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Ausgabe:

1882 Nr. 20

Spalte:

471

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braun, Frdr.

Titel/Untertitel:

Protestantismus und Sekten 1882

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 20.

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auf die allgemeinen, insbefondere die franzöfifchen, Ge-
fchichtsquellen und -Darftellungen angewiefen. Für die
Zeit der Gewaltherrfchaft Napoleon's, die verfrühte Aufhebung
der weltlichen Herrfchaft durch ihn, die der Re-
ftauration bis 1830 (Cap. 11) und endlich der letzten
beiden Papftkönige Gregor's XVI. und Pius' IX. (Capp.
13, 14, 15) fhefsen diefe Quellen ja reichlich genug und
find nebft den zuverläffigften Bearbeitungen von dem
Verf. mit Selbftändigkeit und Gefchick benutzt worden,
fo dafs diefem Theile das gleiche Lob wie dem erften
gebührt. Was die Form angeht, fo ift er dem erften
überlegen; befonders find die beiden letzten Capitel
(Regierung Pius' IX. bis zur Rückkehr des Papftes aus
Gaeta — Die Staatsauflöfung) von einer Frifche der
Darftellung, wie fie nur eigene Anfchauung und perfön-
liche Theilnahme an einer zum Theil unter unferen
Augen vor fich gehenden Entwickelung hervorzubringen
vermag.

Bonn. Benrath.

Braun, Hofcapl. Dr. Frdr., Protestantismus und Sekten.

Vortrag, in der Württemberg. Pfarr-Verfammlung zu
Eislingen geh. [Aus: ,Theol. Studien aus Württ.'l
Ludwigsburg 1882, Neubert. (35 S. 8.) M. —. 30.

Der Verf. kennt drei Principien des Proteftantismus:
die fpecififche Autorität der Bibel = das erkenntnifs-
theoretifche, die Rechtfertigung aus Gnaden == das dogmatische
, das allgemeine Priefterthum = das praktifche
Princip. ,Sekten find folche, auf proteftantifchem Boden
erwachfene, von den altevangelifchen Kirchen abgelöfte
Gemeinfchaften, die eines oder mehrere jener Principien
entweder verworfen oder in eigenthümlich einfeitiger
Weife ausgebildet und abfchliefsend umgebildet haben'.
Einläfslich fpricht der Verf. nur von den Methodiften
und Baptiften, von denen die erfteren angeblich das
zweite, die letzteren das dritte Princip des Proteftantismus
mifsdeuten, nicht ohne Schäden des traditionellen
kirchlichen Proteftantismus offenbar zu machen. Die
Schlufsvorfchläge des Verf.'s für die Methode der Bekämpfung
der Secten — wo er die richtige Auffaffung
der drei Principien behandelt — find das Befte an dem
Schriftchen. Sie verrathen eine lebendigere Anfchauung
von dem Wefen des Proteftantismus, als die Schablone
an fich erwarten liefse. Die Zeichnung des Wefens der
Secten ift unzureichend. Man kommt den Secten, wie
fic wirklich find, nur von ihrer Gefchichte aus bei. Will
der Verf., wie er im Vorworte andeutet, in Zukunft das
Thema noch einmal und ausführlicher behandeln, fo wird
er es fich nicht verdriefsen laffen dürfen, in diefer Beziehung
feiner Arbeit folidere Fundamente zu fchaffen.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Schäfer, Prof. Dr. Bernh., Bibel und Wissenschaft. Zehn
Abhandlungen über das Verhältnifs der hl. Schrift
zu den Wiffenfchaften. Münfter 1881, Theiffing.
(VIII, 284 S. gr. 8.) M. 3. 6b.

Der Verfaffer kennzeichnet den Standpunkt, von
welchem aus er fich über das Verhältnifs von Bibel und
Wiffenfchaft ausfprechen will, im Vorwort folgender-
mafsen: ,Mein Standpunkt, dafs die heil. Schrift die
Wiffenfchaft nicht berühre, dafs fie nur Heilszwecke im
Auge habe und beim Vortrage der Heilswahrheiten fich
der populären Darftellungsweife, der Sprache der Anfchauung
, bediene, ift fo einfach und natürlich, dafs er
auf Originalität gar keinen Anfpruch macht. Diefe Wahrheit
ift fchon früher erkannt und gelegentlich da und
dort auch ausgefprochen worden, aber eine confequente
Durchführung diefes Grundfatzes, eine fpecielle Anwendung
desfelben auf die verfchiedenen Gebiete profanen
Wiffens und eine Herbeiziehung der ganzen h. Schrift

I zur Begründung desfelben ift meines Wiffens noch nicht
1 gegeben worden, und hierin eben dürfte der Werth
meiner Schrift beruhen'.

Es find 10 Abhandlungen, in denen Schäfer die confequente
Durchführung feiner Grundanfchauung darbietet
. Zuerft Hellt er den ,übernatürlichen' Charakter der
h. Gefchichtsbücher im allgemeinen dar, fodann wird
das Verhältnifs der biblifchen Bücher zur Gcfchichts-
wiffenfehaft, Chronologie, Geographie, zu den befchreib-
enden Naturwiffenfchaften, der Aftronomie, Kosmo-
gonie, Geogonie, Paläontologie und zum Darwinismus
befprochen. In allen 10 Abhandlungen erweift fich der
Verf. als mit den einfehlägigen Controverfen vertraut,
und die Klarheit, mit welcher er unhaltbare Pofitionen
der bisher geübten Apologetik abweift, verdient alle
Anerkennung. Manchem wird es vielleicht befremdlich
erfcheinen, aus der Feder eines Theologen, der mit dem
Vaticanum vollftändig einverftanden ift, Sätze, wie diefe,
zu lefen: ,Wir dürfen herzhaft zugeben, dafs die Verfaffer
der heil. Bücher im allgemeinen in wiffenfchaft -
lichen Fragen ihrer Zeit durchaus nicht vorausgeeilt
waren, fondern die Anfchauungen ihrer Zeit theilten, wenn
j diefelben auch irrig waren' (S. 138). — ,Die Behauptung,
dafs die Bibel, wenn fie Gegenstände der Profanwiffen-
fchaften berühre, mit diefen unmöglich collidiren könne,
follte nicht mehr erhoben werden' (S. 145). — ,Es ift
fehr gut und weislich von Gott fo geordnet und fo gefügt
worden, dafs die h. Schrift nicht wiffenfehaftlich,
alfo auch nicht correct und exaet fpricht. Hätte fie
fich von Anfang an auf den Standpunkt des copernika-
nifchen Weltfyftems geftellt, was hätte dann die ganze
vorchriftliche Welt, was hätten alle Verthcidiger des
ptolemäifchen Syftems gegenüber der Schrift gefagt ?
Man wäre auch an der VVahrheit der h. Schrift in Sachen
des Heils irre geworden; die h. Schrift hätte ihren
ganzen Zweck verfehlt' (S. 147). — ,Die h. Schrift lehrt
uns nicht, wie der Himmel befchaffen ift, fondern wie
wir befchaffen fein follen, um in den Himmel zu gelangen
' (S. 148). ,Wir lefen nicht in der h. Schrift, dafs
Gott gefagt ha£, ich werde euch den Geift fenden, der
euch belehrt über den Lauf der Sonne und des
Mondes. Chriften follen wir werden, aber nicht Sternkundige
' (vgl. August, de act. c. Fei. Manich. 1, 10). —
Aber mufs fich nicht die Erkenntnifs immer mehr Bahn
brechen, dafs nur auf dem Grunde folcher Anfchauun
gen eine wirkfame Apologie des Glaubens gegenüber
dem Wiffen überhaupt möglich ift? Möchte es dem Verfaffer
gelingen, im Krcife der Apologeten beider Kirchen
gehört zu werden!

Was den Inhalt feiner Ausführungen im Uebrigen
betrifft, fo läfst er von der biblifchen Kritik fich nirgendwo
anfechten; aber dies hat vielleicht feinen Grund
in der gebotenen Rückfichtnahme auf die Cenfur feiner
Kirche. Auch feine Exegcfe läfst viel zu wünfehen
übrig. Insbefondere macht er von der Typologie einen
Gebrauch, der alles Mafs überfchreitet. So werden in
der 1. Abhandlung die Verfaffer der hiftorifchen alttefta-
mentlichen Bücher oft fo dargeftellt, als hätten fie nur
im Vorausblick auf das Erlöfungswerk und die Entwickelung
der katholifchen Kirche ihre gefchichtlichen
Mittheilungen niedergefchrieben. ,Mofes felbft', heifst es
S. 8, ,darf das Volk nicht ins gelobte Land einführen
zum Beweis, dafs der Mofaismus nicht im Stande ift,
an und für fich ins gelobte Land des Himmels einzuführen
'. Von Jofua werde einmal gefagt, er habe das
ganze Land erobert, das andere Mal, es feien noch viele
Refte feindlicher Völker zu bezwingen übrig geblieben.
,So mufste es fein, wenn Jofua ein Typus von Jefus fein
follte' (S. 11). — Ein Buch Ruth haben wir nach dem
Verf. deshalb, weil von dem kinderlofen Ehepaar Joachim
und Anna derjenige abftammen follte, der die zer-
| fallene Hütte Davids wieder aufrichte (S. 15). — ,Wa-
I rum fchildert die h. Schrift den teufiifchen Plan des