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Ausgabe:

1882 Nr. 26

Spalte:

622-624

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lotze, Herm.

Titel/Untertitel:

Grundzüge der Religionsphilosophie 1882

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 26.

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wiffen von denjenigen Gedanken der alten Dogmatik, auch dasjenige fei, was er, R., für einen Theologen und
welche diefe Erfahrung doch erft erklären, die es uns j Chriften als das wirkliche Beweisobject anerkenne? F.
begreiflich machen, dafs diefe Erfahrung überhaupt ge- concedirt ja, dafs er kein anderes Beweisobject habe als
macht werden kann. Das find jene .metaphyfifchen' j R. und das ift feine freundliche Meinung über R. Wenn
Dogmen, die R. ,dahingeftellt' fein läfst, während fie F. mit R. das Beweisobject ,Gott in Chriftus' nennt, fo
doch erft die Lebensadern unferes chriftlichen Glaubens : ift es ja auch gewifs, dafs dasfelbe Object beabfich-
erkennen laffen. Und er ift unbegreiflich gleichgültig 1 tigt ift, und wenn er Gott in Chrifto als den Gott des
gegen die Aufgabe der Verantwortung des chriftlichen | Gottesreichs, der die Liebe ift, anfleht, fo ift fo weit
Glaubens gegenüber feiner Negation. R. begiebt fleh auch wirklich R.'s Beweisobject getroffen. Aber F.
des Kampfes mit dem Pantheismus und Materialismus, erweitert das Object wie felbftverfthndlich um feine ,meta-
indem er feinen Standpunkt nur einfach im Unterfchiede phyfifchen Vorausfetzungen'. Wie, wenn diefe allerdings
von dem ihrigen präcifirt. Auf der chriftlichen Erfahr- nur durch den ,metaphyflfchen Beweis' zu retten find, R.
ung fufsend befürchtet er keine Widerlegung. Diefe ! aber leugnet, dafs fie aus der Offenbarung auch nur'als
Erfahrung befteht ja zu Rechte und R. kennt die wirk- j Beweisobject zu deduciren find? Wie, wenn R. zugäbe,
liehe, echte chriftliche Erfahrung. Aber er kennt nicht | dafs F. jene ,Vorausfetzungen' als möglich, felbft als
den Zweifel. Er kennt nicht die Aufgabe der Rechtfertigung
des chriftlichen Glaubens vor der Welt, vor der
Wiffenfchaft, vor ihm felbft. Diefe Rechtfertigung gewährt
allein die Metaphyfik. Freilich nicht jede Meta-
phyfik. Es ift das der Grund der Ablehnung der Metaphyfik
bei R., dafs er meint die Platonifch-Ariftotelifche
Specialgeftalt fei die einzig mögliche und weil er fich
daraufhin vorflellt, Metaphyfik und Pantheismus feien
folidarifch. R. hat ja durchaus Recht, fich des in diefer
Metaphyfik erzeugten Gottesbegriffs als chriftlicher Theolog
zu erwehren. Aber es giebt auch eine andere Metaphyfik
— eine reformirte Leibnitz-Herbart-Lott-Lotze

eine logifche Confequenz bewiefen habe, aber behauptete
, dafs es dem Glauben nicht genug fei, fich auf
wiffenfchaftliche Argumente ftützen zu dürfen, um fein
Object zu erweitern, dafs er fich kein Recht zufchreibe,
über den thatfächlichen Inhalt der Offenbarung als
einziger göttlicher Autorität hinauszufchreiten und
darum jene Vorausfetzungen ,dahingeftellt' fein laffe?
Plätte F. nicht alle Kraft darauf verwenden muffen, die
von ihm behaupteten Elemente des chriftlichen Glaubens
als wirkliche Momente an der Offenbarung als folcher
nachzuweifen? Speculative .Andeutungen' können gerade
hier R. unmöglich überzeugen. Der Offenbarung haben

fche — die gerade dem chriftlichen Gottesbegriff ent- I wir uns als Chriften zu unterwerfen. Es gilt, fie in
rrerrenkommt und fofern fie den Gottesbegriff nach all- ihrer Integrität — ohne Abzug, ohne Zuthat — zu hüten.
Semeinen wiffenfehaftlichen Principien gewinnt, fo ift fie j Das ift R.'s Grundthefe und das ,1t die Macht feiner Po-

— T3-----r.;- i?..:a^„» fition. Ob es die .Metaphyfik' ift, die uns die Ueber-

zeugung gewähren könne, dafs wir in Chrifto einen offenbaren
Gott haben, ift mit Auslieht auf Erfolg erft zu
discutiren, wenn Einigung darüber erzielt ift, was von
Gott uns offenbar ift und welches Organ es ift, das hier
überhaupt zu fehen fähig macht.

Giefsen. F. Kattenbufch.

befähigt, einen wirklichen Beweis für die Exiftenz des
Gottes, an den man im Chriftenthum glaubt, zu erbringen
. Ich glaube nicht, dafs R. fich durch F.'s Erörterungen
befonders bedrängt zu fühlen braucht. Was F.
ganz überfieht, das ift, dafs R. fich bei feiner Theologie
auf den Boden der Offenbarung ftellt. — Unter .RitfchT-
fcher Theologie' verfteht der Verf. nicht nur die Theologie
R.'s. Er allegirt zu verfchiedeneu Malen Herrmann
'fche Thefen. Leider übt auch er diefem letzteren Lotze, Herrn., Grundzüge der Religionsphilosophie. Dictate
Theologen gegenüber jene Manier, die faft die reeipirte : aus den Vorlefungen. Leipzig 1S82, Hirzel. (III 102 S
zu werden droht, dafs er Dicta von ihm aufpflanzt, die „ . e ' w

R. felbft fcheinbar noch übertrumpfen, um die Confe- i *>■■)■ l- 7U-

quenzen der ,RitfchTfchen Theologie' und ihre Gefähr- In diefen Dictaten (aufser dem vorliegenden Heft

lichkeit ad oculos zu demonftriren. Wollte er nicht mit i ift bereits die praktifche Philofophie und die Pfychologie
R. allein fich auseinander fetzen, fo hätte er gerade bei j erfchienen) ift der reife und forgfältig formulirte Ertrag
H. fehen können, wie die ,Ritfchl'fche Theologie' zur 1 einer eindringenden, über vier Decennien fich erstrecken-
cnergifchtten Auffaffung des Gedankens, dafs das Chri- ! den philofophifchen Arbeit niedergelegt. So find diefe
ftenthum auf Offenbarung beruht, hinleitet (vergl. ,Die i knappen %% ein vortreffliches Hülfsmittel für das VerReligion
im Verhältnifs etc.' Abfatz V). H. wandelt hier ; ftändnifs der philofophifchen Schriften Lotze's, das trotz
ganz befonders auf der Bahn, die R. weift. Und es | der Schönheit und Präcifion des Ausdrucks, durch welche
handelt fich für ihn wie für R. gerade bei der Lehre | diefelben fich auszeichnen, keineswegs leicht ift. Wir

von der Offenbarung um den dogmatifchen Beweis
(Abfatz V: ,Die Aufgabe des dogmatifchen Beweifes für
die chriftliche Weltanfchauung'j. Sollte der Gedanke
einer Offenbarung Gottes denn auch fo ungeeignet
fein, für die Frage nach dem Rechte unterer Weltan-
fchauung herangezogen zu werden? F. felbft leugnet ja
entfernt nicht, dafs es eine Offenbarung gebe, auf der
wir liehen. Aber was ift denn eine Offenbarung, die
Nichts offenbart, d. h. die nicht des Beweifes in fich
felbft genug ift? Ich weifs wohl, was F. antworten wird.
Wir müffen doch uns und andere überzeugen können,
dafs wir es wirklich mit einer Offenbarung zu thun haben.
Wer verbürgt uns denn, dafs es nicht eine Illufion ift,
wenn wir eine Offenbarung Gottes erlebt, gefehen zu
haben, im Blicke auf Chriftus immer zu haben meinen?
Das ift gewifs eine Frage. Aber das führt mich auf den
Haupteinwand, den ich gegen F.'s ganze Behandlung
feiner Controverfe mit R. nicht unterdrücken kann. Was
ift denn das Object, um welches fich beide Theile bemühen
? Wie, wenn R. die Vorfrage aufwürfe, ob, was
F. bewiefen fehen will und mitteilt feiner Metaphyfik und
nur mitteilt ihrer wirklich beweifen zu können vermeint,

haben in Lotze einen Denker von grofsartiger Weite
des Gcfichtskreifes und feltener Vielfeitigkeit der Inter-
effen, von aufserordentlicher Subtilität und Gründlichkeit,
einen Philofophcn voll gemüthstiefen, begeitterten Glaubens
an die höchtten und heiligften Güter der Menfch
heit verloren. Sein Syftem, das noch auf lange hinaus
nicht zu den .überwundenen' gehören wird, vereinigt in
fich in einer über den Vorwurf des Eklekticismus weit
erhabenen Gefchloffenhcit und Selbständigkeit die berechtigten
Momente des Realismus, welcher der natur-
wiffenfchaftlichen Erforfchung der Erfahrungswelt zugewandt
ift, und des Idealismus, der nur im Glauben an
einen den äfthetifchen und fittlichen Bedürfnifscn des
Gemüthes entfprechenden Sinn der Welt Befriedigung
findet. Früh in die Methode der neueren Naturforfchung
eingeführt und mit bedeutenden Werken in die Arbeit
an der Feststellung ihrer principiellen Begriffe eingreifend,
hat er fich doch die Ueberzeugung von der unveräufser-
lichen Berechtigung der Gemüthsbedürfnifse des perfön-
lichen Geistes nie erfchüttern laffen und fchon im Jahre
1841 als 24jähriger in feiner .Metaphyfik" mit ficherer
Hand die Grundlinien der Weltanfchauung entworfen,