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Ausgabe:

1883 Nr. 12

Spalte:

277-279

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nielsen, Fr.

Titel/Untertitel:

Freimaurertum und Christentum 1883

Rezensent:

Thoenes, Karl

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277 Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 12. 278

war: ,der Landgraf war in feinen Augen ein Reichs- eine Freiftätte finden könne (S. 25). Es fei das Evan-
rebell1' (J. 152. W. 159 f.). Janffen verfchweigt dagegen gelium des Deismus, welches die Loge vertrete, und
(fowohl hier als in feiner ,Gefchichte') die Stellung der hiefür zeuge insbefondere auch die erfte Conftitution des
übrigen Kurfürften, die freilich fchon früher bekannt Ordens von 1722, in welcher von deren Verf., dem
war, aber bei Wille mit noch gröfserer Deutlichkeit ge- j englifchen Geiftlichen Dr. Anderfon, als erfte Pflicht des
zeichnet ift (S. 158 f.). So erfahren wir nicht, dafs Mainz • Freimaurers hingeftellt werde, das Sittengebot als ein
um die Sache wufste, dafs Pfalz fich zur Neutralität ! wahrer Noachit zu beobachten. Der Ausdruck .Noachit'
verpflichtet hatte; dafs Trier das Unternehmen mit Geld weife auf die fogenannten drei noachitifchen Artikel hin,
unterftützte, dafs 'fogar der gut katholifche Brandenburger welche nicht lange vor 1717 der berühmte J. Seiden in
es ausdrücklich billigte, kurz, dafs fie alle miteinander einer Aeufserung des Kirchenvaters Ambrofius über das
ftille fafsen, es nicht ungern fehend, wenn ihrem einft- I Naturgefetz gefunden habe. Nach Ambrofius enthalte
maligen Proteil gegen die Verleihung Würtembergs an j das Naturgefetz folgende drei Stücke: 1) dafs Gott als
Ferdinand hier thatkräftiger Nachdruck gegeben wurde; Schöpfer erkannt und geehrt werde, 2) dafs man ein
und ebenfowenig erfahren wir, dafs auf dem Kurfürften- gutes Leben in Enthaltfamkeit führen müffe, und 3) dafs
tage zu Gelnhaufcn (21. Mai 1534) die Kurfürften dem die Erkenntnifs Gottes und des Schöpfers und ein mora-
König die auf Grund der angeblichen Verletzung des lifches Vorbild andern überliefert werden folle. Diefe
Landfriedens verlangte Hülfe abfchlugen, da Philipp j Ambrofianifche Deutung des Naturgefetzes habe der
vielmehr über Verletzung des Reichsrechts klage, und i Deismus für fein ein und alles erklärt, und diefe ,drei
dafs Köln fich in diefer Sache fogar auf die Seite ! grofsen Artikel' feien die Fundamentalartikel der Loge
Ulrich's ftellte (W. 190 f.). Wenn Janffen ferner S. 148 j (S. 27. 28).

beftreitet, dafs das Würtembergifche Volk mit der neuen | Speciell das fchwedifche Syftem der Freimaurerei,
Lehre einverftanden war, und triumphirend auffordert, das wegen feiner chriftlichen Haltung gerühmt wird,
nur eine einzige derartige Kundgebung des Volkes bei- I findet bei Nieifen, wie der nächftfolgende Abfchnitt

zubringen, fo hätte er felber aus Wille S. 238 das Zeug
nifs des in diefer Beziehung wohl unverdächtigen eifrig
katholifchen Bayerifchen Agenten Hans Werner entnehmen
können, dafs ,der Pöpel das neue Evangelium fuche'

feiner Schrift zeigt, keine günftigere Beurtheilung. Der
Verf. fieht in demfelben nur ein Erzeugnifs von Schwindeleien
und Betrügereien, und hinfichtlich ihrer efote-
rifchen Lehre könne die chriftliche Gemeinde, wie er

, ThRripcrpr feg1' die fchwedifchen Maurer nur als ,eine neue, nicht

I verbefferte Auflage der alten Gnoftiker' betrachten.

Nielsen, Prof. Dr. Fr., Freimaurertum und Christentum. In dem Abfchnitt: ,Die Loge und die Kirche' wird

Deutfch v. A. Michelfen. 2. Aufl. Leipzig, Leh- die Nichtübereinflimmung des fchwedifchen Syftems mit
,88, r7f T,_ c 0 1 ivr t -n dem pofitiven Chriftenthum aus maurerifchen Reden und

mann, 1882. (VI, 130 S. 8.) M. i00. ^ Actenftücken näher nachgewiefen. Nieifen findet, dafs

Schiffmann, Archidiäc. G. A., Offener Brief an Herrn 5 nicht einmal die chriftl. Lehre vom Dafein Gottes und

der Unfterblichkeit der Seele in der Loge unverfälfcht
vertreten werde, und auch die maurerifchen Gebete und
Almofen, welche letzteren vorzugsweife den Brüdern zu
gute kämen, könnten auf den Chriften keine Anziehungskraft
ausüben.

Der Anhangder Nielfen'fchen Schrift endlich befpricht
die Kämpfe, welche die nach dem fchwedifchen Syftem
arbeitende grofse Landesloge in Berlin in den letztver-
floffenen zwei Jahrzehnten durchgemacht hat. Dabei ift
als hauptfächliche Quelle benutzt eine Streitfchrift von
Br. J. G. Findel mit dem Titel: ,Die Schule der Hierarchie
und des Abfolutismus in Preufsen'. Die erwähnten
Kämpfe hatten zum Gegenftande die unhaltbare Tradition
des fchwedifchen Syftems, und Nielten weift insbefondere
auch darauf hin, dafs Prediger Dr. Schiffmann

Dr. Nielsen, Profeffor der Kirchengefchichte in Copen
hagen, als Antwort auf feine Schrift: Freimaurerthum
und Chriftenthum. Leipzig, Zechel, 1883. (52 S. 8.)
M. —.80.

Die Schrift Nielfen's ift, wie das Vorwort angiebt,
daraus entftanden, dafs der ,in weiten Kreifen des Nordens
bekannte Miffionar Skefsrud aus dem indifchen
Santaliftan' in einem Briefe an einen Freund, den das
norwegifche Morgenblatt veröffentlichte, der Freimaurerei
das Zeugnifs ausftellte, dafs fie wahrhaftig, chriftlich und
gut fei. Diefem Zeugnifs gegenüber fühlte fich der Ver-
faffer aufgefordert, aus maurerifchen Quellen Wefen und
Wirkfamkeit der FYeimaurerei zu unterfuchen, und es ift
nun das Refultat diefer Unterfuchung, mit welchem er in

feiner Schrift einen weiteren Leferkreis bekannt macht, j wegen feiner Angriffe auf jene Tradition aus der grofsen
Nachdem in der Einleitung nähere Auskunft über Landesloge excludirt worden fei. Auch in deffen Augen
die Art der dänifchen FYeimaurerei gegeben ift, dafs diefe ftehe die grofse Landesloge da als Schule der Hierarchie
nämlich nach etlichen Wandlungen fich dem fchwedifchen und des Abfolutismus.

Syftem angefchloffen habe, wird weiter über den Urfprung Nieifen hat von Dr. Schiffmann in der oben ange-

der Freimaurerei gehandelt, über das fchwedifche Syftem führten Schrift eine Antwort erhalten. Schiffmann weift
derfelben, über die Loge und die Kirche, und endlich eine Gefinnungsgemeinfchaft mit Findel, der fich auf
werden in einem Anhang Mittheilungen aus der inneren
Gefchichte der grofsen Landesloge in Preufsen gegeben.

Hinfichtlich des Urfprungs der Freimaurerei werden
zuerft jene Märchen, welche die Entftehung derfelben in
die früheften Zeiten der Gefchichte verlegen, abgewiefen,
und fodann wird daran erinnert, dafs auch die freien
Maurer des Mittelalters, welche fich um die kunftfinnigen
Aebte der Benedictinerklöfter fcharten, mit den Freimaurern
der Gegenwart nur zum Theil zufammenhangen.
Diefe fänden vielmehr ihre Ahnen erft in den vier Londoner
Logen oder Maurergewerken, welche im Jahre
1717 zu einer neuen Grofsloge mit einem ganz neuen
Zweck zufammcngctreten feien. Diefer Zweck aber fei
entfprechend den damaligen Zuftänden in der englifchen

Entftellungen und Uebertreibungen ftütze, entfchieden
ab und fchreibt feine Exclufion perfönlichcn Einflüffen,
aber nicht fachlichen Motiven zu. Sodann widerfpricht
er der Nielfen'fchen Darfteilung vom Wefen der Freimaurerei
. Von den Noachitifchen Geboten finde fich in
dem erften Conftitutionenbuche nichts, erft in der Ausgabe
von 1738 würden fie erwähnt, feien aber in der
nächften Ausgabe wieder fortgelaffen; ferner fei kein
Beweis dafür erbracht, dafs die Beziehung auf die
Noachitifchen Artikel von Seiden entlehnt fei, und es
liege näher anzunehmen, dafs die Erinnerung an jene
Gebote den alten Conftitutionen der Werkmaurer entlehnt
fei. Der Freimaurerbund habe keine theoretifchen,
fondern praktifche Abfichten; eben darum habe er zu
Nation und Kirche dahin zu definiren, dafs der Frei- j Ahnen keine Philofophen, fondern Handwerker; die
maurerorden einen Tempel der Humanität erbauen wollte, I FYeimaurerei fei nichts weiter, als eine auf das moralifche
in welchem die natürliche Religion und die humane Ethik | Gebiet angewandte Fortfetzung der Baucorporationen.