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Ausgabe:

1882 Nr. 19

Spalte:

441-442

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wünsche, August

Titel/Untertitel:

Bibliotheca Rabbinica. Eine Sammlung alter Midraschim, zum ersten Male ins Deutsche übertragen. 9. - 16. Lfg 1882

Rezensent:

Strack, Hermann L.

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 19.

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Confequenzen den Mafsftab für die Beurtheilung der
Handlungen zu entnehmen und das Urtheil fo wenig als
möglich auf die Motive der handelnden Perfönlichkeiten
zu richten. Caefar's bekanntes verrätherifches Verhalten
gegen die Ufipeter wird nicht verurtheilt, fondern dies
den .Ideen der alten Volksreligionen' überladen; es wird nur
,eingeftanden, dafs die Handlung Caefar's die böfeften
Nachwirkungen herbeigeführt hat'. In der Ermordung
Caefar's Qeht Ranke nur ,den objectiven Conflict der
grofsen Intereffen. Der republikanifche Gedanke, der in
der Gefchichte der vergangenen Zeiten wurzelte, erhob
fich gegen den monarchifchen, der eben in feiner Bildung
begriffen war und den Anforderungen der Gegenwart
entfprach'.

Die culturgefchichtlichen Betrachtungen des zweiten
Bandes fchildern einerfeits (im Schlufscapitel) die Aufnahme
und Verarbeitung der hellenifchen Cultur durch
die Römer, andererfeits (im fechften Capitel der zweiten
Abtheilung) die Behauptung und Fortbildung des jüdi-
fchen Monotheismus. Ranke greift darauf zurück, dafs
durch Alexander der Polytheismus im Gegenfatz gegen
den Dienft des Ormuzd die Weltherrfchaft errang und
durch Verfchmelzung aller localen Dienfte eine einheitliche
Macht darfteilte; das Judenthum fuchte er als haupt-
fächlichften Feind gewaltfam zu unterdrücken. Die inneren
Umbildungen, welche die Jehovahreligion erlitt,
werden angedeutet; der Kampf auf Leben und Tod gegen
die Angriffe der fyrifchen Seleuciden, der endliche
Sieg, die Verbürgung der Sicherheit durch römifche Toleranz
ausführlich erzählt. Wie nun inmitten des fo ge-
fchilderten Judenthums die chriffliche Religion fich erhob
und ausbildete, dies dürfte vielleicht den intereffanteften
Theil des dritten Bandes bilden, deffen Erfcheinen am
Schluffe diefes Jahres zuverfichtlich zu erwarten ift.

Dorpat. O. Harnack.

Wünsche, Lic. Dr. Aug., Bibliotheca Rabbinica. Eine Sammlung
alter Midrafchim, zum crften Male ins Deutfche
übertragen. 9—16. Lieferung. Leipzig 188182, O.
Schulze. (X, 102; VIII, 155; 192; XI, 176 u. 96 S.
gr. 8.) ä M. 2. —

Die acht neuen Lieferungen der von uns fchon zweimal
angezeigten Bibliotheca Rabbinica (f. Jahrg. 1881,
Sp. 75. 275) bringen den Midrafch zum Buche Efther
(Lief. 9), den zu den Klagliedern (Lief. 13. 14), den
Schlufs von Berefchith Rabba (Lief. 10. 11) und den
Anfang von Schemoth Rabba (12. 15) fowie von Deba-
rim Rabba (16). Es fehlt fomit zum Abfchlufs der Sammlung
in dem anfangs geplanten Umfange nur noch der
Midrafch zu Ruth, Levit., Numeri, Proverbien und Bb.
Samuelis. Neben vielem Aberwitz und manchem Schmutz
finden wir in der midrafchifchtn Literatur auch nicht
wenige Perlen, und es kann aus ihr für Culturgefchichte,
Religionsgefchichte, Archäologie, Bibelexegefe und
Sprachwiffenfchaft mannigfaltiger Nutzen gezogen werden
. Solche Ausbeutung des Inhalts wird aber dadurch
fehr erfchwert, dafs alle Ausgaben den Grundtext unvo-
califirt und ohne Interpunktion bieten, und dafs wir noch
immer kein vollftändiges Wörterbuch zu den Midrafchim
befitzen (die höchft dankenswerthe Arbeit J. Levy's reicht
noch nicht einmal bis zum Schluffe des Buchftaben Nun).
Man mufs fich daher freuen, dafs die von dem zu fol-
cher Arbeit wohl befähigten Hrn. Dr. Wünfche im Jahre
1880 begonnene Veröffentlichung einer deutfehen Ueber-
fetzung Dank der Opferfreudigkeit des Hrn. Verlegers
rüftig fortgeführt worden ift. In Folge zu fchnellen
Arbeitens ift die Ueberfetzung allerdings keineswegs fo
correct, wie fie hätte fein können; indefs wird der Nutzen,
welchen fie dem Gelehrten gewähren kann, dadurch nicht
allzu fehr gefchmälert: Denn erftens haben J. Fürft, D.
O. Strafchun und Andere am Schluffe der einzelnen

Midrafche die grofse Mehrzahl der Fehler berichtigt,
und zweitens erfordert fowohl die wegen des fonft zu
grofsen Umfanges der Bibliotheca Rabb. für nothwendig
erachtete Abkürzung der Bibelcitate als auch die eine
für fich ganz verftändliche Ueberfetzung faft unmöglich
machende Art der midrafchifchen Exegefe, dafs man das
Original bei der Hand habe und vergleiche. Demnach
können wir die Arbeit des Herrn Dr. W. Denen , welche
die Midrafchim im Original lefen wollen, als ein nützliches
Hilfsmittel zur Erleichterung des Verftändnifses
beftens empfehlen. Sollte der Hr. Verleger durch ihm
wohl zu gönnenden äufseren Erfolg des koftfpieligen
Unternehmens oder durch eine materielle Unterftützung
zur Herausgabe einer zweiten Serie Muth bekommen, fo
würden wir rathen, befonders an Mekhiltha, Sifra, Sifre
und die nach Rab Kahana genannte Pefsiqtha zu denken.
— Die ,Noten und Verbefferungen' von Furft und Strafchun
zum Midrafch Berefchith Rabba füllen nicht weniger
als 68, die zur haggadifchen Auslegung der Klaglieder
nicht weniger als 18 enggedruckte Seiten. Da es
nun für die Benutzer der Bibliotheca Rabbinica doch
fehr mühfam ift, felbft alle diefe nützlichen Bemerkungen
an richtiger Stelle einzutragen oder auch nur alle erforderlichen
Verweifungen auf den Schlufs des Buches
beizufchreiben, fo fprechen wir von neuem den Wunfeh
aus, dafs wenigftens dem regelmäfsigen Mitarbeiter, Hrn.
Dr. Fürft, Gelegenheit geboten werde, feine Berichtigungen
und Zufätze gleich da anzubringen, wohin fie gehören
.

Berlin. Herrn. L. Strack.

Lemme, Prof. Lic. Ludw., Das echte Ermahnungsschreiben
des Apostels Paulus an Timotheus. Ein Beitrag zur Löf-
ung des Problems der Paftoralbriefe. Breslau 1882,
Köhler. (88 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Dem Capitel über .relative Echtheit' in meinem
Buche über ,die Paftoralbriefe' (S. 119 f.) würde ich nunmehr
beizufügen haben, dafs auch der oben genannte
Verfaffer, z. Z. aufserordentlicher Profeffor der Theologie
in Breslau, die beiden kürzeren unter den drei
Briefen für echten Paulusbriefen aufgepfropfte Stücke
hält. Im zweiten Timotheusbriefe infonderheit foll
2» 11—4» 5 den unpaulinifchen Einfchub darfteilen, während
was vorhergeht allerdings theilweife interpolirtes,
was folgt aber, befonders von 4, 9 ab, völlig intact gebliebenes
paulinifches Eigenthum darfteilt. Der Brief ift
zu dem Zwecke gefchrieben, den Timotheus, welcher
als in Kleinalien befchäftigt fich der gefährlichen Situation
in Rom fern zu halten beftrebt, überhaupt an dem
Apoftel irre und zugleich leidensfeheu, liebesarm und
glaubensfehwach geworden war, zu Paulus nach Rom zu
berufen. Daher der wiederholte Hinweis auf des Apo-
ftels befchämendes Vorbild in Bezug auf Glaubensmuth
und Todesheroismus — in welchem Gedanken die beiden
, durch die Flinfchaltung auseinander geriffenen, Stellen
ja zwanglos fich begegnen (S. 71).

Aber fo gerne man auch zugeben mag, dafs auf
folche Weife gerade die Theile des Briefes, welche am

; meiften perfönlichen Charakter tragen und dafür den
identifchen Charakter aller Paftoralbriefe vermiffen laffen,
Rettung aus dem kritifchen Schiffbruch finden, fo wird

. doch in Stellen wie 1, 3—5. 2, 3—7 die Beziehung auf

j eine Situation wie die gefchilderte nur in gezwungenfter
Weife eingetragen. Nirgends findet fich eine Spur davon
, dafs der Briefempfänger der Einladung 4, 9 paffi-

I ven Widerftand geleiftet habe; und den von Eylau,
Hofmann und Spitta an die Hand gegebenen Gedanken
, aus i, 5—8 auf feine Feigheit zu fchliefsen, möchte

I man faft malitiös nennen. Am meiften Gewicht legt
unfer Verfaffer wie alle feine Vorgänger natürlich auf die
Stelle 4, 9—21 mit ihren Namen, individuellen Bezieh-

1 ungen, Erinnerungen u. f. f. Dafs er aber die in meinem