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Ausgabe:

1883

Spalte:

329-331

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaftan, Julius

Titel/Untertitel:

Das Leben in Christo 1883

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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329 Theologifche Literaturzeitung. 18S3. Nr. 14. 330

Jugendgefchichte kaum ahnen. Doch war der Gedanke
eines bevorftchenden Auszuges nach Jerufalem von Bengel
her geläufig, und der Begriff .Reich Gottes' erregt die
befondere Aufmerkfamkeit des Studenten (489). Die
Tübinger Zeit bietet, obwohl fie die Jahre 1832-36 um-
fpannt, wenig Merkwürdiges, denn das Stift kennt man
nachgerade. Als Straufs' Leben Jefu erfchien, .verwunderte
ich mich, dafs es fo viel Auffehen verurfachte'
(485). Wenn aber H. als Stiftler nicht nur ernftlich an
einer Gefchichte von Karthago arbeitet, fondern auch
mit feinem Freunde J. Paulus eine Philofophie entwirft,
welche beftimmt ift, die Hegcl'fche zu verdrängen (494),
und auf Grund der Apokalypfe eine Dichtung im grofsen
Stil, welche beftimmt ift, für die Gegenwart zu werden,
was Dante's Göttliche Komödie für feine Zeitgenoffen
war (513), fo empfindet man befchämt, wie arm unfere
Jugend heutzutage an himmelftürmenden Entwürfen ift.—
Der 2. Band, deffen Inhalt in einem Nachwort fkizzirt
wird, verfpricht dem Theologen und Hiftoriker reichere
Ausbeute.

Schönbach bei Löbau i. S. Rade.

Kaftan, Prof. Dr. Jul., Das Leben in Christo. Acht Predigten
. Bafel, Detloff, 1883. (IV, in S. 8.) M. 2. —

Den Anlafs zur Veröffentlichung diefer Predigten
hat dem Verfaffer der Wunfeh gegeben, feinen Zuhörern
beim Abfchied ein Andenken zu hinterlaffen; zugleich hat
er gern die Gelegenheit ergriffen, die Grundgedanken
feines Buches über das Wefen des Chriftenthums zu
illuftriren.

Die Form diefer Predigten ift eine im guten Sinne
überwiegend lehrhafte. Der Verf. liebt es, die Antinomien
und Paradoxien des Chriftenthums fcharf herauszuftellen,
um fie dann in ruhiger, fchlichter Gedankenentwicklung
zu löfen, in die bei aller edlen Wärme der Darftellung
nur fparfam Bilder und Stellen höheren rednerifchen
Schwunges eingeftreut find. Befonderes Intcreffe erweckt
ihr Inhalt. Die chriftliche Lebensauffaffung wird in ihrem
ganzen tiefen Ernfte, fo wie diefclbe einen .reinen Gegen-
fatz zu allem weltlichen Wefen' bildet, eingehend dargelegt
. Und diefen Gegenfatz hervorzuheben, ift gerade
des Verf.'s Abficht, weil feine klare und fefte Behauptung
mit Recht ihm als die Bedingung der unverkürzten
Wirkungskraft des Evangeliums gilt. Die Zuhörerfchaft
diefer Predigten ift offenbar ein Kreis ernfter und geförderter
Chriften gewefen; und wir fehen den Verf.
bemüht, die fehlerhaften Neigungen pietiftifcher und
orthodoxiftifcher Art zu bekämpfen, die in einem folchen
Kreis bei der gegenwärtigen Lage der Dinge herauszutreten
pflegen. Er warnt davor, in der Einfamkeit in
Gefühlen der Gottinnigkeit zu fchwelgen, die chriftlichen
Zukunftshoffnungen fich auszumalen, die Wiederkunft
Chrifti als nahe bevorftehend zu erwarten, die Schrift zu
müffigen Speculationen zu mifsbrauchen, welche über
den Wortfinn derfelben hinausgehen, und ftolz auf folche
.Fündlein einer fehr befcheidenen Weisheit' überWiffen-
fchaft und Weisheit der Welt abfprechend zu reden, in
der Bezeugung der perfönlichen Liebe zu Chrifto und
im Streben nach dem himmlifchen Berufe die Pflichten
des täglichen Lebens zu vernachläffigen, über die Möglichkeit
der Erfchcinung der göttlichen Liebe in Chrifto
zu fpeculiren, während wir darauf gewiefen find, uns
durch ihre Thatfächlichkeit zum ewigen Leben führen
zu laffen. Diefe gelegentliche Polemik aber ruht auf der
in immer neuen Wendungen wiederkehrenden pofitiven
Ausfuhrung des Grundgedankens, dafs das Wefen des
Chriftenthums in dem mit Chrifto in Gott verborgenen
Leben beftehe, das zu allem Weltlichen einen reinen
Gegenfatz bilde.

Bekanntlich hat der Verf. dadurch, dafs er das mit
Chrifto in Gott verborgene Leben als die der Welt abgewandte
myftifche Seite des Chriftenthums neben der

der Welt zugewandten ethifchen bezeichnet hat, fich von
A. Ritfehl unterfcheiden wollen, und Gegner Ritfchl's
haben fich die Gelegenheit nicht entgehen laffen, Ritfchl's
ausdrückliche Ablehnung der Formulirung Kaftan's auszunutzen
. Da ift denn nun von befonderem Intereffe zu
fehen, wie die dogmatifche Formel in der Predigt prakti-
fches Leben gewinnt. Ref. mufs bekennen, erft durch
diefe Predigten begriffen zu haben, dafs jene Formel für
Kaftan mehr als eine Arabeske bedeutet, zugleich aber
zu der Ueberzeugung gekommen zu fein, dafs es nur
um eine anders gewandte Formulirung der Kaftan mit
Ritfehl gemeinfamen Grundauffaffung des Chriftenthums
fich handelt. Denn Ritfehl hat natürlich nicht den Gedanken
des mit Chrifto in Gott verborgenen Lebens
abgelehnt, wie man die Sache geglaubt hat darftellen zu
dürfen, fondern die Wendung, dafs dasfelbe die eine
überweltliche ,myftifche Seite' des Chriftenthums fei,
neben der die andere ,Seite' innerweltlicher ethifcher
Arbeit flehe. Jener Gedanke bedeutet nun für Kaftan,
dafs wir im Glauben an den Auferftandenen Glieder des
Leibes Chrifti find und damit ein überweltliches Gut
befitzen, einen Befitz, aus dem uns die Kraft zuwächft, die
weltlichen Güter nicht mehr als Güter zu fchätzen, von
ihnen innerlich frei zu fein; wir find der Welt gekreuzigt
und geftorben und haben ein innerliches Heiligthum,
mit dem verglichen felbft die Sachen der Kirche und
des Reiches Gottes auf Erden als ein Stück Welt anzufeilen
find. Dies verborgene Leben foll andererfeits nur
in der innerweltlichen Uebung der uns von Gott gegebenen
Pflichten erfcheinen. Dies ,nur' ift nach der
Ausprägung diefer Gedankenreihe in den Predigten nicht
zutreffend. Ift es fchon an fich fchief, dafs eine Seite
der Sache in der ihr coordinirten Seite ,erfcheine', fo
! findet ferner jener verborgene Lebensgehalt des Chriften
neben der Erfcheinung in ethifcher Activität feine Er-
i fcheinung in der in dem Wechfel von Freud' und Leid
I geübten gefühlsmäfsigen Schätzung der weltlichen Güter,
j dafs fie nicht die höchften find, dafs wir innerlich über
fie hinaus find. Diefer Erfcheinung des verborgenen
Lebens des Chriften wird nun aber Ritfehl gerade in
! ausgezeichneter Weife gerecht, wenn er die Frucht des
Verföhnungsglaubens in der Kraft erkennt, in allem
j Wechfel irdifcher Lebenshemmung und Lebensförderung
die Gewifsheit der Abhängigkeit von der Liebe Gottes
und damit die religiöfe Freiheit von der Welt zu be-
j wahren. Was Kaftan ein der Welt Gekreuzigtfein und
I Ritfehl religiöfe Herrfchaft über die Welt nennt, kommt
in der That auf eins heraus, nur hat zur Bezeichnung
i derfelben Phänomene der eine Theologe einen negativen,
der andere einen pofitiven Ausdruck gewählt. Die Löfung
der negativ oder pofitiv bezeichneten Aufgabe fehen beide
[ Theologen als möglich an, weil der Chrift einen uberweltlichen
Lebensgehalt hat, der jene negative oder
J pofitive Freiheit von der Welt begründet. Kaftan fagt:
wir haben in dem Befitz eines überweltlichen Gutes
einen ,Stützpunkt'; Ritfehl fagt: wir können alle unfere
Erlebnifse als Lebensförderung beurtheilen nur, weil
! der auf das Gottesreich gerichtete Selbftzweck Gottes
unfer Selbftzweck geworden ift. Diefer Lebensbelitz ift
für beide Theologen in der Auferftehung Chrifti begründet;
I für Kaftan ift der Auferftandene die Bürgfchaft für die
| Realität eines überweltlichen Gutes, für Ritfehl die Bürg-
i fchaft, dafs der von Chriftus in feinem Berufsleben durchgeführte
Zweck der Zweck ift, dem die Welt dienen
i mufs. Von einem Privatbefitz des überweltlichen Gutes
ift auch bei Kaftan keine Rede, wir belitzen jenes Gut
als Glieder des Leibes Chrifti. Auch für Kaftan fügt
: die Auferftehung Chrifti zu dem Inhalt des höchften
Gutes kein neues Moment hinzu, fchon in der irdifchen
Berufswirkfamkeit Chrifti ift ihm dasfelbe gegenwärtig.

Den letzten Grund hat die verfchiedene Formulirung
derfelben Auffaffung des Chriftenthums und der daraus
entfprungene Schein der Differenz darin, dafs Ritfehl im