Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1883

Spalte:

298-302

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lossen, Max

Titel/Untertitel:

Der Kölnische Krieg. Vorgeschichte 1565-1581 1883

Rezensent:

Zoepffel, Richard

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

297

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Kr. 13.

298

hypothefe' (S. 12). Damit find wir immerhin über alle !
die Velleitäten hinaus, womit noch proteftantifche Theologen
wie Godet den Gang der Forfchung aufgehalten |
und die Continuität des wiffenfchaftlichen Proceffes com-
promittirt haben. Wird die Entftehungszeit des Evangeliums
auf 67—70 feftgefetzt (S. 37), fo ift dies freilich
nur möglich, wenn man fich über 19, 43. 44. 21, 20. 22.
24 gewiffen Illufionen hingiebt, die bei der Mehrzahl der
proteftantifchen Exegeten gleichfalls beftehen. Und doch
fchwebt unfer Verf. hier in beftändiger Verfuchung, der
Tradition die Einficht in den Sachverhalt über den Kopf
wachfen zu laffen. ,Lucas, welcher den Beginn des I
Kriegs bereits kannte, hat die allgemeinen Ausdrücke j
der Prophetie durch genauere erfetzt'. ,Die wörtliche j
Erfüllung diefer Prophezeiung fiehe Jofephus 7, 1, 1'
(S. 471). In Bezug auf die Dispofition des Evangeliums j
trifft er mit meinem gleichzeitig hierüber veröffentlichten
Auffatze (Zeitfchrift für wiffenfchaftliche Theologie, S.
257—267) zufammen, nur dafs er den drei Haupttheilen j
noch eine bis 4, 13 reichende Introduction vorausfchickt
und trotz der anerkannten entfcheidenden Bedeutung '
der Einbehaltung den dritten Haupttheil erft 18, 31 ftatt
15 beginnen laffen will (S. 39 f. 453). Manchen prote- j
ftantifchen Marmonifirungsverfuch Befchämendes wird 1
über diefe Einbehaltung felbft bemerkt (S. 286 f.), hin-
fichtlich welcher der Verf. darauf befteht, ,dafs Lucas
nicht aus rein hiftorifchen Gründen über die länger
dauernde letzte Reife berichtet, fondern aus fachlichen ,
Rückfichten diefen Reifebericht zu einem Hauptmittel ]
für fein paulinifches Evangelium erweitert hat' (S. 289),
während einer ähnlichen Beurtheilung auch der Wegfall
von Marc. 6, 45 — 8, 26 unterliegt, fofern ,der Hauptftock ;
diefer grofsen Auslaffung wirklich auf eine Tendenz !
hinweift' (S. 21).

Damit find wir vor dem grofsen Problem des Evangeliums
angelangt, der Frage nach dem Verhältni'fs von
hiftorifchem und dogmatifchem Motiv. ,Lucas zeigt allerdings
in feinem ganzen Stil, mit feinen hiftorifchen Ein- 1
leitungen und Motivirungen, mit feinen Detailangaben j
und hiftorifchen Daten den Hiftoriker mehr als die j
anderen Evangeliften, aber der hiftorifche Stil und Charakter
ift nur Mittel zum Zweck. Er ift weder überall I
hiftorifch, noch in allen Fällen dem Matthäus vorzu- 1
ziehen. ... Die hiftorifche Tendenz ift jedenfalls nicht rein |
und ausfchliefslich feftgehalten, fondern mit einem dog- j
matifchen Zweck verbunden' (S. 22). Wo man dagegen
letzteren voranftellt und zur Hauptfache gemacht hat,
konnte es an Selbfttäufchungen nicht fehlen, wie fie hier [
treffend hervorgehoben werden. Es fei befonders auf !
die Ausführung verwiefen, wie man bei einfeitiger Beurtheilung
des dritten Evangeliums nach einem vom
erften dargebotenen Mafsftabe viel eher dazu kommen
kann, in jenem Milderung als Schärfung des Antijudais-
mus wahrzunehmen (S. 24 f.). Andererfeits erkennt we- 1
nigftens die Auslegung auch die ftarken Erklärungen j
gegen die jüdifchen Anfprüche an, welche darin liegen, j
dafs 13, 30 der Mt. 19, 30. 20, 16 in anderem Sinne be- 1
gegnende Spruch von den Erften und Letzten auf das I
Verhältnis von Heiden und Juden bezogen wird (S. 375),
wie auch der Antecipation der Scene in Nazaretli4,16—30 ;
(S. 40) ihre einzig mögliche Deutung nicht vorenthalten
bleibt, ,dafs die Verwerfung Jefu dem univerfellen Lucas
Gelegenheit gab, fein Evangelium mit einer Art von 1
Programm zu eröffnen' (S. 183). Sehr mit Recht wird
im Uebrigen der ,Paulinismus' des Evangeliums — ein ■
,Paulinismus im milderen Sinne, d. h. nicht im Sinne J
der Tendenzkritik noch in dem einer dogmatifchen f
Formel'(S. 38) — reducirt auf ,die religiöfe Grundrichtung j
des Evangeliums, die Lehre von der Gnade, Barmherzig- j
keit und Verzeihung' (S. 31) einerfeits, die gefteigerte !
Chriftologie andererfeits (S. 32), für welche richtig auch |
22, 69. 70 in Anfpruch genommen wird (S. 533). ,Der 1
Stoff ift ficher aus der Objectivität der Quellen zu erklären
, aber die Aufnahme und Anordnung beweifen die
Verträglichkeit mit dem paulinifchen Standpunkte' (S. 33 .
Wenn dann freilich auch die lucanifche Beurtheilung
afketifcher Tugendmittel ohne Weiteres für paulinifch
erklärt wird, fo erlaube ich mir dagegen auf meine Beurtheilung
diefer hochintereffanten Seite des Evangeliums
in den ,Wiffenfchaftlichen Vorträgen über religiöfe Fragen
' (Frankfurt, 1882, S. 42 f.) zu verweifen. Beifällig
darf man dafür den Gefichtspunkt verzeichnen, unter
welchem der Verf. die beiden, von der Kritik gewöhnlich
als heterogen betrachteten, Elemente des Evangeliums
zufammenfafst: ,Wie in den paulinifchen Stellen
die Barmherzigkeit und Gnade in den Vordergrund ge-
ftellt wurden, fo wird in den ebionitifchen Partien dem
Elend, der Noth mit der Hoffnung auf die Belohnung
im Jenfeits ein Balfam in die Wunde geträufelt, welcher
die Grundbedingung für die Heilung des menfehlichen
Elends, für den Frieden des gröfseren, zeitlich fchlecht
fituirten Theils der Menfchheit bildet. Von allen Seiten
kommt man alfo wieder auf denfelben Grundgedanken
zurück. Die Armen, Unglücklichen, Sünder finden Barmherzigkeit
bei dem aus Liebe zu den Menfchen Menfch
gewordenen und am Kreuz geftorbenen Sohne Gottes,
wenn fie in Reue und Liebe zu ihm zurückkehren und
bei ihm bleiben' (S. 34).

Ausheilungen laffen fich natürlich in grofser Menge
machen. Ich kann beifpielsweife kaum glauben, dafs
der dritte Evangelift aramäifch verftanden habe (S. 2),
trotzdem dafs auch K. Schmidt (Die Apoftelgefchichte,
I, S. 104 f.) dies beweifen will, oder dafs aus uctQtdooar
Ufjiiv I, 2 perfönliche Bekanntfchaft mit den Augenzeugen
folge (S. 35. Vgl. dagegen K. Schmidt, S. 93 f.) u. f. w.
Statt deffen fei lieber noch hervorgehoben, dafs der
proteftantifche Lefer auch in diefem Commentar reichliche
Gelegenheit findet, Bekanntfchaft mit der älteren
katholifchen Exegefe zu machen und z. B. die Verdienfte
des der Tradition nicht feiten mit fcharfen Beobachtungen
entgegentretenden Maldonatus zu würdigen.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Lossen, Max, Der Kölnische Krieg. Vorgefchichte 1565—
1581. Gotha 1882, F. A. Perthes. (XV, 781 S. gr. 8.)
M. 15. —

Der Titel ,der Kölnifche Krieg' läfst nicht vermuthen,
dafs wir es in vorliegendem Buche mit einem Stoffe zu
thun haben, der wefentlich in die Kirchengefchichte
hineingehört. Der Verfaffer, M. Loffen, behandelt unter
diefem Namen eine Epifode, die wir gewöhnlich als die
zweite Kölner Reformation zu bezeichnen pflegen. Das
Werk ift auf zwei Bände angelegt; der erfte bringt die
Vorgefchichte des Kölner Krieges zur Darfteilung, d. h.
die Ereignifse und Verhältnifse, welche in den Jahren
1565—1581 zur Schürzung des Knotens führten, der
dann im Kölner Kriege eine gewaltfame Löfung fand.

Die Aufgabe, die fich der Verfaffer geftellt, war in
zweifacher Beziehung eine fehr fchwierige: Das Quellenmaterial
für die Vorgefchichte des Kölner Krieges mufste
erft in den Archiven zufammengefucht werden und dann
galt es, zum erften Male ein anfehauliches Bild zu entwerfen
, fowohl von den buntfeheckigen Verhältnifsen
der yerfchiedenen Bisthümer, wie von der vielgeftaltigen
Politik kleiner und grofser Mächte in den Jahren 1565—
1581. Nach der einen wie nach der anderen Seite hin war
bisher wenig gefchehen. Denn von den beiden Bearbeitungen
, die die zweite Kölner Reformation erfahren,
hat die Schrift von Hennes: ,Der Kampf um das Erz-
ftift Köln zur Zeit der Kurfürften Gebhard Truchfefs
und Ernft von Baiern' (Köln 1878) fich auf die Vorgefchichte
diefes Streites gar nicht eingelaffen, und
Ermen'«; ,Neuere Gefchichte der Stadt Köln' (1. Band.
Köln 1873, S. 642—645, 2. Bd., Düffeldorf 1879, S. 1—28)