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Ausgabe:

1882

Spalte:

466-468

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Cyprian von Antiochien und die deutsche Faustsage 1882

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

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46s

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 20.

466

fache, dafs fich nicht einmal ein diefem Hegriffe ent-
fprechendes Wort bei Paulus findet, hätte den Verf.
daran hindern follen. Seine ganze Vorftellung von der
paulinifchen Sühnungslehre fchöpft er eigentlich nur aus
der Stelle Gab 3, 13, indem er deren Bedeutung als
compendiarifchen Ausdruck der Erlöfungstheorie des
Paulus meines Erachtens erheblich überfchätzt.

Ich glaube, der Verf. wäre auf eine Reihe folcher
bedenklicher Punkte in feinen Ausführungen felbft auf-
merkfam geworden, wenn er dem zweiten Bande von
Ritfchl's,Lehre von derRechtfertigung u. Verhöhnung' eine
forgfältigere Beachtung gewidmet hätte. Er nennt diefes
Werk zwar und nimmt auch einige Male Anlafs, fich mit
Ritfchl's Anfchauungen auseinander zu fetzen. Ich
leugne aber nicht, den Eindruck gewonnen zu haben,
der ja freilich auf Irrthum beruhen kann, dafs der Verf.
das Werk R.'s doch nicht aus eigener Anfchauung kennen
gelernt hat. Ich habe es mir wenigftens anders nicht
erklären können, dafs er einerfeits auf S. 243 ganz unzutreffend
über R. referirt, derfelbe betrachte überein-
ftimmend mit Pfleiderer die paulinifche Erlöfungslehre
als allein auf der Opferidee beruhend, und dafs er an-
dererfeits viele paulinifche Vorftellungen und Ausfprüche,
deren Bedeutung R. in jenem Werke ausführlich erörtert
hat, in einer Weife befpricht, welche keine Spur einer Be-
kanntfehaft mit jenen Erörterungen verräth.

Zum Schluffe möchte ich noch mein Bedauern darüber
ausfprechen, dafs der Verf. feinem Thema die im
Titel bezeichnete Befchränkung gegeben, d. h. den ganzen
auf das pneumatifch-ethifche Leben der Menfchen,
welche die Erlöfung erfahren haben, bezüglichen Gedankenkreis
des Paulus von feiner Unterfuchung aus-
gefchloffen hat. Denn thatfächlich läfst fich diefer Gedankenkreis
nicht einfach, unbefchadet der übrigen
Theile, aus dem Zufammenhange der chriftlichen Ge-
fammtanfehauung des Apoftels herauslöfen. Wie man
die Erlöfungslehre des Paulus nicht verliehen kann, ohne
feine eigenthümliche Beurtheilung des menfehlichen Zu-
ftandes, wie er abgefehen von der Erlöfung vorhanden
ift und den Anlafs und Gegcnftand der Erlöfung bildet,
in Betracht zu ziehen, fo kann man fie auch in dem
Werthe, welchen fie für Paulus gehabt hat, nicht recht
verliehen, wenn man nicht zugleich ihre Beziehung auf
das neue, in Kraft des Gottesgeiftes geführte ethifche Leben
des Menfchen flets vor Augen behält. Denn wie in
diefem pneumatifchen Leben der letzte Zweck der Erlöfung
liegt, fo liegt in ihm auch die Probe für ihre
Vollkommenheit und ihren Werth. Aufser Zufammen-
hang mit diefem abfchliefsenden Gedankenkreife feines
Syftemes ift die Erlöfungslehre des Paulus immer Mifs-
verftändnifsen ausgefetzt, — oder es fehlt ihr wenigftens
die charakteriftifche Beleuchtung, die fie für die Anfchauung
und nach der Abficht des Apoftels hatte.

Göttingen. H. Wen dt.

Kraus, Prof. Dr. Frz. Xav., Lehrbuch der Kirchengeschichte

für Studierende. 2. Aufl. Trier 1882, Lintz. (XVI,
892 S. gr. 8.) M. 12. —

Auch von diefer neuen Auflage der Kirchenge-
fchichte von Kraus gilt, was der verdorbene Plitt
(Theol. Lit.-Ztg. 1876, Nr. 9) über die erfte Auflage bemerkt
hat. Der Verf. hat zwar Einiges verbeffert und
nachgetragen, aber im Wefentlichen ift das Buch unverändert
geblieben. Er rechnet fich felbft zu der ,hifto-
fchen Schule' und weifs hie und da einen recht vornehmen
Ton anzufchlagen. Nun, die Nuance, um welche
der Verf. freifinniger ift als diejenigen katholifchen Theologen
, welche er felbft $ 169 als die ,neufcholaftifchen'
bezeichnet, mag innerhalb der Grenzen der römifchen
Kirche'leuchtend hervortreten; für uns, die wir aufser-
halb flehen, ift der Unterfchied ein geringer, und er liegt
nicht auf dem Gebiet der Kritik und Erkenntnifs, fondern
mehr auf dem der Accente und der Sprache
Denn, fo fehr fich der Verf. zn bemühen fcheint, Probleme
als Probleme unbefangen aufzunehmen und die
Sätze der Tradition wirklich zu kritifiren — fchliefslich
werden wir mit nebelhaften Bemerkungen abgefpeift, die
nur der Gutmüthige mit dem non Hauet freier Forfchung
verwechfeln kann, oder aber die Tradition wird doch
in allen Ehren belaffen. Man wird bei dem kenntnifs-
reichen Theologen gewifs annehmen dürfen , dafs ihm
die zahllofen ,unbequemen' hiftorifchen Probleme wirklich
deutlich geworden find, aber er hat fich nicht ent-
fchloffen, einer ,unbequemen' Entfcheidung irgendwo
muthig Raum zu laffen. Im Gegentheil, diejenigen feiner
Confeffionsverwandtcn, welche an einem, freilich einem
der bedeutendften Punkte dies gethan haben, werden
mit Ausnahme Döllinger's fchnöde abgefertigt. Wie
der Verf. felbft über die Unfehlbarkeit eigentlich denkt,
erfährt man dabei nicht einmal. Dafs die Altkatholiken
im Namen der ,hiftorifchen Schule' preisgegeben werden,
ift ein ftarkes Stück; denn was fie an Tendenzen und
Uebcrtreibungen in der Gefchichtsfchreibung heute fündigen
, das werden fie,wie vorauszufehen, wieder gut machen.
Dafs aber die hiftorifche Schule felbft in Bezug auf den
z. Z. wichtigften Punkt in der Entwicklungsgefchichte
der römifchen Kirche die Sprache benutzt, um die Gedanken
zu verbergen, ift noch ftärker. Der Kirchenpolitiker
, auch der proteftantifche, könnte allerdings bei
der gegenwärtigen Zeitlage dazu einige beifällige Gloffen
machen, aber nicht anders als indem er der Wahrheit
ihr Recht, jeden Augenblick gehört zu werden, vorher
entzieht. Wenn fie aber auch von den Adepten der
Wiffenfchaft nur zur .gelegenen' Zeit citirt werden foll,
dann hat fie unter uns bereits ausgefpielt.

Das Urtheil des Verf.'s über den Proteftantismus
hat fich nicht geändert; auch die Neuzeit beginnt ihm
in der neuen Auflage mit dem J. 1453, und er beruft
fich hierfür zuverfichtlich auf den Beifall aller Quellen-
forfcher. Ref. bezweifelt bis auf Weiteres noch, dafs
die hiftorifche Schule an diefem Punkte capituliren wird.
Der neueren proteftantifchen Theologie fcheint der Verf.
nicht überall mit fchuldiger Aufmerkfamkeit gefolgt zu
fein, fonft hätte er, abgefehen von dem verzeichneten
Bilde, welches er $ 173 entwirft, z. B. nicht fchreiben
können, dafs die Vermittelungstheologie jetzt vorzüglich
durch Dorner, T weiten, Jul. Müller, BeyfchlagundKöft-
lin geführt wird.

Giefsen. Adolf Harnack.

Zahn, Thdr., Cyprian von Antiochien und die deutsche
Faustsage. Erlangen 1882, Deichert. (IV, 153 S. gr. 8.)
M. 3. -

Calderon's .Wunderthätiger Magus' hat fchon lange
durch mit Goethe's Fauft verwandte Züge die Aufmerkfamkeit
auf fich gelenkt. Ein directes Abhängigkeits-
verhältnifs ift jedoch nicht vorhanden, denn Goethe
lernte erft nach dem Erfcheinen des t. Theils des Fauft
Calderon's Drama kennen. Aber vielleicht läfst fich für
beide Dichtungen in ihren Quellen eine gemeinfame
Wurzel nachweifen ? Goethe hat feinen Stoff dem Fauft-
buch entnommen, Calderon der Legende von Cyprian.
Diefer letzteren ift nun die Unterfuchung Zahn's gewidmet
, und auf ihre Beziehung zur Fauftfage wird fie
geprüft.

Wir befitzen die Cyprianslegende in den drei Büchern,
welche fchon von der Kaiferin Eudokia, der Gemahlin
Theodofius' IL, in gewiffenhaftem Anfchlufs an den
Profatext metrifch bearbeitet worden find. Zahn hat
alle drei S. 21—72 in deutfchcrUeberfetzung vorgelegt,
verfehen mit textkritifchen und fachlichen Erläuterungen.
In einem Anhang S. 139—153 giebt er auch den bisher
noch ungedruckten griechifchen Text des 1. Buches,
der zrpäi-tc zov Knrqiavnv v.ai zilg ayiag 'Iovazi-
nfi. Derfelbe beruht auf dem cod. Par. 1468 (saec.