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Ausgabe:

1882

Spalte:

134-136

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frank, Gust.

Titel/Untertitel:

Das Toleranzpatent Kaiser Joseph II. Urkundliche Geschichte seiner Entstehung und seiner Folgen 1882

Rezensent:

Lipsius, Richard Adelbert

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 6.

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Wunfeh, fie zur Anzeige zu bringen, und es wird kaum
viel fchaden, dafs es fo fpät gefchieht. — Das Buch hat
feinen Hauptwerth nicht in der Löfung verwickelter kri-
tifcher Fragen — diefe kommen im ganzen Verlauf des-
felben überhaupt nicht vor —, fondern in der vorzüglichen,
auf umfaffendem Studium befonders der Inquifitions- und
Gerichtsacten beruhenden Darftellung einer ergreifenden
Gefchichte aus der Zeit der ftets noch furchtbaren In-
quifition zu Anfang des 14. Jahrhunderts. Ich kann mich
deshalb auch darauf befchränken, einen kurzen Auszug
aus der Schrift zu geben.

Die Rolle, welche Bernard Delicieux fpielt, beginnt
im Jahr 1300, in welchem wir ihn als Lcctor im Franzis-
kanerklofter zu Carcaffonne treffen. Hier findet der erfte
Zufammenftofs mit der dominikanifchen Inquiütion ftatt,
indem diefe — geleitet von dem Privilegium, welches
ihr fämmtlichen nicht fofort verkauften Grundbefitz der
Häretiker zufpricht, — gegen einen verftorbenen reichen
Freund Bemard's die Anklage auf Umgang mit Häretikern
erhebt. Das aber ift nur einVorfpiel. Bemard's eigentliche
Agitation gegen die Inquifition beginnt mit feiner Ueber-
fiedelung nach Albi. Er weifs hier eine Anzahl königlicher
Beamten, unter denen der Vidam von Amiens
hervorragt, durch feine ergreifende Schilderung des na-
menlofen Elends, das die Inquifition über diele Länder
bringt, zu gewinnen: die Bevölkerung und ein grofser
Theil der Geiftlichkeit fchliefsen fich ihm an. An der
Spitze einer Gefandtfchaft trägt er die Klagen dem König
vor. Bei diefem macht zugleich die Haltung des
der Inquifition befreundeten Bifchofs von Albi im Streit
des Königs mit Bonifaz VIII. Eindruck: durch ein Edict
vom 8. Dec. 1301 werden dem Schalten der Inquifition
gewiffe Schranken gezogen, welche wohlthätig wirken
konnten. Gegen einzelne Organe der Inquifition wird
mit Abfetzung u. a. vorgegangen; der Widerftand der-
fclben hat die Folge, dafs Philipp der Schöne die Gefangenen
der Inquifition in den Gebieten von Touloufe,
Carcaffonne und Agen unter feinen königlichen Schutz
nimmt und fein höchfter Gerichtsherr dafelbft, der genannte
Vidam, der Inquifition den Beiftand des weltlichen
Arms entzieht, wodurch alle Todesurtheile der-
felben unwirkfam werden. Wie aber die Inquifition im
alten Stil fortfährt, ruft Bernard, da die Verwendung
des Vidams beim Könige um weitere Mafsregeln vergeblich
ift, die verzweifelten Einwohner zur Selbfthilfe
auf, ift jedoch mit Glück beftrebt, alle revolutionären
Ausbrüche zurückzuhalten. Der Vidam fchliefst fich endlich
den Vorftellungen Bemard's an, öffnet auf eigene
Verantwortung die Inquifitionskerker und läfst die In-
faffen in die ftädtifchen Gefängnifse bringen, Auguft
1303. Natürlich trifft ihn dafür der Bann. Aber die Bürger
von Cordes, Albi, Carcaffonne wenden fich zu feinen
Gunften und mit Klagen gegen die Inquifition an den Papft.
die von Albi zugleich in einem herzbewegenden Brief
an die Königin. Die Seele aller diefer Acte ift Bernard.
Der König läfst fich nun abermals Bericht erftatten und
durchzieht in eigener Perfon die unglücklichen Gegenden.
Intriguen der Dominikaner gegen Bernard mifslingen.
Unter dem Ruf Justice, justice' drängt fich das Volk um
den König. Diefer aber will doch über fein Edict vom
Dec. 1301 nicht hinausgehen und die Abftellung der Inquifition
überhaupt dem Papft vorbehalten. Benedict XI. aber
ht felbft Dominikaner, und der König will Friede mit ihm.
Da greift Carcaffonne zu einem verzweifelten Mittel; trotz
des entfehiedenen Widerfpruchs Bemard's denkt es daran
, die ganze Langucdoc von Frankreich loszureifsen
und an Ferdinand, Prinzen von Majorka, zu bringen.
Trotz feines Widerfpruchs überbringt Bernard diefen
Antrag an den Prinzen und deffen Vater. Letzterer aber
weift alles mit Entrüftung ab. Indeffen gibt Benedict XI.
den Befehl zur Verhaftung Bemard's, der das Land wieder
mit zündender Predigt gegen die Inquifition füllt:
die Verhaftung kann nicht vorgenommen werden und

I den Bann, der ihn trifft, hebt fein Provinzial wieder auf.
j Aber inzwifchen wird der Anfchlag der Stadt Carcaffonne
dem König verrathen, ebenfo die Rolle, die Bernard dabei
i gcfpielt. Die Rädelsführer werden hingerichtet (Auguft
1305), Bernard wird auf Philipp's Befehl von dem neuen
Papft Clemens V. verhaftet, Jahre lang ohne irgend ein
Verhör gefangen gehalten, dann wieder befreit. Seine
ganze Arbeit concentrirt fich jetzt darauf, das Andenken
einiger von der Inquifition Hingerichteten zu reinigen und
zu rächen. Es gelingt ihm theilweife: das Verfahren der
Inquifition war fo arg geworden, dafs felbft eine Anzahl
Cardinälc eingefchritten war; doch der Papft hebt
alles, was diefe gethan, wieder auf. Die Inquifition mit
allen Schrecken kehrt zurück. Bernard bleibt nunmehr
faft 7 Jahre lang unangefochten. ,Aber es giebt Leute,
die nicht dazu geboren find, im Bette zu fterben'. Die
Verfolgungen, welche über die extreme Partei der Franziskaner
hereinbrechen, reifsen ihn wieder aus feiner Ruhe:
er ftellt fich an die Spitze einer Gefandtfchaft an
Johann XXII. Mai 1318, wird von diefem verhaftet und
vor Gericht geftellt, 8. Dec. 1318 nach langer Unter-
fuchung wegen Feindfchaft gegen die Inquifition, Verrath
an König Philipp und Nekromantik zu lebenslänglichem
Gefängnifs bei Waffer und Brod verurtheilt und feiner
Priefterwürde entfetzt. Anfangs 1320 fcheint er im Kerker
geftorben zu fein.

Es wäre dringend zu wünfehen, dafs ähnliche Epi-
foden aus der Gefchichte des fpäteren Mittelalters noch
recht viel zum Gegenftand der Darftellung gemacht würden
. Gerade die Gefchichte der Franziskaner bietet
fpeciell um die Wende des 13. und 14. Jahrh. eine ganze
Anzahl höchft intereffanter Fälle. Das Material ift vielfach
gedruckt bei Baluze, Jlfiscel/eiuea u. a.; noch meh-
reres ift handfehriftlich vorhanden: nach den Catalogen
in ziemlicher Fülle tri Florenz und anderen italienifchen
Bibliotheken, ebenfo in Paris und franzöfifchen Provin-
zialbibliothekcn und Archiven. Handfchriftliche Studien
find dabei allerdings unerläfslich, aber, wie ich theilweife
aus eigener Erfahrung bezeugen kann, auch lohnend.

Berlin. Karl Müller.

Frank, Prof. Dr. Guft., Das Toleranzpatent Kaiser Joseph II.

Urkundliche Gefchichte feiner Entftehung und feiner
Folgen. Säcular-Fcftfchrift des k. k. evangelifchen
Oberkirchenraths A. C. und H. C. in Wien. Wien
1882, Braumüller. (IV, 158 S. gr. 8.) M. 2. —

Vorftehcnde im Auftrage des Wiener Oberkirchen-
rathes ausgearbeitete Gefchichte des jofephinifchen To-
leranzpatcntes beruht auf gründlichen archivalifchen
Forfchungen, mit deren Hilfe dem Verf. die Aufhellung
mancher bisher dunkler Punkte gelungen ift. Nachdem
die kaiferlichen Refolutionen vom 31. December 1780
und vom 20. März 1781 die Religionscommiffionen, die
Refolution vom 16. (nicht 28.) Juni 1781 mit ihren Nachträgen
vom 25. Juli und 28. Auguft das Religionspatent
vom 27. Auguft 1778 abgefchafft hatten, erfolgte zuerft
auf Anlafs einer Gegenvorftellung der böhmifch-üfter-
reichifchen Hofkanzlei die S. 23 f. vollftändig abgedruckte
Allerhöchfte Entfchliefsung vom 13. September, welche
fchon alle Grundzüge des Toleranzpatentes enthält, darnach
die durch eine neue Vorftellung der Hofkanzlei
veranlafstc kaiferliche Antwort vom 13. October, welche
die Refolution vom 13. September erläutert und ergänzt,
und, nach vorläufiger Bekanntmachung der Toleranz-
grundfätze in der Wiener Zeitung vom 17. October, der
an gefammte k. k. Länderftellen gerichtete, am 20. October
im Staatsrath endgiltig feftgeftellte Ah. Erlafs,
welcher als der eigentliche Originaltext des Toleranzpatentes
betrachtet werden mufs (S. 37 ff.). Von diefem
Originaltexte hat man die in den Gefetzfammlungen abgedruckte
Faffung, ebenfo wie die Circulare, durchweiche