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Ausgabe:

1883

Spalte:

305-307

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Suppe, Ed.

Titel/Untertitel:

Dein Wort ist meines Fusses Leuchte. Casualreden 1883

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Theolcgifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 13.

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riren, gar nicht auf einer Linie liegt und mit ihnen nicht vortreffliche und meift auch ganz befonders durch
in eine Methode einbefafst werden kann. Und vor Allem, j Frömmigkeit ausgezeichnete Menfchen, dafs es mit

dem apologetifchen Intereffe dürfte doch beffer gedient
fein, wenn die allgemeine Weltanfchauung des Chriften-
thums in ihrer fpecififchen Art zum Object des Nach-
weifes gemacht wird, wie fie alle Bedürfnifse der menfch-
lichen Natur befriedigt, als jener unbeftimmte Glaube an
den perfönlichen gerechten liebenden Gott, der in diefer
Allgemeinheit nirgends vorkommt. Dadurch, dafs der

unferer gewöhnlichen Erfahrung eben gar nicht ftimmen
will. Die Uebertreibung fällt aber nicht dem Verf., fondern
dem Inftitut der Leichenrede zur Laft. Dagegen
ift es fein Fehler, wenn er in Nr. 49 zwar am Anfang
das Troftwort des Evangeliums zu üben verfpricht, dann
aber die Predigt faft nur mit Schilderung des gefchehenen
Unglücks und Ausmalung des Schmerzes ausfüllt. Das

Verf. das Chriftenthum als die Ergänzung der natür- ; mag gewaltig rühren; trotten wird es nur fehr wenig,
liehen Religion auffafst, die wefentlich um des Myfteri- Der 2. Band bringt 13 Gelegenheitsreden aller Art, meh-
ums des Böten willen nothwendig ift, hat er dem rere bei Weihnachtsbcfcheerungen im Rettungshaufe der

Chriftenthum feine Hauptmarke entzogen, dafs es felbft
ein in fich gefchloffenes Ganzes ift, das nur in diefer
Ganzheit die Kraft befitzt, alle Bedürfnifse des menfeh

Peftalozziftiftung (Peftalozzi wird II, 3 ,ein gar treuer
Jünger Jefu in Erweifung der helfenden Menfchenliebc'
genannt), andere zur Fahnenweihe einer Gewerkfchaft

liehen Geiftes zu befriedigen. ! oder an grofsen Erinnerungstagen (Leipz. Schlacht, To

r I G0ttfchick leranzpatent) gehalten. Die 17 ,Cafualpredigten' endlicli

Gleisen. J- j beziehen fich auf Amtsantritt, Kirchenvilitation, das

I Attentat, GAVerein, Miffion, Erntefeft u. f. w. Auch fie
1. Koch, Superint. Pfr. Jac. Ernft, Nur treu! Confirma- find meift in dem Mafse gut, als das Cafuelle dabei zum
tionsreden, geh. in den Jahren 1860—82. Feftgabe zur j Ausdruck kommt. Seltfamer Weife wird dasfelbe bei

der fünfzigjährigen Jubelfeier der Conftitution (II, 161 ff.)
trotz des vortrefflichen Textes Jac. 2, 10 faft gar nicht
berückfichtigt. Die GAV.-Rede ift, wie fchon einige Con-

Gedächtnifsfeier des 100 jähr. Beftandes der Gemeinde
Wallern. Leipzig, Drefcher, 1882. (IV, 179 S. 8.)

M. 2. 40; geb. M. 3. 1 firmationsreden, zu lang und zu fehr auf Erregung des

2. Suppe, Diac. Dr. Ed., Dein Wort ist meines Fusses Leuchte. Mitleids berechnet. — Der Standpunkt, den diefe Reden
Cafualreden. 2 Abtheilungen. Leipzig, Drefcher, 1882. einnehmen, kann im Allgemeinen als confeffionell-luthc-
,.rt ., tt, „ _ c 0, «'w . o_ „ l >■ rifch bezeichnet werden; er tritt befonders in der Refor-

(VI, 228 u. VI, 242 S. gr. 8.) a M. 2. So; geb. a mationsprcdigt ^ 1??Thema: Uie Herrlichkeit der

M. 3. 60. ; luther. Kirche') hervor. Wenn übrigens hier als ein Vor-

Ueber Nr. 1 ift nicht viel zu fagen, weder im Guten zug der luth. Kirche hervorgehoben wird, dafs fie nichts
noch im Böfen. Ein Pfarrer, deffen Vater und Grofs- | von Unduldfamkeit wiffe (179) und (182) gefragt wird:
vater fchon dasfelbe Amt an derfelben Gemeinde, und ,wo lehrt fie die Andersglaubenden verdammen?', fo ift
zwar letzterer überhaupt als der Erfte, verwaltet haben, doch auf das hnprobant secus docentes in der A. C. hinzu-
deffen er nun 23 Jahre wartet, bringt ihr zur Feier ihres weifen. Jedoch find einige für die Predigt unzweifelhaft
100jährigen Beftandes feine 23 Confirmationsreden dar. heilfame Limitationen diefes Standpunktes zu notiren;
Für Alle, welche nicht ihre perfönlichen Erinnerungen [ fo vor Allem eine ftarke Betonung und ernfte Behandln
dem befcheidenen Büchlein auffuchen können, eine , lung des Sittlichen, der Werke, natürlich in luth. Sinne;
nothwendig etwas monotone Gabe. Denn der Verfaffer j überhaupt find die Reden mehr auf das fittlich-praktifche
ift derfelbe in der erften und letzten Rede; zwifchen I als dogmatifch-lehrhafte gerichtet. Sodann dafs die Vor-
beiden liegt nicht etwa eine homiletifche Entwickelung. ausfetzungen der luth. Erbfündentheorie nur höchft feiten
Aber alle feine Reden hat er fleifsig ausgearbeitet, mit ; in Bezug auf Kinder oder vor folchen geltend gemacht
lorgfältiger Textbenutzung, einfacher Dispofition, in werden. Weniger glücklich erfcheint mir, dafs dem
biblifchem Stil; man wird kaum Anftöfsen, aber auch : Confirmationstag, ebenfalls unlutherifch, eine fo über-
kaum einem Zeichen davon begegnen, dafs diefe Reden grofse Bedeutung zugefprochen wird, ohne dafs deswegen
irgendwie beffer wären als viele andere auch. Das Zeug- j Taufe und Taufgnade etwas einbüfsen follen. Doch mag
nifs aber, dafs fie der gewählten Devife ,Nur treu!' ent- : derartiges mit der Neigung zum Uebertreiben zufammen-
fprechen, darf ihnen nicht verfagt werden. hängen, welche ja jedem Redner naheliegt; um Eindruck

Der Verf. von Nr. 2 hat gut daran gethan, unter für den Moment zu machen, nimmt man den Mund
feinen homiletifchen Producten gerade die cafuell be- j etwas voll. Das-führt auch unfern Verfaffer da und dort
flammten zur Veröffentlichung auszuwählen. Denn in der zu Ueberfchwänglichkeiten (vgl. I, 1. 36. 37. 39. 47 u. ö.),
Behandlung des Concreten, des einzelnen, befonderen auch im Einzelausdruck. Dahin rechne ich (II, 90) Gottes
Falles, im Detailliren und Ausmalen, im Anfaffen des j ,allfehendes Flammenauge'. Auch Gefliehtes und Geeinzelnen
Zuhörers und der Benutzung feiner perfönlichen zwungenes ift nicht immer vermieden; namentlich bei
Erlebnifse, kurz in alledem, was das Cafuelle ausmacht, Behandlung altteft. Texte (I, 33 ff. 114 fr. 137 ff.). Dahin
und was dazu gehört, liegt ganz entfehieden feine Stärke; ! gehört auch: (I, 25) ,Wir haben keine Palmen, aber wir
hiefür hat er ein unbeftreitbares Talent, welches er offen- haben Pfalmen', oder (II, 138) ,ftellt man die Buchftaben
bar auch zu pflegen nicht unterlaffen hat. Das tritt z. B. von Kroatien um, fo gewinnt man das Wort Reaction'.
fchon in der letzten unter den 9 Taufreden des 1. Bandes ; Neben folchen Gefchraubtheiten nehmen fich dann ein
hervor, mehr noch in den Confirmationsreden, deren er
acht giebt, einigermafsen auch in den fechs Beichtreden
, ganz befonders aber in den (9) Traureden und
(25) Leichenreden. Da finden wir die befonderen Ver-
hältnifse am Grabe eines Lehrers, Arztes, eines verunglückten
Steinbrechers, eines Literaten, eines Privatgelehrten
Dr. Herrn. Lotze), eines verunglückten Eifen-
bahnfehaffners u. f. w. meift höchft glücklich und gefchickt

zelne Nachläffigkeiten des Stils um fo fchlimmer aus.
,Ein junges Leben hat gelernt, geftrebt und ift eben im
Begriff, nun überzutreten in's Leben' u. f. w. (II, 207) oder
dreimal .nämlich' in 7 Zeilen (II, 182). Auf der andern
Seite fleht dem Verf. manche feine Wendung im Ausdruck
und manche fchlagende Sentenz zu Gebote; überhaupt
find die Fehler und Unfchönheiten feiten. Auch
die Anlage der Predigten und Reden ift im Ganzen an-
verwerthet. Jedoch mufs ich geliehen, dafs trotzdem die I zuerkennen, nur die Uebergange find öfter froftig-auf-
Lectüre auch diefer Leichenreden mich über die Bedenken, zählend. Wie hübfeh ift z. B. die Dispofition am Mif-
welche ich (fammt Hrn. CR. Ehlers, vgl. Z. f. prakt. Th. j fionsfeft (II, 147): ,Du follft Miffion treiben! 1. der Herr
IV, 22 ff. .IJeber Grabreden') gegen die letzteren über- j will es; 2. die Heiden brauchen es; 3. du kannft es';
haupt habe, nicht hinweggehoben hat. Die mit diefen aber auch wie gefucht das Thema (I, 25) ,Ich rede von
Leichenreden beerdigten Leute waren alle fo ganz den Pfalmentönen, die heute in den Herzen unferer Con-