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Ausgabe:

1883 Nr. 10

Spalte:

230-232

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beyschlag, Willibald

Titel/Untertitel:

Der Altkatholizismus 1883

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 10.

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tenswerth notirte, doch davon abftand mir eine Abfchrift j feiner Rückkehr aus Deutfchland 1562 erftattet (hier ift
zu beforgen, da ich erfuhr, dafs eine folche bereits von | S. 311 für Marburgh natürlich Naumburgh zu lefen);

anderer Seite genommen fei (vgl. Valentineiii, Bibl.
Mamiscr. V, 242 und Regelten S. 646, n. 864; über eine
Copie der Gutachten in dem Cod. Vat. 3917 der Vatik.
Bibl. fiehe Mazzuchelli, Gli Scrittori d'Italial, 422). —-
Die III. Abtheilung (S. 289—339; ift betitelt: ,Docu-
mente zur Gefchichte des Concils von Trient'.
Hier gehören die beiden erften Stücke der Vorgefchichte
des Concils an. Wälirend das 2. ,An expediat habere
generale concilium, et quid sit faciendum in legatorum
adventu' (S. 303—9 — aus einem Cod. Barberin.) fich
nur mit Aeufserlichkeiten befchäftigt und von untergeordneter
Bedeutung ift, halte ich das 1. Gutachten (S.

291_303) für eines der wichtigsten Actenftücke des Bandes.

Es wird hier (aus einem Cod. Vatic.) als ,Gutachten Mo-
rone's aus dem J. 1544' gegeben, doch ift die Autorfchaft
Morone's dem Herausgeber (S. XXIII) zweifelhaft
geworden, da es offenbar nicht von einem Cardinal ab-
gefafst fei. Im Uebrigen ift der Herausgeber auch hier
wieder jeglicher Unterfuchung aus dem Wege gegangen.
Ich bemerke zunächft, dafs das Gutachten in zwei dis-
corsi zerfällt; im erften erörtert der Verf. mit ausgezeichneter
Sachkenntnifs die faft unüberwindlichen Schwierigkeiten
, dem Concil durch Theilnahme der Proteftanten
einen wahrhaft ökumenifchen Charakter zu verfchaffen;
im 2. giebt er das einzige Mittel an, die Proteftanten
zur Theilnahme zu bewegen: fchleunige Reform der
Kirche, d. h. Befeitigung der Mifsbräuche und des
Aberglaubens [äbusi e superstitioni). In beiden Discurfen
vertritt der Verf. feine Sache mit ungemeiner Frifche,
Lebhaftigkeit und Dringlichkeit — und welch' anderer
Geift weht in ihnen als in den oben befprochenen Rath-
fchlägen Aleander's! Gerichtet find fie, wie man mit

2 Inftructionen der Concilslegaten für Commendone, 28.
Jan. 63; 3 Briefe Graziani's an dcnfelben, 16.—21. Febr.
63; ein Brief vom 20. April 62 über die Verhandlungen
de iure divino der bifchöflichen Refidenz; endlich ein
kurzer Bericht über verfchiedene Concilsvorgänge des
J. 1563. —

Die IV. und letzte Abtheilung (S. 341—476) bietet
,Analekten zur Gefchichte der Päpfte'. Befonders
werden hier die ausführlichen Mittheilungen aus dem
Tagebuche des Grofsceremoniars Paris de Graffis
über das Pontificat Julius'II. willkommen fein (S. 363—433).
Mit dem J. 1504 beginnend und bis zum Tode des Papftes
gehend, lind fie reich an allerlei kleinen Zügen, welche
für das Privatleben des Papftes, für das ganze Treiben
an der Curie von Wichtigkeit find, fodafs diefes Tagebuch
nicht minder dem Culturhiftoriker als dem Kirchen-
hiftoriker zur Beachtung empfohlen werden kann. Benutzt
ift für diefe Mittheilungen eine auf der Münchener Bibliothek
befindliche Abfchrift des Diarium. Bekanntlich
giebt es von demfelben Paris de Graffis auch ein Tagebuch
über das Pontificat Leo's X., dem man auf mehr
als einer römifchen Bibliothek begegnet. Es wäre fehr
zu wünfehen, dafs auch diefe Aufzeichnungen einmal
im Auszuge mitgetheilt würden. — Vorangefchickt find
dem Tagebuch Graffis' einige kleinere Stucke über
Bonifaz VIII, Urban VI, Bonifaz IX. und Paul II. (S.
341—62). Den Schliffs des Bandes bilden (S. 434—76)
4 Actenftücke aus dem J. 1676; 3 von ihnen find während
der Sedisvacanz diefes Jahres gefchrieben, das 4. ift
ein Bericht über die Wahl Innocenz' XI. Unter den
erfteren find von hervorragendem Werth die beiden an
letzter Stelle (S. 446—76) abgedruckten Denkfchriften,

Sicherheit aus dem Inhalte entnehmen kann, an einen fofern fie grelle Streiflichter werfen auf die fittlichen
einflufsreichen Cardinal, und der Verf. ift (vgl. S. 294)
ein Bifchof. Aber wer ift diefer Bifchof? So mifslich es
im Allgemeinen ift, mit Hülfe blofs innerer Merkmale

den Verf. eines ohne Namen und Datum überlieferten
Schriftftückes zu beftimmen, zumal da zu jener Zeit von
Unzähligen Gutachten über das Concil gefchrieben find,
fo flehe ich doch in diefem F"alle nicht an, zuverfichtlich
die Vermuthung auszufprechen, dafs ,der erfahrungsreiche
und einfichtige Verfaffer, welcher mit den angefehenften
Proteftanten mehrfach in officiellen Verkehr getreten
war', niemand anders ift als Pier Paolo Vergerio.
Von den Gründen für diefe Vermuthung können hier
nur die äufseren gegeben werden. Der Bifchof bezieht
fich (S. 292) auf etwas, was ihm Luther über den Ort
des Concils gefagt (der Inhalt diefer Aeufserung feheint
nicht mit demjenigen zu ftimmen, was fonft über diefen
Punkt die Berichte über die Zufammenkunft Vergerio's
mit Luther bieten, kann aber doch eine nebenher gemachte
Bemerkung Luther's fein); er redet (S. 293) von
feinem Gefpräch mit Melanthon und anderen Proteltanten
bei Gelegenheit des Wormfer Colloquiums; endlich
findet fich (S. 294) ein Hinweis auf feine deutfehe Nuntiatur
(die ,quattro anni1 kurz vorher find auffallend).
Die inneren Gründe ftimmen mit diefem Ergebnifs überein.
Es liegt auf der Hand, wie fehr diefes Actenftück an
Bedeutung gewinnt, fobald nachgewiefen ift, dafs es aus
der Feder Vergerio's flammt. Für wen es beftimmt war,
wird man nicht mit einiger Sicherheit fagen können;
doch hat man wohl an den Cardinal Ercole Gonzaga
(oder möglicherweife an den Cardinal von Trient) zu
denken. Die Zeit der Abfaffung endlich fcheint die erfte

Zultände der Zeit.

Marburg. Th. Brieger.

1. Beyschlag, Prof. Dr. Willib., Der Altkatholicismus. Eine

Denk- und Schutzfchrift an das evangelifche Deutfchland
. Halle, Strien, 1882. (65 S. gr. 8.) M. I. —

2. Gatzenmeyer, Geiftlicher, Christkatholisches Gebetbuch
. München, K. Hof- und Univerfitäts-Buch-
druckerei von Dr. C. Wolf & Sohn, 1882. (194 S. 8.)

3. Rieks, Stadtpfr. J. Der Altkatholizismus in Baden. Eine
Feftfchrift zur zehnjährigen Beftehungsfeier der badi-
fchen Gemeinden, insbef. der in Heidelberg, Ladenburg
und Schwetzingen, fammt einem Mitglieder-Verzeichnis
diefer. Heidelberg, (Emmerling 6k Sohn),
1883. (VIII, 186 S. gr. 8.) M. 1. —

Es ift dem Altkatholicismus an Beyfchlag ein beredter
Anwalt vor dem evangelifchen Deutfchland er-
ftanden. Eine ,Denk- und Schutzfchrift' betitelt fich
die Abhandlung. Nur zu nothwendig war es, dafs endlich
ein kräftiger Proteft erhoben wurde gegen jene
Treibereien wider den Altkatholicismus, die man in
übelftem Verftändnifs des Intereffes unterer evangelifchen
Kirche in den gegenwärtigen verwirrten Zeitläuften zum
Theil für nothwendig befunden. Wie könnte es je unfere
Sache fein, Rom zu unterftützenin derDurchfetzung gerade
feiner fpeciflfchen Beftrebungen d. h. den Papfl in der
Hälfte des Jahres 1545 zu fein (vgl. S. 302; jedenfalls ganzen antichriftifchen Schätzung feiner Stellung zum

find die Discurfe bald nach dem Frieden von Crefpy j wirklichen Herrn zu erheben! Gefetzt einmal die Ver-
gefchrieben, f. S. 295). ! hältnifse lägen danach, dafs wir durch Unterftützung der

Die übrigen 6 Stucke diefer Abtheilung (S. 310—339) ! römifch-jefuitifchen Anfprüche von jener Seite die fonft
beziehen fich auf das letzte Stadium des Concils, indem j zur Zeit nicht gewinnbare Beihülfe erlangen könnten zur
fie den Jahren 1562 und 63 angehören: ein beachtens- | Abftellung fchwererUebelftände in unterereigenenKirche
werther Bericht Commendone's an Pius IV., nach | — wie dürften wir es wagen, uns felbft einen Vortheil