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Ausgabe:

1883 Nr. 12

Spalte:

281-283

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Römheld, C. J.

Titel/Untertitel:

Der Wandel in der Wahrheit 1883

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 12.

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handelt. Ueber den innigen Zufammenhang des chrift-
lichen Wunderglaubens mit dem chriftlichen Glauben an
Gottes Vorfehung findet fich keine Andeutung. Gewifs
ift eine Religion ohne Wunder keine Religion. Aber
diefer Satz hat ein ganz anderes Intereffe, als welches
durch die Entdeckung des Verf.'s befriedigt wird, dafs es
fporadifche Wunderthaten und Maffenwunder giebt und
dafs wir jetzt in der Zeit der fporadifchen Wunder leben.
Wiederholt wird hier das Bild gebraucht, dafs die Er-
eignifse, die wir Wunder nennen, nur Eruptionen des
Vulkans find, aus welchem Ewigkeits- oder Himmelskräfte
einftrömen in die Welt der Endlichkeit. Die nächfte
Eruption fcheint für die Endzeit aufbehalten. In der
That behandelt der Vortragende nicht den chriftlichen
Wunderglauben, fondern, wie ihm dies Prädicat auch
das geläufigere ift, den ,biblifchen'. Ref. will der Bibel
wahrlich nicht verfagen, was ihr gebührt, aber die
Wunderfrage kann man nicht beantworten mit Rückficht
auf die biblifchen Wunder allein, fondern nur mit prin-
cipieller Berückfichtigung der religiöfen Erlebnifse des
Chriften. Wunder ift nur, wo Erfahrung vom Wunder ift.
Schönbach bei Löbau i. S. Rade.

Römheld, Pfr. Dr. C. J., der Wandel in der Wahrheit, in

Predigten über die Epifteln des Kirchenjahres dem
evangelifchen Volke an's Herz gelegt. Gotha, Schloefs-
mann, 1883. (VIII, 706 S. gr. 8.) M. 6. 50.

Die Evangelien-Predigten des Herrn Verfaffers
haben in rafcher Folge eine Reihe von Auflagen erlebt.
Die Art der Behandlung, befonders die Diction, ift
fo eigenartig, dafs der Herr Verf. in der neueften Ge-
fchichte der Predigt einen Platz hat, den ihm niemand
ftreitig macht. Diefelbe Art ift in der vorliegenden
Sammlung auf die epiftolifchen Perikopen angewendet
, und hier hat fie, mehr noch als bei den evangelifchen
, ihre Probe zu beftehen. Welches ift diefe Art?
Der Herr Verf. predigt — um den fatalen Ausdruck
mit dem Verf. S. V zu gebrauchen — populär, mög-
lichft populär, mit Bewufstfein und mit Abficht mög-
lichft populär. Unter der gewifs richtigen Vorausfetzung,
dafs nicht Gemeindeglieder, fondern Pfarrer, vorzugs-
weife die Käufer find, kann es ein gutes Zeichen fein, dafs
die Predigten Römheld's fo grofsen Abfatz finden. Es
bezeugt das Verlangen, der Gemeinde das Wort fafslich
nahe zu bringen, auch das gewifs richtige Gefühl, dafs
die Schuld an der Unfruchtbarkeit vieler Predigten nicht
nur auf Seiten der Gemeinde liegt. Umfo lieber läfst man
fich von dem Herrn Verf. das Geheimnifs der Popularität
erfchliefsen, als unverkennbar feine Predigt vom chriftlichen
Glaubensleben getragen wird und von wahrer
Liebe zu der Gemeinde Zeugnifs giebt. Wir würden es
vermuthen, auch wenn er es uns nicht ausdrücklich
fagte, dafs er täglich für feine Gemeinde bete (S. 9) und
ein Seelforger fei, der feine Gemeinde und fein Volk
mit verzehrender Liebe liebe (S. 286). Hierin wün-
fchen wir dem Herrn Verf. viele Nachfolger; dann
bedarf es keiner Mufterfammlung mehr von populären
Predigten. Denn dies allein ift der echte Schlüffel
zu dem Geheimnifs der Popularität: eine Seelforge,
die mit jedem Gliede der Gemeinde vertraut wird,
jedes Glied und die ganze Gemeinde auf betendem
Herzen trägt und in der Liebe Allen alles zu werden
fucht, damit ihrer Etliche feiig werden. Der Prediger
felbft mufs ein gefalbter Mann fein, dann find feine
Predigten gefalbt; er felbft mufs im innerften Wefen
.populär' fein, dann find auch feine Predigten populär.
Ift diefes Grundrcquifit in der Perfönlichkeit vorhanden
, dann können ja immerhin gewiffe Anweifungen und
Regeln und Beifpiele recht nützlich fein; ohne dasfelbe
find fie mindeftens unnütz. Dafs der Herr Verf. nun die
Popularität nicht fo fehr in jenem perfönlichen Requi-
fite fucht (obgleich er es befitzty, fondern in der Anwendung
gewiffer Regeln, in der Niedrigkeit der Diction
u. f. w., ift feine eigenthümliche Art und feine für
Alle, die daran ein Vorbild nehmen, nicht unbedenkliche
Schwäche. Auf jedem Schritt merkt man die Abficht
; man hat ftets das Gefühl, dafs der Prediger fich
tief herunterläfst; in dem Unterhaltungston, wie ihn
etwa der gebildete Mann dem gewöhnlichften Tagelöhner
gegenüber etwa bei einem Familienfefte desfelben an-
fchlägt, verläuft jede Predigt, nicht in natürlicher,
aus dem vollen Herzen hervorquellender Sprache,
fondern in einer Sprache, welche durch Reflexion und
Studium aus ihrer natürlichen Höhe hinabgedrängt
ift. Man irrt fich fehr in der Meinung, dafs durch folche
abfichtliche Popularität der Gemeinde das Wort Gottes
lieb werde; fie wirkt auch auf die einfachfte Gemeinde
verftimmend und beleidigend, und der Prediger geräth
durch die Pflege diefer Art in homiletifche Unzuläffig-
keiten. So auch Römheld. Das an fich löbliche Be-
ftreben, in Gleichnifsen, Bildern und Beifpielen das
Wort zu veranfehaulichen, verführt dazu, mit der Aefo-
pifchen Fabel von Wolf und Lamm die ganze Einleitung
einer Paffionspredigt (S. 193 ff.) zu füllen, den
Traum der Frau des Pilatus mit reicher Phantafie mehrere
Seiten hindurch auszufpinnen (S. 292 ff), den Streit
eines (natürlich: dummen) Beamten mit einem Pfarrer zu
erzählen (S. 22), die Höhe des Pfarreinkommens des
Herrn Vaters in Zahlen mitzutheilen (S. 25) und die
Predigt des Petrus vor Cornelius fatzweife mit Lachen
erregenden Randgloffen zu begleiten (S. 331). Der
Wunfeh, recht eindringlich und .populär' zu reden,
führt zu Trivialitäten (,was predigt der für Zeug?' S. 26),
zu dem Rath, ans Affenhaus im zoologifchen Garten zu
gehen (S. 27), zur Ausmalung einer komifchen Scene
zwifchen einem bellenden Hunde und einem Kinde
(S- 33 vgh Anderes S. 48. 5.2. 76. 119 u. f. w.), zu Spielereien
mit den Aermchen, Beinchen, Aeugelchen und Ge-
fichtchen des Chriftkindchens (S. 52), zu exegetifchen
Mifsgriffen (S. 20, wo aus der verfchiedenen Qualität
des viererlei Ackers die Quantität des guten Bodens
berechnet wird), zu Flachheiten (über die Freude S. 35,
den Frieden S. 30 ff., das Leiden S. 77) und zu der
wunderlichen Weife, etwas Falfches zu fagen, um es dann
fqfort zu corrigiren (S. 36. 590. 611). Das Anliegen,
kirchliche Einrichtungen der Gemeinde werth zu machen,
verleitet zu der Behauptung, dafs die Kirchenglocken in
der Nacht vor dem Chriftfeft genau um diefelbe Stunde
gelautet feien, in welcher einft Chriftus geboren fei
(S. 38), dafs das Kirchenjahr und das bürgerliche Jahr
zwei Brüder feien, der eine geiftlich, himmlifch, göttlich
, der andere weltlich (S. 1), dafs .Predigen' nur in
der chriftlichen Kirche möglich fei (S. 19) u. f. w. Pafto-
ral-theologifch zu beanftanden ift die Ausführung
über des Predigtamtes Würde und Bürde (S. 19 ff.) fo-
| wohl in ihrem crflen Theil, der das Amt in eine rö-
I mifche Priefterhöhe hinauffchraubt, als im zweiten, der
es eigentlich nur als läftige Bürde fchildert. Eth'ifch
zu beanftanden find nicht nur folche unpatriotifche An -
I fpielungen wie S. 82, nicht nur jene Bufstagspredigt
I (S. 274 ff.), die geradezu in Aufhetzerei gegen die ftaat-
hche Gefetzgebung fich fteigert, fondern auch die durchgangige
Liebhaberei, vornehmlich die eigene Perfon
anzuführen; das geht fo weit, dafs, nachdem der Verf.
mehrfache Erhörungen feines Gebetes bei anhaltendem
Regen berichtet hat, das Thema aufgeftellt wird:
,Vom Zufammenhang der Gebetserhörung mit der
j Heiligung' (S. 202 ff. vgl. auch S. 514 ff.). Dogma-
tifch bedenklich ift die Bemerkung zu den Worten, dafs
die Heiden Gott Joben werden: .Wenn's weiter nichts
ift, dann können die Heiden Heiden bleiben. Dazu
braucht's auch keine Verheifsung. Denn alle Heiden
loben ja Gott u. f. w.'
I Das Schwächfte in der Predigtfammlung find die
| Dispofitionen. Ihr Zweck, den der Verf. als alleinigen