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Ausgabe:

1883 Nr. 8

Spalte:

183-184

Autor/Hrsg.:

Kögel, Rud.

Titel/Untertitel:

Wach‘ auf , du Stadt Jerusalem! 1883

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Seite 1

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183 Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 8. 184

tragen'. Diefer letzte Satz erinnert daran, dafs der Verf.
die von ihm beftrittenen Anflehten manchmal gerechter
darfteilen follte. Gründliche, erbaulich-fruchtbare Textbehandlungen
und trockene exegetifche Einleitungen, gute
und fteife Dispofitionen find fehr verfchiedene Dinge.
Auch von feinem Standpunkte aus hätte fich der Verf.
unferes Erachtens mit grofsem Gewinn für die Vertiefung
feiner Anflehten oft genauer an die Texte anfchliefsen
können und follen. In den beiden fonft viel Gutes enthaltenden
Reden über Erbauung war z. B. in der 1.
über Ephef. 2, 20—22 der Gedanke, dafs Jefus Chriftus der
Eckftein ift, und in der 2. über 1 Cor. 3, 10—13 der ganz
ähnliche, dafs Jefus der Eine Grund ift, nicht fo bei Seite
zu fchieben. Der Wunfeh, dafs überhaupt manchmal
gründlicher und vollftändiger ausgearbeitet fein möchte,
erfcheint vielleicht bei dem Titel ,Freie Skizzen' unberechtigt
. Doch follten folche Hauptfachen nicht fehlen,
wie z. B. S. 77 bei Anführung der Hindernifse des Betens
der Mangel des Glaubens an einen lebendigen Gott.

Uebrigens mufs die Mannigfaltigkeit der Betrachtungen
und Gedanken anerkannt werden. Die Behandlung
weiter, allgemein-religöfer Texte und Themata gelingt
dem Verf. am beften. Wir möchten dabei keineswegs
blofs auf die Gefahr hinweifen, fich zu fehr vom Mittelpunkte
des Heiles zu entfernen, fondern auch auf die
wohlberechtigte Forderung, das ganze Leben unter den
Einflufs der Religion zu ftellen. Vergl. die fchöne Betrachtung
S. 58 über Tit. 3, 15: Was find uns die chrift-
lichen Grüfse? An guten Gedanken, z. B. bezüglich reli-
giöfer Naturbetrachtung und Lebensauffaffung, fowie an
recht praktifchen, ernften Mahnungen in fittlicher Hinficht
fehlt es nicht. Auch häufige und gute Verweifungen
auf andere Schriftftellen als auf die des Textes gehören
zu den Vorzügen. Sehr oft werden auch Verfe neuerer
Dichter angeführt, z. B. von Sallet. Die Darfteilung ift
eine klare, gefällige, lebendige, rafch vorfchrcitende; das
Skizzenhafte tritt nicht ftörend hervor, die einzelnen Betrachtungen
erfcheinen vielmehr meift in ihrer Art wohlabgerundet
. Wer von des Verf.'s dogmatifcher Stellung
und feiner Textbehandlung abfieht oder beide billigt,
wird mannigfache Anregung und viele fruchtbare Andeutungen
bei ihm finden. Dafs er Manches von Andern
entlehnt hat, erwähnt er felber. Bei der in Ausficht ge-
ftellten Fortfetzung wäre ein öfteres Nennen der Quellen
gewifs angenehm.

Friedberg. Die gel.

Kögel, Oberhofpred. Schlofspfr. Gen.-Superint. Dr. Rud.,
Wach' auf, du Stadt Jerusalem! Zeitpredigten und Reden.
Bremen, Müller, 1882. (IX, 206 S. 8.) M. 2. 40.

Die hohen Vorzüge der ganz eminenten homile-
tifchen Gabe eines Kögel find bekannt genug. Wir be-
fchränken uns deshalb darauf, einige gerade den vorliegenden
geiftlichen Reden charakteriftifche und für die
Predigt der Gegenwart vorbildliche Züge hervorzuheben.
Erftens kann man an diefen, gegen die herrfchenden
Verirrungen und Krankheiten der Zeit gerichteten Reden
Etwas lernen, was nicht genug betont werden kann, dafs
die rechte Apologetik nicht fowohl die directe, als vielmehr
die indirecte ift, die auf der einen Seite dem im
Irrthum verborgenen Kern der Wahrheit mit dem Spür-
finn chriftlicher Liebe und Weisheit nachgeht und auf
der andern Seite denfelben aus der unerbittlichen Logik
feiner intellectuell und ethifch unerträglichenConfequenz.cn
heraus widerlegt, womit zugleich zufammenhängt, dafs
die wahre Apologetik auch die wahre Polemik ift. Dafür
geben namentlich die erften vier Predigten claffifches
Ztugnifs, die erfte derfelben mit dem Thema: ,Der unbekannte
Gott' anknüpfend an das Sehnen und Suchen
auch unter den Chrifto entfremdeten Zeitgenoffen, die
zweite mit dem Worte: ,Ihr werdet fein wie Gott' gegen
den Pantheismus, die dritte mit der Schilderung des

I /Thiers' im Sinne der Apokalypfe gegen den Materialismus
, die vierte mit dem paulinifchen Satz: ,Hoffnung
läfst nicht zu Schanden werden' gegen den Peffimismus
gerichtet.

Zum Andern find die Predigten, fubjectiv wie ob-
jectiv verftanden, Gewiffenspredigten; fo grofs der Glanz
echter chriftlicher Rhetorik in denfelben ift, ihre Stärke
liegt doch in dem ethifchen Pathos, von dem fie getragen
find, und in der Gabe des Verf.'s, mit fittlich gefchärftem
Blicke zu zeigen, dafs ebenfo die Gewiffenlofigkeit der
tieffte Grund des Unglaubens, als dafs die einzig gc-
funde Wurzel des Glaubens das erwachte Gewiffen ift,
das diefe Predigten in hervorragender Weife zu erwecken
verftehen. Ihrem Motto entfprechend find es mächtige,
an das Gewiffen der Zeit fchlagende, ihre fittlichen Schäden
mit grofsem Freimuth aufdeckende Weckrufe. So
ift denn auch in denjenigen Predigten, in welchen be-
deutfame Lehrftücke des Glaubens behandelt find, der
dogmatifche mit dem ethifchen Factor aufs Engfte verbunden
; die Glaubenspredigten find zugleich Gewiffenspredigten
, fo die beiden Predigten über die Gottesfohn-
fchaft und über die Auferftehung Chrifti.

Zum Dritten: diefe Zeitpredigten find zugleich Ewigkeitspredigten
; fie zeigen, wie das Ewige das Licht der
Zeit in dem doppelten Sinne ift, dafs es ebenfo die
Verirrungen der Zeit enthüllend richtet, als ihre dunklen
Räthfel löft. Endlich hat uns an diefen, dem General-
feldmarfchall von Manteuffel gewidmeten Predigten und
Reden befonders wohlgethan der warme Haucli eines
gefunden, deutfeh - chriftlichen Patriotismus, der die-
felben durchweht; gehört es doch mit zum Ruhm der
deutfeh-evangelifchen Predigt von Luther an bis auf die
grofsen Prediger in der Zeit der Freiheitskriege, einen
Schleiermacher, Dräfcke, Klaus Harms, dafs fie, auch in
diefem Sinne rechte Propheten ihrer Zeit und ihres Volkes,
diefen Ton mächtig angefchlagen.

Aufser den bereits angedeuteten Predigten, zu denen
fich Predigten bei verfchiedenen kirchlichen Vcreinsfeften
gefeilen, enthält diefe Sammlung Cafualreden bei befonders
bedeutfamen Anläffen; Grab- und Gedächtnifs-
reden auf Tholuck (über Luc. 14, 22), Jul. Müller (über
Col. 3, 3) und Wilh. Hoffmann (über Matth. 9, 37. 38),
fowie auf Paul Gerhard an deffen 200jährigem Todestag
(über Pf. 57, 8—12), eine Weiherede am Denkmal des
Freiherrn vom Stein, ohne Text, in wahrhaft lapidarem
Stil, und eine Rede zur Eröffnung des Reichstags (über
Matth. 22, 20. 21).

Dresden. Meier.

Schröder, Pfr. Dr. Fr., Der Brief Pauli an die Galater.

Mit befonderer Berückfichtigung der darin enthaltenen
Unterfcheidungslehren. Zur Belehrung und Erbauung
ausgelegt. Heidelberg, C. Winter, 1882. (VIII, 131 S.
8.) M. 1. 80.

Einfach und fafslich gefchrieben ift die vorliegende
1 Auslegung des Galaterbriefs wohl in ihrer Art geeignet,
; dem Zwecke der Belehrung und Erbauung, welchen der
Titel ankündigt, zu dienen. Die Einleitung bezeichnet
I kurz die Umftände, unter denen Paulus an die Galater
fchreibt. Die Auslegung felbft giebt vor jedem Capitel
| eine kurze Inhaltsangabe in dreifacher ungezwungener
j Partition und fchliefst fich dann homilienartig an die
j einzelnen Verfe — feiten find mehrere zufammengenommen
j — an. Ab und zu beleben eingeftreute Verfe aus evan-
gelifchen Kernliedern, die freilich nicht immer gefchmack-
voll ausgewählt find, die fortfehreitende Erklärung. Wir
verkennen nicht, dafs bei der praktifchen Abficht des
| Verf.'s diefer völlige Anfchlufs an die herkömmliche Text-
; eintheilung feine Berechtigung hat; glauben aber doch,
dafs der Verf. dem Gcdankenzufammenhang wenigftens
in foweit hätte Rechnung tragen dürfen, dafs er je zwei