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Ausgabe:

1883 Nr. 8

Spalte:

182-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lechner, Ernst

Titel/Untertitel:

Freie Skizzen zu religiösen Reden 1883

Rezensent:

Diegel, J. Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 8.

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nennt der Peffimismus die Welt noch in ganz anderem
Sinne ein Jammerthal, als die chriftliche asketifche Literatur
es thut. Aber, dafs fie es ift, nimmt er im Grunde
fehr übel und fügt fich nur fchliefslich mit philofophi-
fcher Würde in das Unvermeidliche. Dabei kommt die
Lrdentrübfal thatfächlich um ihren Werth als fittliches
Erziehungsmittel. Nichtsdeftoweniger lebt die peffimi-
ltifche Moral vielfach von diefen fcheinbaren chriftlichen
Anklängen, und dafs fie es mit einem gewiffen Erfolg
vermag, verdankt fie, wenigftens in der Geftalt, welche
ihr Hartmann zugedacht hat, zum nicht geringen Theile
Reminifcenzen chriftlicher Moral, die eben nicht auf
peffimiflifchem Stamme gewachfen find und zu den
peffimiftifchen Vorausfetzungen wenig ftimmen wollen.
Dafs diefe felbft keine Grundlage bieten, um darauf
eine gefunde, klare und in fich gefchloffene Sittenlehre
aufzubauen, hat der Verf. der vorliegenden Schrift m. E.
im grofsen und ganzen klar und überzeugend nachge-
wiefen. Er befitzt dabei genügende Unbefangenheit
und Weitherzigkeit, um alle Wahrheitsmomente in den
von dem Peffimismus vorgetragenen Gedanken bereitwillig
anzuerkennen und fich an den, befonders in
Hartmann's ,Phänomenologie des fittlichen Bewufstfeins'
nicht feiten eingefprengten ,Goldkörnern' aufrichtig zu
erfreuen. Mit grofser Befonnenheit und Nüchternheit
werden einzelne fchwierige Probleme der Ethik, wie der
Streit zwifchen Determinismus und Willensfreiheit, behandelt
, und für und wider forgfältig abgewogen. Der
Natur des behandelten Gegenflandes entfprechend kann
es nicht ausbleiben, dafs der Diffenfus öfter eben nur
auf ein anders geftaltetes Werthurtheil hinausläuft, wofür
es keinen weiteren Beweis giebt. Im grofsen und ganzen
beflreitet der Verf. den Anfpruch des Peffimismus auf
einen grundlegenden Werth für die Ethik aus deffen
eigenen Vorausfetzungen. Er weift nach, dafs die peffi-
miftifche Ethik fich auf unfichcren, fchillernden Begriffen
aufbaut, dafs fie innerlich widerfpruchsvoll ift und eines
klaren Zieles entbehrt. Was insbefondere den Ausgangspunkt
der ganzen Entwicklung anlangt, fo thut er dar,
dafs der inftinetive Trieb des Menfchen, glücklich zu
werden, an fich noch kein Egoismus fei. Vor allem fei die
Seligkeit des Chriftenthums, deffen Moral Hartmann als
transcendenten-pofitivenEudämonismus brandmarkt, nicht
darnach angethan, dafs fich wirklicher Egoismus damit
zufrieden gebe. Andererfeits fei der aus der Erkennt-
nifs der Nichtigkeit alles irdifchen Glückes geborene
Verzicht auf das Trachten nach folchem keine innere
Ueberwindung des Egoismus, kein ethifches Motiv.
Ueberhaupt fei ein fo erbärmliches Wefen, wie es der
Menfch nach dem Urtheil des Peffimismus ift, weder
ein taugliches Subject, noch Object der Ethik. Die vollkommene
Leugnung der Willensfreiheit vernichte jede
Vorausfetzung einer folchen. Als letztes Ziel der Entwicklung
vermöge fchwerlich der Selbftmord als einzige
Eorderung peffimiftifcher Moral abzuweifen fein, am
wenigften, wenn, wie bei Hartmann, die ,Erlöfung' das
oberfte Moralprincip fei, wobei fchliefslich all' der
Erdenjammer keinen anderen Zweck habe, als die Befreiung
des Abfoluten von dem dummen Streich der
Weltfetzung. Das dazwifchen eintretende evolutioniftifche
Moralprincip, das Princip des Culturfortfchritts, fei ein
optimiftifcher Einfchlag in das peffimiftifchc Gewebe.
Es werde dadurch die unmögliche Zumuthung geftellt,
die Güter des Lebens einer fich völlig widerfprechenden
doppelten Beurtheilung und Werthung zu unterziehen.
Ermögliche dies Princip auch fcheinbar eine freudige
pofitive Mitarbeit an den Culturaufgaben, fo verliere es
feine Kraft alsbald wieder dadurch, dafs aller Cultur-
fortfehritt fchliefslich doch keinen anderen Zweck habe,
als den, die Leiden des Abfoluten abzukürzen und mög-
lichft fchnell das Nichts herbeizuführen. Ausführlich
wird im einzelnen dargethan, wie der Peffimismus die
fittlichen Grundbegriffe zerftöre oder innerlich entleere,

wie er die Güter des Lebens entwerthe, die fittlichen
Gemeinfchaften auflöfe. Auf Grund deffen wird S. 180
folgendes Gefammturtheil gefällt: ,Der Peffimismus, auf
der Wage der Ethik gewogen, wird zu leicht erfunden.
Auf den Grundlagen des Schopenhauer'fchen Syftems
läfst fich eine Sittenlehre, die diefen Namen wirklich
verdient, gar nicht aufbauen, auf Grundlage des Hart-
mann'fchen wenigftens keine befriedigende, .... keine
für die Menfchheit überhaupt, nicht blofs für höher veranlagte
Geifter taugliche, keine, die an die chriftliche
Sittenlehre mit ihrem heiligen Ernft, ihrer edlen Milde
und ihrer erhabenen Einfachheit hinanreichte. Was in
Hartmann's Ethik wahr, fchön und gut ift, das flammt
eben nicht aus dem Peffimismus, fondern aus einem ihm
widerftrebenden unverwüftlichen Idealismus, einem un-

bewufsten Chriftenthum.....Das Moralfyftem als fol-

ches, das in diefem Werke aufgebaut wird, ift verfehlt,
unhaltbar und hat keine Zukunft'.

Am wenigften hat Ref. fich befriedigt gefunden
durch die Ausführungen über das Sittengefetz, das Gewiffen
und das moralifche Gefühl. Die hier vorhandenen
Denkfchwierigkeiten werden zwar anerkannt und dem
Peffimismus gut gerechnet, aber in der pofitiven Darlegung
keineswegs überwunden, auch nicht in den mit-
getheilten Ausführungen Biedermann's, den Verf. hier,
wie anderwärts, als feinen theologifchen Meifter anerkennt
. Die Gründe, welche Hartmann gegen das Gewiffen
als felbftändiges und einheitliches Datum unferes
inneren Lebens in's Eeld führt, find m. E. keineswegs
widerlegt, und vor allem find die Bedingungen und
Grenzen, unter welchen man von einem gefetzgebenden
Gewiffen zu reden ein Recht hat, keineswegs erkannt.
Von einzelnen anderen Ausftellungen, welche zum Theil
mit dem theologifchen Standpunkte des Verf.'s, zum
Theil mit feinen philofophifchen Vorausfetzungen zu-
fammenhängen, abfehend, fpreche ich zum Schlufs
meine Ucberzcugung aus, dafs das vorliegende Buch
eine treffliche Wegweifung zur Beurtheilung der peffimiftifchen
Ethik, und das heifst ja im Grunde nichts
anderes, als des fittlichen Werthes des Peffimismus
felbft, darbietet.

Giefsen. Gg. Schloffer.

Lechner, Ejrnft, Freie Skizzen zu religiösen Reden. 1. Hft.
St. Gallen, Huber & Co., 1882. (VIII, 88 S. gr. 8.)
M. [. 80.

Referent fleht fowohl in dogmatifcher als in homi-
letifcher Beziehung auf zumeift anderem Standpunkte als
der Verf. Um fo mehr mufs er ein ftreng gerechtes Urtheil
erftreben. Eine Auseinanderfetzung über das Dog-
matilche im Allgemeinen ift hier ebenfowenig geftattet
als nöthig; nur foweit dasfelbe auf das Homiletifche einwirkt
, mufs es berührt werden. Der theol. Standpunkt
des Verf.'s tritt ja auch, was ficher zu loben, offen und
klar hervor. S. 53 z. B. fagt er bei dem Texte Rom.
3, 28: ,Der chriftliche Glaube ift das Vertrauen, dafs, wer
in Chrifto ein neuer Menfch geworden, der göttlichen
Gnade theilhaftig werde'. S. 27 fpricht er fich für die
Unitaner aus. Die Unfterblichkeit dagegen lehrt er ent-
fchieden. Von den f. g. fpeeififeh chriftlichen Grundwahrheiten
und den fie ausdrückenden Textestheilen werden
viele bei Seite gefchoben. Damit hängt überhaupt
des Verf's Stellung zum Texte zufammen. Darüber fagt
er in der Vorrede: ,Meiftens wird man die Textbenutzung,
bald für die analytifche, bald für die fynthetifche Pre-
digtform, nicht ganz vermiffen. Was fchadet's aber wenn
zuweilen der Text kaum mehr als ein Motto ift? ' Kann
defshalb die Rede nicht anfprechen und erbauen? Und
wie täufchen fich doch manche Prediger, indem fie eine
trockene exegetifche Einleitung für fruchtbringend halten,
| oder annehmen, es fei viel damit gewonnen, dafs auf-
! merkfame Zuhörer eine fteife Dispofition nach Haufe