Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1883 Nr. 10

Spalte:

233-237

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fricke, G.

Titel/Untertitel:

Gottesgrüsse 1883

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

233

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 10.

234

Bassin, Missionary Elieser, C. M. & Ph. B., The modern
Hebrew, and the Hebrew Christian. London, James
Nisbet & Co., 1882. (XII, 275 S. 8.) Cloth. 4 sh. 7 d.

Die Selbftbiographie eines jüdifchen Convertiten, der
feine ungewöhnlichen Schickfale ohne Rhetorik und
langathmige Reflexionen und daher nur um fo ergreifender
zu erzählen weifs. Der etwas allgemein
gehaltene Titel ift für den erften Theil infofern berechtigt
, als der Verfaffer bei der Darftellung feines
Lebensganges zugleich längere Excurfe über den Glauben
und Aberglauben der Talmudjuden, ihre Feite und Gebräuche
einflicht — Schilderungen, die auch den Kundigen
zu feffeln vermögen, weil fle vielfach an concrete Fälle
angeknüpft und fämmtlich aus eigenfter perfönlicher
Uebung gefchöpft find. — Um 1850 in der Provinz Mo- I
hilev im füdlichen Rufsland geboren, hat der Verf. mit
6 Jahren bereits den Pentateuch fammt Rafclii durch-
ftudirt, läfst fleh nur einen folchen Lehrer gefallen,
der ihm alle Fragen zu beantworten vermag und ver-
läfstals Dreizehnjähriger heimlich das Haus feiner Mutter,
um bei berühmten Kabbaliften feine mafslofe Lernbegierde
zu befriedigen. Die Bekanntfchaft mit dem Grofs-
rabbiner der Secte Chabad (aus den Anlauten von
cliokhma, bina, dacat gebildet), welche Ende des 18. Jahrh.
von R. Schnerfon behufs allgemeiner Verbreitung der
Kabbala geftiftet ift, bringt ihn zu dem Fntfchlufs, felbft
eine neue Secte zu gründen. Doch ftudirt er zuvor
noch drei Jahre zu Volozin, heirathet fiebzehnjährig und
zieht fodann predigend und disputirend umher. Durch
die Karäer in der Krim bekommt fein Talmudismus
einen ziemlichen Stöfs; doch glaubt er noch in Odeffa
nach einem Befuch des Theaters feine Seele dadurch |
reinigen zu muffen, dafs er die ganze Nacht im Sohar
lieft. Schon in laganrog hat er (1868) zum erften Male |
von proteftantifchen Miffionären gehört; zu ihnen fühlt
er fleh feitdem mit magifcher Gewalt hingezogen. Sein
Verlangen wird endlich in Stambul befriedigt und das
Ende ift feine Taufe am 19. April 1869 durch die
Miflionäre der fchottifchen freien Kirche. Die Meldung
diefes Schritts nach Rufsland giebt das Signal zu Ereig-
nifsen, die man im 19. Jahrh. felbft in Rufsland für ein
Märchen halten füllte. Eine jüdifche Deputation aus
feiner Heimath erfcheint in Stambul, lockt ihn unter
heuchlerifchem Vorwand auf die Strafse, läfst ihn dort
von einem rufflfehen Poliziften verhaften und nach Odeffa
bringen. Unter endlofen Disputationen, Bedrohungen
und Mifshandlungen, mehrfach auf dem Marfche an Mörder
angefchmiedet, wird er zehn Wochen lang von Gefängnifs
zu Gefängnifs gefchleppt, bis er am 5. Jan. 1870 dem
Tode nahe in Mohilev eintrifft. Alle Anftrengungen feiner
chriftlichen Freunde, felbft der ftricte Befehl, ihn freizu-
laffen, werden durch das Gold der Juden immer wieder j
illuforifch gemacht. In Mohilev endlich glaubt er in i
Paftor Bufch den Befreier gefunden zu haben — da
geben ihn die beftochenen Hüter den Juden preis. Er
wird des Nachts davongeführt und längere Zeit an ver-
fchiedenen Orten fcheufslich mifshandelt. Da er trotz
alledem nur um fo eifriger fortfährt, das Evangelium
zu predigen, fo befchliefst man endlich in einer Art Volks*
verfammlung feinen Tod. Schon ift er durch ein in das
Eis des Dnieper gehauenes Loch hinabgeftofsen und feine
Mörder find eben im Begriff, ihm die Arme, die fleh
nicht durchzwängen laffen, zu brechen, da ermannt fleh
eine mildere Partei zu feiner Rettung. Es kommt zu
einer förmlichen Schlacht, in der endlich feine Retter
fiegen. Aber nichts als das Leben hat er gerettet; denn
am i2. Febr. 1870 erzwingt das Gold der Juden trotz
ausdrücklicher früherer Abweifung feine Einreihung in
die Armee. Auch hier treibt er und zwar nunmehr unter
dem Schutz der Uniform aller Orten Mi ffion, wird nachmals
zu dreijährigem Studium an eine Akademie für
Militärärzte beordert und avancirt fchliefslich zum Vor-

ftand der Apotheke eines Militärhospitals in St. Petersburg
. Sein Miffionseifer ift fo fprüchwörtlich geworden,
dafs ihn Alexander II eines Tages fcherzend fragt, wie
viele Seelen er fchon in den Himmel gefandt habe.
,Nicht mehr, als der Himmel von mir fordert', lautet
die Antwort. Seine Verbindung mit hohen Adligen,
denen er bis tief in die Nacht Bibelftunden hält, ver-
fchafft ihm endlich 1875 die Entlaffung. Er tritt in den
Dienft der Londoner Judenmifflon, ftudirt Theologie und
wirkt feit Oct. 1878 in Rumänien. Nachdem er 1880 in
den Dienft der fchottifchen Freien Kirche übergetreten
ift, wird er aufs neue nach Jaffy beordert und fleht dort
noch jetzt in einer erfolgreichen Wirkfamkeit. Die
letzten Seiten des Buchs berichten über feine Bemühungen,
durch eine aus Juden und Chriften gemifchte Gefellfchaft
die Judenfrage im Sinne gegenfeitigen Verftändnifses zu
löfen (nach folchen perfönlichen Erfahrungen !). Zu diefem
Behuf liefs er im Mai 1881 ein Circular in weite Kreife
ausgehen, wie er auch im Sept. 1881 eine Zeitfchrift
,Eintracht' zu gleichem Zweck zu ediren begann. Von
den auf jenes Circular eingegangenen Antworten braucht
man nur die des ehrwürdigen Franz Delitzfch mit dem
hochmüthigen Gerede des rufflfehen Rabbiners Butynski
zu vergleichen, um einen Vorfchmack von dem ,Ver-
ftändnifs' zu bekommen, das von letzterer Seite zu hoffen
ift. — Der Druck des Buches ift fehr correct, wenn auch
die englifche Schreibung hebräifcher Namen für den
deutfehen Lefer höchft Hörend ift; S. 105, Z. 2 v. u.
lies neshama; S. 267, Z. 13 1. Treitfchke, S. 270 Z. 12
y. u. 1. Grau. Dafs die Mifchna in aramäifcher (S. 21),
der jerufalemifche Talmud fogarin oftaramäifcher Sprache
abgefafst fein foll (S. 22), dürfte in der fleher zu erwartenden
2. Aufl. ebenfo zu emendiren fein, wie die
(der jüdifchen Tradition folgende) Anfetzung der Rückkehr
Ezra's im Jahre 420 v. Chr.

Tübingen. E. Kautzfeh.

Fricke, Konfift.-R. Prof. Ffr. Dr. G., Gottesgrüsse.

Predigten, t. Bd. Leipzig, Lehmann, 1883. (VIII,
311 S. gr. 8.) M. 4. —

Der hochverdiente Leiter des deutfehen Guftav-
Adolf-Vereins, der weit über die Grenzen des Vaterlandesbekannte
, oft in zündender Beredtfamkeit die Sache
der bedrängten Glaubensgenoffen verfechtende, allzeit
fchlagfertige Redner bietet uns hier den erften Band
gefammelter Predigten, und ein anderer Band wird nach
ftenographifchen Nachfchriften folgen. Wir haben den Gemeindegliedern
für ihren dem Herrn Verf. ausgefprochenen
Wunfeh, Predigten drucken zu laffen, dankbar zu fein,
fo wenig auch in anderen Fällen ein derartiger Wunfeh
beftimmend fein darf, da der objective Werth und der
Affectionswerth gerade von Predigten meiftens nicht der-
felbe ift. Die ,Gottesgrufse' find der ,Peterskirchen-
gemeinde' zu Leipzig gewidmet; die Auswahl hat nicht
der Verf. felbft, fondern die Zuhörer, welche fleh die
betreffenden Manufcripte erbaten, getroffen: vielleicht
würde dies oder jenes Stück der 25 vorliegenden Predigten
andernfalls nicht vorzugsweife gewählt fein.

Auffallend ift die bedeutende Länge der Predigten
und befonders auch der Einleitungen, die vor die Text-
verlcfung geftellt find. Die Forderung des Verf.'s (S. VI),
dafs die Einleitungen ein vollkommener Zeitfpiegel für
1 Gegenwart und Zukunft fein muffen, dürfte freilich als
I homiletifche Regel anfechtbar fein; allein ihre Erfüllung
ift unter Umftänden gewifs zu begrüfsen. In diefem
Bande wird die Forderung erfüllt; theilweife wird dies
aber wohl der Auswahl zuzufchreiben fein, die ihre
Hand auf folche Predigten mit Vorliebe gelegt hat, welche
durch die Zeitereignifse (Mord und Begräbnis des Kaifers
von Rufsland, Mord des Präfidenten von Nord-Amerika,
I drei Königs-Geburtstagsreden u. f. w.) einen befonderen
I Charakter empfingen. Und gewifs nicht mit Unrecht;