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Ausgabe:

1883

Spalte:

265-269

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Orelli, C. v.

Titel/Untertitel:

Die alttestamentliche Weissagung von der Vollendung des Gottesreiches, in ihrer geschichtlichen Entwicklung dargestellt 1883

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Hamack und D. E. Schüret", Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 12.

16. Juni 1883.

8. Jahrgang.

Orelli, von, Die altteftamentliche Weiffagung
von der Vollendung des Gottesreiches (Graf
Baudiffin).

Beftmann, Gefchichte der chriftlichen Sitte.

II. Th. 1. Lief. (A. Hamack).
Wille, Philipp von Helfen und die Reftitution

Ulrichs von Wirtemberg (Brieger).

Nieifen, Freimaurerthum und Chriftenthum
(Thönes).

Schiffmann, Offener Brief an Herrn Dr. Nieifen
(Thönes).

Kübel, Ueber den chriftlichen Wunderglauben
(Rade).

Römheld, Der Wandel in der Wahrheit. Predigten
(Achelis).
Die innere Miffion in Berlin (Schlolfer).

Scherrer, Das Werk des proteftantifch-kirch-
lichen Hülfsvereins in der Schweiz (Schlolfer).
Müller, H. F., Goethe's Iphigenie (Lindenberg).

Orelli, Prof. Lic. C. v., Die alttestamentliche Weissagung j fetzungen macht. In Betracht kommen diefelben freilich
von'der Vollendung des Gottesreiches, in ihrer gefchicht- bei den verfchiedenen Theilen der Bücher Jefaja und
liehen Entwicklung dargeftellt. Wien, Faefy, 1882. ! Sacharia, welche verfchiedenen geschichtlicher, Perioden
neuen cntwie s fa , j, zugewtefen werden, theilweife auch bei Daniel; aber für

(VI, 538 S. gr. 8.) M. 9. 60. Hie Zeit vor jenen Propheten, von welchen wir Schriften

Unter richtigerem Titel bietet dies Werk im vollften | befitzen, bleibt die Folge der Weiffagungen und Gottes-
Umfange was fonft fehr incorrect als Gefchichte der 1 worte im weiteren Sinne genau diejenige, welche ihnen
meffianifchen Weiffagung bezeichnet zu werden pflegt ! in dem uns vorliegenden Kanon angewiesen ift: Gottes-
(S. 35). Abgefehen von Kuenen's Profeten (1875), wo j fegen über die Erftgefchaffenen, Protevangelium, Noah-
doch eine nicht unwefentlich andere Aufgabe geftellt ift, j fegen, Patriarchenfegen u. f. w., ganz ohne Rückficht
war eine erfchöpfende Behandlung diefes Gegenstandes ■ auf die verfchiedenen Zeiten der darüber vorhandenen
feit lange nicht erfchienen, das darüber Vorhandene in ' Aufzeichnungen. Der Verf. reflectirt über diefe; aber
manchen Beziehungen veraltet. Der Verf. ilt reich aus- wie auch fein Urtheil ausfalle, der Inhalt bleibt Eigen-
geftattet, um feiner die genauefte Vertrautheit mit dem thum derjenigen, in deren Mund der jeweilige Bericht-
Alten Teftamente vorausfetzenden Aufgabe gerecht zu i erftatter die Worte legt. Es zieht fleh in Folge deffen
werden: ausgeltattet mit fprachlichem und poetifchem j ein eigentümlicher, ich mufs geliehen, unbefriedigender
Verftändnifse, mit Einficht in die hiftorifch-kritifchen Dualismus durch einen Theil des Buches: Kritik und
Schwierigkeiten, überhaupt mit voller Sachkenntnifs, vor Gefchichte gehen gefondert ihre Wege, jene frei der
allem mit warmer und begeifterter Liebe für das Pro- i Ferteln, diefe ziemlich eng gebunden an den vom Juden-
phetenwort und mit feftem wie erbauendem Glauben an thum ihr vorgezeichneten Weg. Ich weifs das aus dem
die durch diefes vorbereitete neuteftamentliche Offen- , Sinne des mir nahe befreundeten Verf.'s heraus fehr
barung. Sein Buch wird viele Freunde gefunden haben 1 wohl zu verliehen: ihm ift freilich das Alte Teftament
und noch finden und dem Prophetenworte neue Freunde entftanden als eine Sammlung menfehlicher Literatur-
und neues Verltändnifs erwerben — letzteres gewifs in erzeugnifse in hiftorifcher Weife fo gut wie alle andere
vielen Beziehungen, ich kann nicht fagen im Ganzen; Literatur und ift deshalb zu behandeln nach den fonft
denn in wichtigen Punkten kann ich des Verf.'s Ge- [ in der Literaturgefchichte geltenden Gefetzen; aber dem
fchichtsbild nicht richtig finden. 1 poetifch-frommen Gemüthe des Verf.'s ift (was für die er-

Das Werk zerfällt in eine Einleitung (S. 1—85), welche bauliche Betrachtung berechtigt und unvermeidbar) die
von der altteftamentlichen Weiffagung und ihrem Inhalte altteftamentliche Gefchichte in der Form und Folge,
im Allgemeinen, von ihrem Verhältnifse zu der neu- ■ wie wir von Jugend her mit derfclben vertraut gewefen,
teftamentlichen Erfüllung und von der bisherigen theo- fo werth und theuer, dafs er auch Form und Folge (ich
logifchen Behandlung des Gegenftandes redet, und in ^ denke, ohne fich deffen ganz bewufst zu fein) für ein
zwei Hauptthcile, deren erfter (S. 86—212), betitelt: j Unablösbares erachtet von dem Gotteswerke in diefer
,Das prophetifche Wort als Vorbote der Entftehung und Gefchichte. So wird denn, wo fie mit der .Heiligen GeBegleiter
der Ausgeftaltung einer nationalen Gottesherr- fchichte' in Conflict kommt, die Literarhiflorie entlaffen,
fchaft auf Erden', die .patriarchalifchen Verheifsungs- angebunden allerdings am Wagen der Gefchichtfchreibung',
klänge', den .Mofaismus' und den .Gefalbten des Herrn' [ fo dafs fie vor ihm herläuft, aber fie zieht ihn nicht —
(d. h. David's und der Davididen Verhältnifs zum Reiche fo wie zuweilen auf Werken der Plaflik die Pferde des
Gottes, ohne Rückficht noch auf die Weiffagungen der Phöbuswagens diefem vorangeftellt find, ohne doch recht
grofsen Propheten) behandelt; deren zweiter (S. 213—528) angefpannt zu fein, fo dafs fie ihn zu bewegen im Stande
unter dem Titel: /Das prophetifche Wort als Vorbote wären: der Wagen fcheint auch ohne fie durch die Lüfte
der Neugeburt und Bürge der künftigen Vollendung des zu fahren; im Grunde bleibt er am Platze. — Ich wurde
Gottesreiches' von den Weiffagungen der im engeren Sinne jener pietätsvollen Stellung des Verf.'s zu der alttefta-
fo benannten Propheten redet feit der mittleren Königs- ' mentlichen Gefchichte ungeteiltere Anerkennung ent-
zeit bis in die perfifche und griechifche Periode. gegenbringen, auch da wo fie mir zu Irrthümern Anlafs

Ich hebe im Folgenden einige Einzelheiten heraus, zu geben fcheint, hätte nicht der Verf. — ich darf dies
welche zur Charakterilirung des ganzen Buches dienlich nicht verfchweigen — eine (larke Neigung, Solche, welche
zu fein fcheinen. Der Verf. ift in der Literärkritik un- feine Vorausfetzungen im Allgemeinen teilend, lediglich
befangen, und feinem hierauf bezüglichen Urtheile ftimme confequenter find in der Verwertung derfelben " mit
ich vielfach gerne bei. Ich habe aber aus dem Buche, unliebenswürdigen Epithctis zu bedenken, welche ver-
wenigftens aus deffen erftem Haupttheile, nicht recht I letzen muffen. Ihre Anfchauung wird decorirt mit den
verftanden, weshalb dasfelbe literar-hiftorifche Voraus- | Bezeichnungen .naturaliftifch' (S. 164), .rationaliftifch' (S.
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