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Ausgabe:

1883 Nr. 14

Spalte:

327-329

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoffmann, Chr.

Titel/Untertitel:

Mein Weg nach Jerusalem. Erinnerungen aus meinem Leben 1883

Rezensent:

Rade, Martin

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 14.

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archen, den Apofteln, überlieferten fymbolifchen Formen j warm als unbefangen gezeichnet hat. In deffen Gefchichte

der Liturgie die Erlöfungsthat Chrifti plaftifch geworden
ifl, und durch fie fein Werk der Vergottung des Men-
fchen fich fortfetzt. Daher kann denn auch z. B. der
Kirchenhiftoriker Philaret die Verbefferung der liturgifchen

ragt herein die fcharf umriffene charakteriftifche Geftalt
des Grofsvaters als eines von ,den Pfarrern des alten
kirchlichen Schlages, die mit ihrer angelernten Dogmatik
nur eine urtheilslofe und ftumpffinnige Herde zu leiten

Bücher mit der Reformation durch Luther in Parallele j vermochten'. So war Gottlieb Wilhelm zur Verachtung
ftellen.— Hat der Verf. gewifs mit Recht auf Namhaftung j alles Kirchenthums, die er nachher als Pietift übte, früh
all der zahllofen Secten verzichtet, fo ift doch feine j bereitet. Als fein älterer Sohn Wilhelm, der fpätere Ge-
Ueberficht eine recht vollftändige. Plr erwähnt felbft erft neralfuperintendent, die erfte Predigt hielt, war zwar
ganz neuerdings aufgetauchte wie die Njetowzy (,Nein- auch er unter den Zuhörern, aber feine Gefühle ,mögen
fager'). Da der Verfaffer diefer Letzteren mehr auf J wohl d enen des b eldhauptmanns Naeman geglichen haben
Grund von Gerüchten gedenkt, fo kann Ref. nach | wenn er dem Hofgottesdienfte im Haufe Rimmon's an-
Ohrenzeugen beftätigen, dafs bei ihnen von Religion ! wohnte'. Man gewinnt doch Refpect vor dem Manne,
nichts Pofitives nachgeblieben ift. — Der Uebergang von Von zwei Liedern des ,Leonberger Liederbüchleins',
den myftifchen zu den rationaliftifchen Secten erweift fich merkwürdigen Erzeugnifsen jenes erweckten Kreifes, wird
als ein fo fliefsender, dafs die Grenze fchwer feftzuftellen I feine Verfafferfchaft wahrfcheinlich gemacht. Als Korn-
ift. Intereffant ift, dafs der Stundismus, obwohl unzwei- j thal gegründet wurde, war Chriftoph H. noch Kind (geb.
felhaft dem proteft. Pietismus entfprungen, doch nichts | 1815), doch giebt fein Aufwachfen in der fchnell er-

Wefteuropäifches mehr an fich tragen Poll (S. 52). Auch
die von v. Gerbel übergangene Pafchkow'fche Erweckung
fcheint, nach der Betonung der Afkefe zu urtheilen, in
diefer Richtung enden zu wollen. — Zum Schlufs möchte
Ref. noch erwähnen, dafs, wie gut Unterrichtete behaupten
, gleichzeitig mit der Bauernemancipation 1861
fich in Rufsland eine ftarke, aber fo gut wie unbeachtet,

blühenden Gemeinde Gelegenheit, von diefer in grofsen
und kleinen Zügen manches Dankenswerthe zu berichten.
Die vielverzweigte und mannigfach fchattirte pietiftifche
Bewegung in Schwaben erhält willkommene Beleuchtung;
Pfarrer JMachtolf-Möttlingen, Prezigcr-Haiterbach, Hahn-
Echterdingen u. a. werden lebendig gefchildert. Aufser
dem Vater G. W. H. feffelt aber unfere Theilnahme be-

auch v. G. unbekannt gebliebene religiöfe Bewegung : fonders die Familie Paulus, zu welcher Chriftoph H. als

kund gegeben haben foll.

Dorpat. Bonwetfch.

Hoff mann, Chrph., Mein Weg nach Jerusalem. Erinnerungen
aus meinem Leben. 1. Thl.: Erinnerungen aus meiner
Jugend. Jerufalem, Selbftverlag, 1881. (Stuttgart, J. F.

c . 1 Vwtt < c q a/r Gott gewefen war , ,fbmmte nicht zu der myftifchen

Steinkopt.) (11, 726 S. 8.) M. 9. — Theorie von der willenlofen Hinp-ebunP an die Leitung

Student in nahe Beziehung tritt, vor allem der Conflict
zwifchen G. W. H. und den Kornthalern einerfeits und
der Mama Paulus, einer Tochter des Pfarrers Philipp
Matthäus Hahn, mit ihrer Familie andererfeits. Das fefte
Wollen der Mama Paulus, ,deren ganzer Lebensgang eine
fortgefetzte Uebung des Glaubens an den lebendigen

,Mein Weg nach Jerufalem'. Es ift immerhin be-
neidenswerth, fein Leben fo überfchreiben zu können.
Wollen wir nicht alle nach Jerufalem? Für den Verf.
nun fällt der Weg nach dem irdifchen und nach dem

Theorie von der willenlofen Hingebung an die Leitung
Gottes, d. h. an die Umftände', welcher G. W. H. huldigte
(570 ff.). Später befreit die Entdeckung, dafs auch für
leinen Vater ,der Wille Gottes, d. h. die Umftände', nicht
mafsgebend fei,wenn gewichtigeUeberzeugungen dawider-

himmlifchen in Einen zufammen. Wie der Beruf ihm j ftänden, Chriftoph von der Auctorität des Vaters und
aufgegangen, dem er jetzt als Vorfteher der Tempel- j ftellt ihn auf eigene Füfse. Jene ,myftifche Theorie' er-
gemeinden in Paläftina dient, follen feine Erinnerungen j fährt bei diefer Gelegenheit eine treffliche Kritik (592 f.).
aufklären; ,aus guten Gründen' will er den Menfchen, Ueberhaupt wird zur Gefchichte des Pietismus manche
unter denen er zu wirken berufen war, einen mit feinem eige- ! kritifche Bemerkung gemacht. Klar fcheiden fich der
nen Bewufstfein genau übereinftimmenden Bericht geben altwürttembergifche Pietismus, deffen Heilige Bengel und
über die Entwicklung der Gedanken, die ihn leiteten, Oetinger waren, und der modern-theologifche, der ,in
über die hindernden und fördernden Einwirkungen feiner 1 einer Verjüngung altwürttembergifcher Orthodoxie durch
Umgebung und feiner Schickfale. Das Werk ift auf jene romantifche Religiofität beftand, die damals im ganzen

3 Bände berechnet, deren erfter, 46 Bogen ftark, die Zeit
bis in fein 26. Lebensjahr umfafst. Der Verf. ftellt
feinen Lebensgang mit einer Ausführlichkeit dar, welche
in der That einen ficheren Flinblick in feine Entwicklung

proteftantifchen Deutfchland unter dem jüngeren Ge-
fchlechte der Theologen aufkam', zuerft in Schwaben
wirkfam vertreten durch Ludwig Hofacker (236. 321).
Der Verf. hat beide Richtungen an fich erprobt und

ermöglicht, und überall erhält man den Eindruck ent- ] innerlich überwunden. Wenn er aber die lutherifche
fehiedener Wahrhaftigkeit und gefunder Selbftkritik. Aber j Rechtfertigungslehre für alle Verkehrtheit des Pietismus
wie viele werden Zeit haben, das Buch zu lefen ? Wer j verantwortlich macht, fo ift doch nur richtig, dafs eine
für H. perfönlich intereffirt ift, mag ihm für folche Voll- ■ gewiffe Richtung des Pietismus fich diefer Lehre be-
ftändigkeit dankbar fein, wir anderen würden dankbarer mächtigt und fie als Grundlage ihrer eigenthümlichen
fein, wenn er fich hätte kürzer faffen wollen. Warum 1 Vorftellungen benutzt hat, aber Luther's Rechtfertigungs-
müffen wir erfahren, dafs vor ihm feines Freundes Paulus 1 glaube leitete — es fei nur an die Schrift von der Frei-
Freundfchaft ein ,Klafsgenoffe Namens Kühn' und ein heit eines Chriftenmenfchen erinnert —■ zu ganz anderen
junger Maler Pilgram genoffen haben? Seite 490 bemerkt j Lebensgeftaltungen an (322. 379. 392. 507. 512. 543 f.).
H. felbft: ,Bisher hatte ich mich in einer Phantafiewelt , Von Chriftoph's perfönlicher Entwicklung ift merkwürdig

befunden, welche mit der wirklichen Welt in keinem Zu-
fammenhang ftand'. Mit diefer Phantafiewelt werden wir
bis in's Kleinfte vertraut gemacht, fo dafs der gröfsere

fein ,Entfchlufs von 1835 nur dem Guten zu leben' (491 ff.
675), befonders aber der zugleich überwältigende und
erlöfende Eindruck, den auf den 25jährigen Ranke's

Theil diefes Bandes davon voll ift. Wie viel müffen wir | Gefchichtsauffaffung macht. Er erkannte, wie viel der
hören von dichterifchen Entwürfen, wie viele Gedichte entfehiedene Wille des Einzelnen auch in der neueren
lefen, und doch bekennt der Verf. S. 618, dafs feine Zeit auszurichten vermöge, wenn er feinen beruf auf
poetifche Fruchtbarkeit nicht ein Erzeugnifs einer wirk- ; dem Gebiete des Geiftes fuche, und fah damit auf ein-
lichen Dichtergabe, fondern die Wirkung vorübergehender mal die Möglichkeit einer Wirkfamkeit von nachhaltigem

Umftände gewefen fei. Der Theologe, der Kirchenhiftoriker
wird vieles uberfchlagen dürfen. Ihn wird vor allem
intereffiren das Bild Gottlieb Wilhelm Hoffmann's,

Erfolg auch für fich eröffnet. Zugleich erfafste er als
die geiftige Gröfse, in der er feine Kraft finden und
erproben wollte, die chriftliche Kirche (679 ff.). Wie er

des Begründers von Kornthal, das der Sohn ebenfo ! diefen .geiftigen Beruf fpäter verwirklicht hat, läfst die