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Ausgabe:

1882

Spalte:

81-82

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Keller, Ludw.

Titel/Untertitel:

Die Gegenreformation in Westfalen und am Niederrhein. Actenstücke und Erläuterungen. 1. Thl. (1555 - 1585.) 1882

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Litcraturzeitung. 1882. Nr. 4.

82

Keller, Ludw., Die Gegenreformation in Westfalen und am
Niederrhein. Actenftücke und Erläuterungen. 1. Thl.
[1555—1585.] [Publicationen aus den k. preufsifchen
Staatsarchiven. 9. Bd.] Leipzig 1881, Hirzel. (VIII,
610 S. gr. 8.) M. 14. —

Unter den 9 Bänden, welche von den ,Publicationen
aus den k. preufsifchen Staatsarchiven' bisher erfchienen
find, ift diefer jüngfte Band bereits der dritte, welcher
der Kirchcngefchichte zu Gute kommt. Er führt uns
gleich dem 5., der, von M. Lenz redigirt, den Brief-
wechfel Landgraf Philipp's mit Bucer zur Veröffentlichung
brachte, in die Gefchichte des 16. Jahrhunderts, aber
in die der monographifchen Durchforfchung noch in be-
fonderem Mafse bedürftige 2. Hälfte desfeiben: in die
Zeit nach dem Religionsfrieden von 1555. Und zwar
bringt diefe Publication die Schattenfeitc diefes Friedens
zur Anfchauung: Religionsfreiheit zwar für die Reichs-
ftände, aber nicht für die Unterthanen; die Herrfchaft
jenes territorialiftifchen Princips, durch welches die Reformation
ein Gebiet ums andere wieder hat einbüfsen
und in einem beträchtlichen Theile Deutfchlands der
Gegenreformation hat erliegen müffen. Für drei Gebiete
wird hier der urkundliche Nachweis für diefe Leidens-
gefchichte der evangelifchen Kirche geführt: für das
Herzogthum Cleve und für die Bisthümer Münfter und
Paderborn. Das Jahr 1585, mit welchem L. Keller diefen
erften Theil abfchliefst, läfst bereits auf allen drei Gebieten
den Sieg des Katholicismus in Sicht erfcheinen.
In Cleve finden wir den fchwachen Herzog Wilhelm
immer völliger von katholifchen Einflüffen beherrfcht;
fein .erasmifcher' Standpunkt hat unter der Macht der
politifchcn Verhältnifse nicht Widerftandskraft bewiefen,
feine evangelifchen Neigungen find nach vielem Schwanken
fo vollftändig ihm ausgetrieben, dafs er in feinen
Landen evangelifche Prediger zu vertreiben, das Lefen
deutfeher Bibeln zu verbieten, feine eigenen Töchter mit
Drohungen nach Rom zurücktreiben zu wollen fähig
geworden ift. In Münfter bringt jenes Jahr nach langem
Hin- und Herfchwanken durch die Wahl des Herzogs
Ernft von Baiern Klarheit: Kampf gegen alle Secten,
Ausrottung der Neuerungen ift die Lofung. Und in Paderborn
wird in demfelben Jahre das Gymnasium Salen-
tinianum als Jefuiten-Schule eröffnet und auch hier heifst
es fortan: vae victis! Der Bearbeiter diefes Bandes hat
in dankenswerther Weife jede der drei Urkunden-Abtheilungen
mit einer Einleitung eröffnet, die in über-
fichtlicher und ftellenweife geradezu fpannender Erzählung
die in den Urkunden bezeugten Verhandlungen und
Wandlungen zufammenfafst. Wir können uns hier da
von überzeugen, in welchem Umfange nicht nur am
Niederrhein, fondern auch in jenen bifchöflichen Territorien
die evangelifche Lehre in Stadt und Land Eingang
gefunden hatte. Wir lernen Gebiete kennen, die
dem Namen nach zwar ftets katholifch geblieben waren,
in denen aber in Lehre, Cultus und Verfaffung der Katholicismus
aufs äufserfte erfchüttert war und evangelifche
Elemente im weiteften Umfange zur Geltung gekommen
waren; in denen nun aber dank dem innerlichen
Erftarken des Katholicismus, feit er fich im Tridentinum
wieder uniformirt hatte, dank den Einflüffen bairifcher
und habsburgifch -fpanifcher Politik, dank endlich der
Ueberlegenheit, mit welcher der Jefuitismus alle jene ,ge-
mäfsigten' aber auch fchwachen und inconfequenten
Richtungen innerhalb der katholifchen Kirche lahm legte,
die Gegenreformation einen Sieg nach dem andern hat
feiern können. Es find merkwürdige Zuftände, in die
uns ein Einblick eröffnet wird in diefen katholifchen,
aber mit fo'viel evangelifchen Elementen durchfetzten Kir-
chengebicten, denn wir treffen nicht nur eine beträchtliche
Zahl entfehieden evangelifcher Gemeinden an, fondern
auch eine Fülle fcltfamer Zwitterbildungen: katholifche
Gemeinden weit und breit, die sub ntraque communi-

ciren, katholifche Geiftliche, die fich verheirathet haben,
ein Edict eines katholifchen Landesherren, welches Pro-
ceffionen ,und andere läfterliche Mifsbräuche' verbietet;
ja einen ,katholifchen' Geiftlichen, der nach Luther's
Katechismus unterrichtet zu haben bekennt. Wir begegnen
hier einer Reihe von Perfönlichkeiten, bei denen
die Entfcheidung fchwer ift, zu welcher Kirche wir fie
eigentlich rechnen follen. Aber die hier vorgeführte
Entwicklung der Dinge liefert auch den fchlagenden
Beweis dafür, dafs es mit folcher mittleren Stellung
zwifchen Rom und dem Evangelium auf die Dauer nicht
angeht: es ift die völlige Halt- und Rathlofigkeit diefes
,erasmifchen' Chriftenthums, die fich uns als Lehre aus
diefer traurigen Gegenreformationsgefchichte ergiebt. —
Auf die intereffanten Einzelheiten des dreifsigjährigen
Zeitraums kirchlicher Entwicklung, die hier in urkundlicher
Treue dargeftellt ift, können Wir nicht näher eingehen
. Möge der rührige Herausgeber bald den zweiten
Band nachfolgen laffen, der freilich noch mehr Leidens-
gefchichte der Evangelifchen zu enthüllen Ausficht eröffnet
, als diefer erfte. — Unter der bei der Clevifchen
Gefchichte verwertheten Literatur hat Ref. den intereffanten
Bericht vom J. 1562 vermifst, welchen C. Krafft
im IX. Bande des Bergifchen Gefchichtsvereins veröffentlicht
und mit lehrreichen Bemerkungen verfehen hat;
vrgl. auch die Bemerkungen Krafft's in Theol. Arbeiten
auh den rhein-weftf. Pr. Ver. IV 132 betreffs der Jahre
1570 u. 71. Auch ift wohl dem Herausgeber unbekannt
geblieben, dafs fchon vor dem Brenz'fchen Gutachten
vom J. 1566 ein anderes ergangen ift, das vermuthlich den
kurbrandenburgifchenGeneralfuperintdentenJoh. Agricola
zum Verfaffer hatte und demnach auf eine Annäherung
des Herzogs Wilhelm an Joachim II fchliefsen läfst. Das-
felbe befindet fich abfehriftlich unter verfchiedenen anderen
Auffätzen Agricola's in Ms. Germ. Quart 203 der
Königl. Bibl. zu Berlin; es trägt (nach freundl. Mittheilung
des Herrn Biblioth. Dr. Joh. Müller) die Auffchrift:
,Consilium: a quodam hotnine spiritualida tum, Illustrissitno
Principi Juliacensi et Clevensi i?i sananda Ecclesia sitae
Dicionis M:D:LXIL' und handelt nach einer allgemeinen
Einleitung ,Von der Juftification', ,Von den Sacramen-
ten', ,Von der Tauffe', ,Von der Communion oder vom
Sacrament des leibes vnd blutes des Herren Jefu Chrifti'.
Vielleicht wäre dem Berliner Archive näherer Auffchlufs
über die Veranlaffung zu diefem tConsÜium' zu entnehmen
. Uebrigens ift der von Keller S. 297 erwähnte Johann
Agricola wohl nach S. 406 in Petrus A. zu cor-
rigiren.

Klemzig. G. Kawerau.

Knoodt, Peter, Anton Günther. Eine Biographie. 2 Bde.
Wien 1881, Braumüller. (XXII, 414 u. XV, 566 S.
m. rad. Portr. 8.) M. 12. —

Es ift ein düfteres Gemälde von Geifteszwang und
Gewiffensknechtung, das uns Knoodt in dem Gefchick
feines Meifters zeichnet, der klagen mufste, dafs die rö-
mifche Kirche ihre treueften Söhne von fich ftiefse. Denn
der altkatholifche Verfaffer legt in diefer Biographie das
Schwergewicht auf die Verhandlungen, die zur Aus-
fchliefsung der Günther'fchen Philofophie aus der römi-
fchen Kirche führten. Leider thut er es in der Form,
dafs er in ermüdender Weitfchweifigkeit Briefauszüge an
Briefauszüge reiht, die im Einzelnen allerdings den Werth
I kirchengefchichtlicher Quellen haben, häufig aber für den
Fernerftehenden theilweis unverftändlich, theilweis werth-
I los find. Es wäre beffer gewefen, wenn Knoodt, ftatt fo
zahlreiche Briefauszüge ausführlich mitzutheilen, auf
I Grund derfelben eine mehr felbftändige Darfteilung ent-
I worfen hätte, und wenn es ihm gefallen hätte, ftatt die
I Günther'fche Philofophie als bekannt vorauszufetzen,
eben durch diefe Biographie in die Entwickelung der-
1 felben einzuführen. Dadurch wäre feine Arbeit aller-

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