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1882 Nr. 6

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127

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Predigt Jesu Christi in ihrem Verhältniss zum Alten Testament und zum Judenthum. Vortrag, gehalten zu Darmstadt am 11. Januar 1882 1882

Rezensent:

Schürer, Emil

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127

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 6.

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optikern Erzähltes eikläre fich daraus, dafs jener ,nur (?)
dankenswerthe Nachträge zum fyn. Bericht liefern
wolle, das Uebergangene alfo als aus den anderen Ew.
und der Gemeinde-Praxis bekannt vorausfetze: durch die
genannten Mittel werden alle Differenzen in den Ew.
ausgeglichen'. Aber der Lefer frage nicht: wie? Um
nur ein Beifpiel zu nennen, fo ift die Differenz zwifchen

Klostermann, Prof. Dr. Aug, Korrekturen zur bisherigen
Erklärung des Römerbriefes. Gotha 1881, F. A. Perthes.
(XI, 235 S. gr. 8.) M. 4. So.

Was der Verf. in der Vorrede über das Zuftande-
kommen diefes Buches in langwieriger Krankheit unter
den Anläufen körperlicher Ohnmacht fagt, könnte den

dem 4. Ev. und den Syn. bezüglich des letzten Mah- ! Kritiker veranlaffen, unter aufrichtiger Anerkennung der
les Jefu (vgl. p. 93—129) nur eine .vermeintliche'. War- von ihm bewiefenen Energie auf eine wiffenfchaftliche
um follen wir Joh. 13, 2.4. nicht an das ,Paffamahl' j Beurtheilung feiner Leiftung zu verzichten. Und vollends
(aber öslnvov und erft 18, 28: (faytlv xo naa%a) denken 1 [fheint eine folche abgefchnitten zu^werden durch^ ferne
dürfen? Dafs nach 13, 29 Judas erft ,das auf das Feit
hin (tlc), für das (mithin noch in keinem feiner Theile
gegenwärtige) Fett Nöthige' kaufen follte, wird mit der
lächerlichen Phrafe befeitigt: Dauerte das Fett nicht
fieben volle Tage, deren jeder(?!) eine togxrj war? (p. 163)
und: die Jünger mochten glauben, dem Judas werde
noch in Bezug)!) auf die Chagiga eine Weifung gegeben
(p. 164). Wenn endlich nach Joh. 18, 28 die Juden

Erklärung in der Einleitung (S. 1), fein Verfuch, bisher
mifsverltandene Stellen des Römerbriefes richtig zu erklären
, fei ,nicht hervorgegangen aus einer profeffionellen
Leetüre diefes Schriftftückes, wie fie der neuteftament-
liche Exeget vonFach oder der kritifche Hiftoriker anftellt,
fondern aus der freiwilligen eines Liebhabers, der, nachdem
er andere klaffifche Werke des griechifchen Alterthums
lediglich mit Rückficht auf den eigenen Genufs
nach dem Verhöre vorKaiphas erft noch das Paffa- j gelefen, nun auch den Römerbrief zur bland nimmt, um
lamm effen follen, fo fucht N. durch eine fehr ge- fich an dem forgfaltigft gefchriebenen Werke des gröfs-
lehrte, aber grundverkehrte Auseinanderfetzung über eine | ten chriltlichen Lehrers zu erbauen'. Indeffen diefe bereitere
Bedeutung' des ,ndayu' (p. 397—402) jenen j fcheidene Aeufserung nimmt fofort eine ziemlich an

Einwand hinwegzuräumen. Leider ift gerade der Haupt
punkt, dafs jemals ein altteftamentlicher oder neutefta-
mentlicher Autor das ,Effen der Chagiga' fchlechtweg
mit ,(pay&lv xb nuaya' bezeichnet habe, nicht erwiefen.

Auch in der Textkritik verfährt N. rein fubjec-
tiviftifche. Feite Mafsltäbe für die Entfcheidung kennt er
gar nicht; feine Lefungen (fehr häufig Sperren im Druck
die vereinigte Autorität der älteften und auch nach N.
,bedeutendften' Zeugen) find meiltens auf Probabilitäts-
gründen beruhende Velleitäten. Wir verweifen als Beleg
auf feine Lefung in Joh. 12, 4 (gegen nBL), Matth. 26,
42 (gegen t*BDL), Mc. 14, 68 extr. (gegen n BL) u.
v. a. Naiv ift dieAeufserung, Joh. 13, 20 laffe fich darum
nicht als Gloffem anfehen, ,weil keine Handfchrift
diefe Worte wegläfst' (p. 139).

Die Darftellung des Verf.'s ift zwar durch Sorgfalt
und grofse Gründlichkeit ausgezeichnet, leidet aber an
ungemeiner Breite und Redfeligkeit, fo dafs man gar

fpruchsvolle Wendung, welche die Kritik doch herausfordert
. Der Verfaffer fieht nämlich gerade in feiner
,Laienlectüre' des Briefes einen grofsen Vorzug und den
Grund feiner Befähigung, Correcturen zur Erklärung
aller bisherigen Ausleger zu geben, über welche er ziemlich
geringfehätzig denkt (vgl. S. 38). Nun haben wohl
alle Wiffenfchaften manchen genialen Liebhabern Bedeutendes
zu verdanken gehabt. Und der neuteft. Exeget von
Fach wird immer von dem frommen Laien, der von den
Wahrheiten der Schrift eine tiefere Erfahrung hat, für fein
religiöfes Verftändnifs derfelben lernen können. Für die
Erklärung des griechifchen Urtextes aber, um die es
hier fich handelt, wird man heutzutage eine befonders
werthvolle Förderung wohl kaum von dilettantifcher Mitarbeit
erwarten können. Denn daran hat die neuteft.
Exegefe beinahe Ueberflufs und gerade dadurch hat fie
ihren diffufen Charakter erhalten. Für ihren ficheren
Fortfehritt wird man, ohne die Bctheiligung der Lieb-

nicht von der Stelle kommt. Störend ift der Mangel an haber als werthlos zu verwerfen, vor allem eine metho-
Ueberfchriften auf den einzelnen Seiten und die grofse j difche fachwiffenichaftliche Behandlung wünfehen müffen.
Zahl von Druckfehlern, falfchen Citaten, Verfchreibun- ; Daher ift es nur zu beklagen, dafs der Verf. im Gegen

fatz gegen eine folche den Dilettantismus durch feine
Auslaffungen faft privilegirt. Er meint, in dem Mafsc,
als der Liebhaber aller Hülfsmittel der biblifchen Wif-
fenfehaft entbehre, nähere er fich dem Standpunkte
, . ,. der urfprünglichen Lefer, welche, ohne die Briefe, das

Schurer, Prof. Dr. Emil, Die Predigt Jesu Christ, in ihrem Syflcm £nd |ie Phrafeologie des Paulus als Schlüffel für
Verhältniss zum Alten Testament und zum Judenthum. | den an fie gerichteten Brief zu brauchen, unbeirrt durch

gen, Schnitzern u. dgl., aus denen fich unfehwer mehrere
ftattliche Gefchwader bilden liefsen.

Giefsen. Wilhelm Weiffenbach.

Vortrag, gehalten zu Darmftadt am 11. Januar 1882.
Darmftadt 1882, Würtz'fche Buchh. (31 S. gr. 8.)
M. —. 80.

Das Thema diefes Vortrages ift in der Weife behandelt
, dafs zuerft die Grundgedanken des altteftament-
lich-jüdifchen ldeenkreifes dargeftellt werden (i. Die
Hoffnung auf eine feiige Zukunft Ifrael's, 2. Die Forderung
der Gefetzesbeobachtung als Bedingung zur
Theilnahme am Heil), und fodann gezeigt wird, inwiefern
das Evangelium Jefu Chrifti fich einerfeits eng an
diefen Ideenkreis anfchliefst und doch andererfeits wieder
wefentlich davon abweicht als eine neue Offenbarung
Gottes. Auch dies gefchieht wieder unter den beiden
Hauptrubriken: 1. Das Heil felbft, und 2. Der Weg
zum Heil. Durch das Ganze foll alfo ebenfo die geschichtliche
Bedingtheit wie die wefentliche Neuheit der
in Chrifto ergangenen Offenbarung dargethan werden.

Giefsen. E. Schürer.

die Lutherfche Ueberfetzung und die Zerreifsung des
Textes in Capitel, Verfe und Kola, des Apoftels Worte
nach den Gefetzen des ihnen bekannten Sprachgebrauchs
gedeutet hätten mit voller Empfindung für die Eigen-
thümlichkeit feiner Darftellung. Nach diefer Seite hin
fei daher ,der annähernd den Standpunkt der erften
Lefer einnehmende Liebhaber' gegen den berufsmäfsigen
Forfcher im Vortheil. Allerdings, wenn man unter jenem
ein Genie, unter letzterem einen banaufifchen Einfalts-
pinfel verfteht, fo ift erfterer im Vortheil. Nach dem
richtigen Begriff der biblifchen Wiffenfchaft aber hat
diefe doch gerade die Bedeutung, dafs fie uns über die
kirchlich traditionelle Auffaffung der Bibel, auch über die
kirchlichen Ueberfetzungen und Textformen, wie über
die Verfchiedenheit der Zeitverhältnifse und Sprache
hinüber den Entftehungsverhältnifsen der bibl. Schriften
oder fpeciell der paulinifchen Briefe näher führt, näher
dem Standpunkte der Lefer, aber auch, was für die Auslegung
noch wichtiger ift, und wozu auch die Kenntnifs
der Briefe, des Syftems und der Phrafeologie des Apoftels
nicht entbehrt werden kann, dem Bewufstfein des
Apoftels. Dagegen wird dafür die dilettantifche Leetüre