Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1882 Nr. 20

Spalte:

473

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Riehm, Ed.

Titel/Untertitel:

Religion und Wissenschaft 1882

Rezensent:

Thoenes, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

473

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 20.

474

Ahitophel, der fich dann erhängte, warum den Verrath
und die Empörung des Abfalon fo ausführlich, oder ferner
den Gang Davids im Bufsgewande über den Bach
Cedron den Oelberg hinan? Das ift ein rührendes Bei-
fpiel von Judas' Verrath, vom Gang Chrifti an den Oelberg1
(S. 20). — Doch es mögen der Beifpiele genug fein.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Riehm, Prof. Dr. Ed., Religion und Wissenschaft. Rektoratsrede
, gehalten am 12. Juli 1881. Gotha 1881, F.
A. Perthes. (32 S. gr. 8.) M. —. 60.

Wir leben in einer Zeit, in der man vielfach geneigt
ift, Glauben und Wiffen für unverföhnliche Gegenfätze
zu halten, und nicht feiten hat man in Folge deffen auch
fchon in unferem Vaterlande die Forderung aufgeftellt,
die Univerfitäten von den theologifchen Facultäten, als
einem nicht zu ihnen paffenden Anhängfei, zu befreien.
Demgegenüber ift es ein fehr anerkennenswerthes Ver-
dienft von Prof. Riehm, in der hier anzuzeigenden Rec-
toratsrede mit leidenfchaftslofer Unbefangenheit und j
Gründlichkeit nachgewiefen zu haben, dafs gerade auch [
für den Fortfehritt der Wiffenfchaft das Vorhandenfein
und die lebendige Wirkfamkeit des Glaubens die gröfste
Bedeutung in Anfpruch nehmen dürfen.

Wir halten feinen Nachweis für unwiderleglich, wenn
auch zu erwarten fteht, dafs decidirte Gegner bei allerlei
Einwendungen fich beruhigen werden.

Zuerft weift Riehm darauf hin, wie wichtig lebendige
Gottesfurcht fei für das fubjective Leben des einzelnen
Forfchers. Sei nach Fichte ,ftrenge Wahrheitsliebe die
eigentliche Tugend des Gelehrten', fo fei Wahrheitsliebe
nicht zu denken ohne Gewiffenhaftigkeit und diefe nicht
ohne ein Bewufstfein der Verantwortlichkeit, deffen
höchfte Potenz das der Verantwortlichkeit vor Gott fei.
— Sodann wird die Bedeutung der Religion im gefchicht-
lichen Entwickelungsgange der Wiffenfchaft aufgezeigt.
,Wo in den Tiefen des religiöfen Lebens neue Triebkräfte
wirkfam geworden find, da ift auch die Cultur zu
einer höhern Stufe fortgefchritten, und da haben fich
auch für die Wiffenfchaft neue Aufgaben, höhere Ziele,
kräftige Impulfe, fruchtbare Anregungen, reinigende und
befreiende Wirkungen ergeben.' Diefe Thefe wird einleuchtend
gemacht an der Einwirkung, welche das
Chriftenthum auf das wiffenfehaftliche Leben ausgeübt
hat, fowohl überhaupt, wie insbefondere als Proteftantis-
mus. Der Wiffenfchaft im Allgemeinen habe das Chriftenthum
einen univerfell-menfchheitlichen Charakter und
durch Beziehung derfelben auf die ewige Welt eine innere
Einheit gegeben. Im Einzelnen hätten abgefehen
von Theologie und Philofophie befonders Gefchichts-,
Sprach- und Rechtswiffenfchaft vom Chriftenthum die
gröfste Förderung erfahren, ja indirect auch Mathematik
und Naturwiffenfchaften. Und wenn das theokratifch-
hierarchifche Syftem des Mittelalters ein Hemmnifs der
wiffenfehaftlichen Forfchung gewefen, fo habe die Reformation
diefes Hemmnifs befeitigt. Diefe habe mit der
Gewiffensfreiheit auch die volle Freiheit wiffenfchaftlicher
Forfchung gebracht.

Aber auch im Wefen der Wiffenfchaft fei es begründet
, dafs fie gerade von der Religion die kräftigften Impulfe
empfangen müffe. Nur in einer theocentrifchen,
nicht in einer anthropocentrifchen Welt- und Lebensan-
fchauung liege die Rettung der Einheit der Wiffenfchaft
vor der Gefahr der Zerfplitterung.

Es ift dringend zu wünfehen, dafs die feffelnde und
grundliche Erörterung Riehm's auch in weiterem Kreife
Beherzigung finde, was durch den Separatabdruck derfelben
aus den Studien und Kritiken ermöglicht ift.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Harnack, Dr. Theodofius, Katechetik und Erklärung des
kleinen Katechismus Dr. Martin Luthers. 1. Bd. A. u.

d. T.: Katechetik. Erlangen 1882, Deichert. (XI,
196 S. gr. 8.) M. 3. -

Als einen Meifter der Katechetik charakterifirt fich
der Verf. dadurch, dafs er die im Verlauf der Jahrhunderte
gewonnene katechetifche Erfahrungsweisheit in fich
plaftifch geftaltet und die tief einfehneidende Kritik,
welche das praktifche Leben an den katechetifchen Thor-
heiten übte, mit klarem Verftändnifs verwerthet hat.
Daher find die gefchichtlichen Erörterungen diefer Schrift
durchaus beftimmt von dem Ergebnifs, welches aus der
fich entfaltenden katechetifchen Thätigkeit und aus dem
kritifchen Läuterungsfeuer der Gefchichte hervorgegangen
. Was auf diefem Gebiete einft mit inftinetiver Sicherheit
geleiftet worden ift, tritt hier in das Licht der ziel-
bewufsten Klarheit; und Beftrebungen, welche fich von
verwandten Aufgaben losriffen und daher in ihrer Ifolir-
ung zuletzt allen Verftand und alles Recht verloren,
werden hier in ihrer relativen Berechtigung mafsvoll und
befonnen anerkannt.

Das allgemeine Lebensgefetz, dafs von dem gereiften
Gefchlecht das heranwachfende erzogen und in das
Erbe der Vergangenheit allmählich eingeführt wird, tritt
auch auf dem Gebiet der kirchlichen Katechefe zu Tage
in Hinblick auf die höchften Lebensgüter, die allen andern
Gütern erft ihren wahren Werth verleihen. Denn
durch die katechetifche Unterweifung will die Kirche die
in ihrer Mitte Geborenen zu geiftlicher Mündigkeit, zur
bewufsten und gewollten Jüngerfchaft Chrifti heranbilden.
Zwar wird diefe Thätigkeit bedingt von der bereits vollzogenen
Taufe; aber die Kirche ift mehr als die Ge-
fammtheit der Getauften; das Ziel ihrer Selbftentfaltung
ift das klar bewufste Glaubensleben.

Die Formen der Katechefe mufsten je nach den
wechfelnden Verhältnifsen des kirchlichen Lebens überaus
mannigfaltig fich geftalten. Und die Kirche hat die
ihr inwohnende Gotteskraft erwiefen, indem fie in der
nachapoftolifchen Zeit und im Mittelalter die katechetifche
Aufgabe anders erfafste und löfte, als in der Zeit
der Reformation und in den darauf folgenden Perioden.
Aber nicht immer gelang es, Verkehrtheiten und Ein-
feitigkeiten fern zu halten, denen ein gemifsbrauchtes
Moment der Wahrheit zu Grunde lag. Der Verf. hätte
wohl ausführlicher, als er gethan, nachweifen können,
dafs die Nachahmung der Myftcrien, in denen das finkende
Heidenthum neue Kraft zu gewinnen fuchte, auf
die Weiterbildung des kirchlichen Katechumenates mannigfach
verwirrend wirkte und die chriftlichen Heiligthümer
in dem Mafse entwerthete, als man den Zugang zu den-
felben durch allerlei gefuchte Vorbereitungsftufen er-
fchwerte. Mit charakteriftifchen Zügen fchildert der
Verf., wie im Mittelalter die katechetifche Thätigkeit zu
jener mechanifchen Beichtpraxis entartete, aus welcher die
früher noch wirkfame Zucht des Willens gewichen war,
und wie fpäter die didaktifche Richtung der Katechefe
fo lange vereinfeitigt wurde, bis fich der Stoff, den man
didaktifch verarbeiten wollte, fchier in Nichts auf-
gelöft hatte. Um fo fruchtbarer hat in allen Perioden
der Kirche das Streben fich erwiefen, die in allerlei Ein-
feitigkeiten und Verkehrtheiten fich auflöfende katechetifche
Thätigkeit lebendig zufammenzufaffen und charaktervoll
zu geftalten.

So fehen wir auch in vorliegender Katechetik Vieles
harmonifch und lebensfrifch verbunden, was fonft alters-
fchwach auseinanderzufallen droht. Das Recht der akroa-
matifchen Lehrweife wird ebenfo auf ein beftimmtes
Mafs eingefchränkt, wie das der fokratifchen Methode
die nur durch ein Mifsverftändnifs zu ihrem fchönen
Namen gekommen ift. Denn der wirkliche Sokrates,
deffen Bild uns nicht Xenophon, fondern nur der ebenbürtige
Piaton zeichnen konnte, hat das Wahre und