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Ausgabe:

1882 Nr. 21

Spalte:

499-501

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfahler, Georg

Titel/Untertitel:

St. Bonifacius und seine Zeit 1882

Rezensent:

Zoepffel, Richard

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499

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 21.

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Pfahler, Georg, St. Bonifacius und seine Zeit. Regens- I verfafsten Biographie des Bonifatius von einer Vifion am
bürg 1880, Manz. (VII, 396 S. gr. 8) M. 6. — 1 Sarge desfelben und von dem Wunder, dafs aus den

Wunden des feit Wochen verdorbenen Märtyrers plötzlich
Die vorliegende Schrift Pfahler's ift geeignet, den 1 Blut gefioffen, nimmt er (S. 317) in feine Darfteilung auf.
Bonifatius zu einer Lieblingsgeftalt des chriftlichen Vol- j So gelten ihm auch die der heiligen Lioba zugefchrie-
kes deutfcher Zunge zu machen; die Darftellung ift von | benen wunderbaren Krankenheilungen als Thatfachen
einer warmen Begeifterung für den Apoftel der Deut- ! (S. 340, A. 31). Es berührt fehr peinlich, wenn Pf. als
fchen getragen, die um fo wohlthuender berührt, als fie
mit einem mafsvollen Urtheil gepaart ilt, fich in eine
edle, formvollendete Sprache kleidet und jede fchroffe

Inftanz gegen Hahn's gründliche Forfchungen über die
zur Zeit des Bon. abgehaltenen Synoden in erfter Linie
(S. 149, S. 184) die Tradition aufführt, und fich darüber
Befehdung abweichender Auffaffungen meidet. Wahr- 1 beklagt, ,dafs bei diefen und ähnlichen fehr achtungs-
fcheinlich wäre der Gegenfatz zu den neueren prote- ! werthen gelehrten Unterfuchungen diefes in der katho-

ftantifchen Darftellungen der Wirkfamkeit des Bon., von
denen unfer Verf. rühmt, dafs fie ,in richtiger Erkennt-
nifs und unparteifchem Urtheil höchft ehrenvoll meift
wieder ausgetilgt haben', was die Magdeburger Centu-
riatoren ,gegen den rechtskräftigen Spruch der Ge-
fchichte in unbegreiflicher Verblendung gefündigt hatten
' (S. IV), ftärker hervorgetreten, wenn Pf. Heber's
Schrift ,Die vorkarolingifchen chriftlichen Glaubenshelden
am Rhein' (2. Aufl. 1867), Ebrard's Jrofchottifche
Miffionskirche des 6., 7., 8. Jahrh. etc.' (1873) oder Werner's
,Bonifatius, der Apoftel der Deutfchen' (1875) eingehend
berückfichtigt hätte. Diefe Unbekanntfchaft mit der den
Bonifatius ftreng richtenden proteftant. Literatur — die ihr
Seitenftück an der Nichtbenutzung der von dem Predi-

lifchen Kirche für ihre Lehre, wie für ihr Leben ganz
befonders wichtige Beweismoment übergangen oder nicht
gehörig gewürdigt werde'. Allerdings diefes von unferem
Verf. vorgefchlagene Beweisverfahren ift einfach genug
und würde überhaupt jede Forfchung und Kritik un-
nötlüg machen; es ift in unferem Falle folgendes: ,Wenn
Jahrhunderte lang angenommen wurde, dafs im Jahre 743
inAuftrafien unter Bonifatius' Leitung ein Concil und zwar
zu Liftinä gehalten worden, fo wird diefe pofitive Annahme
ihre Wurzeln in den nie unterbrochenen Ueber-
lieferungen des Bisthums Mainz und des Klofters Fulda
gehabt haben'. Dafs Pf. das Privilegium des Papftes Zacharias
für das Klofter Fulda, fowie die Beftätigung desfelben
durch Pippin für echt erklärt (S. 254 u. 256),

ger der Taufgefinnten, J. P. Müller, verfafsten, fich mehr wollen wir ihm nicht hoch anrechnen, da er — wie wir
mit der katholifchen Auffaffung befreundenden Mono- i vorhin bemerkten — Harttung's Schrift, die die ent-

graphie über Bon. befitzt — ift infofern fehr beklagens
werth, als in Folge derfelben die durch die genannten
Schriftfteller angeregte Controverfe, ob Bonifatius der
erfte Begründer einer deutfchen Kirche oder der Zer-
ftörer einer von ihm vorgefundenen, blühenden iro-
fchottifchen Miffionskirche in Deutfchland gewefen, gar

gegengefetzte Anficht mit grofser Sachkenntnifs vertritt,
nicht kennt. Schwerer wiegt, dafs er die Confirmations-
bulle Stephanus' III, obwohl fie doch fchon Jaffe verworfen
hat, nicht bcanftandet. Einzelne der Ausführungen
und Hypothefen Pf.'s verdienen Beachtung, fo
z. B. die Annahme, dafs in dem bekannten Pallienftreit

keine Behandlung erfährt; auch wird die Nichtbeachtung zwifchen Papft Zacharias einerfeits, dem Bonifatius und

diefer Schriften durch die Vertrautheit mit folchen pro-
fanhiftorifchen Werken und Abhandlungen noch nicht
aufgewogen, die wie Waitz, Verfaffungsgefchichte (Bd.

den Bifchöfen von Sens und Rheims andererfeits fich
eine ,in ihren materiellen Intereffen fehwer bedrohte Gegenpartei
erhoben und durch Befchuldigungen aller Art

II u. III) oder wie die Jahrbücher des fränkifchen Reiches zwei von den erwählten Metropoliten in ihrer anfänc

von Breyfig, Hahn und Oelsner, oder wie Dünzelmann's
und Jaffe's Streitfchriften dem Biographen des Bonifatius
, foweit die politifche Gefchichte und die von den
fränkifchen Herrfchern berufenen Concilien in Betracht
kommen, ganz unentbehrlich find; und felbft in der Anführung
profanhiftorifcher Arbeiten finden fich empfindliche
Lücken, fcheint Pf. doch Loening's Gefchichte des
deutfchen Kirchenrechts (Bd. II) und Harttung's diplo-
matifch-hiftorifche Forfchungen nicht gekannt zu haben.

Das Streben, das Leben des Apoftels der Deutfchen
im Zufammenhange mit den politifchen Verhältnifsen feiner
Zeit und der Vorgefchichte der deutfchen Stämme zu
zeichnen, verdient gewifs alle Anerkennung; doch bean-
fprucht die Darfteilung derfelben hin und wieder (z. B.
S. 86 ff.) zu viel Raum, während die Wirkfamkeit des
Bon. nicht feiten, z. B. fein Aufenthalt in Thüringen,
befonders aber fein Auftreten in Bayern (S. 119) recht
flüchtig behandelt wird. Es wäre zu viel gefagt, dafs
die Arbeit Pf.'s eine kritiklofe ift, aber das Mals der
angewandten Kritik ift doch ein recht geringes. Wie
vertrauensfelig erweift er fich auf jeder Seite des Buches
gegenüber der von Willibald verfafsten vita des Bon.;
felbft," dafs der 4—5jährige Knabe mit Vorliebe von
geiftlichen Dingen geredet und trotz aller Vorltellungen
des Vaters den entfehiedenen Wunfeh, ins Klofter zu
gehen, geäufsert habe, erzählt er ihr nach (S. 26). Aus
der dritten Beilage, die fich (S. 359—367) ohne neue
Refultate zu erzielen mit den ,älteften Biographien
von St. Bon.' befchäftigt, ift erfichtlich, dafs Pf. nichts

liehen Zuftimmung (zur Befchaffung des Palliums) wankend
gemacht habe' (S. 165); ferner der von feinem
pfychologifchen Verftändnifs der Charaktere der handelnden
Perfönlichkeiten, fowie von einer richtigen Würdigung
der hiftorifchen Verhältnifse Zeugnifs ablegende
Nachweis (S. 225—232), dafs Bon. fich nicht an irgend
einer Handlung gegen das Merovinger Haus betheiligt,
dafs er aber, nachdem das fränkifchc Volk nach erbetenen
päpftlichen Spruch Pippin an die Stelle Childe-
rich's III zur königlichen Würde erhoben hatte, diefen zu
Soiffons als König gefalbt habe. Zu den werthvolleren
Partien unferes Buches gehört die Unterfuchung in der
zweiten Beilage (S. 347— 357) über das Todesjahr des
Bonifatius, als welches Pf. 755 erweift. Befonders verdient
aber die mafsvolle Haltung der die gefammte
Wirkfamkeit des Bon. überblickenden Schlufsbetracht-
ung (S. 319 ff.) volle Anerkennung. Mit Recht weift Pf.
die Anficht ,als der gefchichtlichen Wahrheit nicht ent-
fprechend' zurück, nach der Bon. als ,der Urheber der
politifchen Einigung unferes Volkes' erfcheint. Zuftim-
men mufs man ihm auch, wenn er fagt: von Bon. fordern
, dafs ,er die deutfehe Kirche in Freiheit und Unabhängigkeit
auferbaue', das heifst ,von dem angelfäch-
fifchen Mönche wahrlich mehr verlangen, als einft Ar-
chimedes zur Zertrümmerung der Welt als nöthig erfordert
hatte', denn ,der Primat Roms war dem Bon. ein
Glaubensfatz', und .gerade diefer Rückhalt an der . . .
hierarchifchen Ordnung . ■ . ebnete einen guten Theil
jener Hindernifse, welche Rohheit und Gewalt feinem

davon weifs, dafs auf Willibald's vita Bon. — wie Wat- 1 Werke entgegenfetzte'. Auch das Lob, dafs Rom feiten

tenbach fich ausdrückt (Deufchlands Gefchichtsquellen ! einen ftrengeren Beurtheiler als den Bon. gefunden hat,

im Mittelalter, 4. Aufl. 1877, S. 113), ,Lull's Cenfurftriche | ift nicht unberechtigt, fobald man fich den herben Tadel

verwirrend und verftümmelnd eingewirkt haben'. Sogar des Apoftels der Deutfchen über die Simonie des Za-

die Erzählungen der doch erft im II. Jahrh. von Othlo ' charias im Pallienftreit oder feinen harten Ausfpruch