck anweifl. Denn !
diefe Stelle gewinnt fie für den, dem das Reich Gottes
höchftes Gut und höchfte Aufgabe geworden ift.

Giefsen. J. Gottfchick.

Ahlfeld, Dr. Friedr., Morgenandachten, hrsg. aus den j
Predigten von Pfr. Heinr. Ahlfeld. Halle, Mühlmann, I
1883. (VII, 449 S. gr. 8.) M. 4. —; geb. M. 5. -

Wie alle Gaben Ahlfeld's hat auch diefe ein volles
Recht auf dankbare Aufnahme. Die hier gebotenen Andachten
find auf alle Tage des Kirchenjahres und auf
eine Reihe befonderer häuslicher Anläffe berechnet. Sie
beliehen aus einem kurzen Text — meilt nur aus einem
Spruch —, einer Auslegung, die aus den gedruckten
Predigten Ahlfeld's entnommen ift, einem Gebete (die-
felben flammen nur zum Theil aus Ahlfeld's Predigten,
find fonft von dem Herausgeber verfafst), einem oder j
zwei Liederverfen. Der Text ift für den Sonntag und
die erften Wochentage regelmäfsig aus der evangelifchen
Perikope des Sonntags gewählt, für den Reft der Woche
treten verwandte Texte ein. Aus einem gefchloffenen
Ganzen, wie es eine Predigt ift, ein Bruchftück auszuwählen
, das doch relativ für fich beftehen kann, wie es
für eine Hausandacht erforderlich ift. ift nicht leicht;
auch inhaltlich eignet fich ja nicht jeder Abfchnitt einer
Predigt für die Andacht eines chrifllichen Haufes; diefe
Schwierigkeiten find faft durchweg glücklich überwunden j

(eine Ausnahme bildet S. 47). Auch die Gebete find
wirkliche Gebete und harmoniren in ihrer knappen
Schlichtheit mit der körnigen Auslegung. Von der Auswahl
der Liederverfe fagt A. mit Recht, dafs bei ihr
die edelften alten Schätze unferer Kirche zur Auswahl gekommen
find. Ein Vorzug der Andachten ift es, dafs
fie kurz find.

Giefsen. J. Gottfchick.

Poetter, Friedr.Chrph., Die Geschichte der Philosophie im
Grundriss. Ein überfichtlicher Blick in den Verlauf
ihrer Entwickelung. 2., wefentlich verb. Aufl. Gütersloh,
Bertelsmann, 1882. (VIII, 372 S. gr. 8.) M. 6. —

Eine Gefchichte der Philofophie, welche binnen 9
Jahren die II. Aufl. erlebt, hat das Präjudiz für fich. dafs
fie ein vorhandenes Bedurfnifs befriedigt. Der Verf. hat
durch Einführung in das Studium der Gefchichte der
Philofophie in das Studium der Philofophie felbft einführen
wollen; er hat fich darum nicht begnügt, über
die verfchiedenen Anflehten zu referiren, fondern hat die
Referate mit einer ausführlichen Bcurtheilung verfehen,
welche in letzter Linie zeigen will, wie das Ganze auf
einen beftimmten Punkt hinweift, der mit innerer Noth-
wendigkeit erreicht werden mufs. Welches ift diefer
Punkt? ,Kant fordert zu feiner Vollendung den Geilt
eines Ariftoteles, freilich einen Geift, der um fo viel reicher
fein mufs, als der Geilt jenes Heroen der griechifchen
Philofophie, als Kant reicher ift, denn Plato. Wir werden
zu fehen haben, ob wir einen folchen Geift unter den
Nachfolgern Kant's entdecken' (S. 274). Das ift aber nur
zur Hälfte der Fall, indem Schleiermacher nur das eine
Requifit des nachkantifchen Ariftoteles erfüllt, nämlich,
die fubjectiven Anfchauungs- und Denkformen a priori
zugleich als objective Seinsfoimen zu begreifen. Das
andere Requifit lieht der Verf. darin, Kant's problemati-
fchen Begriff eines anfehauenden Verltandes dahin fortzubilden
, dafs als letzterGrund des Seins eine a/JvwAanfchau-
ende, mit fchöpferifcher Kraft begabte, Intelligenz erkannt
werde, in deren Wefen es begründet ift, eine Welt von
Dingen in den Formen von Raum, Zeit und den Kategorien
erfcheinen zu laffen. Dafs dies nun eine confe-
quente, oder gar den Intentionen Kant's entfprechende
F'ortbildung Kant's fei, wie Verf. meint, wird man füglich
bezweifeln dürfen, wenn man fich erinnert, dafs Kant's Ein-
fchränkung des Rationalismus durch den Phänomenalismus
1) aus der FTage, wie eine Beziehung unferer apriorifchen
Begriffe auf Gegenltände möglich ift, und 2) aus der als
felbftverftändlich behandelten Ueberzcugung erwachfen ift,
dafs der Grund jener Beziehung nicht in einem deus ex
macliina gefucht werden dürfe, der Denker und Dinge
für einander praeformirt habe. Statt der naiven Vor-
ftellung von der Aufgabe der Erkenntnifs, dafs diefelbe
die Dinge abzubilden habe in dem, was fie unabhängig
von ihrer Beziehung auf uns an fich find, die der Verf.
als die felbftverftändliche handhabt, hat Kant nach dem
Vorgang der Engländer einen immanenten Wahrheitsbegriff
aufgcltellt. Derfelbe wird von dem Verf. nicht
beachtet, ja er hat fich denfelben fo wenig klar gemacht,
dafs er berichten kann, nach Kant bekomme die Erfcheinung
nur durch das Ding an fich Realität, während
nach Kant Realität vielmehr durch den gefetzlichen Zu-
fammenhang der Erfcheinungen verbürgt wird.

Das Urtheil über den Werth der einen ziemlich
breiten Raum einnehmenden Kritiken hängt natürlich
von der Stellung ab, die man zu dem Syftem des Verf.'s
einnimmt. Da dasfelbe nur in Andeutungen vorliegt, fo
wäre das Urtheil darüber verfrüht. Auch läfst fich mit
Fug vermuthen, dafs nicht die Kritiken, fondern die
kurzen Referate das Buch als geeignetes Compendium
für Examensvorbereitung haben erfcheinen laffen. Für
diefen Zweck erfcheint es dem Referenten nicht als geeignet
. Erftlich ift es unvollftändig. F'ür die ethifchen