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Ausgabe:

1882 Nr. 23

Spalte:

547-548

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spurgeon, C. H.

Titel/Untertitel:

Vorlesungen in meinem Prediger-Seminar, oder ausgewählte Vorträge, gehalten vor den Studenten des ‚Metropolitan-College‘ zu London. 2 Bde 1882

Rezensent:

Lindenberg, H.

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547

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 23.

legt Martenfen die Hauptgedanken feines Syftems uns
vor, zuerft ,Gott und der erfchaffene Himmel', dann
,Gott und die erfchaffene Welt', und hier die Unterabtheilungen
: ,Die Schöpfung', ,Die Verhöhnung und Er-
löfung durch Chriftum', ,Die letzten Dinge'. Wird Böhme
dort beurtheilt nach dem Mafse des ewigen Wortes, fo
wird hier innere Kritik geübt. In feiner, das Verftänd-
nifs des fchwerfälligen Theofophen in hohem Grade erleichternder
und fördernder Weife werden die Grundgedanken
blofsgelegt, die Lücken und Schwächen aufgezeigt
, die richtigen und falfchen Folgerungen nach-
gewiefen. Auch die Verfuche zur Fortbildung find in
finniger Weife gemacht und werden denen, welche überhaupt
für theofophifche Speculationen Sinn und Ge-
fchmack haben, ohne Frage Genufs und Anregung bieten.

Jena. Bernhard Pünjer.

1. Spurgeon, C. H., Vorlesungen in meinem Prediger-Seminar,

oder ausgewählte Vorträge, gehalten vor den Studenten
des ,Metropolitan-College' zu London. 2 Bde.
Hamburg 1880, üncken's Nachf. (VII, 150 S. 8.)
M. 1. 20.

2. Spurgeon, C. H., Excentrische Prediger. Mit Genehmigung
des Verfaffers in's Deutfche übertragen von
Archidiak. Wilh. Krückeberg. Hamburg 1881,
üncken's Nachf. (VII, 196 S. 8.) M. 1. —

Spurgeon ift in Deutfchland noch weniger bekannt,
als man erwarten follte, nachdem feit einer Reihe von
Jahren ein grofser Theil feiner Schriften auch in deut-
fcher Ueberfetzung erfchienen ift. Wenn auch der Erfolg
kein untrüglicher Mafsftab für die Bedeutung eines
Geiftlichen ift, fo drängt fich doch Angefichts einer fo
aufserordentlichen Wirkfamkeit, wie fie diefer ,excentri-
fche Baptiftenprediger' geübt hat und noch übt, die Frage
auf, worin das Geheimnifs diefes faft beifpiellofen Erfolges
liege. Schon von diefem Gefichtspunkt aus find
die beiden hier zufammengeftellten Schriften von allgemeinem
Intereffe. Nr. I, die Fortfetzung einer fchon
1878 erfchienenen Auswahl, enthält eine Anzahl von
Vorträgen, die Spurgeon in dem von ihm felber gegründeten
und geleiteten College, einem Privat-Predigerfemi-
nar, gehalten hat. Ohne nachweisbaren Zufammenhang
werden in denfelben verfchiedene Gegenftände der Pa-
fcoraltheologie befprochen. Die Themata lauten zwar
fehr allgemein: Ueber den heiligen Geift in Verbindung
mit unferem Amt (1), über die Nothwendigkcit geiftlichen
Fortfehritts (2), von der Nothwendigkeit der Ent-
fchiedenheit (3), über den heiligen Ernft (6) u. f. w.,
aber der Lefer empfängt fofort den Eindruck, dafs er
es hier mit einem Manne zu thun hat, der aus vielfeiti-
ger und tiefer praktifcher Erfahrung fchöpft. Nirgends
allgemeine Theorien, fondern überall concrete, aus der
Wirklichkeit gefchöpfte Rathfchläge, mit einer innerlichen
Wärme vorgetragen, die ebenfo gewinnend ift,
wie die einfache und doch geiftreiche Form der Vorträge
die Aufmerkfamkeit feffelt. Von befonderem Intereffe
für den deutfehen Lefer dürfte die in der fünften
Vorlefung gegebene hiftorifche Skizze ,von der Predigt
unter freiem Himmel' fein, fowie die Apologie derfel-
ben, die der Verf. mit vielen Belegen aus eigener Praxis
im fechften Vortrage verbucht. Auch diejenigen, die weder
den dogmatifchen noch den kirchlichen Standpunkt des
Verf.'s theilen, werden der paftoralen Weisheit, die fich
in diefen Vorträgen ausfpricht, ihre Anerkennung nicht
vertagen.

Nr. 2 ift dem wefentlichen Inhalt nach eine Selbft-
apologie. Männer von hervorragender Begabung werden
leicht excentrifch genannt, und dem Verf. felber ift diefer
Vorwurf oft gemacht worden. Dem gegenüber verthei-
digt er bald mit grofsem Ernft, bald mit treffendem Humor
die Berechtigung der Originalität und der Abweichung
vom Conventionellen in der paftoralen Praxis — bis
auf das Ablegen der weifsen Halsbinde und das Wachfen-
laffen des Schnurrbarts. Seine Ausführungen find eine Polemik
gegen diejenigen, .welche im Glauben und Leben auf
die Schlafmütze als Symbolum fchwören'. Aus heiliger
Excentricität feien zu allen Zeiten Märtyrer, Reformatoren
, Bahnbrecher der Freiheit und des Fortfehritts er-
wachfen. Der Vorwurf der Excentricität beruhe oft nur
darauf, dafs ein Prediger .natürlicher, aufrichtiger, mannhafter
, eifriger, mit mehr gesundem Menfchenverftand
begabt' fei, als andere. Diefe Gedanken werden mit
einer Fülle von Beifpielen aus dem Leben englifchei
Diffenterprediger in feffelnder Weife illuftrirt. Den
Schlufs des Buches bilden 11 kurz fkizzirte Lebensbe-
fchreibungen origineller englifcher Prediger wie Hugh
Latimer, Rowland Hill u. a., die freilich, weil fie nur
I einzelne pikante Züge hervorheben und eine genauere
Bekanntfchaft mit den gefchilderten Perfönlichkeiten vorausfetzen
, für den deutfehen Lefer weniger Werth haben.
Wer aber Spurgeon's Art noch nicht kennt, wird aus
diefen beiden kleinen Schriftchen fich ein Bild machen
können fowohl von derUeberzeugungsgewifsheit wie von
der lebendig fprudelnden Gabe der Mittheilung des Londoner
Predigers — Eigenfchaften, in denen wohl hauptfächlich
die Erklärung feiner grofsartigen Wirkfamkeit
liegt.

Nuffe. H. Lindenberg.

Dalton, Herrn., Die Heilung des Blindgebornen. Evange-
lifche Betrachtungen. Bafel 1881, Spittler. (XII,
146 S. 8.) M. 2. —; geb. M. 3. —

Die Gefchichte von der Heilung des Blindgebornen
(Joh. 9, 1—41) eignet fich fowohl ihrer draftifchen Lebendigkeit
wie ihrer fymbolifchen Beziehungen wegen
vorzugsweife zu einer ausführlicheren homiletifchen Behandlung
. Der Verf. der vorliegenden Homilien hat fie
in 6 Abfchnitte zerlegt (1. Heilung. 2. Vor Gericht.
3. Wir find Mofis Jünger. 4. Der Pharifäer Bekenntnifs
und Urtheil. 5. Glaubft Du an den Sohn Gottes? 6.
Chrifli Bekenntnifs und Urtheil), von denen jeder ein in
fich abgerundetes Ganze bildet. Die Situationen find
mit grofser Lebendigkeit und Anfchaulichkeit ausgemalt,
ohne dafs man willkürliche Eintragungen dem Verf. vorwerfen
könnte. Die Sprache ift gewählt, an treffenden
j Bildern reich, mehrfach fentenziös pointirt, ohne gefucht
zu fein. In der Anwendung finden fich neue und gehaltvolle
Gedanken — man vergleiche beifpielsweife die
! Ausführung der pharifäifchen Erklärung: ,Wir find Mofis
Jünger', in der das eigenwillige Verharren auf einer nie-
! deren Entwickelungsftufe in geiftvoller Weife gefchildert
! wird. Was aber diefe Betrachtungen vor Allem anziehend
macht, ift der innige gemüthvolle Ton, der fich
! gleichmäfsig durch alle hindurchzieht. Der Verf. bleibt
feinem am Anfang der zweiten Homilie aufgeftellten
Grundfatz getreu: ,Der Sohn Gottes, ohne deffen Führung
Niemand zum Vater kommen kann, bildet den
Mittelpunkt jeglicher Erbauung im Geift und in der
j Wahrheit; er ift und mufs bleiben Kern und Sternpunkt
1 jeglicher Betrachtung des Wortes Gottes, durch die wir
j den Sabbathtag heiligen wollen'. Bei aller Anerkennung
I der Vorzüge diefer Betrachtungen kann jedoch Ref.
j nicht verfchweigen, dafs der Verf. hie und da in einer
j allzu behaglichen Breite fich ergeht, die der Gefammt-
wirkung nicht förderlich ift, fowie dafs in der Anwendung
vorzugsweife allgemeine Zeitftrömungen zur Be-
fprechung kommen, während die Rückficht auf das Be-
dürfnifs der Einzelnen mehr zurücktritt. In wie weit
diefe letztere Eigenthümlichkeit in der Befchaffenheit
der Gemeinde, vor der diefe Predigten gehalten find,
I ihren berechtigten Grund haben mag, kann Ref. nicht
entfeheiden. Sollten bei der Bearbeitung für den Druck