Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1882 Nr. 20

Spalte:

459-461

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vilmar, Aug. Frdr. Chrn.

Titel/Untertitel:

Collegium biblicum. Praktische Erklärung der heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Aus dem handschriftlichen Nachlaß der akademischen Vorlesungen hrsg. von Chrn. Müller.

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

459

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 20.

460

wundergläubige Phantafie theilt Theodofius mit feinen j
Zeitgenoffen.

Der Breviarius, ebenfalls aus dem 6. Jahrhundert
flammend, enthält eine kurze Befchreibung Jerufalems.
Der Text ift von Gildemeifter forgfältig aus zwei Hand-
fchriften zufammengefügt worden, fo dafs diefe neue
Bearbeitung weit über derjenigen Tobler's fleht.

Eine grofse Zahl intereffanter Erläuterungen, wie fie
nur eine ungewöhnlich ausgebreitete Gelehrfamkeit bieten
konnte, erhöht den Werth der vorliegenden Schrift,
die von keinem Paläftinaforfcher unberückfichtigt bleiben
darf.

Zürich. K. Furrer.

Vilmar, weil. Prof. Dr. Aug. Frdr. Chrn., Collegium bi-
blicum. Praktifche Erklärung der heiligen Schrift
Alten und Neuen Teftaments. Aus dem handfchrift-
liehen Nachlafs der akademifchen Vorlefungen hrsg.
von Pfr. Chrn. Müller. Des Alten Teftaments 2. Tl.
Das Buch Jofua bis Efther. Gütersloh 1882, Bertelsmann
. (VI, 319 S. gr. 8.) M. 5. —

Vorliegender Band gehört vielleicht zu den bellen
Theilen der Vilmar'fchen Bibelerklärung. Der epifche
Volkston altteftamentlicher Gefchichtserzählung war dem
Verfaffer verftändlicher und affimilirbarer, als die in ir- I
gend welchem Mafse zugleich auch theologifch bedingte
Darftellungsweife der Evangelien. Dazu kommt, dafs
feiner Neigung, die biblifche Vergangenheit im Spiegel
der politifchen und focialen Zuftände der Gegenwart zu
behandeln, kein anderes Element der alt- und neutefta-
mentlichen Literatur fo glücklich zu entfprechen fchien.
Gleich auf der erften Seite lefen wir, ,dafs nicht nur die '
heidnifchen Völker- und Staatengefchichten, fondern
auch die Gefchichten und Zuftände derjenigen Völker,
welche von Heiden herkommen und zu Chrifto berufen
find, vollftändig einzig und allein aus dem A. T. erkannt
werden können und nothwendig mit dem Mafsftab des
A. T.'s gemeffen werden müffen, wenn fie in ihrer wah-
ren Geftalt, in ihrem Wefen begriffen werden follen'.
Hier ift Alles und Jedes vorbildlich für unfere Zeit (S. j
196); denn das durchgehende Thema diefer Bücher heifst: !
Darfteilung des Verfalles der Gotteserkenntnifs und des
Gottesgehorfams in politifchen Körperfchaften (S. 195).

Vilmar hat zu tief in die Kirchenpolitik und auch
in die Theologie unterer Gegenwart eingegriffen, als
dafs es nicht von gefchichtlichen Belang fein follte, die
Anregungen, die von ihm ausgegangen find, kennen zu
lernen. Israel alfo und Juda find die ewigen Typen aller
chriftlichen Reiche (S. 290), infonderheit für das heilige
Reich deutfeher Nation, feit deffen Verfall alle grofsen
Aufgaben der Chriftenheit fchwieriger geworden find ,
(S. 221). Daher jene vereinzelten Staats- und Kirchen- 1
häupter, deren Ideal in jener Vergangenheit liegt, die j
wahren Propheten Gottes inmitten diefes abgefallenen
Gefchlechtes find, die fehende Minorität inmitten
einer blinden Majorität (S. 196,. Dafs Vilmar felbft ein
.Prophet des Herrn im deutfehen Lande' war, erfahren
wir gelegentlich aus einer Anmerkung S. 289, wonach j
er die letzte feiner Vorlefungen am 28. Juli 1868 gehalten
hat und bis zu der Stelle gekommen ift, da Amazja
,fich von Gott emaneipirte wie unfere Fürften 1848'. Der
nachherige Rückfchlag findet fein Vorbild in Jofia,
welcher nach der Redeweife der Welt ,gcwaltfame Reac-
tion' übte ,durch eine am Ruder befindliche Partei' (S.
303). Ganz nach dem Herzen des Verfaffers hat freilich |
auch er es nicht gemacht; fein Regiment war immer I
noch zu weltförmig, kirchlich incorrect (S. 305 f.). Daher
der Ausgang! Denn der Refrain heifst immer: ,So
endigt alles wüfte politifche Treiben' (S. 239). Dafs namentlich
die franzöfifche Revolution, die das deutfehe
Reich zerftörte, aller Uebel Wurzel ift, kann man faft auf

jedem Blatte der hier erklärten heiligen Schriften lefen.
Aber Revolution kann auch von oben ausgehen. Abi-
melech ift ein rechter Vertreter der Politik von ,Blut
und Eifen' (S. 67). Der Militarismus des modernen, auf
Krieg begründeten Staats ift tief unfittlich (S. 223, 238).
Saul ift das Vorbild der chriftlich fein wollenden Könige
, welchen nur mit einem eigens appretirten Chriften-
thum gedient ift (S. 171). Weit und breit in der Chriftenheit
herrfcht der Jerobeamismus'. Jerobeam felber
aber trat auf als Strafe für Salomo, welcher jeden nach
eigener Facon feiig werden laffen wollte (S. 214).

Zuweilen berühren diefe Vorlefungen über bibli-
fches Staatsrecht recht gefährliche Punkte, befonders da,
wo fchon die politifche Cafuiftik der Jefuiten vorgearbeitet
hat. Den Eglon hat Ehud mit vollem Recht und
nach Gottes Willen umgebracht, weil jener nicht blofs
ein relativer, fondern ein abfoluter Ufurpator geworden,
Ehud aber reines Strafwerkzeug gewefen ift und dem
Tyrannen darum auch gleich mit einem Worte des Gerichts
naht (S. 50 f.). Ein moabitifcher Staatsanwalt würde
fich freilich auf folche Argumentation kaum verliehen,
wie es bei anderem Ausgang des Unternehmens auch
dem Jojada nichts gefrommt haben würde, dafs man aus
feiner Verfchwörung lernen kann, unter welchen Um-
fländen gewaltfamer Widerftand gegen unrechtmäfsiges
Regiment am Platze ift (S. 285). Auch fonft überfällt
zuweilen ein wilder, vorchriftlicher Geift unfern alttefta-
mentlichen Politiker. Als auf einem befonders ehrwürdigen
Vorbilde für Gottes ,Friedensboten' (S. 261 ruht fein
Wohlgefallen auf Elia und auf deffen Verfahren mit den
Baalspfaffen. Dafs Elia diefe erft verfpottet und dafs er
fie nachher auch abfchlachtet, ift Beides gleich löblich.
Denn ,zu allem Spott gehört eine grundkräftige und
grundgläubige Natur'; demgemäfs werden fofort diejenigen
verlacht, deren ,Gott ift ich und du und er und wir
und ihr und fie, und diefer und diefes und jener und
jenes und mancher und manches und mancherlei und
vielerlei und allerlei und Alles und Nichts' (S. 245).
Was aber das Andere anlangt, die Hinrichtung der 450,
fo gilt es daraus zu lernen, dafs man kein Mitleid haben
foll mit der ,Menge', der .Metzelei' (S. 247); ihr Tod ift
,Gottes Recht, ja fogar ordinäres Menfchenrecht' (S. 246).

Schliefsen wir diefe Mittheilungen mit der weniger
unebenen Bemerkung, dafs aus den Büchern Samuelis,
die verliehen mufs, wer Politik verliehen will (S. 95),
für die weltliche Erbmonarchie weder Beftätigung noch
Verwerfung abzuleiten ift (S. 112); letztere nicht trotz
Samuels weltberühmter Rede, weil die Monarchie fchon
im Deuteronomium vorgefehen war (S. 110); erftere nicht,
weil es fich, wie.gerade aus jener Rede erhellt, überhaupt
nur um eine echt orientalifche Inftitution handelt
und das Königthum nur als das geringere Uebel
erfcheint (S. 41); jedenfalls ift keinem weltlichen Herrfcherthron
Ewigkeit verheifsen (S. 167) Die Kirche aber,
die fich zum Werkzeug einer dynaftifchen Politik herab-
giebt, macht den Staat dadurch nicht ftärker und zer-
ftört zugleich fich felbft (S. 105).

Laffen wir damit den Politiker Vilmar! Als perfönlich
charakteriftifch möchten wir noch befonders feine originellen
Bemerkungen über Mann und Weib fS. 135.2161), infonderheit
aber überDavid's Verhältnifs zu Michal, Achinoam
und Abigail (S. 146 f. 165 f.), dazu auch gelegentlich
der Vielweiberei Salomo's die ausführlich und feltfam
motivirte Behauptung, die Männer der Weltcultur feien
Pantoffelhelden von Haus aus, hervorheben. Der Gelehrte
endlich tritt in vorliegendem Bande mehr in in-
tereffanten fprachlichen Bemerkungen zu Luther's Ueber-
fetzung (S. 91. 99. 137. 161 f. 206. 272. 279. 281), als
auf fpeciell theologifchem Gebiete hervor; man müfste
es denn als Symptom von Erudition betrachten, dafs
nach S. 15 Jofua felbft an feinem Buch gefchrieben und
dasfelbe nach S. 25 fchon vor Saul, das Richterbuch
aber nach S. 44 fchon vor David abgefchloffen war und