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Ausgabe:

1882

Spalte:

433-441

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ranke, Leop. v.

Titel/Untertitel:

Weltgeschichte. I. u. II. Thl. à 2 Abthlgn 1882

Rezensent:

Harnack, Otto

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 19. 23. September 1882. 7. Jahrgang.

Ranke, L. v., Weltgeschichte, I. u. II. Theil

(O. Harnack).
Wünfche, Bibliotheca Rabbinica, 9—16. Lief.

(H. Strack).

Lemme, Das echte Ermahnungsfehreiben des
Apoftels Paulus an Timotheus (Holtzmann).

Theodori Mops, in ep. Pauli commentarii,
edid. Swete, Vol. II (Schürer).

Zitzlaff, Luther auf der Koburg (Kolde).
Dal ton, Johannes a Lasco (Wächtler).
Nachrichten von der. vereinigten deutfehen ev.-lu-

therifchen Gemeinen in Nordamerika (Wurm).
H. Melchior Mühlenberg, Selbftbiographie, hrsg.

v. Germann (Wurm).
Kalkar, Gefchichte d. chriftl. Miffion 2. Th.

("Wurm).

Bauernfeind, Miffionsftunden (Wurmb

Gundert, Herrmann Mögling (Wurm).

aus, Leben und Wirken des G. Müller in
Briftol (Lindenberg).

Treblin, Die Pfalmen in alten u. neuen Liedern
(Lindenberg).

Ranke, Leop. v., Weltgeschichte. I. u. II.Thl. ä 2Abthlgn.
Leipzig, Duncker & Humblot. (gr. 8.) M. 38. —;
geb. M. 44. —

Inhalt: L Die ältefte hiftorifche Völkergruppe und die Griechen.

2. Aufl. (VIII, 375 u. IV, 300 S.) 1881. M. 18. —; geb.

M. 21. —. — IL Die römifche Republik und ihre Weltherrfchaft.

I.n. 2. Aufl. (VI, 413 u. IV, 416 S.) 1882. M. 20.—; geb.M.23. —
Ranke's Weltgefchichte ift eine einzigartige Erfchein-
ung innerhalb der hiftorifchen Literatur Deutfchlands.
Seit Begründung der neueren Gefchichtswiffenfchaft ift
es das erfte Mal, dafs das deutfehe Volk mit einer Ge-
fammtdarftellung der Gefchichte aus der Feder eines

Verhältnifse er darzuftellen hat, um fo fchärfer und deutlicher
werden die Striche, mit denen er zeichnet. Moderne
Benennungen alterthümlicher Inftitutionen und Gebräuche
find meift vermieden; Parallelen aber zwifchen
alten und neuen Ereignifsen fehr häufig gezogen.

Was eine Weltgefchichte leiden foll, legt Ranke's
Vorrede in claffifcher Weife dar. Erft mit den älteften
fchriftlichen Aufzeichnungen beginnt die Epoche, mit
welcher die hiftorifche Wiffenfchaft fich befchäftigen
kann. Das Geheimnifs der Urwelt, das Verhältnifs der
Menfchen zu Gott und der Natur, bietet Probleme,
welche man der ,Naturwiffenfchaft und zugleich der re-

Hiftorikers befchenkt wird, dem unbeftritten die erfte ligiöfen Auffaffung anheimgeben' mufs. Irrig ift es, Pastelle
unter den Meiftern der zeitgenöffifchen Gefchichts- ; turwiffenfehaft und Religion im Gegenfatz gegen ein-
forfchung zuerkannt wird. Welche Förderung fich aus ander zu denken' (p. 30). Nur mit Vorficht darf die
diefem Unternehmen für die hiftorifche Wiffenfchaft im Weltgefchichte fich ferner an die Darfteilung jener Ereig-
weiteften Umfange künftig ergeben wird, läfst fich noch ! nifse und Zuftände wagen, welche uns nur durch die frag-
nicht überfehen; zunächft überwiegt noch das Intereffe | mentarifchen Nachrichten erzählender Infchriften über-
und die Freude, die fo vielverzweigte und weitausge- liefert find und augenblicklich mehr noch der linguifti-
breitete Forfcherarbeit eines ganzen Lebens in diefer j fchen als hiftorifchen Forfchung unterliegen. Nur die
unvergänglichen Leiftung zufammengefafst und die in evidenten Refultate diefer Forfchung hat fie fich zu eigen
früheren Werken fo reich verftreuten Hinweife auf die zu machen. Demnach find die Refultate der neueren
univerfelle Betrachtungsweife des Verf.'s hier zur Einheit I Aegyptologie in fehr geringem Umfange aufgenommen,
geordnet und mit grofsartiger Darftellungskraft in um- j die chronologifchen Berechnungen von Lepfius u. a. gänz

faffenden Bildern anfehaulich durchgeführt zu finden.
Gefteigertes Intereffe noch werden in diefer Hinficht die
folgendenBände hervorrufen, welche die frühervonRanke
fpeciell behandelten Epochen darftellen werden; den
vorliegenden Bänden dagegen verleiht einen eigenartigen
Reiz die erftmalige Anwendung der Ranke'fchen Dar-
ftellungsweife auf die Stoffe der alten und älteften Gefchichte
. Die Aufgabe ift hier von denen, die Ranke
fich früher geftellt, fo wefentlich verfchieden, dafs in

lieh unberückfichtigt gelaffen; augenfeheinlich verweilt
Ranke mit gröfserem Vertrauen bei den Nachrichten
Herodot's. Noch mehr ift dies in der affyrifchen Gefchichte
zu bemerken (die ältere babylonifche wird gänzlich
übergangen; die erhaltenen Infchriften nicht erwähnt
), wo zwar Namensformen und mancherlei Einzelheiten
den Infchriften entnommen find, Rahmen und
Richtfchnur der ganzen Erzählung aber dennoch die
hebräifchen Berichte bilden, welchen mit Entfchiedenheit

ihrer Löfung ganz neue Seiten feiner Individualität zu j ein höherer Werth beigelegt wird. Die Aufgabe der wei-
Tage treten. Nur in feltenen Fällen ift hier Raum für teren Darftellung befchränkt Ranke alsdann auf die-
jene durchdringend fcharffinnige Entwirrung und fein ; jenigen Völker, welche an dem ,Gange der grofsen Beausgearbeitete
Darlegung des verfchlungenen diplomati- j gebenheiten, welcher alle Völker verbindet und be-
fchen Getriebes; einfachere Verhältnifse werden vorge- ; herrfcht', thätigen Antheil genommen haben. Ifolirte
führt; grofse Maffen, durch nationale oder religiöfe ! nationale Gemeinfchaften, felbft wenn fie eine hohe
Bande feft zufammengehalten, wirken wie Naturkräfte 1 Stufe der Cultur erreicht haben, bleiben ausgefchloffen.
auf einander. Aber gerade hier entfaltet Ranke die Der Schauplatz der Weltgefchichte wird dadurch auf
höchfte Meifterfchaft. Ein durch feine Einfachheit feier- Europa, Vorderafien und Nordafrika befchränkt. In zwei
lieh wirkender Ton durchzieht das Ganze; in der Dar- Hauptthätigkeiten vollzieht fich nun auf diefem Boden die
ftellung der älteften Epochen, des Urfprungs der politi- welthiftorifche Bewegung: einerfeits in der beftändigen
fchen und religiöfen Gebilde, erhebt er fich zum Ehr- j Machtäufserung der einzelnen Nationen und dem daraus
furcht Erweckenden, faft Myfteriöfen. Ranke verfetzt folgenden Entftehen und Vergehen der politifchenGebilde,
fich gleichfam in die Seele jener älteften Völker und er- J andererfeits in dem ftetigen Fortfehritte der materiellen
zählt ihre Sagen mit demfelben heiligen Schauer, den j und geiftigen Cultur, befonders aber der religiöfen Anne
felbft vor ihnen empfanden. Allmählich führt er uns j fchauungen. Diefen beiden Bewegungen gleichmäfsig
weiter, oft unmerklich die Grenze zwifchen Sage und gerecht zu werden, ihre Verflechtung, gegenfeitige Hem-
Gefchichte überfchreitend, und je klarere und feftere 1 mung oder Förderung einheitlich darzuftellen, ift die Auf-

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